III, 464 – It’s a Boo –

Dies viele viele Grün„.
Von außen gesehen, sah’s komisch aus: innen ein Pfeil nach links mit der Aufschrift “Entrata”, ein Pfeil nach rechts mit der Aufschrift “Uscita”. Draußen am Eingang: “Nur nach Voranmeldung” mit entsprechender Telefonnummer. Ich wollte schon wieder gehen, da niemand sonst zu sehen, mit dem ich einen Termin hätte vereinbaren können. Doch dann sah ich Antonio kommen, der mir normalerweise die Haare schneidet. Und das machte er dann prompt ohne Voranmeldung. Wie aus dem Ei gepellt. Ich. Dann und jetze.
Verschiedene Verhaltensweisen der Friseure. Antonio nur mit Gesichtsmaske. Fummelte auch dauernd an meiner Maske herum, um um die Ohren herum besser schneiden und rasieren zu können. Der Kollege zusätzlich mit einem Plastikvisier vor dem Gesicht.
Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen in jener wetterinstabilen Zeit (a week ago). Einen Schirm hatte ich nicht, ließ mich also ein wenig beregnen. So weit war’s nicht zum Auto. Dann zum apothekennahen Parkplatz. Und nach wie vor ein paar Tropfen, aber dann beruhigte es sich.
Kaum war das Auto wieder in Gang gesetzt, senkte sich das Fenster links von mir, ohne daß ich irgendetwas berührt hätte. Und es ließ sich auch nicht mehr hochfahren. Je nun, es regnete nicht mehr. Aber das Problem stellte sich: wenn das offen bleibt, wo lasse ich, wenn es regnet und überhaupt, mein Auto.
Das war also ziemlich unverzüglich zu lösen, das Problem. Mein Batteriefachmach, bei dem ich auch meine Gasflaschen während der kälteren Jahreszeiten kaufe, hatte zwar keine Lösung, aber einen Rat: fahr zu dem und dem Kfz-Elektriker, den er dann per Handy anrief. Der wußte gleich, was los war. Schaffte es auch, die Scheibe wieder zu schließen, indem er den Zündschlüssel von außen ins Türschloß steckte. Er müsse eben nur das defekte Teil bestellen. Dann vielleicht morgen (d.h. wir befinden uns an einem Donnerstag) oder Montag.
Wahrscheinlich saß ich dann am Wochenende wieder am Schreibtisch, jedenfalls kam Freitag nur der telefonische Bescheid, daß das Teil Montag kommen werde. Und dann,

An jenem Sonntagmorgen,

es kann auch der Nachmittag gewesen sein, als ich bereits meinen Küchentischfeierabend einleitete und der Meditation mit meinem derzeit Lieblingsfeierabendspiel (sag’ ich nich’) nachging, und in die Stille dann eine Taube ständig den montonen Gesang von sich gab, der sich anhörte wie ein Mantra mit dem Wortlaut “ne Lüge, ne Lüge, ne Lüge” (funktioniert aber nur, wenn das “ü” nach unten in die Kehle gezogen wird),

um halb elf überquerten zwei Autos den Bach und fuhren ins Tal. Im ersten saß Art Longwood, ein örtlicher Florist, mit seinen Kindern, und seiner Frau (jetzt Mrs. Deforest). Im folgenden sah ein Ranger Arts Vater, Stiefvater und Schwiegervater. Die drei alten Männer machten sich auf den Weg zur Höhle. Durch klimperndes Unkraut fuhr Art langsam. Schön war der Morgen, mit hellen Wolken in der Ferne. Kinder und Comics verließen das Auto. Der schweigsame Art, der den ganzen Tag ein Ding anstarren konnte, sah zu, wie ein Käfer auf einen Halm kletterte und davonflog. Pauline hatte Asthma, Paul benutzte eine Krücke. Sie waren süße kleine Racker, konnten aber nicht viel laufen. „Ich wünschte“, sagte die Mutter zum verkrüppelten Paul, „ein Mann würde dir beibringen, wie man den Ball wirft.“ Der schweigsame Art nahm den Ball und warf ihn hoch empor. Er blieb in einem Baum stecken, der gerade vorbeikam.

Wie die Taube mit ihrem “ne Lüge, ne Lüge, ne Lüge”…

Und der ernste grüne Pilger drehte sich um und blieb stehen. Die Kinder warteten, aber es fiel kein Ball herab. „Ich bin in meinem zaghaften Lenz nie auf Bäume geklettert“, dachte Art; und begann sogleich zu klettern. Ab und zu konnte man seinen Ellenbogen oder sein Knie in einem Puzzle aus Blau und Grün sehen. Hoch und höher schwirrte und schimmerte Art Longwood, und die Blätter sagten ja zum fragenden Wind. Was für Tiaras und Gärten! Welche Ströme von Licht! Welch zugänglicher Äther! Welch leichtes Fliegen! Seine Familie kreiste den ganzen Tag um den Baum. Pauline folgerte: „Papa ist davongeklettert.“ Niemand sah, wie die außer sich geratenen himmlischen Scharen den Helden von der Erde aus im Schnee und in den Wolken begrüßten. Mrs. Longwood machte sich ein wenig Sorgen. Er kam niemals herunter. Er kehrte nie zurück. Am Fuße des Baumes fand sie einige Veränderungen. Den Kindern wurde langweilig. Paul wurde von einer Biene gestochen. Die alten Männer kamen vorbei und schauten hinauf, jeder hielt fünf Karten und einen Pappbecher in der Hand. Autos auf der Highway hielten an, fuhren rückwärts und watschelten dann auf einer zerfurchten Straße ins Tal. Und der Baum war plötzlich voller Lärm, Kongressteilnehmer, Fischer, sommersprossige Jungen. Anakondas und Pumas wurden von einigen erwähnt, und es kamen weiterhin alle Arten von Menschen: Baumchirurgen, Detektive, die Feuerwehr.

„They sought it with thimbles, they sought it with care; They persued it with forks and hope; They threatened its life with a railway-share; They charmed it with smiles and soap.” (Lewis Carroll: The Hunting of the Snark).

Ein Krankenwagen parkte im tanzenden Schatten. Ein betrunkener Schurke mit einem Seil und einem Gewehr traf am Tatort ein, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Forscher, Dendrologen – alle waren da; und ein seltsames blasses Mädchen mit Zigeunerhaaren. Und von Cape Fear bis Cape Flattery hatte jede Zeitung: Mann in Baum vermisst. Und die himmelwärts strebende Eiche (wo Eulen hockten und der Mond Gold tröpfelte) wurde gefällt und durchsucht. Sie entdeckten einige Raupen, eine rotwangige Galle und ein altes Nest mit einem neu gelegten Ball.

So komm’ ich, frischgeschoren, mir derzeit auch vor. Eher wohl: Egghead-shaped Humpty-Dumpty.

Sie entfernten den Stumpf, stellten Geländer und Schilder auf. In Rosen und Weinranken eingebettete Toiletten. Mrs. Longwood, retuschiert, als die Kinder starben, wurde die Traumbraut eines Fotografen. Und nun besuchen die Deforests, mit nun vier alten Männern, als reguläre Touristen das Tal; Sie essen zu Mittag, schauen auf und nieder, waschen sich die Hände und fahren zurück in die Stadt.

Das als Zitat eingerückte: meine Ad-hoc-Prosaübersetzung von “The Ballad of Longwood Glen” (dem Link folgend, kann man Nabokov diese Ballade lesen hören) by mister Vladimir Nabokov, der sich darüber so äußerte: “I still think it is one of the best I ever wrote.”
Am Montag rief der Kfz-Elektriker wieder an: das Teil sei angekommen. Ich fuhr am Diensttagnachmittag hin. Er brauchte nur fünf Minuten: Vierzig Euro.

Then followed a torrent of laughter and cheers:
Then the ominous words, ‘It’s a Boo -’

(„Hunting of the Snark“) Am Tag danach übersetzte ich Nabokov. Immerhin eine aufregende Woche.
Und gerade jetzt: flattering S. in the Bioladen: Stai proprio bene con i capelli corti!

III, 463 – Schattenprozession

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One Response to III, 464 – It’s a Boo –

  1. Avatar Marion Koepf says:

    Danke für „The Ballad of Longwood Glen“. Von Nabokov gelesen sehr nett. Besonders natürlich doch auf Englisch. Erinnert ein bisschen an Limericks. There was a young lady in Riga, who smiled when she rode on a Tiger. They came back from the ride with the lady inside, and the smile on the face of the tiger.

    Saluti

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