Weshalb Die Dschungel derzeiten so schweigt
Das (Nach)Krebstagebuch des Mittwochs, den 2. September 2020:
Ungracefull degradation (1)

 

[Gracefull degradation („würdevolle Verschlechterung“)[1] wird eine
auf Stabilität und Sicherheit gerichtete Reaktion eines (Computer-)Systems
auf Fehler, unerwartete Ereignisse oder Teilausfälle des Systems genannt,
bei der das (Computer-)System den Betrieb so weit als möglich aufrechterhält.
Ein Fehler in einem Teilsystem reduziert die Funktionalität des Gesamtsystems
nur stufenweise,[2] etwa durch eine geringere Qualität oder weniger Funktionen.
Gracefull degradation findet man in biologischen wie in künstlichen informa-
tionsverarbeitenden Systemen (künstliche Intelligenz).]

 

[Arbeitswohnung, 8.54 Uhr. 69,7 kg.
France musique contemporaine:
Wolfgang Rihm, Akt und Tag]

Aus einer gestern geschriebenen Email:

War mir klar, lieber Herr M. Ich habe → das Zeug auch nur eingestellt, damit DIE DSCHUNGEL mal wieder etwas erzählen. Nämlich bin ich derzeit wegen der Ernährungsumstellung nach dem komplett herausgenommenen Magen, also wegen der Verdauungsprobleme extrem genervt und deshalb ziemlich uninspiriert und sogar arbeitsgehemmt. Was ich beachten muß, ist alles ziemlich kleinbürgerlich, also elend: vor jeder Mahlzeit (immerhin acht bis zehn kleine täglich) einen Dreisatz ausrechnen, wieviel Fett im Essen, wieviel Enzyme also dazu einzunehmen usw. – „überfordert“ mich nicht, aber (zer)stört mein Temperament, geht gegen alles, wie ich leben will. Es heißt zwar, nach einem Viertel- bis Halbjahr renke es sich ein, aber für mich und meine Schnelligkeit ist das entsetzlich öde. Ich werde grantig, auch ungerecht usw…. und poetisieren kann ich es schon gar nicht – völlig anders, als ich mit dem Krebs, der Chemo, der OP konnte. Jetzt ist gar kein Gegner mehr da, sondern es gibt nur noch dieses Kleinbürgerlich-Ängstliche, auf was ich achten soll, aber nicht will, nicht will, nicht will. Es ist wie eine Blasphemie meinem eigenen Lebensglauben gegenüber, meiner eigenen Lebensfreude.
So war ich froh, irgendwas zu haben, das ich einstellen konnte, damit nicht über dieses Elend auch noch DIE DSCHUNGEL kaputtgeht. Auch → die Béartgedichte bleiben grad komplett liegen, ebenso alle anderen Projekte. Dabei muß ich aufpassen und zugestehen, daß die große OP ja noch nicht mal drei Wochen zurückliegt und ich längst schon wieder rumlaufe, rausgehe usw. Wie gesagt, dieses permanente Kleinzeug macht mich ungerecht.  Mit Schmerzen komme ich gut klar, aber kleinklein zersägt mich.

.
Wobei ich es immerhin „geschafft“ habe, das Lektorat der BÉARTs näherrücken zu lassen, indem ich den Flug nach Wien gebucht habe; wenn nichts mehr dazwischen kommt, werde ich vom 21. dieses neuen Monats bis zum 4. Oktober, abends, dort sein. Da wird es vielleicht auch die Zeit und noch „vielleichter“ auch die Lust in mir geben, das mit → Ramirer „angedachte“ Projekt zu beginnen.

Es war aber, Freundin, tatsächlich so – und ist’s imgrunde immer noch –, daß mir die Arbeitslust gänzlich fehlte, als könnte ich nicht nur Nahrung (noch) nicht richtig verdauen, da vor allem die Fette, sondern als griffe das organisch-physiologische Hindernis auf die Verstoffwechselung meiner Ideen ganz genau so über — ein Umstand, der mich zunehmend verzweifeln ließ, jedenfalls machte er mich stetig unwirscher,ungnädiger und, wie ich Herrn M oben schrieb, ungerechter.
Dabei hatte ich es mehrmals versucht, DER DSCHUNGEL einen neuen Beitrag zu schreiben, jeden aber wieder abgebrochen, und zwar aus einer derart aufschießenden Unlust, daß sie an Ekel grenzte. Dennoch, einem Rat Phyllis Kiehls folgend, hier die Fragmente:

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15. August 2020
Sanaqaba 2 ODER Liligeiä Himmelfahrt. Geschrieben von Ferragosto 2020 bis in den Tag danach.

 

 

Wie ein kleines Tier, hörte ich, habe sie sich gewehrt und selbst noch an der Bauchspeicheldrüse mit aller verbliebenen Kraft festgekrallt, um, nachdem die Speiseröhre aufgegeben werden mußte, aus ihrer Heimat nicht gänzlich herausgerissen zu werden und jenes Biotopes verlustig zu gehen, außerhalb dessen ihrer Art kein Leben weiter möglich. Die Operateure waren dabei so kunstfertig, mich nicht mit hinauf-, bzw. hinabreißen zu lassen, was doch leise zu befürchten stand., so daß aus der Ent- einer endgültige Vereinigung geworden wäre. Sie waren, diese Ärzte, Künstlerinnen und Künstler ihres Fachs, die gleichwohl, da das → Allfleisch mit dem Magen so ungewöhnlich verklebt, einen kleinen Teil der großen Drüse mitextrahierten, ebenso wie die gesamte Gallenblase, auf die der Magenschleimhaut Entzündung ziemlich ungut übergesprungen, sowie dreißig, des unteren Magens, Lymphknoten. So blieb nach der erfolgreichen und, hieße es nachher, komplektionsfreien Operation dennoch eine Restunsicherheit, zu deren Klärung meine herausgeschnittenen Organe, bzw. Organteile noch am selben Tag ins Labor zur histologischen Untersuchung geschickt wurden – ans östliche Ende der Aqabastadt. Dies alles bei, was im Herzen unsrer Wüsten nicht verwundert, 36 Grad im Schatten, die ich in meinem Krankenzimmer – dem nach der Intensivstation nunmehr dritten – auch nicht antasten wollte. Dabei wurde ich dauernd von den Schwestern („Schwesterinnen“?) gefragt, ob sie mir nicht besser die Jalousien herunterlassen sollten ..? – Jedes Mal protestierte ich, nicht zuletzt, weil mir ein wenig war, als wäre ich auf Sizilien geblieben, wohin es mich bereits wieder zieht — nicht zuletzt, um eine poetische Formklammer um die Geschehen zu legen, bevor ich mich, möglicherweise, auf die Rückreise durch die Nefud begeben werde: begeben muß, wahrscheinlich, auch wenn ich’s derzeit scheue, weil weder die breite Bauchwunde schon verheilt noch gar die Darmtätigkeit wieder in Ordnung ist. Vor einer postoperativen Chemo hätte ich das gerne erledigt gewußt, anstelle den Körper nun noch einmal derart hart zu attackieren. Am Montag habe ich eine Besprechung mit Doktor Faisal; da werde ich denn, hoff ich, weitersehen. In jedem Fall bin ich vorübergehend, vor neuem Aufbruch durch die Nefud, zurück in meiner Arbeitswohnung.

[16. August, 11.52 Uhr
Biber, → Batallia, Currentzis

*

Sonnabend, 22. August 2020
Kleinteiligkeiten, Krebstagebuch. Mit einer Distanzierung: zu Friedrich Anderswelt.

Ungracefull degradation: – eine Formulierung (gramm. Terminus),
deren Legitimität sich allein aus dem Umstand herleiten läßt, daß
es eine Degradierung – an sich ein gnadenloser Vorgang – von
gnädigem Charakter gebe: „ZITAT DEF“. Hier nun wird bemerkt,
wie ungnädig sich dieser gnadenreiche Vorgang gerieren kann,
– je nachdem vielleicht, wen es trifft.

[Arbeitswohnung, 7.27 Uhr.
69,9 kg.
France musique contemporaine:
Iskra 1903, >>>> Impr. 1520]

Die, sozusagen, Nachsorge ist fast mühsamer als die Durchwanderung der Nefud war; es fehlen vor allem die Erhebungen, unvermuteten Begeisterungen und: mich selbst zu spüren, indem ich überwinde. Will sagen, der Abenteuercharakter, das, woran sich Ich beweisen läßt, hat spürbar abgenommen. Statt dessen Lästigkeiten, deren Permanenz zermürbt: Etwa, daß ich lange und sorgfältig kauen soll, die Speisen mit Speichel schon vorzersetzen, was der Magen, weil er fehlt, nicht mehr kann. Und prompt entwickle ich eine Speichelstein in der Ohrspeicheldrüse, die beim Kauen dann anschwillt und anschwillt und jeden Bissen schmerzhaft werden läßt. – Lauter „so Zeug“. (Wobei ich schon dreimal solche Speichelsteine hatte, stets rechts; zweimal gingen sie von selbst ab, einmal mußte solch ein Ding zertrümmert werden; seit heute früh fühlt es sich an, als hätte ich nach drei schwierigen Tagen nun doch noch Glück …)
Dazu, das wird jetzt deutlich, habe ich eine Lactose-Unverträglichkeit entwickelt – ein nach Gastrektomien nicht seltenes Begleitsymptom, das aber erklärt, weshalb ich die Astronautennahrung nicht mehr vertrage oder nur sehr schlecht, so daß ich wegen der zunehmenden Gewichtsabnahme nicht mehr so beruhigt darauf zurückgreifen kann wie vor der OP. Umstellung jetzt also auf lactosefreie Milch, besonders auch morgens für den Latte macchiato. Und siehe da, die Blähungsneigung geht deutlich zurück, was schlichtweg weniger Schmerzen bedeutet. Statt dessen die permanente Juckerei der Wundheilung. Eine Wundschwester (ich wußte nicht mal, daß es so etwas gibt) kommt nun einmal die Woche vorbei, um die sich bildende Narbe zu versorgen. Zwei Stellen sind noch offen, auch leicht entzündet. Auf die Infektion hat sie mit → Silberauflage reagiert, die aber nun leider erst recht solch einen Juckreiz auslöst, daß ich sie heute um halb drei auf beiden Seiten wieder runtergerissen habe: es wär sonst an Schlaf weiterhin nicht mehr zu denken gewesen. Also Betaisodona drauf, Kompresse drüber — half. Bis sieben dann geschlafen.

Tatsächlich geht es um Zermürbungsprozesse; mein Problem sind nicht klare, deutliche Gegnerschaften, sondern diese schleichende Dauerbeeinträchtigung, die es an sich nicht wert ist, überhaupt genannt zu werden, aber gerade deren Banalität mich auszuhöhlen versucht, mir vor alle auch die Konzentration nimmt, weil sie mich völlig unversehens und unangemessen erschöpft. Deshalb schreibe ich derzeit auch nur wenig – insgesamt, nicht nur in Der Dschungel. Diese mich dauernd beeinträchtigenden, ich schreibe einmal, Kleinteiligkeiten lassen sich eben auch nicht umformen; es läßt sich, anders als es bei → Liligeia war, kein poetischer Raum aus ihnen schlagen; sondern die Liebesbeziehung geht daran kaputt, nicht daß ich weniger liebte, sondern nachts schnarche, so daß die Geliebte nicht in den Schlaf findet, und sie ihrerseits läßt dauernd die Zahnpastatube offen zurück, und ihr Haar verstopft immer wieder den Abfluß, oder sie hat die Eigenart, abgepulten Nagellack im Aschenbecher zu lassen, während wiederum ich einfach nicht sehr, daß im Bad mal aufgewischt werden müßte. Und und und. Dieses Zeugs halt, an dem viel mehr Lieben zugrunde gingen, als daran, daß er oder sie mal „untreu“ waren oder den Partner, die Partnerin auf andere Weise schwer „betrogen“. Große Probleme lassen sich mit enormem Gewinn bewältigen, nicht so die Summierung der kleinen. Diese sind schlichtweg kunstresistent, kunstfeindlich überdies. Also. Ich muß die Komik darin finden.

Immerhin kann ich lesen, gut und viel lesen. Das bringt mich beim Friedrich voran. Wobei, je mehr ich da erfahre, umso – mich wirklich überraschenderweise – distanzierter werde ich gegen diesen Kaiser; die starke Identifikation, die mich jahre-, ja jahrzehntelang antrieb, bröckelt, und zwar besonders während der → Kantorovicz-Lektüre, vielleicht weil mir der Autor die Identifikation „wegnimmt“, mehr aber wohl, weil Friedrich, der, so Nietzsche, „erste Europäer“ Positionen vertrat, die den meinen komplett zuwiderlaufen: etwa das harte hierarchische System und den, auch wenn er das Papsttum bekämpfte, grundlegenden Monotheismus, den wiederum ich, der „späte“ Europäer, für die schlimmsten Unheile unserer Zeit verantwortlich mache: ja, auch für den Hitlerfaschismus. Unterdessen frage ich mich, wie ich, der gleichsam von Natur Rebell, von Friedrich so begeistert sein konnte. Wobei, klar, er war ein Genie (ich halte an diesem Begriff entschieden fest), aber eben auch ein brutaler Machthaber, der alles zu zertreten versuchte, was neben ihm auf Selbständigkeit drang, und die Geschichte, er habe Jerusalem beim Schachspiel eingenommen, stimmt so eben auch nicht. Was mich aber am meisten zurückschrecken läßt, ist, daß Kantorovicz die üblen Seiten Friedrichs nicht nur politisch entschuldigt, nein, er heroisiert sie auch noch.
Nahe hingegen bleibt er mir etwa in Hinsicht darauf:

das einzige geschichtliche Beispiel für einen Weltmonarchen nicht der Ausdehnung, sondern der Intensität (Hervorh.v.mir).
Kantorovicz, S. 406

Und selbstverständlich in dem Bewußtsein, daß ein Vereintes Europa ohne Nahost nicht einmal denkbar ist. Wie zu Friedrichs Zeiten das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen ist auch das moderne Vereinte Europa aus dem Raum des Mittelmeeres herauszuformen; hier ballen sich die Zusammenhänge, hier liegen die Wurzeln. In allererster Linie ist Europa ein Raum ineinander verwachsener Kulturen (und, ecco, Sprachen). Vergessen wir nie, daß die Schriften der griechischen Philosophen über die arabische Welt auf uns überkommen sind, daß dort auch die Reichtümer der frühen Medizin, Mathematik usw. lagen, selbst der Seefahrt (etwa der Kompaß, der dem christlichen Mittelalter noch als Teufelswerkzeug galt).

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Dazu noch einige kleinere Versuch, wieder zu sprechen. Selbst diesen Text hier fing ich schon gestern früh an, brach dann auch ihn ab, doch diesmal nicht aus Unlust, sondern schlichtweg ärztinterminhalber, und später kamen Treffen zum einen zu Mittag mit लक्ष्मी, zum zweiten, gleich nach der Siesta, Uwe Schütte, der allerdings sehr gute Nachrichten brachte. Über die möchte ich allerdings noch schweigen.

Es bleibt mein immer wieder Unwirsches, das mich selbst bei Freundinnen und Freunden derzeit schnell die Geduld verlieren läßt, weil ich ständig wie gezwungen bin, über diese lästigen Probleme zu sprechen — jedenfalls, wenn die unselige Frage „Wie geht es dir?“ gestellt wird. Denn es ist wirklich absurd, ja bizarr: Als Ligeia noch bei mir war, ging es mir, gewiß!, nicht gut, besser aber als jetzt, denn ich hatte etwas – jemanden –, gegen den (die) sich’s kämpfen ließ und stemmen, stolz. Hingegen jetzt muß ich, was ich eben als klein erlebe, ständige Regularien der Lebensführung beachten, dauernd in Vorsicht, Maß und Habacht. Tu ich es nicht, werd ich mit dauernden Unappetitlichkeiten bestraft. Daran sind nicht die Schmerzen das schlimmste (ich nehme schon kaum noch Tabletten gegen sie. auch dies schon aus Stolz). Es gibt keine Flucht aus dem eigenen Körper, meinem, der vor der OP ebenso aufsässig war wie ich selbst, der eben ich war, identisch und einig mit mir, während wir jetzt quasi auseinanderfallen, in Geist und Organik gespalten, so daß ich ihn jetzt als etwas Fremdes erleben muß, das mir aufgedrückt wurde und das mich in die Knie zwingt, zwingen jedenfalls will. Lilis Rache, so dacht‘ ich nun schon manchmal.
Doch dann wieder, eben, mach‘ ich mir klar, daß die große OP genau gestern erst drei Wochen zurückliegt, in der ich den kompletten Magen, die Gallenblase, ein Stückchen Speiseröhre und eines der Bauchspeicheldrüse verlor, und daß es doch überhaupt ein Wunder ist, daß es sich ohne dieses alles weiterleben läßt, und eben keines, daß dies einer Umstellung und also einiger Zeit bedarf. Für die bloß meine Geduld nicht ausreicht, ihr Reservoir ist allzu schnell erschöpft — so schnell halt, wie ich bereits am Tag nach der OP wieder auf den eigenen Beinen stand, so daß ich zwei Tage nachher schon wieder herumlief und man mich zurück ins Krankenzimmer scheuchen mußte.

Ich nähme alles übrigens klaglos hin, zumal mir weder die Operation noch vorher die Krebsin in irgendeiner Weise anzusehen sei, ich wirke auf allewelt rundum gesund, übrigens äußerlich auch auf mich selbst (selbst mein versiegter Bartwuchs ist zurück) — wäre nicht eben meine Kreativität schwer beschädigt, käme nicht diese Arbeitsunlust ständig über mich, so daß ich mich — ich, der so geglaubte Macho-Vitalist! — mehrmals täglich hinlegen muß, um Kräfte zu sammeln, und dann meist auch für einige zehn Minuten davondämmere. Daß mir लक्ष्मी erzählte, dort, wo Ligeia gesessen, sitze bei uns Menschen die geistige Schöpfungskraft, macht es nicht besser. Auch wenn ich zu Esoteriken in keiner Weise neige, prägten sich die Worte ein, wovon ich nun wieder spüre, sie bekämen genau deshalb recht und es sei fortan vorbei mit all meiner Dichtung. Das Irrationale daran ist mir bewußt, ja, aber dennoch. Ich komme ja tatsächlich nicht weiter. Und da ich immer aus meiner Arbeit gelebt habe, machen es mir Sätze wie, ich solle mich jetzt einmal liebevoll, nachsichtig und klug um mich selbst kümmern, in keiner Weise leichter. Sie schlug mir sogar Tai-Chi vor. Mir wird von sowas schlecht, es hilft mir nicht. Ich bin in jeder Faser Abendländer und lebe aus dem, was ich schaffe, allein: was ich, mit anderen Worten, hinterlassen werde.
Daraus erhellt sich aber eben auch mein so empfundener Widerwille, weiter in DER DSCHUNGEL zu schreiben: Wenn meine poetische Kraft also erlahmt ist, mit welchem Recht führe ich dann noch ein Literarisches Weblog? Pure Privatheit ist keine Legitimation, jedenfalls nicht für mich. Unsere Zustände, Schwierigkeiten, aber auch Erhebungen und Begeisterungen sind nur dann öffentlich mitteilungswert, wenn sie künstlerisch fruchtbar sind oder in anderer Weise vergesellschaftet werden; ansonsten gehören sie in den privaten Kreis der Familie, Freundinnen und Freunde. Da haben sie Notwendigkeit und Schönheit, aber nicht mehr außerhalb, wo sie lästig werden und peinlich. Sollte ich also zu meiner Kreativität nicht mehr zurückfinden, werde ich schon aus Gründen des Stils DIE DSCHUNGEL nicht mehr weiterführen dürfen. Es wäre dies ein Gebot meiner Moral. Dann nämlich gälte der Satz des → Grafen Godoitis.

Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst ausmachte.

Ihr, liebste Freundin,
ANH

Womit ich meine Zeit also, da ich nicht arbeiten kann, verbringe? Ich lese und gucke Serie, etwa → Borgia, darin der große Satz:

Gott mag einen Menschen vernichten, aber der Mensch mag dennoch recht haben.
Staffel 2,1

Dagegen gehe ich kaum noch spazieren — aus Furcht: Zwar halte ich mein Gewicht mit um die 70 kg ganz gut, doch meine an-die-9-km-Gänge verbrauchten nahezu 700 kCal täglich, von denen ich einfach nicht wußte (noch jetzt weiß), wie ich sie mir wieder drauffuttern soll. Mehr als jetzt kann ich nicht essen, kriege ich einfach nicht runter. Bisweilen scheint sich sogar die untere Speiseröhrenöffnung zu verschließen, weil der direkt angeschlossene Dünndarm nichts mehr reinläßt; ja er drückt sogar Nahrungsbrei wieder zurück, was sehr unangenehm, sogar mit einer verspürten Luftstauung verbunden ist, die warnend ziemlich schmerzt. Dann hilft’s nichts, als im halben Sitzen auszuharren, und zwar mit quasi angehaltenem Atem, bis sich der Zustand wieder aufhebt. Während sich zugleich mein Körper danach sehnt, endlich wieder Sport zu treiben. Doch ich, aus Klugheit, muß es ihm versagen. Derart getrennt also sind wir. Abgesehen davon, daß auch meine erotische Erregbarkeit, der seit je wichtigste Motor meiner Literatur, Eros also, deutlich, allerdeutlichst geschädigt ist, möglicherweise als eine Folge der Chemo; meine  körperlich Zeugungsfähigkeit dürfte sie sowieso zerstört haben — was eben die direkte Störung meiner künstlerischen zumindest mit-, wenn nicht überhaupt verschuldet. Wie ich aus diesem Hebel jemals wieder hinausfinden soll … – ich habe keine Ahnung.

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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10 Antworten zu
Weshalb Die Dschungel derzeiten so schweigt
Das (Nach)Krebstagebuch des Mittwochs, den 2. September 2020:
Ungracefull degradation (1)

  1. Avatar Gaga Nielsen sagt:

    Danke für alle Fragmente.

    Für mein Empfinden lässt sich künstlerische Relevanz nicht thematisch auseinanderdividieren, sondern die Form definiert, ob es sich um eine Frucht mit poetischer Kraft und Anmutung und entsprechendem Fleisch handelt. Eine tiefgreifende Erfahrung kann durchaus mit einer Veränderung der Herangehensweise an das eigene Werk einhergehen. So wie eine neue Liebe eine neue (auch stilistische) Epoche einleiten kann. Bei einigen Malern lässt sich das sehr gut ablesen. Manchmal wird man von sich selbst überrascht und entdeckt bei einem solchen Wandlungsprozess völlig unerwartet ein neues Land, das sich zu entdecken lohnt. (Serendipity). In diesem Sinne wünsche ich mir aus tiefstem Herzen, dass in den Dschungeln neue Lianen wachsen.

    Was die Beeinträchtigung erotischen Empfindens angeht, besteht unbedingt Hoffnung auf vollständige Heilung. Eros ist ein hochsensibles Wesen und zieht sich manchmal nur zur Regeneration zurück, manchmal auch sehr lange, weil er nur auf einem halbwegs stabilen seelischen Fundament tanzen kann. (Das habe ich aus eigener Erfahrung lernen dürfen) Er verabschiedet sich aber erst mit dem vollständigen körperlichen Tod.

  2. Avatar Reni Ina von Stieglitz sagt:

    Lieber ANH,
    Hm–ich stelle mir vor, ich sitze mit einem imaginären Freund beisammen und
    der hat nach einigem Hin und Her – sozusagen nach einem kurzen Geplänkel – und einen Blick auf seine noch frischen Wunden – etwas über seine Befürchtungen, Empfindungen bezüglich seines „Zwischenzustandes“ erzählt- einfach so – zwischen kannenweise getrunkenen magenfreundlichen Tees und vorsichtigem Nippen an einem Glas köstlichen roten Weines würde ich ihn direkt fragen wollen, warum er – um Himmels Willen in diese völlig übervölkerte Welt noch Kinder setzen möchte. Wegen des geschrumpften sexuellen Eros? Wir hätten uns über die männliche Triebhaftigkeit jenseits der 50 unterhalten – etc. etc. und ich würde einen charmanten Satz loswerden, bezüglich seines erwachsenen Sohnes- reicht das nicht? Oder geht es vielmehr um den Eros als Lebensenergie? Der sich mal wieder mit Thanatos zankt? Nun- das wüsste er selbst nicht so genau – ich rege an, er könne doch sein heimliches Begehren, seine gezügelte Lust in kleine Erzählungen hineinschreiben – zunächst nur so für sich -für die geheime Phantasieschatulle – Hm- begeistert wäre er nicht – macht nix -gibt noch andere Möglichkeiten sich seiner innerlichsten „Innerlichkeit“ zu stellen- oder? Und ich würde ihm von meinen Träumen erzählen, die recht absurd erscheinen- oder Fragmente, die mir beim Spazieren gehen einfallen, wie: wenn ich nachts in meinen Träumen sterbe – flieht mein Herz aus den Schatten der Stadt….- ich würde zwischendurch eine Karte aus dem Tarotdeck ziehen und wenn es der „Narr“ ist könnten wir gemeinsam lachen, weil sich die spielerische Energie und die Lust am Leben in dieser Karte zeigt – und auf einmal sind die Signale des Körper, der Seele und des Geistes Gesprächsthema, seine Ungeduld, sein nicht Hineinhören wollen in sein „SEIN“—es ist doch alles klar – zur Ruhe und Abgeschiedenheit würde ich raten, sogar zur Meditation oder Hypnose- sogar zu einer REHA-Schwerpunkt Psychoonkologie – und: zu einer Haushaltshilfe!! Nun, keine Frage – das alles würde ihn nicht erreichen – er ist eben stur, er, mit seinem falschen Stolz, wie ich manchmal denke – was soll das?
    Ja, ich sehe förmlich seinen biestigen Blick auf mich zuschnellen, abgeschossen wie ein Pfeil aus Abwehr und vermischt mit Eigensinn – Bitteschön – geht mich nix an – später würde sich die Enge, die seine Kreativität hemmt – lösen – ich weiß das…den Weg wählt er selbst……alles Gute…Herzliche Grüße. RIvS.

  3. Avatar Oda Anders sagt:

    https://www.medmix.at/6-tipps-fodmap-arme-ernaehrung/

    Lieber Rekonvaleszent,
    hier noch einmal ein Hinweis, der weniger der Poesie als der Autopoiesis dient, dienen könnte.
    Eine adäquate Ernährung verlangt die hohe Kunst der Zubereitung von Speisen, die sich weniger durch zeitlichen und materiellen Aufwand, als durch gute (Selbst-)Organisation auszeichnet und schon lange nicht „kleinbürgerlich“ ist,
    eine hohe Kunst, die meist nur Können gelingt.
    Gute Besserung weiterhin!

    • Liebe Frau Anders,
      das mag sein, ja ich glaube es sogar. Aber ich bin nicht auf der Welt, um mine Zeit mit einer Selbstorganisation zu verbringen, die nichts mehr mit meiner Kunst zu tun hat, also nichts oder nur wenig mit der Dichtung. Ich war immer ein kunstreicher Koch, aber was ich liebte zu kochen, darf ich nun nicht mehr essen, sprich: Ich müßte die Kunst des Verzichtens lernen oder die der Surrogate. Was ich aber nicht will. Bereits Sublimation habe ich lebensang abgelehnt. Um es deutlich zu sagen: Lieber stürbe ich. Allein, sich ständig über Selbstorganisation Gedanken zu machen, verhindert es, eine Commedia, einen Quixotte oder einen Ulysses zu schreiben – und zwar schon deshalb, weil, gemessen an der Kunst, jedes Selbst überschätzt wird. Am Selbst und am Ich ist mir gar nichts gelegen, schon gar nicht an meinem, sondern alleine an dem, was es erschafft.
      Ihr ANH

      • Avatar lobsie sagt:

        und jetzt bin ich echt draussen
        vor

        danke.

        go inside yer own body wirh the power o yer brain an kill cancer inside.

        k

        nice

  4. Avatar lobsie sagt:

    k-pax
    4
    ever

  5. Avatar bubba s 13 jährige tochter sagt:

    ich wage heute den satz :

    eine frauenstimme kann generell schön sein, singt sie fern jedweder konventionaliät.

    mutig bin ich heut euch mutig ich bin

    ich lernte es

    euch zu ignorieren

    so wurd ich aus mir etwas

    wie du oder gell ?

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