Das Arbeitsjournal des Montags, den 19. Oktober 2020. Die Brüste der Béart, 61.

[Arbeitswohnung, 6.23 Uhr
France musique contemporaine:
Rautavaara, → Etydit op. 42 (1969)]

Zweiter Tag einer intensiven → Béart-Nachbearbeitung, sowohl rhythmisch unter deutlicher Einbeziehung des → Wiener Lektorats als auch strukturell, wozu besonders der Amerkungsapparat gehört, insofern ich Fußnoten im „eigentlichen“ Text vermeiden und nur dort zulassen will, wo etwa etwas auf Japanisch steht, dessen Aussprache bekannt sein muß, um den entsprechenden Vers klingen zu hören. Zum Beispiel steht in der (nach der Wiener neuen Anordnung) No XXXI das für ein Gefühl der Traurigkeit stehende Wort 物の哀れ, das der Vergänglichkeit der Dinge nachhängt, mit der indessen sich abgefunden wird. Es wird mo’nonoa’ware ausgesprochen, also mit der Betonung auf dem zweiten „o“ und dem „wa“. So etwas muß selbstverständlich im Fließtext gekennzeichnet sein. Gleiches gilt für auf Griechisch geschriebene sowie Wörter in Sankrit (etwa योनि / Yoni). Erklärungen aber, so sie sein denn müssen, auch solcher Wörter, gehören in den Apparat — so etwas zum Beispiel (für das GRATIA PLENA, i.e. No II):

  • o Tochter Deines Sohnes: Figlia del tuo figlio (Dante, Canto del paradiso XXXIII)

Nur wenig Bildung aber, insgesamt, läßt sich noch voraussetzen, ein Umstand, der auch eine Ablehnung aufgrund von Mißverständnissen verursacht; vieles ist überhaupt nicht böswillig; es wird nur einfach nicht mehr „verstanden“, und es wäre eine Form recht dummer Arroganz, wenn ich das nicht zumindest ein bißchen mit berücksichtigte.
Wie nun auch immer, sobald ich mit diesem Durchgang (hübsch!) durchsein werde, wird noch einmal das gesamte Buch auf Rhythmik, gelegentlich auch Bedeutung gelesen, um schließlich zum zweiten Durchgang an Elvira M. Gross sowie diaphanes geschickt zu werden; und in den entsprechenden Sprachen kompetente nahe Freunde bekommen einzelne Abschnitte zur gegebenenfalls Korrektur der italienischen, altgriechischen, lateinischen und arabischen Stellen; es sind insgesamt nur wenige, aber von Bedeutung, zum Beispiel die Umwandlung von „Allah u’akbar!“ in die Anrufung einer/der Göttin.
Komlett unklar bin ich mir noch darüber, welches Format der Verlag wählen kann, bzw. muß, um satztechnisch nicht allzu störend in die sich bisweilen über die gesamte Querseite erstreckenden Langverse einzugreifen; auch die Anordnung der formal höchst verschiedenen Segmente zueinander bedarf einiges Fingerspitzengefühls. Gern hätte ich da „meinen“ Wiener Setzer HC Leitich dran. Aber das muß und soll diaphanes entscheiden, wenngleich ich einen Fingerwink geben mag und werde.

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>>>> Béart 62
Béart 61 <<<<

Dazu im Kopf das → Krebstagebuchals Buch. Dieses Projekt, wenn es im nächsten Jahr erscheinen soll, wäre ebenso dringend anzugehen, wie ich endlich wieder mein → Nabokov lesen aufnehmen muß und will. Auch diese Arbeit, bei Arco, soll als Buch erscheinen, ebenfalls im kommenden Jahr. Es ist deutlich mehr zu tun als ich momentan leisten kann; nach wie vor bin ich verlangsamt — was für einen ADHSler allerdings heißt, daß ich nur noch so schnell wie andere Leute arbeite. Ist dennoch ziemlich gewöhnungsbedürftig. (Morgen endlich der wegen des Covid19-Tests und meiner Quarantäne verschobene Termin bei Faisal, meinem Onkologen. Dafür werde ich denn auch das Krebstagebuch wieder aufnehmen, das aber nun wirklich nicht mehr täglich gepflegt werden muß. Statt dessen habe ich bereits das nächste Brot vorbereitet; seit zwei Tagen bereits fermentiert der Teigling im Kühlschrank: die kühle, so lange Führung, um die Porung sehr groß werden zu lassen, die mir beim vorigen Brot noch zu fein und dicht war. Um so wichtiger hier, weil ich ein Pane Valle Maggia geknetet habe, das einen guten Anteil Roggen hat.)

 

Ihr, meine Freundin,
ANH, den es zur Weiterarbeit drängt
[Heute ein Rautavaaratag bei France musique:  Zweites Cellokonzert (1989)]

P.S.:
Vorzubereiten war auch – dringend, weil ich auch hier bereits zu spät war – die Ankündigung meines Bamberger Lehrauftrages, der im kommenden Monat beginnt. Nach zweidreimaligem Hin und Her klingt er nun so:

Übungen in eine Romanpoetik der Gegenwart
Moderne – Postmoderne – Nach der Postmoderne | Mit kreativen Schreibversuchen

An erst einmal nur anreißenden Streifzügen durch einige in deutscher Sprache verfaßte Romane seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis über die des 21. hinaus möchte ich Ihnen signifikante Merkmale der ästhetisch jeweiligen Ära aufzeigen und urteilsfähige Stilsicherheit vermitteln. Dazu gehört die Kenntnis, mindestens ein Gespür für die jeweiligen romantechnischen Notwendigkeiten sowie ihre Transzendierung und/oder auch pragmatische Übertretung. Als Vertreterinnen und Vertreter der jeweiligen Richtungen seien u.a. Hermann Broch („Der Tod des Vergil“), Peter Fladl-Martinez („Fünf Variationen über die Nacht“), Christa Reinig („Die himmlische und die irdische Geometrie“), Uwe Dick („Sauwaldprosa“), Marianne Fritz („Dessen Sprache du nicht verstehst“), Christopher Ecker („Fahlmann“) genannt sowie ich mich auf das Vorspiel meines eigenen Romanes „Thetis.Anderswelt“ beziehen und daran in Abgrenzung zum sogenannten literarischen Realismus einige poetologische Thesen mit Ihnen herausarbeiten möchte.
Da aus bekannten Gründen unser Seminar leider wird nur online stattfinden können, werde ich Ihnen vor jeder Sitzung einen Scan der zu besprechenden Textauszüge schicken oder Sie jeweils in der Vorstunde bitten, sich die entsprechenden Texte selbst verfügbar zu machen; letztres kann selbstverständlich auch in der originalen Buchform geschehen. Die Hausaufgaben werden darin bestehen, sich den besprochenen Texten mit eigenen Schreibversuchen zu nähern oder sie auch je nach Ihren ästhetischen Neigungen zu überwinden.

 


[14.30 Uhr:]

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Das Arbeitsjournal des Montags, den 19. Oktober 2020. Die Brüste der Béart, 61.

  1. Avatar Reni Ina von Stieglitz sagt:

    Wie lecker, dieses Brot, diese Kruste…sehr appetitlich schaut das aus…RIvS. „Guten Appetit „…

  2. Avatar Phyllis sagt:

    Während draussen gerade wieder das Krisenvokabular kentert, halten „Arbeit“ und „Journal“ hier seit Jahren ihren gemeinsamen Kurs. Zwei befreundete Wörter, die sich nicht beirren lassen.
    Schön. Ich mag stabile Paare.

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