Dreiste Aneignung eines fremden Lebens
Über Anne Webers Roman Annette, ein Heldinnenepos
Von Dorothea Dieckmann

[Geschrieben für den Deutschlandfunk Köln, gekürzt produziert
und ausgestrahlt am 23. Juni 2020 (Podcast)]

Anne Weber hat eine Heldin gefunden. Sie lebt und ist keine Unbekannte. Noch heute erzählt die 1923 geborene Anne Beaumanoir an französischen Schulen ihre Geschichte. Sie wurde als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt und 2016 Gegenstand eines Filmporträts; von ihrer umfangreichen Autobiografie ist kürzlich der erste Band auf Deutsch erschienen. Der Übersetzung des zweiten Bandes über ihr politisch bewegtes Leben ist nun Anne Weber zuvorgekommen. Beaumanoir sorgte als jugendliche Résistancekämpferin für die Rettung jüdischer Kinder; später engagierte sie sich für den algerischen Widerstand gegen die französische Kolonialmacht und arbeitete nach der Unabhängigkeit im algerischen Gesundheitsministerium, bis der Putsch von 1965 sie zur Rückkehr zwang. Hier endet das Lebensbild, das Anne Weber von der heute 96jährigen zeichnet. Die folgenden fünfeinhalb Jahrzehnte sind ihr offenbar nicht spektakulär, nicht historisch, nicht heldisch genug. In dieser Zeit arbeitete Beaumanoir als Ärztin in Genf, bis sie ihren Ruhestand im südfranzösischen Dieulefit antrat. Dort hat Anne Weber die heute 96jährige anlässlich einer Podiumsdiskussion über die Nazizeit kennengelernt. Dieulefit – welch inspirierender Name für die in Paris lebende Autorin! Und so lässt sie ihre Hommage an Anne Beaumanoir beginnen:

Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott-hats-gemacht (…). Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht. Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, ist sie zugleich noch ungeboren. Heute (…) kommt sie auf diesem Blatt zur Welt (…).

Wer, möchte man fragen, hat Anne Beaumanoir gemacht, Gott oder Anne Weber, die ihr Geschöpf vertraulich Annette nennt? Die Autorin würde die Frage wohl als naiv betrachten und antworten: Na, mein Text natürlich – bestehen doch ihre Bücher stets auf der Autonomie des Erzählens. Nachdem sie Beaumanoir auf dem Papier zum Leben erweckt hat, pocht die Erzählerin auch weiterhin auf ihre Allmacht. Als Beaumanoirs Geliebter in Résistancezeiten, Roland Jurestal, von Vichy-Milizen erschlagen wird, entscheidet sie, die Mörder aus dem Buch zu entlassen: Die „Druckerschwärze“ reiche nicht aus, um deren „Seelenschwärze“ wiederzugeben. Für Jurestals erste, in Auschwitz ermordete Frau Sophie errichtet sie einen „weiße[n] Grabstein aus Papier“; einem anderen Opfer widmet sie „einen kurzen Halt auf unsrem und Annettes Weg“. Kurz, sie ist die richtende Instanz, sie kann die Guten ins Gedächtnis heben und die Bösen daraus tilgen. Ihr Hoheitszeichen, das gravitätische anonyme Wir des Chronisten, kaschiert die Subjektivität der Erzählung. So erstellt Weber etwa, im Hochgefühl ihrer Verfügungsgewalt über die Geschichte, dieses Mahnmal für drei Resistance-Opfer:

(…) wenigstens wollen wir an dieser Stelle, weil wir es können, den Lauf der Dinge unterbrechen und, aus unserer andren fernen Zeit unsere Augen auf sie richtend, in den weiten Raum der Ewigkeit hinein lautlos ihre Namen sprechen.

Trotz zahlloser rhetorischer Fragen, die Offenheit suggerieren, sucht man in Webers Darstellung vergeblich nach Zweifeln an ihrer Interpretation, ihrer Perspektive, ihrer Sprache. Schon aus diesem Grund liest sich der Text flüssig, ja schmissig. Als versierte Plauderin flicht sie flapsige Wortspiele und Selbstkommentare ein: „Kleine Abschweifung. Pardon“ heißt es da, oder „nicht so schnell, sonst kippt der Spannungsbogen“; sie witzelt, dass das Kürzel PC nicht „personal computer“ oder „political correctness“ bedeutet, sondern Parti Communiste, oder dass die Boussouf Boys eine Geheimpolizei sind, keine Popgruppe. Besonders kokett ist der Einfall, bei wörtlichen Wiedergaben mal „Zitat Annette“, mal „Zitat Nichtannette“ und mal „Zitannette“ anzugeben. Solche Mittel enthüllen weniger die Selbstbezüglichkeit des Schreibens als die Selbstbezogenheit der Schreiberin. Doch es ist nicht nur die manierierte Charmeoffensive, die zum Easy Reading einlädt, sondern vor allem der kumpelhafte Ton. Beaumanoirs Verhältnis zu Francis Jeanson, der in Frankreich das Netzwerk zur Unterstützung der Algerier mitbegründete, charakterisiert Weber folgendermaßen:

(…) Jeanson ist okay, aber braucht er als ‚Dienstwagen’ wirklich einen Mercedes? Und noch so Sachen, keine Ahnung, aber wie er der Putzfrau winkt mit einem Schein, damit sie eine Flasche Scotch ihm hole, nicht Schlimmes wohl (…), aber da ist so was, was Annette nicht behagt. Ist auch egal. (…) Annette ist da vielleicht etwas empfindlich.

Auf diese gönnerhafte Weise tritt Weber ihrer Heldin nahe, viel zu nahe. Aber was ist das überhaupt, eine Heldin? Anne Weber erteilt ihrer Figur bei der ersten Widerstandsaktion die Hauptlektion:

Das Erste, dems zu widerstehen gilt, das ist man selbst. Der eigenen Angst. (…) Sie lernt, dass Angst etwas ist, was überwunden werden kann.

Hören wir dagegen jemanden wie Peter Handke, der einmal von seinem Wunsch erzählte, über den „Helden der Flucht“ zu schreiben: „Das Fliehen kann eine heldenhafte Sache sein – wenn der Schmerz so groß ist, dass man zum Frieden hin flieht.“ Und Albert Camus: „Es ehrt unsere Zeit, dass sie den Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben.“ Nicht Kampf, sondern Schmerz, nicht Mut, sondern Mut zur Angst – kann das denn der Stoff für ein Epos, gar ein Heldenepos sein? Oh ja. Denken wir an die homerischen Verse von der Begegnung des alten Priamos mit Achill, der seinen Sohn Hektor getötet und die Leiche geschleift hat:

„Scheue die Götter (…), o Peleid, und erbarme dich meiner,
Denkend des eigenen Vaters! Ich bin noch werter des Mitleids!
Duld ich doch, was keiner der sterblichen Erdebewohner:
Ach, zu küssen die Hand, die meine Kinder getötet!“

Da weinen beide, der Greis und der Held, und „es erscholl von Jammertönen die Wohnung“. Auch bei Anne Weber wird geweint, was dann so klingt:

Alles schläft, einsam wacht und heult Annette.

Die flapsige Bemerkung betrifft das Jahr 1959, als Beaumanoir in Untersuchungshaft saß und zehn Jahren Gefängnis wegen Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung FLN entgegensah. Sie war Mutter von zwei Jungen und wieder schwanger. Ein Kind hatte sie als Achtzehnjährige abgetrieben – in Kriegszeiten war kein Platz für eigene Kinder. Die Schwangerschaft wurde zum Vorwand, der ihr die Flucht ermöglichte. Nach der Geburt entzog sie sich dem Militärgericht und ging ohne das neugeborene Mädchen, ohne Söhne, ohne Mann nach Tunis. Bis auf einen gescheiterten Versuch, einen Sohn zu sich zu nehmen, lebte sie nie mehr mit den Kindern zusammen. In Tunis traf sie den FLN-Mann wieder, der sie an die französische Polizei verraten hatte. Sie verriet den Verräter; er wurde gefoltert und erdrosselt. Das sind tiefe, schreckliche Brüche in ihrer Biografie – doch für die Autorin kein Anlass, sich dabei aufzuhalten, geschweige denn Schmerz und Schuld zum Zentrum oder Ausgangspunkt ihrer Erzählung zu machen. Wo sie Erwähnung finden, werden die Risse zugekleistert, so bei der Frage nach Beaumanoirs Haltung zur Lynchjustiz nach der Unabhängigkeit Algeriens. Dabei kommt es zu abenteuerlichen Rechtfertigungen.

Warum kriegt Annette zu diesem allen nur so wenig mit? (…) wahrscheinlich ist sie nie genau an jenen Orten, an denen die pogromartigen Verfolgungen passieren, so wie man gut im Jahr 2005 in Frankreich leben und von den nahezu zehntausend Autos, die dort (…) angezündet wurden, gar nichts (…) mitbekommen kann. Man muss schon da sein, wo’s geschieht, und außerdem muss man’s noch wissen wollen.

Zu den diktatorischen Maßnahmen der neuen algerischen Regierung und dem zunehmenden Einfluss des Islam heißt es:

Demokratie? Kann einer mal erklären, wie das von einem Tag auf den anderen funktionieren soll (…)?

(…) Einheitspartei? Entscheidungskraft geballt in einer Hand? Annette ist manchmal unwohl, wenn sie daran denkt, doch hat sie anderes zu tun, als sich mit diesen Machtgeschichten zu befassen.

(…) also, was es mit diesen Glaubensdingen auf sich hat, das merkt sie nicht, (…), es wär ja nicht das erste Mal, dass jemand das nicht sieht, was er nicht sehen will (…), das ging doch jedem schon mal so.

Mit solchen lauen Sprüchen rettet Anne Weber ihr eigenes, ungebrochen konventionelles Heldenbild – auf Kosten ihrer Heldin. Ihr Epos ist kein Epos – da hilft auch der Flattersatz nicht, der offenbar an Verszeilen erinnern soll –, sondern eine Aneignung fremden Lebens, eine dreiste Einverleibung. Das entlarvt spätestens eine Bemerkung am Schluss. Da zeigt sich die Autorin begeistert von der Zutraulichkeit Beaumanoirs bei der ersten Begegnung gegenüber ihr, einer Fremden:

(…) aber was heißt schon fremd, kein Mensch ist einem andren fremd, aber nur wenige benehmen sich auch so.

Hätte Anne Weber die Fremdheit der anderen erkannt und anerkannt, dann, nur dann hätte Anne Beaumanoir die Chance gehabt, der Eitelkeit ihrer selbsternannten Biografin zu entgehen.

Anne Weber
Annette, ein Heldinnenepos
Matthes & Seitz, Berlin
208 Seiten, 22.- Euro

Deutscher Buchpreis 2020
→ Jurorinnen und Juroren: Katharina Borchardt, Hanna Engelmeier, David Hugendick, Chris Möller, Maria-Christina Piwowarski, Felix Stephan, Denise Zumbrunnen

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12 Antworten zu
Dreiste Aneignung eines fremden Lebens
Über Anne Webers Roman Annette, ein Heldinnenepos
Von Dorothea Dieckmann

  1. Sehr schwache Rezension. Die Verfasserin macht das, was alle schlechte Leser machen: Sie schmiegt und knetet die Zitate so lange, bis sie in ihr Konzept passen. Ich fand gerade die Aufarbeitung der Ambivalenzen des Algerien-Aktivismus der Protagonistin überzeugend. Helden (und auch Heldinnen) sind nicht fehlerlos.

    Aber vielleicht muss ich Frau Diekmanns Aneignung eines Guantánamo-Häftlings einmal vollständig lesen. Nach ihrem Bachmannpreis-Auftritt fand ich das entbehrlich.

  2. Lieber Herr Keuschnig, das mit der Verfasserin und den schlechten Lesern, zu denen Leserinnen ganz sicher ebenfalls gehören, sehe ich anders. Den Grund lege Ihrem Feingefühl Ihr eigener Vergleich mit Dickmanns von Ihnen so genannten „Aneignung“ eines Guantánamo-Häftlings nahe. Der Unterschied besteht einfach darin, daß die von Dieckmann gestaltete Figur eine Fiktion ist, Romanperson nämlich, während sich Frau Weber eine tatsächliche Person als Ich-Erzählerin gewählt hat, die aber nicht sie ist. Was Dieckmann hier moniert, ist eine ebenso verkitschte wie übergriffige Distanzlosigkeit der Autorin. Stellen Sie sich einmal vor, jemand hätte sich Peter Handke auf diese Weise als Ich-Erzähler erwählt. Will sagen, in nicht nur ungewissem Sinn verletzt Frau Weber das Persönlichkeitsrecht, das fiktive Personen nicht haben (können), und sie tut es – meint Dieckmann und belegt es – auf fragwürdige Weise.
    Ich kann ebenso fragwürdig vorgehen und Ihren süffisanten Seitenhieb auf Dieckmanns Guantanámoroman dahingehend interpretieren, daß Ihnen andere Bücher dieser für mich herausragenden Autoren nie bekannt wurden, weder Termini noch die zuletzt erschienenen, von mir >>>> dort besprochenen Temps de cerises. Und soeben habe ich, um meine Meinung zu begründen, meiner seinerzeitige Rezension des Romanes Guantánamo nachträglich >>>> dort in Die Dschungel eingestellt.

    • Mir müssen die Bücher von Frau Dieckmann nicht bekannt sein, um ihre Rezension als tendenziös zu erkennen. Ihr Vergleich der Anverwandlung zu Handke hinkt nicht einmal. Wie unten ausgeführt wird, können auch reale Personen fiktiv werden. Das „Argument“ einer Persönlichkeitsverletzung ist lächerlich – in etwa so lächerlich, wie es einst in Ihrem Fall gewesen war.

      Rezensionen ersetzen nie Lektüren. Dass hieraus literarische Urteile geformt werden, ist womöglich menschlich, aber unzulässig.

  3. Ivan Karamasov sagt:

    zu „Gregor Keuschnig“:
    Sie finden die „Aufarbeitung der Ambivalenzen des Algerien-Aktivismus“ (arg anmutige Alitteration!) bei Weber überzeugend. Mit dem Finden ist das so’ne Sache, nämlich eine der bloßen Meinung. Webers Aufarbeitung ist keine, sondern eine Rechtfertigung, zumindest Relativierung, eben weil sie eine möglichst fehlerlose Heldin will.
    In ihrer Rezension wählt Dieckmann mit dem Wort Aneignung einen eher schwachen Begriff für das, was Weber unternimmt. Diebstahl wäre noch angemessener. Weber hat Beaumanoirs „Heldentum“ und mehr noch: ihr Leben geklaut. Das spiegelt sich exakt in der Rezeption. Die Jury begründet: „Die Kraft von Anne Weber kann sich mit der Kraft ihrer (!) Heldin messen“ – eine typische Verwechslung. (Am Possessivpronomen erkennt man übrigens den Unterschied zu Dieckmanns Roman „Guantánamo“: Dieckmann erfindet ihren Helden, während Weber aus einer lebendigen Namensträgerin „ihre“ Heldin macht). Und in den Meldungen zum Buchpreis war keine Rede davon, dass Beaumanoir noch lebt – kein Wunder: Webers „Epos“ ist ein Nekrolog, es historisiert, macht Schluss, es tötet.
    Da ist es schon legitimer, sich den Namen einer fiktiven Figur zu klauen!

    Ivan Karamasov

  4. bersarin sagt:

    In diesem Falle würde ich einwenden, daß eben auch eine reale Person in der Literatur am Ende fiktional geworden ist und damit eine literarische Figur. (Ähnliches gilt ja auch für jene Autoren, die ihr eigenes empirisches Ich in ein idealisches Ich der Literatur verwandeln: ich komme gerade nicht darauf, aber es gab doch mal einen Roman oder eine Erzählung, wo der Autor mit seinem eigenen Autorennamen auch als Romanfigur auftrat. Weiß wer, wers war? Es liegt mir auf der Zunge, aber ich komme nicht drauf, kann sein, daß es R. Götz war. Melle meinte ich nicht)

    Und in diesem Sinne einer Verwandlung des Realen ist für dieses Buch von Weber ja auch, qua Sprache und der Form des Epos, der bezug zu Homer und seinen Helden interessant. Sie begegnen uns, obwohl er eine Geschichte erzählt, von der er uns glauben machen möchte, daß sie sich so zutrug, bei Homer als literarische Figuren, unabhängig davon, ob den einzelnen Epos-Gestalten reale Personen einmal korrespondierten oder eben auch nicht.

    Zum Buchpreis selbst will und kann ich nicht viel sagen, da ich das Buch nicht kenne und nur über es las. Insofern weiß ich nicht, ob es eine gute Wahl war. Mein erster Eindruck freilich war, daß hier eine bestimmte Form von Haltungsliteratur und engagierter Literatur belohnt wurde, wenngleich ich mich für die Autorin dennoch freue. Sozusagen eine Art von (politisch auf alle Fälle berechtigtes) Antifa-Heldentum (wenn auch in seinen Brüchen gezeigt, wie Gregor Keuschnig schrieb). Dieses Heldentum spiegelt sich dann nochmal in seiner zur Farce gewordenen Form und zeigt sich dann noch einmal – quasi von der Geschichte als Tragödie hin zur unverbindlichen Komödie des fungiblen Haltungs-Posings – an der Interview-Aktion der Jury-Vorsitzenden Hanna Engelmeier: Antifa-Snoopy-Shirt. Man muß darüber keinen Bild-Aufreger produzieren, wie das der Herr Schuler auf Twitter tat, aber ganz zu recht schrieb Jan Küveler einen guten Text dazu in der „Welt“:

    „Passt ja auch besonders zum diesjährigen Preis, der an Anne Webers „Annette, ein Heldinnenepos“ ging, das von besagter Annette handelt, einer hochbetagten ehemaligen Widerstandskämpferin gegen die Nazis. Mit Unterminierung des staatlichen Gewaltmonopols und Zusammenrottung in deutschen Innenstädten hat es Snoopy allerdings nicht so. Man kennt ihn eher als verträumten Einzelgänger, der auf dem Dach seiner Hundehütte an Romanen feilt, die so oder so ähnlich losgehen: ‚Die Nacht war finster und stürmisch.‘

    Hanna Engelmeier trug insofern weniger ein Skandalon als ein wohlfeiles Radical-Chic-Statement, das von der ihm innewohnenden Ironie immerhin ein wenig gemildert wurde. Alles also nicht so schlimm. Oder in einem Wort: Peanuts.“

    Wohlfeiler Aktivismus als Pose, irgendwie Edgy und nett attitude. Paßt aber auch wieder zum Geist der Zeit, in den sich Hanna Engelmeier bequem fügt. Küveler weiter:

    „Warum sollte so was vermieden werden? Weil es im Jahre 50 nach Tom Wolfes epochaler Reportage „Radical Chic“ über eine Party bei den Bernsteins, zu der nebst allerlei New Yorker High Society auch Mitglieder der Black Panther geladen waren, mindestens krass uncool wäre, solche popkulturellen Codes als unzweideutige Sympathiebekundung zu verkennen. Noch das piefigste Che-Guevara-Poster im Reihenhauskinderzimmer wäre da ironischer. Also bitte: keine Schnappatmung kriegen, nicht über das hingehaltene Stöckchen springen und was der Hundemetaphern mehr sind.“

    https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus217744960/Deutscher-Buchpreis-Lesen-Sie-zuerst-das-T-Shirt.html?cid=onsite.onsitesearch

    Aber das ist auch nur ein fun fact und wirft ein Licht auf den Betrieb. Und zeigt leider auch, wie sich solche Erregungsstürme, egal von welcher politischen Seite, immer mehr und mehr ausbreiten.

    • Nur, Bersarin, zum Haupteinwand: Er würde gelten, wenn die reale Person bereits Legende wäre, wie etwa Friedrich II (der Staufer); wenn wir sie aber noch quasi berühren können, verbietet sich zumindest die Ich-Form. Stellen Sie sich vor, Klaus Mann hätte so seinen Höfgen gestaltet. Daß Frau Weber es mit ihrer Heldin sympathischer angeht, als ihre Verbündete gleichsam, macht es nur noch heikler. Und in der Tat bleibt ein Verdacht des poltitisch-sehr-correct-Kalkulierten. Vielleicht daß man wirklich einmal das stilistische Vermögen (und Wollen) Frau Webers mit dem zum Beispiel Thomas Hettches vergleicht, dem bei seinem Romankonzept dieser Preis endlich zu gönnen gewesen wäre – auch weil er für etwas steht, das sich mit Fug und Recht Kunst nnenen läßt, und zwar eine, die sich erzähltechnisch auf der Höhe der Gegenwart befindet und nicht ins neunzehnte Jahrhundert immer wieder zurückplumpst, also die Regression fördert, an der politisch so viel gelegen zu sein scheint. Auch das spricht für den Verdacht.
      Was nun aber den Umstand anbelangt, daß eine Autorin sich selbst, oder ein Autor sich, zur Romanfigur macht, ist dies weißGöttin kein Gegenargument – schon deshalb nicht, weil nichts, was jemand mit sich selbst anstellt, ein Übergriff ist, jedenfalls niemals in Hinsicht auf personalen Stil und seine Diskretion.

      • bersarin sagt:

        Was die Berechtigung des Preis und die Qualität der Kunst betrifft, so kann ich dazu nicht viel sagen, da ich das Buch nicht kenne – im Vergleich zu anderen Bücher, die gelistet waren, interessiert es mich nicht besonders. Hettche hätte ich den Buchpreis auf alle Fälle gegönnt – allein, weil hier auf besondere und kluge Weise ein Sujet geformt wurde.

        Was den Übergriff auf die Person betrifft: da gibt es freilich Persönlichkeitsrechte und Beaumanoir hätte die Möglichkeit, wenn sie mit diesem Text nicht einverstanden ist, dagegen vorzugehen. Da sie es nicht tut, scheint also das, was Anne Weber geschrieben hat, ihr Mißfallen nicht zu erregen. (Und Übergriffigkeit in eines anderen Namen zu konstatieren, der es nicht als übergriffig empfindet, ist, nun ja, selber doch wohl auch ein Stück weit Übergriffigkeit.) In Kulturzeit wurde sie auch kurz interviewt und auch dort machte sie keinen unzufriedenen Eindruck. Und in diesem Sinne kann man dann doch auch einem Menschen, der noch lebt, eine solche Roman-Ehrung zuteil werden lassen. Zumal diese Erhung realiter in der Öffentlichkeit mit solchen Personen ja bereits geschieht: wenn sie etwa in Schulen auftreten und den jungen Leuten erzählen, so werden uns in den Medien, wenn darüber berichtet wird, besondere Personen gezeigt, die für sich vielleicht nicht das Wort „Held“ in Anspruch nehmen, die es aber – auch in den leider postheroischen Zeiten – für manche dennoch sind. Weber bringt das in Literatur. (Ob es gelungen ist, darüber kann ich nichts sagen. Einerseits hat diese Wahl für mich etwas Wohlfeiles, wie oben geschrieben, und auch der bisher gelesene Text überzeugt mich nicht, aber dazu muß ich eben alles lesen und Inhalt, Form und Durchführung in den Blick nehmen können.)

        Und aus diesen gerade genannten Gründen, halte ich nicht per se die Personenwahl für ein ästhetisches Problem, denn ein Autor kann ästhetisch so gut wie alles machen, wenn er es gut macht und damit Dichtung entsteht. Wobei mich allerdings die Zitate, die Dieckmann bringt und der Ton dieser Prosa ebenfalls nicht überzeugen. Wobei ich dazu sagen muß, daß man bei solchen Zitaten zugleich den Kontext beachten muß. Durchs Herausgreifen einzelner Passagen kann eben auch eine erhebliche Entstellung geschehen. Eklatant ist das bei mancher Handke-Kritik gewesen.

    • Gregor Keuschnig sagt:

      Ich habe dreieinhalb der Shortlist-Bücher zum Buchpreis gelesen. Aus gesinnungsästhetischen Gründen hätte man all diesen Büchern den Preis zusprechen können. Bjerg fährt mit seinem Sohn und einer riesigen Nazischuldbürde über die Schwäbische Alb; er hat die Kollektivschuldthese als Nachgeborener inkorporiert. Ohdes Buch erzählt vom subkutanen Rassismus, den eine in Deutschland geborene Tochter einer türkischen Mutter und eines deutschen Ehemanns zu ertragen hat. Hettche kommt mit Nazi-Verknüpfungen der Gründer der Augsburger Puppenkiste. Die anderen beiden Bücher kenne ich nicht.

      Ich glaube, dass der Deutsche Buchpreis eigentlich nie ein ästhetischer Preis war. Als solches ist er auch gar nicht gedacht. Selbst Witzels Buch (ich habe tatsächlich sehr früh kapituliert) verströmt ein gewisses soziopolitisches Parfüm. Dennoch war die Überraschung groß, weil das Buch jenseits aller Marktkompartibilität lag.

      Das größte Problem bei diesen Preisen besteht darin, dass sich die Jury auch immer selber auszeichnen möchte. Und niemand will einen Fehler machen. Dazu gehört natürlich auch der Proporz in den verschiedenen anderen Preisen. Ohde hatte bereits einen, Wunnicke auch, Hettches Preis- und Stipendienliste ist ellenlang. All das dürfte natürlich keine Rollen spielen, aber wer das glaubt, ist bestenfalls naiv.

      Man mag Webers Buch kritisieren, die gewählte Erzählform vielleicht als bisweilen nicht ganz gelungen ansehen. Der Ton, der hier angeschlagen wird, ist deplatziert. In Wirklichkeit soll hier der „Betrieb“ getroffen werden, dem man leider ausgeliefert ist, von dem man sich jedoch dauerhaft ungeliebt fühlt.

  5. Reni Ina von Stieglitz sagt:

    jetzt, nachdem ich mich wiederholt versucht habe einzulesen, sage ich: Nein Danke,
    langweilig zu lesen, was ich da zu lesen bekomme – warum in mir ein Gefühl von Ödigkeit aufsteigt, kann ich noch nicht einmal präzise begründen – in diesem Geschriebenen keimt mehr Langeweile, als in jedem Gemüsegarten – das Thema mag spannend sein, aber da könnte ich dann lieber die Geschichte meiner Familie erzählen,
    die ist für mich viel aufregender – bevor ich jemanden langweile, steige ich wieder aus dem Thema aus… ganz schnell…und widme mich meinen eigenen Texten…nix für ungut… bis bald…RIvS.

  6. Hans sagt:

    Kann mir mal irgendwer erklären, wo Webers Buch in der Ich-Form geschrieben wurde? Man versteigt sich hier in allerlei Vorwürfe, die mit dem Buch nichts zu tun haben. Das ist peinlich.

  7. franzsummer sagt:

    Ja, es ist ein wenig verwirrend. Genau genommen geht es um zwei Bücher von zwei Autorinnen, die eine hat wohl einen Preis bekommen, die andere nicht. Und diese schrieb eine bitterböse Rezension zu dem Buch der Preisträgerin und nun bilden sich hier zwei Lager. Ich habe auch zweimal gelesen, wovon ist hier eigentlich die Rede, smile.
    Was darf eine Autorin, was nicht.
    Ich vermute ja mal, Anne Webers Buch ist auch humorvoll und sie spielt mit Flapsigkeiten über Heldenverehrungen, nicht so pathetisch wie vielleicht das andere Buch. Also wenn ich hier auf Grund der Diskussion wählen müsste, bin ich eher für dieses, also für Anne Webers, smile.
    Das Entscheidende ist ja natürlich, wie hier jemand schrieb, die porträtierte „Heldin“ lebt noch und hat nix zu meckern.

  8. franzsummer sagt:

    Die Personen, die in einem Buch auftauchen ,bekommen Namen, manchmal auch den Namen „Ich“. Damit ist noch lange nicht gesagt, dass es sich um die Autorin oder den Autor selbst handelt. Fast scheint es so, als wenn ich einer Rezension das nicht beachtet wurde. Nur mal so.

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