Picassos Maar Gaga Nielsens. Im Arbeits- & Rückkehrsjournal, das deshalb auch Tagebuch des Nachkrebses ist, des Freitags, den 19. November 2020. Mit Blick zurück auf gestern.

Gaga Nielsens → Lektüreerzählung, die ich zum ersten Latte macchiato las, hat mich sofort so beschäftigt, daß ich sogar einen Kommentar drunterschrieb.
Seit gestern bin ich aus dem → Sana zurück. Vielleicht hat mich frau wie man wegen meines neuen Bettnachbarn erlöst, denn etwas zu viel Wundwasser lief immer noch aus der Drainage. „Bei etwas beleibteren Patienten wären wir vorsichtig. Doch Sie sind so gut in Schuß, daß Ihr Körper es auch alleine abzubauen schafft.“ STAY STRONG (in vermeintlich alter, vermeintlich deutscher Frakturschrift) ist auf den hintren Unterarm tatoot – wieso das Wort „tätowiert“ verloren ging, ist eine, spachsoziologisch bezeichnend, neurechte Groteske. Ein Kampftrinker fürwahr. Grad mal dreißig Jahre alt, aber die Bauchspeicheldrüse vom Alkohol und Rauchen für alle Zeit zerstört. Un nu musse raus. Ich bin kein Menschenfreund, ganz offenbar.

[Arbeitswohnung, 7.48 Uhr
Nur die Geräusche des Hinterhofmorgens, ferne Krähen rufen über des Verkehrs Weißes Rauschen
Erster Latte macchiato, letztes Viertel, in immer noch zwei Schichten]

Sportverbot also, für mindestens vier Wochen, besser sechs, dann erst wieder leichtes Joggen. Bis dahin eine Bandage um den Bauch, bitte dauerhaft tragen. Krafttraining erst im Neuen Jahr wieder und auch dann nur mit Vorsicht begonnen. Ich habe mir die Termine in den Terminkalender eingetragen, um eine Perspektive zu haben. Der Sport fehlt mir sehr, vor allem, weil ich ohne Bewegung stets schnell in die Verstimmungen kippe, eine Art Subdepression, die immer durchkommt, wenn ich mit Vertrauten über meine Arbeit spreche, meine Dichtung, und wie sie verschwinden wird, kaum, daß ich nicht mehr dasein werde. Mein Vitalismus ist brüchig geworden.
Also – schon aus Notwehr, quasi – die langen Spaziergänge der →Nefudzeit wieder aufgenommen, ohne aber die Wüste zu durchqueren, sondern nun werden Berliner Räume erschlossen, die ich nach bald fünfundzwanzig Jahren immer noch nicht kenne — Herzberge, Stadtpark Lichtenberg (an dessen Rändern ich eine nach wie vor bewohnte wilde Hüttensiedling entdeckte), Fennpfuhlpark, die Stadt ist voller solcher nicht selten weiter Erholungs- und, nochmals quasi, Naturräume (Zweite Natur, mit Benjamin). Aber auch an Franz Hessel mußte und muß ich stets denken, wenn aus dem Spaziergang Flanieren wird wie gestern, er also Stadtgebiete begeht. Da allerdings grundiert ihn eine derzeit permanente Beklemmung, weil alle Lokale geschlossen sind, ich nirgendwo, wenn ich wollte, einkehren könnte, und gerade auf der Friedrichstraße die Frage in mir aufstieg, ob ich hier jetzt auch draußen den Mund- und Nasen-, nun jà,-„schutz“ mir aufsetzen müsse. Es waren ja solche Straßen unter gleichsam Quarantäne gestellt oder sind es noch. Mir steigt so etwas wie hilflose Wut, hilflos um so mehr, als ich auch die jetzt vorgenommenen Gesetzesänderungen höchst problematisch finde — und zwar gerade in einer Zeit des unerträglichen „correct“-Moralisierens, eines noch nicht ganz, aber schon fast Faschistoiden-von-links, indes ich nie und nimmer nach rechts die Hände ausstrecken würde, wo es genauso widerlich zugeht. Ob noch widerlicher, kann ich allerdings gar nicht mehr sagen. Doch allein schon das eklige Wort „Nation“, dessen Gefolge nur Kriege, Kriege und wieder Kriege sind. Dazu der Kothau-Karrenbauers neues krampfiges Stiefelsohlenabgeschlecke der Knobelbecher USAs, gegen das Europa Macrons, das auch meines so sehr wäre: eines des Primats der Kultur, weiter currentzischer Innerer Räume, die zu solch klingenden Außenwelten werden wie die kapatschinskajaschen Begeisterungen, christophereckerschen Phantastiken, katharinaschultensche Poetik (wobei es im Sana eine hinreißende junge Ärztin gibt, die fast ebenso wie sie heißt; dran fehlen nur zwei Konsonanten — was mir aber gestern erst auffiel).
Wobei ich diesen Gang durch Mitte — Franz Hessel, ecco: Anzug, Krawatte, langer blauer schmaler Mantel, blauer Borsalino, Gehstock; ich mußte denken, wie gut es sei, bereits lange vor meinen Operationen solcher Bekleidung zugeneigt gewesen zu sein; so könne mir nun schwerlich vorgehalten werden, ich täuschte nach außen etwas vor, das sich entkleidet nicht finde — … — – wobei ich also diesen Gang eigentlich nur unternommen habe, um endlich ein Parfum einmal auch riechen zu können, über das ich schon so viel gelesen: Arz el Rab von Berdoues. Die Begeisterungen zielen geradezu in eines meiner Zentren, etwa das:

Arz El-Rab, «die Zedern des Gotteswaldes», ist eine einzigartige Interpretation des legendären Libanon-Gebirges. Das Cologne ist eine Einladung zur Reise in das Herz des mächtigen und sinnlichen Orients.

Doch bislang war das Parfum in keiner Parfumerie vorrätig, wurde immer nur online angeboten — was für eine Sinnlichkeit wie meine keine Alternative ist, auch dann nicht, wenn – wie mir nach auch diesmal ständig vergeblichem Fragen (der Duft war den Verkäuferinnen nicht einmal dem Namen nach bekannt) eine junge Dame riet – ich online bestellen, dann den Duft erproben und bei Nichtgefallen alles wieder zurückschicken könnte; so jedenfalls bei, zum Beispiel, Douglas. Nein, ich möchte direkt probieren, vielleicht ein Pröbchen mitbekommen, um zu erfahren, wie sich ein Duft auf Dauer entwickelt, danach erst entscheiden. — Nach meinem ausgedehnten Spaziergang gestern wird mir nichts bleiben, als es allenfalls noch einmal im Westen zu versuchen – fast alle, wie ein akustisches Totem als Begriff, riefen das KdW an –, oder aber ich schreibe eine Nachricht an Berdoues, höflicherweise auf Französisch, und bitte um Zusendung einer Probe oder Bekanntgabe eines Berliner Geschäfts, darin ich’s riechen könne.
Wobei wiederum diese Parfumsuche, obgleich ich meine Düfte doch längst habe, ebenfalls mit Musik zu tun hat. Nämlich in einem Portraitfilm des SWRs unterhält Teodor Currentzis einen Garderobentisch voll erlesenster (erlesen, !) Parfums, und vor jeder Probe wählt er sorgsam den zu ihr und also der jeweiligen Musik passenden Duft. Das hat mir imponiert, hat mich bestärkt, ist ein bißchen wie die Seide, die Richard Wagner am Körper gebraucht hat, wie die elegante Couture Moravias und die liebevoll inszenierte männliche Schönheit südamerikanischer Autoren. Wobei der warme Glutglanz solcher Inszenierungen fast stets von dem darübergeblasenenen angebrannten Orangenschalenduft der Ironie bewirkt ist, Selbstironie, die über das, was wir brauchen und weil wir es brauchen, ein kleines bißchen lächelt. (Außerdem ist die Suche-selbst derzeit müßig; ich hab ja gar kein Geld für solch eitelsanfte Kapriolen einer, imgrunde, Selbstbestätigung, doch, immerhin, man sieht’s mir nicht an. Die Grundidee war auch nur, ich sprüh mich bisserl ein und guck dann, was passiert.)

„Selbstbestätigung“, ja. Die Zweifel sind so groß, daß ich sogar Schwierigkeiten habe, den Vorschautext für die Neuausgabe meines kleinen New-York-Romans zu schreiben, um den mein Arco-Verleger mich, und zwar dringend, bat. Ich denke die ganze Zeit, wozu?, wird ja doch keinen interessieren, wird untergehn wie alles, was ich schrieb. Ja, ich freue mich, daß es zu diesen Neuausgaben kommt — aber: Um eine weitere Totgeburt kämpfen? Ich liebe die große Konzertszene darin, in dem Buch, Under Manhattan. Ich weiß genau, wie gelungen sie ist, wie mir von einer großen Geistin in die Finger, die tippten, diktiert. Ja, mir ist das bewußt. Doch wen außer mir selbst hat es interessiert? Ich war sogar schon so weit, dem Verleger zu schreiben, wenn er diesen Vorschautext brauche, dann solle er es sein lassen, das Buch. Was nicht fair, alles andere als fair von mir wäre (und ist). Doch er selbst hat mir gesagt, daß er nicht glaube, es werde ein merkliches Echo geben; allerdings, das sei ihm egal; er bringe heraus, wovon er überzeugt sei — eine Haltung, die alle meine Verleger ehrt. Nur drängt das Wozu? umso mehr. — Als ich diese Bücher schrieb, war die Frage noch nicht virulent, sondern da glaubte ich noch, war überzeugt, es werde sich noch ändern. Gustav Mahlers „Meine Zeit wird kommen!“ klang, seit ich zwanzig war, dauerhaft und hallend in mir nach; ich lief, nein rannte, kämpfte, berauschte mich gegen jeden Widerstand mit ihm, dem Aufruf, entgegen.
Es waren viele Widerstände. Ich habe von Anfang an nicht gepaßt, weder als Autor noch schon als Mensch. „Du mußt endlich lernen, dich anzupassen!“ ward mir schon als Kind zugezischt, und schon das Kind hätte es alle Selbstachtung gekostet, wenn es sich gebeugt hätte.

Immerhin das — das ist mir gelungen: Ich hab mich nie gebeugt. Und jetzt auch nicht dem Krebs. So daß ich’s wiederhole: Man kann mich töten, ja. Doch niemals in die Knie zwingen. Schon gar nicht die Mainstreamdiktatur der Correctness und ihr bigottes Cancel culture. Es geht da nicht um Wahrheit, geschweige um Gerechtigkeit, vielmehr um nichts als Macht.
Für also wen soll ich noch schreiben? Allein für mich selbst und ein paar Vertraute?

ANH

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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1 Antwort zu Picassos Maar Gaga Nielsens. Im Arbeits- & Rückkehrsjournal, das deshalb auch Tagebuch des Nachkrebses ist, des Freitags, den 19. November 2020. Mit Blick zurück auf gestern.

  1. Avatar xo sagt:

    du hast immer so viel selbstdisziplin bewiesen, sie hilft dir auch jetzt und auch die selbstermächtigungsstrategien. dennoch, es war eine neuerliche op, manches braucht einfach auch etwas zeit. gute besserung in jedem fall. und 6 wochen gehen auch rum. wenn man unter widrigsten umständen immer wie ein uhrwerk funktioniert hat, sind zeiten der erzwungenen pause zunächst einmal unerträglich, aber denk an den zugerichteten boxer in pause in rom. muss schreiben immer kampf sein? um aufmerksamkeit? um damit verbundene finanzielle absicherung? die in den künsten doch ganz anders fuktionieren müsste. die merkantile konkurrenz, das gegenseitige kannibalisieren, scheint mir gerade da völlig fehl am platz, zumal auch die künste in summe den betrieb am laufen halten und nur ein paar geniale oder konsensfähigere allein auch nicht die ganzen arbeitsplätze um uns herum erhalten. kennst du musils essay? wie hilft man dichtern? von 1923, ich habe ihn so oft verlinkt und bin immer noch erstaunt, dass der fiktive unternehmerlohn nicht längst tatsache für menschen wie dich und mich ist. klar, damit wäre nicht restlos alles aus der welt und ganz sicher wollten wir dann auch gern gelesen werden und der wettbewerb wäre nicht gänzlich aufgehoben, wir sind soziale wesen und angewiesen darauf, dass wir auch wahrgenommen werden, aber wenn man doch zumindest schon mal marge und aufmerksamkeit finanziell in den künsten entkoppelte, wäre schon so viel gewonnen. https://signaturen-magazin.de/robert-musil–wie-hilft-man-dichtern-.html

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