Patmos, verkehrt

Geschrieben für → Gutenbergs Welt, WDR3.
Dort ausgestrahlt am 20. 11. 2021.
Podcast.

 

„Wir können es umdrehen“, sagt Arndt.
Selbstverständlich bin ich der einzige im Raum, der weiß, wer mir da gegenübersitzt. Er ist ja meine Erfindung. Damals schon, 1985, hatte mich mein Instinkt verdingt, sein Äußeres nur vage zu beschreiben. Kein Phantombild hätte sich je davon fertigen lassen und wurd es ja auch nie. Dabei habe ich wirklich nicht voraussehen können, daß er sich zu einem der heute gesuchtesten Öko-Terroristen entwickeln würde. Ich meine, damals lag die Thunberg noch nicht mal in den Windeln; selbst ihre Eltern waren erst fünfzehn und sechzehn. Doch schon der Umstand, daß eine literarische Figur sich selbständig macht, sich also, verzeihen Sie die Dopplung, real realisiert, lag seinerzeit ganz außerhalb meiner Vorstellungskraft. Mit dreißig war ich noch viel zu sehr der realistischen Literaturauffassung verpflichtet, die freilich nach wie vor den Buchmarkt beherrscht. Dabei steht uns das Wasser nicht nur bis zu, sondern längst ü b e r den Knöcheln. Und es steigt weiter, steigt und steigt, so langsam zwar, daß niemand es sieht. Ich kann es aber spüren.
Immerhin hat Arndt nicht ‚Platon‘ dabei, sein Gewehr.
Wir sitzen im Sigismondo, Prenzlauer Berg. Beste italienische Spezialitäten. Draußen tobt der erste Novembersturm. Er tobt nicht nur, er gischtet. Der ganze Himmel Niagara, doch wie in tiefster Nacht. Denn obwohl es erst morgens elf Uhr ist, ist’s draußen knalledunkel und das Lokal voller Schutzsuchender, die nicht mal sitzen können, weil es so viele Stühle nicht gibt; genügend Tische schon gar nicht. So drängen sie bibbernd aneinander.
Haben Sie je eine Springflut gegen eine Schaufensterscheibe schlagen hören? Es knallt, und Risse durchknistern das Glas. Jetzt ducken sich die Leute. ‚Thetis‘, denk ich. ‚Das Thetismeer ist vom Rhein bis in die Spree herüber- und zu uns nun hinaufgestiegen.‘ Was gedacht werden kann, sagt Marcus Braun, das geschieht.
Jetzt ducken sich die Leute, einige gehn in die Knie. Sie beginnen zu ahnen, sie werden ertrinken. Niemand aber schreit. So müssen wir, Arndt und ich, für unser Gespräch die Stimmen kaum heben. Ich selbst bin eh, seit Chemo und überstandner OP, komplett angstfrei. Er scheint es ebenfalls zu sein. Wie ein Gewimmel kleiner Krebse sieht Arndt die Hockenden um uns herum an. Wendet mir das Gesicht zu und wiederholt seinen Satz. Ein hart gewordenes Gesicht, nahezu grausam scharf. Als wäre ihm das Gewebe unter der Haut bis auf die Schädelknochen weggeschmolzen.
„Wir können es umdrehen“, wiederholt er also. „Die eigentliche Katastrophe ist, daß Patmos invertierbar ist. Ein Naturgesetz, Herbst, glauben Sie mir. Wir sehn’s doch immer wieder.“ Und er zitiert, den Hölderlin verkehrend: „Wo das Rettende aber, wächst auch Gefahr.“ Daraus bereits tönt sein Hohn, zumal er hintansetzt: „Denken Sie nur an den Assuan-Staudamm. Genesis einsachtundzwanzig! Nutzwald und Nutzvieh. Und jetzt auch noch das Gendern. Alles sooo gut gemeint. Doch was geschützt werden soll, geht daran unter. Menschlichkeit und Diversität.“
Ich kann ihm nicht ganz folgen. Bin sowieso abgelenkt. Das Wasser suppt schon hoch zu den Waden. Wieso bleiben die Leute am Boden hocken, anstelle sich möglichst .aufzurecken? W o l l e n die ertrinken? In dieser Brühe auch noch?
„Ja“, hör ich wieder Arndt, „ich weiß, was Sie einwenden wollen. Die Neuexegese des biblischen Textes… „
„Bitte was?“ werfe ich ein, tatsächlich verwirrt.
„Na 1980, Bartholomeus, dem Franziskus dann – aber fünfundzwanzig Jahre später! – in der Auslegung folgt, mit ‚untertan machen‘ sei ‚treuhänderisch verwalten‘ gemeint, also der verantwortliche Umgang mit der Natur, sie als das Mündel des Menschen. Und nun schaun Se mal zum Klimagipfel!“
„Batholomeus?“
„Das fragen Sie nicht im Ernst! – Konstantinopels Patriarch.“
„Und Franziskus ist der Papst.“
„Waschmaschine.“
„Bitte?“
„Der Kandidat hat eine Waschmaschine gewonnen.“
Statt allfällig Tusch! ein nächstes Krachen des Fensters. Da schreit nun doch wer auf, eine Frau. Das darf ich aus Gründen der Correctnes nicht sagen. Ich darf auch keine mir Fremden mehr fragen, woher?, sei’s auch aus Interesse des Herzens.
„Aber wieso ‚Gender‘?“ frage ich deshalb
„‚Macht euch die Erde untertan‘ bereits | war Abkehr von der Biologie, und uns Modernen, als wären wir biologisch schon nicht mehr, wird aus dem Bios, also dem Leben, das Schimpfwort ‚biologistisch‘. Es gibt Katastrophen, die wir gar nicht mehr merken, so tief schon stecken wir drin. Und merken wir sie, dann ist es zu spät.“ Er schlägt flach gegen seinen rechten Oberschenkel, als wäre es nicht der, sondern sein Gewehr, imaginär. Es dürfte von Kerben bereits übersät sein, jede für einen Erschossnen.
Das Wasser hat den Stuhlsitz erreicht. Immerhin sind Hockenden jetzt wieder hochgekommen. Doch es irritiert mich, wie sehr sie immer noch auf den korrekten Sitz ihrer FFP2-Masken achten. – „Ich bin ein Teil von jener Kraft“, zitiert Arndt den Mephisto und erläutert kalt: „Auch das muß umdrehen, wer das gesamte Unheil von Wokeness nur irgendwie verstehen will, ihre geradezu klassische Tragik. Die Leute meinen’s ja wirklich gut. Und entfremden die Menschen aber total. Sie enterden sie. Der Kapitalismus ist dagegen ein Witz. Denn worauf, Herbst, läuft diese Entkopplung hinaus? – Nun?“ Er ist unsäglich arrogant, geradezu triumphierend. „Auf die entnaturierte Fortpflanzung! … gentechnischen, programmierten Retortennachwuchs, der bei Geburt, wenn es gerecht zugehen soll, un- oder zweigeschlechtlich sein muß, damit sich der Mensch später aussuchen kann, ob er Weibchen werden will oder ein Männchen, irgendwas darüber hinaus oder drunter. – ‚Nature strikes back‘ sag ich da nur.“
In diesem Moment birst die Scheibe. Es ist ein ungeheurer Krawall. Und das Wasser stürzt sich auf uns, über uns alle. Wer Glück hat, den zieht eine ebbende Welle nach draußen, da kann man wenigstens schwimmen. Hier und da seh ich Köpfe und ins Wogen schlagende Arme, höre Hilferufe, Prusten, Geheul. Und überall schwimmen diese Masken, weiße meist, einige schwarze und hin und wieder farbige, auch witzige mit Grinsemund. Sie gehen einfach nicht unter, die Masken, treideln, trudeln, tanzen auf Wellen – ja, sie raven.
Als wieder die Espressomaschine zischt, schüttel ich die Apokalypse kurz von mir ab und bitte um die Rechnung. Doch niemand mehr ist hier.

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ANH, 3 November 2021
Berlin
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Fotografien
(©):
Café Bar Sigismondo | Wikipedia

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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