Kriegskrank nun auch ich, eher aber trifft „gelähmt“. Das Weiterhinnichtarbeitenkönnenjournal des Dienstags, den 22. März 2022. Fast nur noch Ukraine.

[Arbeitswohnung, 9.25 Uhr
Kinderrufen vom Pausenhof. Sonne.]

Daß mir ein Frühlingsanfang, noch dazu ein solcher, einmal keine Freude oder nur so geringe würde bereiten, hätte ich niemals geglaubt. Im Thälmannpark, jetzt schon, sind die Kirschblüten aufgesprungen, die von Mord nichts wissen, schon gar nicht vom Morden in der Ukraine, an das zu denken ich nicht wegkomme, so daß ich über nichts anderes mehr schreiben kann, will ich nicht komplett erlahmen.
Es sind Arbeiten dringend zuende zu stellen, es gibt Fristen, nicht nur solche, die mich selbst betreffen; Elfenbein kündigt die Neuerscheinung der Verwirrung des Gemüts jetzt mit Mai an, und ich sehe auch da nicht, wie das einzuhalten ist; für Arco ist das Nachwort zu Gerd-Peter Eigners nachgelassenem, nun endlich erscheinendem Der blaue Koffer zu verfassen, ich schaffe täglich, wenn überhaupt, dreivier Sätze und mehr nur, wenn ich ein Zitat einkopiere. Eine Coronahilfe von vor anderthalb Jahren ist abzurechnen, auch das krieg ich nicht hin, um von der Wiederaufnahme der → Videoserie zu schweigen. Fast alles, was mit meiner und überhaupt Literatur zu tun hat, kommt mir banal, luxuriös, unsinnig und manchmal sogar zynisch vor, sinnlos in jedem Fall. Ich höre nicht einmal mehr, oder kaum noch, Musik, bin vorgestern sogar der → Verdipremiere ferngeblieben, obwohl ich eine Pressekarte hatte. Jetzt werde ich einen Entschuldigungsbrief schreiben müssen, was ich schon gestern tun wollte und ebenfalls so wenig zuwege bekam wie den Brief → an Andreas. Nämlich gar nicht. Das einzige, was ich noch vermag, ist, dauernd die neusten Nachrichten zu lesen und gegen den Kriegseintritt der NATO anzuschreiben, also den unsern. Ich träume davon schon, sah heute nacht zum letzten Mal meinen Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी. Es tat einen ungeheuren Knall, dessen Wirkung so groß war, daß ich nicht einmal erwachte. Erinnre mich erst jetzt. Ich trug Gefechtsuniform, also Tarndress. Aber selbst da noch Krawatte. Dann warn wir tot.
Nein, ich habe davor keine Angst, nicht um mich selbst. Ich hab eh ein zweites Leben, nach dem Krebs, der, so gut die Werte auch sind, womöglich besiegt noch nicht ist. Auch darauf kommt es nicht an. Was mir Sorge bereitet, ist das Leben meiner Liebsten, das ich nicht geopfert sehen will. Ich will meine Kinder nicht leiden sehen, Punkt. Dabei kann ich mir gut – also schlecht – vorstellen, daß ich, ging‘ es nur um mich, ebenfalls nach dem Kriegseintritt rufen würde, um das Gemetzel zu stoppen, jedenfalls das Gefühl zu haben, es zu tun oder zu versuchen doch. Auch wenn ich wüßte, daß Krieg auf Krieg keine Antwort ist, sondern ihn perpetuiert. Was wir Menschen immer wieder sehen. Manchmal bleiben uns einige Jahrzehnte, in denen er ruht, um sich gegen den Frieden zu wappnen. Dann wacht er, und bedrohlicher noch, waffenstarrend wieder auf.

Die → Dämonisierung des Gegners → schreitet voran[1]Lawrow einen „Aristokraten der Apokalypse“ zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym „Severyn Korab“ schreibende ukrainische … Continue reading, selbst Biden warnt nun, in diesem Zusammenhang nachvollziehbarerweise und so wahrscheinlich auch nötig, mit „einer starken Reaktion der NATO“. Die Spirale dreht sich und dreht sich, schraubt sich und schraubt sich hinauf. Was ich völlig vergaß – daß vor der letzten Eskalationsstufe noch, der der atomaren Schläge, die biologischen Massenvernichtungswaffen stehen, die abermals an → thanatische Ursachen denken lassen, denn von solchen Mitteln des Krieges bliebe Rußland-selbst nicht verschont und Belarus schon gar nicht. Thanatos als Messias, doch nicht einmal der, der er, mit Hypnos verbunden, s a n f t das ewige Zuende gibt – sondern die

Keren in dunkler Gestalt, mit weißen Zähnen erklirrend,
Grass, und düsteres Auges, und blutbesprengt, und unnahbar,
Hatten um Fallende Zank: denn jegliche wollte begierig
Trinken das schwarze Blut; und erhaschte sie einen gestreckten,
Oder an frischer Wund’ hinfallenden, schleunig um diesen
Schlug sie die mächtigen Klaun; und es fuhr die Seele zu Aïs,
Tief in des Tartaros Schauer hinab: war ihnen das Herz nun
Satt des Menschenblutes, zurück dann warfen sie jenen,
Wandten sich um, und durchstürmten der Feldschlacht Lärm und Getümmel.[2]Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß

Lesen Sie nur, o Freundin, diese Conclusio des Pulitzer-Preisträgers Chris Hedges[3]Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs“theoretiker“ aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia: → Waltzing to Armageddon[4]Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt … Continue reading; soeben schickte mir Schelmen-
zunft
den Link:

(…) Germany, for the first time since World War II, is massively rearming. It has lifted its ban on exporting weapons. Its new military budget is twice the amount of the old budget, with promises to raise the budget to more than 2 percent of GDP, which would move its military from the seventh largest in the world to the third, behind China and the United States. (...) NATO battlegroups are being doubled in size in the Baltic states to more than 6,000 troops. Battlegroups will be sent to Romania and Slovakia. Washington will double the number of U.S. troops stationed in Poland to 9,000. Sweden and Finland are considering dropping their neutral status to integrate with NATO.
This is a recipe for global war. History, as well as all the conflicts I covered as a war correspondent, have demonstrated that when military posturing begins, it often takes little to set the funeral pyre alight. One mistake. One overreach. One military gamble too many. One too many provocations. One act of desperation. (…)
The Dr. Strangeloves, like zombies rising from the mass graves they created around the globe, are once again stoking new campaigns of industrial mass slaughter. No diplomacy. No attempt to address the legitimate grievances of our adversaries. No check on rampant militarism. No capacity to see the world from another perspective. No ability to comprehend reality outside the confines of the binary rubric of good and evil. No understanding of the debacles they orchestrated for decades. No capacity for pity or remorse.[5]Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und … Continue reading

Und aber hier rufen jetzt schon so v i e  l e: „Mitmachen! Mitmachen!“ Und berufen sich, mehr oder minder direkt, auf die militärische – und aber eben in einem Weltkrieg – Befreiung von der Hitlermonstrosität. Also denken sie den Weltkrieg schon mit, nähmen ihn zumindest inkauf, um von der atomaren Bedrohung ganz zu schweigen. — Nein, ich stehe nicht, und stand da noch nie, auf Seiten Putins. Ich rufe weiterhin: „Миру Україні!“ Und wünsche mir Putins, Lawrows und all der andern Verbrecher Ende. Nur arbeiten, arbeiten kann ich nicht. Nicht anders jedenfalls, als gegen diese Bedrohung anzuschreiben und mich ihr täglich, stündlich, minütlich zu stellen. So gesehen, bin kriegskrank nun auch ich, anders aber → als jene.

Entspannung, ein bißchen, geben mir die wenigen Treffen mit लक्ष्मी, meinem Sohn und der Familie, mit den Freunden; dann komme ich momentlang aus der Schwärze heraus, manchmal etwas länger. Und kann dann sogar lachen. Die Schwärze aber frißt mich auf, frißt meine poetische Leidenschaft auf, wahrscheinlich auch meine Fähigkeiten oder, becheidner, mein Talent. Denn sie schließt mich von aller Begeisterung aus. (Gegenüber den Leiden der bombardierten Menschen ist das ein Pups, das ist mir wohl bewußt.)

Ihr ANH
11.50 Uhr. Der Amselhahn singt.

References

References
1 Lawrow einen „Aristokraten der Apokalypse“ zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym „Severyn Korab“ schreibende ukrainische Autor – oder die Autorin – typisiert, und zwar säkularmythisch. Es entsteht die Figur eines sozusagen technokratischen Vampirs, nicht eines Menschen.
2 Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß
3 Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs“theoretiker“ aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia
4 Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt in der Krieg bevorzustehen droht: daß der noch begrenzte Schrecken zu einem in jedem Sinn unbegrenzten würde.
5 Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und es wurde versprochen, den Etat auf mehr als 2 Prozent des BIP zu erhöhen, was das Militär von der siebtgrößten in der Welt auf die drittgrößte Position hinter China und den Vereinigten Staaten bringen würde. (…) Die Größe der NATO-Kampftruppen in den baltischen Staaten wird auf mehr als 6.000 Mann verdoppelt. Gefechtsverbände werden nach Rumänien und in die Slowakei entsandt. Washington wird die Zahl der in Polen stationierten US-Truppen auf 9.000 verdoppeln. Schweden und Finnland erwägen, ihren neutralen Status aufzugeben und sich in die NATO zu integrieren.
Dies ist ein Rezept für einen globalen Krieg. Die Geschichte und alle Konflikte, über die ich als Kriegsberichterstatter berichtet habe, haben gezeigt, dass es oft nicht viel braucht, um den Scheiterhaufen in Brand zu setzen, wenn das militärische Getue beginnt. Ein Fehler. Eine Übertreibung. Ein militärisches Wagnis zu viel. Eine Provokation zu viel. Ein Akt der Verzweiflung. (Übersetzung: deepl)

1 thought on “Kriegskrank nun auch ich, eher aber trifft „gelähmt“. Das Weiterhinnichtarbeitenkönnenjournal des Dienstags, den 22. März 2022. Fast nur noch Ukraine.

  1. Im Namen der Zukunft: Vergeltsgott!
    Ich freue mich und bin stolz, dass ein deutscher Autor Zeugnis ablegt und die Zeichen der Zeit nicht nur erkennt, sondern auf den Punkt bringt: das Drohende wie das Rettende! Ödön von Horvath sagte, Schlimmstes ahnend: Nichts gibt uns so ein Gefühl von Ewigkeit als Dummheit! Das Virus der Dummheit grassiert weltweit als Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit, wie ein anderer Kluger geschrieben hat!
    Stay Sound & keep the Vision!
    Werner

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