Ein Abend Pause von dem Krieg – hier. Das Nichtarbeitsjournal des Freitags, den 25. März 2022. Mit Endre Kukorelly im Collegium Hungaricum, Berlin. Dazu von Hummel der ungeklärte Wein.

[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
Der Amselhahn, in Ferne eine Krähe]

Daß ausgerechnet enge hochgebildete und sensible intellektuelle Freundinnen und Freunde für den Kriegseintritt sind und also den Atomkrieg riskieren wollen, macht mich zunehmend ratlos („Wir werden dann schon sehen, wie weit Putin geht …“). Dazu hier noch einmal Christopher Daases → ungemein wichtige Einlassung in der FAZ. Im Gegensatz dazu scheinen diese Menschen zu meinen, wer gegen einen Kriegseintritt sei, wolle allein | sich sein oder ihr wohlstandsluxuriöses Befinden nicht stören lassen oder gar, so ja → neulich schon Keuschnig, die Opfer interessierten sie nicht. Es ist schon infam. Was psychodynamisch in diesen Leuten zu wirken scheint, habe ich ebendort gemutmaßt und mag es nicht wiederholen. Nur, daß der – berechtigte – moralische Druck für sie unaushaltbar ist, offenbar, möchte ich noch einmal betonen. Soeben heute früh las ich erneut solch eine Stellungnahme und zitiere sie ohne die – weibliche – Quelle anzugeben; es geht mir nicht darum, Menschen bloßzustellen, ich achte sie weiter; ihre Haltung hier indes finde ich nicht nur falsch, sondern extrem gefährlich:

Sich aber so gegen einen Präsidenten zu stemmen, der vorpreschen mag, damit aber eben auch ein absolutes Bekenntnis für die Kolleginnen und Kollegen der Ukraine ausspricht, dem ich vollkommen beipflichte, ist unerträgliche, ständige Selbstbeschäftigung. (…)
Und sich auf eine Charta des Friedens zu berufen … ist auch schnell sich berufen auf ein Stillhalten und Frieden schaffen unter allen Umständen und das ist dann wieder mit Regimen umgehen, die unerträgliche Verbrechen begehen eben genau gegen diese Freiheiten, die wir so hoch halten, ist wieder Dissidenten „kreiieren“, aufnehmen in PEN Appartements rund um den Globus, weil sie um Leib und Leben fürchten, gerade so noch mit dem Geist davongekommen sind.

So beginne ich also doch erneut mit dem Krieg und wollte doch von einer inneren imaginären Gefechtspause schreiben. Jedenfalls ist mir zu bekunden wichtig, daß solche Stimmen meine ganze Symathie haben, auch wenn ich ihr, der Stimmen, Gegner bin – in diesem einen Bereich. Einen Atomkrieg zu riskieren, fügte der bereits wirkenden Schuld – daß wir den Verbrechen wie hilflos zusehen müssen (bereits sie zu dulden, ist Schuld) – eine noch grenzenlos umfassendere zu, nämlich, sollte die Ukrainekatastrophe sich in einen solchen ausweiten. Sie würde, diese unsere Schuld, zu einer nicht „nur“ an Millionen, sondern auch an der Zukunft zahlloser Generationen werden. Wir hätten dann, wie Putin es für Rußland tut, gesagt: Wenn die Ukraine untergeht, sollen alle andern – „alle“ meint den Großteil der Welt – mit untergehen. Daß ausgerechnet Intellektuelle das nicht begreifen, ist es, was mich, schriebe ich nicht täglich dagegen an, einfach nur verstummen ließe.

Probehalber formulierte ich gestern:

In diesen Krieg einzugreifen, ist moralisch absolut geboten,
doch ethisch ein Verbrechen.
[1]Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Es ist mit blutendem Herzen nicht leicht, moralisch auch zu denken, ist sogar s o schwer, daß Menschen sich, die es tun, selbst als kalt empfinden, nicht nur von andren so empfunden werden. Doch auch das ist auszuhalten, ebenso wie die Erkenntnis, daß der Satz, Angst sei ein schlechter Ratgeber, falsch ist. Das Tier, das Angst hat, flieht. Tut es das nicht, wird es gerissen. Die Angst (präzise wäre „die Furcht“) vor dem Atomkrieg ist nicht „nur“ berechtigt, sondern erhält unsere Art, auch dann, wenn sie, wie gegenwärtig, einer widerwärtigen Erpressung dient. Daß mit Erpressern nicht verhandelt werden dürfe, nimmt inkauf, daß alle in das Höllenfeuer kommen.

***

Selbstverständlich war das, aber eben nur „am Rande“, auch gestern abend im Collegium Hungaricum ein Thema, wo → Endre Kukorelly seinen auf Deutsch bei Arco erschienenen Roman → „Elfental oder Über die Geheimnisse des Herzens“ vorstellte und vorstellen ließ. Ich war dabei, nachmittags bereits war mein Verleger Haacker mit einem Übersetzerfeund, → Eberhard Schreiber, zum Vorweintrunk vorbeigekommen, dann aber allein, also zu zweit, zum Hungaricum aufgebrochen, weil ich das Fahrrad nehmen wollte. Was ich halt auch tat.
Aus Kukorellys Roman hatte ich ihn schon → auf der Buch Wien lesen hören; anders als gestern war seine → Übersetzerin Zádor dort lediglich als Dolmetscherin der Gespräche aufgetreten; da hatte ich sie nicht sonderlich gemocht. Gestern, da sie nun selbst aus ihren Übersetzungen – teils in einem wunderbar getakteten Wechsel mit dem Verleger  – las, änderte sich das komplett; nachher standen wir plaudernd draußen und rauchten. Drinnen  floß noch der Wein. Denn  es ist ein, ich schreibe mal, Clou dieser neuen, „Literarische Weinlese“ genannten Veranstaltungsreihe, daß Präsentationen von Büchern mit jeweils der eines Winzers verbunden werden, der dazu auch ausschenkt. Hier nun war es der Rechtsanwalt Horst Hummel, der in Ungarn sein Weingut „biodynamisch“ betreibt. Seine Erläuterungen waren ein wenig, bezogen dabei auf Planck, esoterisch und hätten mich wohl lächeln lassen, wäre der Wein nicht so gut. Das jedenfalls läßt sich sagen, daß die Anthroposophie, auch wenn sie zwecks Düngung zu halbjahrs vergrabenen, dann wieder gehobenen Kuhhörnern greift, den Gärungsprozessen nicht schadet. Besonders der erdbeerfarbene Pétnat tat „es“ mir an.
Unterm Strich war ich erstaunt, wie gut diese Kombination aus Weinverkostung und literarischem Vortrag funktioniert, vor allem wenn die Lesung ähnlich „spritzig“ sowohl moderiert als auch gehalten wird. Haacker hat ein ungemeines Talent, die andernorts oft eher mühsamen Interviewparts solch einer Präsentation im Wortsinn spritzig zu halten, schon weil seine Fragekultur ausgesprochen gezielt und auch scharf sein kann. Und Kukorelly ist eine Erscheinung – was sich in seinem Text widerspiegelt und in der Art, Themen zu verklammern. Da ich das Buch außer der vorgelesenen Passagen, wenigen also, noch nicht kenne, möchte ich hier nur den ersten und den letzten Absatz zitieren:

A.a. Ich träume nicht von meinem Vater. So oft denke ich gar nicht an ihn, so oft fällt er mir gar nicht ein, und wenn ich aus irgendeinem Grund doch an ihn denke, erinnere ich mich nicht richtig. Die Erinnerung wendet sich weg, bewegt sich fort, geht weite, sondert sich ab. Sondert sich nicht ab. Mir fallen allerlei merkwürdige und langweilige Dinge ein, ebenso merkwürdige und langweilige nicht, mag sein, daß es einfach so ist.

Und vierhundertneunundsiebzig Seiten später:

Jedenfalls ist er gespeichert, und das bleibt auch so, mein Vater ist gespeichert, das ist alles. Er fällt mir nicht ein. Ich habe ihn so gespeichert, daß er mir nicht einfällt, und wenn er mir doch einfällt, dann schleicht er sich langsam von dort weg. Langsam weg, auf andere, verzweifeltere Dinge zu.

***

Gegen 23 Uhr radelte ich heim. Nun zurück an die Arbeit, Freundin. Da ich mich anders nicht konzentrieren kann, werde ich wohl eine Lexotanil schlucken, besser erstmal nur eine halbe. Sonst hindert mich der Krieg ein nächstes Mal daran fertigzustellen, was fertigzustellen unbedingt ist – weniger meinet-selbst als andrer Menschen wegen.

Ihr ANH

References

References
1 Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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