Б у ч а. | Und wir selbst? Im Krieg? Seien gefeit? Oder täte so auch ich?

Arbeitswohnung, 13 Uhr]

[Arbeitswohnung, 13 Uhr]

Die Rufe, fast schon Forderungen nach einer militärischen Intervention werden immer lauter, die heldische Sprache übernimmt die unsres Alltags; warnen tun alleine die, die schon Krieg erlebten. Bei den ältesten brechen fast schon vergessene Traumata neu auf, doch viele Jüngere geben sich martialisch bereit. Ohne daß sie es wahrscheinlich sein sollen, werden die Entsetzensbilder aus Butscha zu Kriegspropaganda – obwohl die → dort angefügte Liste so vieler Massaker, wie ich recherchieren konnte, aufzeigt, daß es Kriege ohne sie nicht gibt, nicht einen. Das Wort schon – „Kriegsverbrechen“ – ist ein Pleonasmus. Auch Bilder von gedemütigten gefangenen russischen Soldaten gehen um die Welt. Zu Butscha selbst → erzählt eine Zeugin, zu Beginn der Besatzung seien vorwiegend junge Soldaten da gewesen, die sie um Lebensmittel für ihre Kinder und sich gebeten habe, und sie hätten ihr aus den eigenen Rationen zu essen gegeben sowie sie vor dem → ФСБ gewarnt. „Es waren Russen, die das über Russen gesagt haben.“ Tatsächlich seien dann ältere Kämpfer gekommen, nicht in den Uniformen des russischen Soldaten, sondern in schwarzen und dunkelgrünen. „Und dann begannen die Massaker.“
Das klingt nach Planung. Doch gilt das für Kriegsmassaker allgemein? Wohl eher nicht. Die GIs von Mỹ Lai waren oft junge Männer, die Bob Dylan liebten, mit quasi dessen Liedern auf den Lippen sie fünfhundertvier Menschen – Frauen, die zuvor vergewaltigt wurden, Männer und Kinder – umbrachten, von denen niemand bewaffneten Widerstand leistete, sowie sämtliche Tiere. Die Soldaten waren in einen Blutrausch geraten, auch die zivilisiertesten unter ihnen. Was ist in ihnen vorgegangen, brach sich durch sie Unheilsbahn?
„Angreifer und Verteidiger, Täter und Opfer werden in wenigen Tagen zu anderen Menschen“, → erklärt Jörg Barberowski. Wozu würden – griffen wir in den Krieg ein – wir? Niemand, niemand kann es sagen. Bei der Polizei gilt die erste Tötung eines Menschen, gerade auch eine aus Notwehr, als schockiernde Erfahrung, die therapeutisch behandelt werden muß. Wie dann erst, wenn wir tagtäglich töten, Hunderte?

Ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit, bzw. frühen Jugendzeit. Damals war ich ein ängstlicher Bursche, der viel gehänselt und im Schnitt jeden zweiten Tag verprügelt wurde, ohne daß ich mich wehrte. Ich ließ es einfach geschehen, bis der Trupp der andern höhnisch abzog. Das mochte mein Großvater nicht länger mit ansehen. Er gabe mich in eine Judo- und Allkampfschule. Es war nicht leicht für mich, doch als ich erste Würfe und auch die Handkanten einsetzen konnte, begann es Spaß zu machen, gab mir Selbstbewußtsein. Bei dann wieder einer Attacke auf mich, also in der Schule, schlug ich zum ersten Mal zurück. Bekam einen Faustschlag ins Gesicht und setzte meinerseits die Handkante ein. Der junge Gegner ging zu Boden. Doch ich, anstatt es dabei zu lassen, hockte mich auf ihn und schlug nun gleichfalls mit der Faust. Gleichfalls ins Gesicht, doch seines. Ich schlug und schlug, war nicht mehr bei mir, war im Blutrausch.
Es ist den andern Jungens zu verdanken, daß ich das längst schon blutüberströmte Antlitz nicht im  Wortsinn zu Brei schlug. Mit vereinten Kräften zerrten sie mich von dem Besiegten herunter. Ich tobte weiter, aber zu viert oder fünft waren sie stärker und hielten mich fest, bis ich allmählich zur Besinnung kam. Und unvermittelt begriff, daß ich meinen Gegner, hätte niemand eingegriffen, zu Tod geprügelt hätte – und daß ich es genossen hatte. So weiß ich, daß ich töten könnte. Menschen töten.

Wie wär es aber da im Krieg? Töten könnnen, ja. Aber würde auch ich zu den Meuchlern von Butscha gehören? Das ist, was ich nicht weiß.

Weiß es von sich denn irgend jemand auf der Welt, der im Krieg noch nicht war? Wissen es die, die mich jetzt feige oder winselnd nennen? Oder die, die eine mililtärische Intervention fordern? (Abgesehen davon, daß sie kaum selber kämpfen würden, weil an der Waffe meist nicht ausgebildet und wohl auch schon zu alt, mit Herzproblemen, wehem Rücken und schlimmem, schlimmem Heuschnupf, der sie quält.)

Dies schrieb ich vorhin → auf einen Einwand Gogolins als Antwort:

_________
ANH
, 16.57 Uhr

 

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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3 Antworten zu Б у ч а. | Und wir selbst? Im Krieg? Seien gefeit? Oder täte so auch ich?

  1. Sie machen hier eine wichtige Arbeit. Ihre Berichterstattung im Dschungel-BLOG wird, mit all Ihren Fragen, Verweisen und Warnungen, selbst zu einem Dokument dieses furchtbaren Krieges. Und wird, über die dokumentarische Funktion hinaus, wertvoll vor allem auch, weil Sie hier nicht n o c h e i n e Meinung verbreiten, sondern im Sturm all der wechselnden Meinungen eine der seltenen Stimmen der Vernunft sind.

    Was sich dabei nicht verhindern lässt, das ist der Charakter solcher Berichterstattung. Wie nachdrücklich man auch mit dem erklärten Ziel angetreten ist, die W a h r h e i t zu sagen, was man aufzeichnet, es wird zwangsläufig doch zu einer ‚Thanatographie‘, wie Bernd Mattheus es nannt, einer ‚Schrift des Todes‘.

    Dank für dieses schwierige Unternehmen.

    • Das ich so rasend gerne als eine „Schrift des Lebens“ verstanden wüßte, eine „Zoëgraphie“ – die ohne den Tod selbstverständlich nie sein könnt‘, ohne den Krieg vielleicht aber schon. Leise gesagt, wär das die Hoffnung. Diese, selbst jetzt, stirbt zuletzt.

  2. franzsummer sagt:

    Da stimme ich: es gibt kaum einen Ort im Internet, wo man eine abweichende Meinung bzw. Bedenken äußern kann, die dann auch veröffentlicht werden. Nur darum beteilige ich mich hier so eifrig.
    Diese andauernden zusätzlichen Waffenlieferungen an die Ukraine verlängern nur das Leiden des ukrainischen Volkes. Die Russen werden auf keinen Fall eine Niederlage in einem konventiellen Krieg hinnehmen. Es wird immer schlimmer werden. Das erfüllt dann jedoch möglicherweise, was Lawrow und Putin schon mehrfach betont haben: in ihren Augen ist eine „existenzielle“ Gefahr Russlands ein Recht Nuklearwaffen einzusetzen.
    Warum sucht man nicht den Weg für Putin den Krieg zu beenden ohne eine Atombombe abzuwerfen bspw. über Kiew?
    Darf man das sonst noch irgendwo fragen? Nein. In den Medien nur Kriegsgeheul, sorry. Darum begrüße ich hier Stimmen wie heute „https://dschungel-anderswelt.de/20220407/ist-neutralitaet-die-beste-option-fuer-die-ukraine-von-yanis-varoufakis-diem25/“

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