Die rhetorisch bizarre Logik des Kriegs.

Wenn ein Solidaritätskonzert für die Ukraine nicht auch von russischen Künstlerinnen und Künstlern mitgestaltet werden darf, bedeutet dies, russische Künstlerinnen und Künstler s o l l e n mit der Ukraine nicht solidarisch sein. Entweder wird ihnen ihre Solidarität nicht geglaubt (sie tun nämlich nur – weil alle böse sind „von Natur“ – als ob), und wenn sie ihnen doch geglaubt wird, dann soll sie auf keinen Fall öffentlich werden, um das Kriegsnarrativ vom russischen-Bösen-an-sich nicht zu stören. Um es bizarr zu sagen: Sie sollen nicht sein d ü r f e n.

Noch toller aber, allein schon semantisch, ist es mal wieder im → „Fall“ des Teodor Currentzis:

Die Wiener Konzerthausgesellschaft → teilt mit Bedauern mit, dass das für den 12. April 2022 geplante Benefizkonzert mit musicAeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis nicht stattfinden wird. Mit der Absage dieses Konzertes respektieren wir den Wunsch des Ukrainischen Botschafters in Österreich, bei Benefizkonzerten zugunsten der Ukraine von der Involvierung russischer und Künstler abzusehen.

Der Konzerthausgesellschaft „Bedauern“ wäre leicht zu vermeiden gewesen, hätte sie das Konzert stattfinden l a s s e n und dem gräßlichen „Wunsch“ des ukrainischen Botschafters, nämlich der kriegsvölkischen Linie, den Stinkefinger gezeigt wie auch der der — hoffentlich nur vermeintlichen – Öffentlichen „Meinung“. Schon das „Bedauern“ also ist eine — Lüge.

***

(Ich fürchte, das Folgende hinzusetzen zu müssen: Dieser russische Angriffskrieg und seine Menschenrechtsverbrechen sind widerlich. Er darf in keinem Fall unwidersprochen bleiben. Nur daß sich aus der obigen Logik ergibt, daß, wer sich für russische Künstlerinnen und Künstler einsetzt, die diesen Krieg ebenfalls verurteilen … – daß also auch der nicht mit den ukrainischen Menschen solidarisch sein darf. Das Dumme ist nur, daß er’s ist. Und was er Putin wünscht, und seiner Entourage, ist → das. Daß die Welt derart komplex ist, kann er, der Krieg, nicht ausstehn.)

2 thoughts on “Die rhetorisch bizarre Logik des Kriegs.

  1. Scheinbar soll etwas eingebläut werden, das dem putinschen Diktum, der Westen wolle die russische Kultur auslöschen, entgegenkommt. Sehr widerspruchsvoll, es geht dabei tatsächlich nur noch um Nationalismen. Sackgassen, die nirgends hinführen, ohne auch nur mit ihnen sprechen zu wollen (Celan). Aber es sterben Ukrainer. Unabgeholte tote Russen auch, wie’s heute heißt. Eine Art Duell wie bei Puschkin, einem russischen Imperialisten, wie er anhand einer seiner Gedichte vor nicht langer Zeit entlarvt wurde. Aber ich tauge nicht für Analysen, scheue vor ihrer Komplexität zurück und bedaure einfach auch nur dieses: https://www.unionesarda.it/de/kiewer-diktat-an-ukrainische-tanzer-bringen-sie-tschaikowsky-nicht-auf-die-buhne-abgesagt-der-quot-schwanenseequot-in-zwei-italienischen-kinos-j77f5dr1

  2. Wohl schon im 18. Jahrhundert entstand ein Satz; „Wer Rom nicht hassen kann, kann nicht die Deutschen lieben“ , las ich irgendwo, nit dem man den Nationalismus erklären kann, möglicherweise noch von Hermann, dem Cherusker überliefert. So wurde Nationalismus überhaupt damals erklärt.
    Wir haben eine heutige Variante.
    „Wer Moskau micht hassen kann, kann nicht die Ukrainer lieben“. Es ist Nationalismus der reinen Form.

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