Mein erstes MDMA. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 24. Mai 2022, das ein bißchen vom 23. erzählt.

[Arbeitswohnung, 9.37 Uhr
Kinderrufe vom Kollwitzschulpausenhof]
Abgesehen davon, daß ich noch immer ein bißchen wie bekifft bin, war die einzige Wirkung, die das auf die Zunge gestupste, für meine Geschmacksnerven angenehm bittre → Kristallchen auf mich, bzw. meine psychische Matrix hatte, daß ich erst um halb neun aufwachte, wiewohl sich der iPhone-Wecker durchaus schon um sechs gemeldet hatte, woraufhin ich, ich erinnre mich genau, die Schlummerfunktion aktivierte, so daß der Weckerton von da an bis eben um halb neun alle acht Minuten erklungen sein muß, aber von mir nun schlichtweg überschlafen wurde.
Halb neun, meine Güte, das hat’s, soweit ich mich erinnre, seit Jahren nicht gegeben! Und bringt jetzt meinen Tagesplan durcheinander, schiebt alles, was ansteht, quasi nach hinten. — Ansonsten aber merkte ich n i c h t s. Das ist ein bißchen enttäuschend. Doch w ä h  r e n  d ich nichts merkte, war es das noch nicht, sondern ist’s eben erst jetzt, da ich wach bin und freilich noch immer ein bißchen benommen – was freilich auch am Nachwirken des genossenen Alkohols liegen kann.
Andererseits war es der erste Schritt in eine Welt, die kennenzulernen ich mir nach der → Krebs-OP ohnedies fest vorgenommen hatte und weiterhin kennenlernen will: die der Drogen. Es kann nicht angehen, daß ich von dieser Welt auf- oder meinethalben orkuswärts hinabfahre, ohne möglichst jede, die mir zugänglich wird, kennengelernt zu haben. Auf einige werde ich allerdings verzichten müssen, etwa auf Pilze, weil sie, um Wirkunng zu entfalten, einen Magen brauche; den hab ich bekanntlich nicht mehr. Die Vornahme selbst indes gilt mir fast als ein Imperativ: derartige Erfahrungen gerade als Künstler nicht zu zu haben, wäre ein Lebensverbrechen. Wobei ein Anlaß sicher a u c h war, daß sich, seit ich die sehr hilfreichen THC-Tropfen ärztlich verschrieben bekomme, meine inneren Rezeptoren geöffnet haben und meine Sinne nun auch für gerauchtes Cannabis empfänglich sind. Das ist über Jahrzehnte nicht so gewesen. Zwar probierte ich’s gelegentlich mal, aber eine Wirkung blieb stets aus. Jetzt kann’s passieren, daß mich bereits fünf Tropfen auf einen tatsächlich halluzinogenen Trip schicken. Hielte ich mich an die mir empfohlene Dosierung, 3 x 7 Tropfen täglich, wäre ich dauerbekifft und arbeitsunfähig dann sowieso. Also bin ich mit der Einnahme ausgesprochen zurückhaltend und nutze das Medikament nur, wenn ich merke, den Appetit zu verlieren. Die genannten fünf Tropfen machen mich binnen kurzem wieder geradezu hungrig – und einem weiteren, unbedingt zu vermeidenden Gewichtsverlust ist erfolgreich entgegengewirkt, übrigens noch vor Einsetzen der eigentlichen Drogenwirkung, die meist erst nach zwei bis drei Stunden erfolgt, dann aber schlagartig.
Vielleicht braucht MDMA ebenso Gewöhnungszeit? Ich werd mal mit meinem Sohn drüber sprechen, der sich wahrlich besser als ich in dieser mir neuen Welt zu orientieren versteht. Abgesehen vom Alkohol, den ich bei der poetischen Arbeit aber strikt meide (mit dem ersten Glas Wein lasse ich sie bis zum nächsten Morgen pausieren), sind „meine“ Drogen lebenslang nur Tabak und Musik gewesen, dies beides allerdings exzessiv. Für den Tabak werde ich die große Quittung wahrscheinlich noch bekommen, für eine kleine steht ja bereits der Stent im rechten Oberschenkel. Wobei ich die Rechnung zahlen werde, ohne zu klagen. Es ist der Preis für mein literarisches Werk, also ein bewußt eingegangenes Risiko, ohne das sich ein Berg nicht besteigen läßt, jedenfalls von mir nicht. Bergsteiger laufen nicht, vielmehr klettern nicht nur Gefahr abzustürzen, sondern frieren sich auch die Zehen ab, wenn sowas denn der Preis ist. Der kann es im Höchstgebirge jederzeit sein. Aber von allem, was meinen Geist betäuben oder ihn unklar sein lassen könnte, nahm ich lebenslang Abstand.

Das ist nun anders; jetzt ist die Neugier größer als meine Disziplin und darf es jetzt auch sein. Mir genügt ein Blick auf die Reihe meiner Bücher im  Regal, um mich in dieser Erkenntnis zu bestärken. Zumal mir der andere – mir bis dato allerwichtigste – Rausch, der erotisch-sexuelle, aus einerseits Altersgründen, andrerseits als Folge der Chemo nicht mehr wirklich zugänglich ist, so daß ich einen Ausgleich will. Auch dies, wohlgemerkt, ohne zu klagen. Der Fall ist, was der Fall ist. (Das Wortspiel mit „Ph“ ist leider kaum mehr angemessen; an sich zwar schon, doch lebenswirklich nicht. Indes will die Neugier nicht nur die neuen Erfahrungen haben, sondern auch wissen, wie sie sich auf meine weitere Arbeit auswirken werden. Huxley gelang ja, er mit Mascalin, ein grandioses, von mir schon als jungem Mann bewundertes Buch. Wie also werde ich schreiben nach einer LSD-geführten Reise, wie auf Kokain? Wird zu dichten überhaupt noch ein Reiz sein oder in einer Fuß-, gar Endnote meines Lebens versinken? Nichts ist gesagt, alles ist offen. (Ich halte die „Gefahr“ nicht für groß.) Hinwiederum, daß ich jetzt wieder, nachdem ich mich lange, lange enthielt, ein Arbeitsjournal schreibe – einfach, weil ich ein Thema habe, das es verlohnt –, könnte denn doch eine Wirkung, wenigstens Nachwirkung des MDMAs sein.
Dabei mitgespielt hat freilich auch, daß ich, wiewohl ich dringend arbeiten müßte, den Nachmittag gestern auf dem Balkon einer Freundin verbrachte, aus Anlaß ihres Geburtstags, und statt zu schreiben in der Sonne saß, und daß ich es enorm genoß, den Wegfall meiner Disziplin genoß, mich seelisch einfach treiben ließ. An einem Montag! Und man sah es, Freundin, glaub ich, mir an:

 

 

 

 

 

Nach soviel erfahrenem Lebensglück wird es nun allerdings Zeit, mich wirklich wieder über die Arbeit zu beugen (über den Laptop mithin). Heute will (und werde!) ich die Überarbeitung der „Verwirrung“ fertigbekommen, und muß es auch, wenn das Lektorat rechtzeitig genug erfolgen kann, um das Erscheinen des Buches zur Frankfurter Messe noch möglich zu machen. Deshalb auch noch kein neuer AlleswasdieWeltist-Clip. Dem nächsten, nämlich elften der → fünften Serie, werde ich mich erst morgen, vielleicht auch übermorgen erst zuwenden können, zumal er, als kleiner Variationenzyklus, nicht ohne Komplexität ist, die einige Ideen verlangt.

Aber noch vorher — Sie lesen, Freundin, richtig, ich sitze immer noch im Morgenmantel hier — … vorher muß ich zu Rasur und Zahnputz und Creme, sowie mich endlich kleiden, ARMANI heute und schwarz (der Himmel ist bedeckt), vielleicht mal keine Krawatte, statt dessen ein TShirt und Chucks.

Ihr
ANH
[11.20 Uhr]

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Mein erstes MDMA. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 24. Mai 2022, das ein bißchen vom 23. erzählt.

  1. Nein, LSD hat mit Kokain nichts zu tun. Wenn Sie offen dafür sind und der LSD-Trip gelingt, dann ist es ein transzendente Erfahrung. Kokain ist nur eine starke Droge, die Sie aber gewissermaßen „auf der Erde bleiben“ lässt.

    Kokain kann die Zeit dehnen und dadurch z.B. die Wahrnehmung von Musik stark beeinflussen. Aber falls Sie den Sinn des/oder Ihres Lebens sehen wollen, dann brauchen Sie LSD.

    Man könnte es auch von der Kategorie der Bedeutung her beschreiben. Mal angenommen, Sie hören Casals Bachs Cello Concerte spielen, dann werden Sie unter Kokain vielleicht jede Note einzeln hören und glauben, dass Sie in der Musik herumklettern können. Ansonsten lässt Kokain die Musik unverändert. LSD hingegen gibt der Musik eine andere Bedeutung, vielleicht eine Bedeutung, die Sie erstmals erleben. Und diese Bedeutung stammt nicht von hier. Es ist die Bedeutung, die Sie erfassen, wenn Sie hinter den Spiegel blicken.

    Ich weiß nicht, ob das verständlich ist. Im Grunde braucht man nur LSD, alles andere ist nicht nötig und vielleicht auch suchterzeugend.
    Eine Anmerkung noch zu den Pilzen. Psylocibin gibt es lange schon als Tablette, Sie brauchen da keine Pilze zu futtern. Psylocibin-Tabletten sind von der Dosierung her auch viel besser und genauer. Die Wirkung ähnelt LSD, hält nur nicht so lange an und ist meist sanfter.

    Ein Rat zum Schluss: Nehmen Sie, was auch immer, bitte niemals allein. Es sollte stets eine Person dabei sein, die auf Sie aufpassen und notfalls helfen und beruhigen kann. Ich habe zwar gegen diesen Rat immer verstoßen, aber darum weiß ich auch, weshalb ich ihn für notwendig halte.

    Dann mal einen guten Trip
    wünscht Ihnen Peter Gogolin

    • Haben Sie Dank. – Selbstverständlich würde ich so etwas nicht ohne Aufsicht nehmen (wie es eben auch Huxley getan hat; sein, ich schreibe mal, Supervisor war sein Bruder Julian, der als Biologe nicht minder berühmt war als er, Aldous, als Schriftsteller).

      Psylocibin müßte ich erstmal bekommen (Pilze hingegen wachsen sozusagen in der Verwandtschaft); auch wäre da zu prüfen, ob die Tabletten ohne Magen funktionieren. Aber offen, klar, bin ich dafür.

      Vor Kokain habe ich – als AHSLer – einen Heidenrespekt; es könnte verstärken, was ohnehin Teil meines Temperamentes ist. Dazu kommt, daß mir sowohl mein Sohn als auch लक्ष्मी mehrmals erzählt habe, von dem Zeug werde „das Herz kalt“, es gebe keinerlei Empathie mehr, nur noch Egomanes. Dieser Befund hält mich ebenso ab, wie daß es keine andere Droge gibt, an der so viel Blut klebt. Und Heroin scheidet aus, weil ich es spritzen müßte, wogegen mein Körper instinktiv scharf protestiert.

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