Von Filmen staunend benommen. Eilen Sie! Bis in den November noch: — bei arte Christian Petzolds Werk.

Leider nicht alles, Nina Hoss’ens unfaßbar berührende Barbara fehlt. Aber → in der französischen Boutique von arte geht’s – Sie müssen nur mit VPN rein und eine französische Wohnadresse nennen.

Seltsam. Eine Nachlässigkeit meinerseits, sogar Vernachlässigung ist es gewesen, es beim ersten, egal wie nachdrücklichen Ergriffensein sein gelassen zu haben — als ich, ich weiß nicht mehr, wann, seine Undine zum ersten Mal sah, ein mir → bekanntlich nahes Thema — … daß ich es da unterließ, nach weiteren Filmen dieses, ja, Ausnahmeregisseurs zu schauen. Vielleicht mochte ich mich, derart angefüllt, einfach nicht enttäuschen lassen. Es ist mir oft geschehen, ein Werk erlebt zu haben, das ich fortan nie mehr missen wollte, doch wenn ich weitere Arbeiten des jeweiligen Künstlers, der Künstlerin sah, derart ernüchtert wurde, daß ich selbst die erste, mich eigentlich so überzeugende Arbeit nie mehr vornehmen mochte. Ungerecht, ich weiß. Doch mea-culpa-ganz-egal, ich hätte fürchten gar nichts müssen. Die arte-(nennen wir’s)-„Retrospektive“ bewies es schon beim zweiten Film, den ich, gerade war Undine, ja, untergegangen, welch trauriges Ende, das doch zugleich ein in menschlichem Sinne gutes ist! … – zu gucken eigentlich nicht aufhören wollte. Weshalb ich den zweitenSpielfilm, Gespenster, mir ansah. Auch die sind mir ja nah, nur hier ganz anders aufgefaßt; keineswegs bekommen wir es abermals mit mythologischen Geschöpfen zu tun; „Gespenst“ ist allein die unaufgelöste, vielleicht auch unauflösbare Ambivalenz des Endes.


Es ist die Präsenz der Frauenfiguren; derart habe ich sie seit Romy Schneider in einem Spielfim kaum mehr erlebt, von Angelina Jolies → Callas einmal abgesehen und – da mit Vorbehalt, denn zeitweise machen ihr die Männer sie kaputt – die reife Michelle Pfeifer in The Madison. Sie sind auf märchenhafte Weise gestört, „traumatisiert“ trifft es nicht, weil ihnen ihr Gestörtsein Lebenskraft und ein seelisches Rückgrat verleiht. Genau das bewirkt ihren ungemein unbequemen, aber becircenden Zauber — eine, in so gewissem wie ungewissem Sinn, Droge für mich, Paula Beer, Nina Hoss … und die wie Matthias Brandt bedeutenden Kollegen rollen ihnen den Teppich aus (meine Güte, mit diesem G e s i c h t !), von dem wir’s nur spüren, daß sie ihn betreten — noch stärker als in Undine sogar in Barbara,  einer Erzählung, die ich mir ohne Kenntnis der vorherigen Filme niemals, niemals angeschaut hätte. Ich habe mit der DDR zeit meines Lebens zu schaffen nichts gehabt, nicht, solang es sie noch gab, erst recht ist mir die sogenannte Ostalgie fremd, egal, ob (und daß) ich mir triftige Gründe vorstellen kann, die sie bewirken – Daniela Danz hat viel dazu geschrieben; in der Dichtung, seltsam, kommt sie mir dann d o c h nah. Aber → die ist Klang, nicht Bild.
S i n d bei Petzold Bilder etwa Klänge? Welch irritierender Einfall! ach was, „Einfall“ — Impuls! Ja, sie sind es! (Ich versteige mich, ich weiß … werden aber, w e r d e n Klang! Das wichtigste Begleitindiz: die Filmmusiken, die er wählt. Und wie er sie dann einsetzt.)

Und alles ist langsam, höllisch langsam Himmel. So sind auch die Skandale inszeniert – also was anderswo einer wäre, ein Skandal. Hier geschieht er nebenbei, vollzieht sich. „Wenn Du mich verläßt, muß ich dich töten“, kündigt Undine leise an; noch ein Paar, sitzen die zwei draußen vorm Café, und wir wissen nicht, ob ihre Traurigkeit von ihrem Trennungsschmerz bewirkt ist oder von der Mahnung selbst – weil sie sie aussprechen nun mußte. Sie ist nicht die Frau, ein Gelöbnis zu brechen. Auch Barbara ist’s nicht … (Mehr darf ich nicht erzählen).

 

 

(Ich habe ihm Die Orgelpfeifen von Flandern geschickt.
Normalerweise tu ich sowas nicht.)

 


(Beitragsbild: Still aus Barbara]

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