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„And his greatest work was done.“
Gilbert Kaplan
„Die sonst bloß sterben mußten, wenn sie aus der Reihe fielen, der zu Straßbur auf der Schanz,
die nächtliche Schildwache, der bei den schönen Trompeten Begrabene und er arme Tambours-
gesell: Mahler formiert sie aus Freiheit. Den Unterlegenen verspricht er den Sieg. All seine Sym-
phonik ist eine Revelge.“
Theodor W. Adorno
Ich war siebzehn, vielleicht auch erst sechzehn, als ich auf einem Grabbeltisch diese Aufnahme von Mahlers, der mir überhaupt kein Begriff war, erster Sinfonie fand.
Die den von mir bis dahin mehr als jeden andweren bewunderten Pjotr Tschaikowski sofort überblendet hat. Wie schwindlig mich das machte, michberauschte, mir die Sinne nahm, weiß ich noch bis heute. Dennoch, ich wußte, was würde – und gab der Scheibe die Sammelnummer 23.
Selbstverständlich wollte ich von diesem Komponisten sofort mehr, wollte alles h ö r e n, was er geschrieben, doch auf den Grabbeltischen fand sich sichweitres nicht, auf die ich angewiesen war. Ich hatte ja kaum Geld, und das bißchen, das ich brauchte (für Schallplatten vor allem, bisweilen einem Essen in der Theaterkantine), klaute ich meiner Mutter aus ihrer egal, ob verschlossenen Kasse. (Was eines Tages auffiel, da war meines Bleibens in
Braunschweig nicht länger; es war für uns alle, meine Mutter, meinen Bruder, mich, eine krude heftige Zeit; ins Gymnasium ging ich sowieso nicht mehr, bzw. schon, aber angekommen, sperrte ich mich ins Reaktionszimmer der Schülerzeitung ein und schrieb an meinem ersten Roman; eine Degen-und-Mafia-Räuberpistole, die als Widerstansgeschichte gegen Hitler beginnt: „Judas“. Das Manuskript hab ich noch immer.)
Wie auch immer., zum Geburtstag wünschte ich mir Mahlers Zweite – ohne irgendetwas zu wissen von ihr. Als das Geschenk mit der Post kam, rieben sich alle die Augen: Auferstehung? Seit wann ist dieser Junge religiös?
Ich war auch selber höchst befremdet. Aber als ich h ö r t e …
Seither begleitet mich diese Musik.
Ich komme immer wieder auf sie zurück, wenn ich auch längst andere Einspielungen bevorzuge, Klemperer mir zu getragen wurde … aber sehen Sie, die Platte habe ich noch, eine Doppel-LP, die auf der Rückseite logischerweise die Nrs. 24 und 25 erhielt. Ich stand ja noch ganz am Anfang.
Doch wie auch immer, schnell kamen in den damaligen und darauffolgenden Jahren vor allem Georg Solti, dann Wyn Morris und Klaus Tennstedt hinzu, auch Eliahu Inbal einige Zeit, der in meiner Franfurtmainer Zeit dort wirkte, und hier, in Berlin, ich muß es gestehen, nahm ich
Harding lange nicht ernst. —
Wie blind ich war!, nein, taub. Ich muß ihn um Verzeihung bitten – und Sie, sie zu gewähren. Denn anders hätte ich längst früher geschrieben. Doch es brauchte diese Aufnahme, um mir die voreingenommenen Stöpsel aus den Ohren zu ziehen: Mahler V, Schwedisches Radio-Sinfonie-, für Harding sein achtzehn Jahre lang Heimat-
Orchester.
Dabei ist es so leicht, hören Sie ihn einfach sprechen.
Und gestern abend, nach dem Finale, schauen Sie, wie er aussieht, erschöpft, glückselig, ja wie … nein, das schriebe ich hier nicht. Jedenfalls mußte er schnell mal hinaus … für Bernstein stand in solchen Fällen jemand mit dem Whisky bereit und, na klar, neuem Hemd. Er wird sich händevoll Wasser ins Gesicht geworfen haben. Außerdem gab er den beiden famosen Damen den Vortritt, und nicht zu Unrecht. Marianne Crebassas Mezzo war eigentlich kaum zu fassen. Auch das werden Sie gleich hören in unsrem digitalen Saal akustischer Wunder. Und wie darüber Johanna Wallroths Stimme hinauf zu den Engeln führt, an die wir glauben sollen. So sagen wir’s uns selbst, beschwören wir’s uns selbst. Denn das, genau das ist das Geheimnis dieser Sinfonie, daß sie den Glauben beschwört und nicht etwa hat. Es gibt hier keine Gewißheit, nur das Glück der Illusion, die wahr ist, wenn wir glauben. Imgrunde nimmt diese Sinfonie das Veni creator spiritus der Achten Mahlers vorweg, nur daß dort nicht mehr beschworen, herbeigeschworen, sondern aufgefordert wird.
IN PROGRESS, WIRD FORTGESETZT … auch in eben diesem Moment noch …
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