Am 20. Oktober 2026 wieder ein Arbeitsjournal. Zu einem mehr als nur magischen Realismus aus Wien. Sowie von der Buchmesse Frankfurt, in die er noch nicht, aber in die Inversionsmaschine hineinschlug.

[Nach der Früharbeit.
Arbeitswohnung, 8.45 Uhr.]

Bestürzt und berauscht, berückt, becirct, erschreckt und, im Wortsinn, begeistert – denn Geist, während ich las, floß erst und stürzte schon in mich ein —

                                    So hebt eine Rezension an, die ich heute früh bei Faustkultur abgegeben und an der ich seit gestern nachmittag geschrieben habe, seit ich am vergangenen Freitag das Buch, um das es da geht, n meinem Briefkasten fand. Die Sendung überraschte mich, obwohl sie angekündigt war. Doch dazwischen hatte die geschehnisreiche Frankfurter Buchmesse gelesen, mit deren Vorbereitung ich noch davor beschäftigt gewesen; die vor knapp drei Wochenstattgefundene Wiedereröffnung des Berliner Literaturhauses in den alten, nun sanierten Räumen der Fasanenstraße war für mich als eher Zwischenspiel erholsam,zugleich ein Ort gewesen, an dem ich die ersten Exemplare des → Vorab-Leseheftes zu dem Arbeitsjournalessay der künstlichen Intelligenzen verteilen und auch auslegen konnte; zu den Begrüßungsvorträgen hatte ich neben eine eleganten freundlichen Herr Platz genommen, der ein offenbar guter Kollege Wolfgang Hörners war, dem mir seit Eichbornzeiten wenn, dann allenfalls oberflächlich gewogenen Galiani-Gründer und -Verleger bekannt; die beiden führten ein angeregtes Gespräch, ich hielt mich da eher zurück, bis … ja bis der Herr von einer Autorin sprach, nicht einmal deren Namen ich jemals gehört hatte. Doch was er sagte, zerstreute mir die gewohnte Distanz. „Wer, bitte?“ fragte ich. Er: „Haben Sie eine Karte? Ich schicke Ihnen das Buch.“
So bekam ich denn sowohl mit, daß er für die edle Druckstätte Manesse tätig war, als, daß diese unterdessen zu Pengiun gehört und Penguin zu Random House. All das in den letzten Jahren geschehen, all das an mir vorübergegangen. Hätt ich’s freilich gewußt, die Rotation der Welt wär nicht langsamer geworden, noch hätte sie Korrekturen an ihrem Durchlaufsinn vorgenommen. Was ich nur schreibe, um begreiflich zu machen, weshalb ich Gespräch und versprochene Buchsendung schlichtweg vergaß. Dabei bin ich dem Herrn auf der Buchmesse offenbar wieder begegnet; selbst das hatt‘ ich vergessen. Es war einfach zu viel los – und nun steht das KI-Buch sogar schon auf der → Website von de Gruyter. Dazu die permanente weitergebaute, sich ständig ergänzende → Werkstattsite hier in Der Dschungel.

Probieren Sie sie ruhig einmal aus:

             Und dann, von der Messe einigermaßen trübe zurück, weil mich eine Nachricht erreichte, die mich erst heftig frustrierte, dann fast verzweifeln ließ, bis ich zu einer Entscheidung fand, deren Ermöglichung ich sofort angehen mußte (darüber schreiben kann ich aus strategischen Gründen noch nicht),
– dann aber, aus der Erschöpfung war ein grippaler Infekt mit dauernden Niesanfällen geworden, ich bin ein absoluter Oberkandidat für psychosomatische Bewältigungsformen;
dann, beschäftigt alle Zeit mit neuer Technologie, und zwar wehrhaft, nicht ihr sondern ihrer Abwehr wehrend: Die Messe war voll von angeblich uns allen drohenden KI-Apokalypsen und ich, als ihr Be[englisch ausgesprochen:]surfer erneut in der Rolle des Unholds bestätigt[1]„Ihr Nietzsche, jetzt Unhold“ hat schon e r einen seiner Brief signiert; an Rohde — kann auch sein, ich las sie mit siebzehn, daß mehrere (wie sehr viel später in meinen … Continue reading;
dann, die große, völlig autarke, individuell versponnene Dichtung fast nicht mehr im Sinn, — dann zog ich dieses Buch aus dem Umschlag

und die Stadt war keine Stadt mehr, sondern ein trüber Klumpen organischer Materie, ein Gehirn vielleicht, durch das wir wie zwei verstörte Gedanken hintaumelten. Wollten wir nicht gänzlich untergehen in diesem traum- und rauschumnebelten Zustand, so wurde es höchste Zeit, daß wir irgendwo starken Kaffee bekamen und nach dem Weg fragten. Also machten wir einvernehmlich noch ein letztes Mal Station in einem kleinen Lokal am Markt, das so früh schon offen war, weil gegen drei Uhr morgens die Markthelfer kamen, um sich für die Arbeit zu stärken. In dem Lokal herrschte eine Art traulichster Trostlosigkeit, in der man sich bald, rettungslos möchte ich sagen – rettungslos heimisch fühlte.

Geschickt hatte es mir, nun erfuhr ich auch den Namen, der Herausgeber des Bändchens, Horst Lauinger, selbst; er hatte eine handbeschriebene Karte beigelegt. Und ich, immer wieder niesend – einmal brachte ich’s auf fünfzig, ja, ich zählte mit – las die erste Erzählung noch am Schreibtisch, die zweite dort zur Hälfte vor mir den Laptop, Hatschiiii!!, aufgeklappt … und wußte spätestens nun, nein, so geht es nicht, Du mußt Dich in den Musiksessel setzen, vor dem Schreibtisch, dem Rücken ihm zu mit Blick auf die ProAcs, die aber stummbleiben müßten, und als ich da dann las, vergaß sich selbst der Infekt. Ich aß nichts, trank nur, las und las. Las bis in die frühe Nacht. Nur fürs Schlafen unterbrach ich, erwachte, erhob mich, bereitete den Latte macchiato, setzte mich im Morgenmantel in den Musiksessel wieder und las weiter. Gegen Mittag wollten die Zähne geputzt sein, mich zu rasieren entfiel, doch unter die Dusche noch eben, die Infekt hatte mich schwitzen lassen des nachts.
Am frühen Nachmittag hatte ich die gesamten 326 Seiten gelesen und war schon der Trauer ganz voll, der des Vorbei!s – doch wehrte nun ihm, indem ich meine Unterstreichungen herausschrieb, auch Herrn Lauinger einen Brief schrieb, dem ich die Vergana beigab, aber erst nächstentags absenden konnte; wir hatten ja noch Sonntag. — Und sofort an die Rezension. La KIgnora recherchierte ein paar Hintergründe, ich überprüfte sie per Googlemaps, dann ließ ich sie, indem ich ihr zwei meiner eigenen Erzählungen hochlud, nach Verwandtschaften schauen, dann schrieb ich weiter, legte ihr das Ergebnis zum Lektorat vor – ihr und später auch Odo; beide kritisierten, ich argumentierte teils gegen, wir einigten uns. So ward’s gestern, montags, abends. „Da sind noch vier Slips zu korrigieren“, mahnte Odo. Ich: „Bitte erst morgen früh, ich brauche etwas Abstand und muß endlich mal essen. Es genügt, wenn die Rezension bei Faust zu Bürobeginn im Postfach liegt.“
Uff.
Vorbei.
Dieses Vorbei.
Immer wieder mußte ich noch einmal lesen, hier lesen, dort lesen. Und mir träumte nachts, es sei gar nicht wahr, daß ich von dieser Autorin noch nie was gehört hätte. Vielmehr hätte ich in den mittleren Neunzigerjahren heftig gegen sie polemisiert, aus irgendwelchen politische, vielleicht sogar ideologischen Gründen. Davon schreckt ich auf, schaffte es aber nicht, aufzustehen und nachzurecherchieren, sondern schlief wieder ein und träumte ihn weiter, diesen wirklich fiesen Traum. Wäre er wahr gewesen, er hätte meine ganze Rezension durchgestrichen.
Ich war ihm derart ausgeliefert. Aber am Morgen schnell wieder sicher, als ich die nun „abgehangene“ Revision las und es auch tatsächlich schaffte, die letzten Korrekturen rechtzeitig noch anzubringen. Und hinaus mit der Post.
Artur Becker, Fausts Chefredakteur, kaum eine halbe Stunde später:

 

             Ach so, liebste Freundin, Sie möchten wissen, um welche Dichterin es geht? Sie wolln sich nicht überraschen lassen? Wirklich nicht? Dabei hätten Sie auch von allein schon drauf kommen können, lesen Sie → dort. (Pfui, wie unaufmerksam Sie geworden sind! Aber ich weiß ja, weiß… Selbst schuld, wenn ich nur noch so selten hier schreibe …)

Jeannie Ebner


→ Bestellen

Sowie meine Besprechung online steht, werd ich sie verlinken sowie, wie Kritiken stets, ein paar Tage später auch hier in Die Dschungel übernehmen.

***

[16.42 Uhr]

Nicht zu fassen … — und schon → steht sie drin!

                            Wie toll, wie toll!

 

 

 

 

                          Aber es gibt noch mehr zu erzählen:

 

(Folgt)

References

References
↑1 „Ihr Nietzsche, jetzt Unhold“ hat schon e r einen seiner Brief signiert; an Rohde — kann auch sein, ich las sie mit siebzehn, daß mehrere (wie sehr viel später in meinen Abeitsjournalen ich selbst).

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.