UND NOCH EINMAL HEUTE MITTAG. SONNTAG, DEN 27. SEPTEMBER, 13 UHR. IN DER DIGITALEN KONZERTHALLE. Daniel Hardings großes Dirigat der Zweiten Sinfonie Gustav Mahlers – als Mitschnitt von gestern abend aus der Berliner Philharmonie. Dazu meine — der ich, hingerissen, dabei war — Rezension: direkt hier als Beitrag in Die Dschungel getippt.

[Für → Faustkultur zu schreiben,
indes, des Mitschnitts wegen,
hier schon vorgezogen]

„And his greatest work was done.“
Gilbert Kaplan

„Die sonst bloß sterben mußten, wenn sie aus der Reihe fielen, der zu Straßburg auf der Schanz,
die nächtliche Schildwache, der bei den schönen Trompeten Begrabene und der arme Tambours-
gesell: Mahler formiert sie aus Freiheit. Den Unterlegenen verspricht er den Sieg. All seine Sym-
phonik ist eine Revelge.“
Theodor W. Adorno

„I think you can ask any musician, when was the first time they performed Mahler’s second symphony,
and everybody remenbers. There is certain pieces that define us as musicians – the pieces that play such
important roles in our life, and I think this is one of them. It’s going to be a very special and
beautiful event und we wellcome you to join us.“
Daniel Harding, 24. September 2026

 

             Ich war siebzehn, vielleicht auch erst sechzehn, als ich auf einem Grabbeltisch diese Aufnahme von Mahlers, der mir überhaupt kein Begriff war, erster Sinfonie fand. Die den von mir bis dahin mehr als jeden anderen bewunderten Pjotr Tschaikowski sofort überblendet hat. Wie schwindlig mich das machte, mich berauschte, mir die Sinne nahm, weiß ich noch bis heute. Dennoch, ich wußte, was würde – und gab der Scheibe die Sammelnummer 23.
Selbstverständlich wollte ich von diesem Komponisten sofort mehr, wollte alles h ö r e n, was er geschrieben, doch auf den Grabbeltischen fand sich weitres nicht, auf die ich angewiesen war. Ich hatte ja kaum Geld, und das bißchen, das ich brauchte (für Schallplatten vor allem, bisweilen einem Essen in der Theaterkantine), klaute ich meiner Mutter aus ihrer egal, ob verschlossenen Kasse. (Was eines Tages auffiel, da war meines Bleibens in Braunschweig nicht länger; es war für uns alle, meine Mutter, meinen Bruder, mich, eine krude heftige Zeit; ins Gymnasium ging ich sowieso nicht mehr, bzw. schon, aber angekommen, sperrte ich mich ins Redaktionszimmer der Schülerzeitung ein und schrieb an meinem ersten Roman; eine Degen-und-Mafia-Räuberpistole, die als Widerstandsgeschichte gegen Hitler beginnt: „Judas“. Das Manuskript hab ich noch immer.)
Wie auch immer, zum Geburtstag wünschte ich mir Mahlers Zweite – ohne irgendetwas zu wissen von ihr. Als das Geschenk mit der Post kam, rieben sich alle die Augen: Auferstehung? Seit wann ist dieser Junge religiös?
Ich war auch selber höchst befremdet. Aber als ich h ö r t e …
Seither begleitet mich diese Musik. Ich komme immer wieder auf sie zurück, wenn ich auch längst andere Einspielungen bevorzuge, Klemperer mir zu getragen wurde … aber sehen Sie, die Platte habe ich noch, eine Doppel-LP, die auf der Rückseite logischerweise die Nrs. 24 und 25 erhielt. Ich stand ja noch ganz am Anfang.
Doch wie auch immer, schnell kamen in den damaligen und darauffolgenden Jahren vor allem Georg Solti, dann Wyn Morris und Klaus Tennstedt hinzu, auch Eliahu Inbal einige Zeit, der in meiner Frankfurtmainer Zeit dort wirkte, und hier, in Berlin, ich muß es gestehen, nahm ich Harding lange nicht ernst. — Wie blind ich war!, nein, taub. Ich muß ihn um Verzeihung bitten – und Sie, sie zu gewähren. Denn anders hätte ich längst früher geschrieben. Doch es brauchte diese Aufnahme, um mir die voreingenommenen Stöpsel aus den Ohren zu ziehen: Mahler V, Schwedisches Radio-Sinfonie-, für Harding sein achtzehn Jahre lang Heimat-Orchester.

Dabei ist es so leicht, hören Sie ihn einfach sprechen.
Und gestern abend, nach dem Finale, schauen Sie, wie er aussieht, erschöpft, glückselig, ja wie … nein, das schriebe ich hier nicht. Jedenfalls mußte er schnell mal hinaus … für Bernstein stand in solchen Fällen jemand mit dem Whisky bereit und, na klar, neuem Hemd. Er wird sich händevoll Wasser ins Gesicht geworfen haben. Außerdem gab er den beiden famosen Damen den Vortritt, und nicht zu Unrecht. Marianne Crebassas Mezzo war eigentlich kaum zu fassen. Auch das werden Sie gleich hören in unsrem digitalen Saal akustischer Wunder. Und wie darüber Johanna Wallroths, die übrigens eingesprungen für Sabine Devieilhe war und „hinauf zu den Engeln“, an die wir glauben sollen, in diesem Saal überhaupt debutierte. Doch wir beten darum ja nur selbst. Denn das, genau das ist das Geheimnis dieser Sinfonie, daß sie den Glauben beschwört und nicht etwa hat. Im Auferstehungschoral des fünften Satzes schwingt immer das im ersten Satz variierte Dies irae mit, und welcher Zorn wäre schlimmer als der des auf ewig Verstummtseins? Es gibt bei Mahler ohnedies nie Gewißheit, nur das Glück der Illusion, die wahr ist, wenn wir glauben. Imgrunde nimmt diese Zweite das Veni creator spiritus seiner Achten vorweg, nur daß dort nicht mehr beschworen, herbeigeschworen, sondern energisch, mit enormem Schalldruck nämlich, aufgefordert wird. Der Anspruch dieser Bewegung ist luziferisch (klassisch: prometheisch), nicht etwa dienend.
Das riß mich schon als Jugendlichen mit, hierin fand ich mich wieder, empfand ich auch mein Pathos vertreten, das ich auf keinen Fall verlieren wollte, schon gar nicht in meiner damals gerade entstehenden Kunst – die mit besonderer Verve auftrat, wo ihre Füße tastend noch allenfalls tappsten. Bis heute aber halte ich die zwar sehr nachvollziehbare, durchweg politische Verpflichtung auf Ironisierung der Welt für seelisch schädigend. Es ist Fetischisierung der, mit Marx gesprochen, Entfremdung. Auch das ein → Stockholm-Syndrom. Und donnernd geradezu, für die Berliner Philharmoniker auffallend rauh, läßt Harding sein Orchester beginnen. Derart drohend kann ich’s auf keiner meiner Aufnahmen hören, bei dem gerühmten Kaplan nicht, nicht bei Morris, und zwar am schneidendsten bei Solti, doch auf Kosten der von Harding den Musikerinnen und Musikern abgeforderten Massivität. Die Bässe allerdings könnten immer noch ein wenig aufgerauhter wirken. Immer wieder schon fiel mir auf, daß die Berliner Philharmoniker, da sie technisch quasi alles beherrschen, insbesondere unter Petrenko zu einem Ausgleich ihrer Interpretationen neigen, höchst zivilisierten sozusagen, nicht zur Exzentrik. Derer es aber manchmal bedarf. Das spürte ich so deutlich zuletzt bei, auf dem diesjährigen Musikfest Berlin, → Antonio Pappanos LSO[1]London Symphony Orchestra-Dirigat von Bruckners Neunter, sowie schon vorher ebenfalls bei Gubaidulinas Bratschenkonzert, einem absoluten Höhepunkt des sechsundzwanzigtägigen Festivals; nur eignet sich Neue Musik schlecht zum Vergleich. „Wie ruppig die bisweilen sind!“ rief ich in meinem Inneren aus, flüsterte es wohl auch meiner Begleiterin zu. (Auch über dieses Konzert muß und will ich noch schreiben.)
Hier nun, spürte ich, läßt Harding auch den Teufel los in ihnen, sagen wir, den Pan und uns wird beim Hören bangend klar, wie sehr wir, derart panisch selber nun, des Lichtleins bedürfen:

Ach nein, ich ließ mich nicht abweisen!
Ich bin von Gott und will wieder zu Gott.
Der liebe Gott wird mir ein Lichtlein geben,
Wird leuchten mir bis an das ewig selig‘ Leben!

Nur dann kommen wir um des späten Lebens Resignationen herum, anders als Tschaikowski, von dem Mahler aber, wie Constantin Floros gezeigt hat, extrem viel übernahm. (Noch einmal auf meine Geschichte zurück: Floros entdeckte ich in Bremen während meiner Zivildienstzeit (1976 – 1978) und war erst gar nicht glücklich, weil mir Mahler mit einem Mal Epigone gewesen zu sein schien; ich lehnte Floros‘ Analysen also ab, die immer wieder auf, sagen wir, „Anleihen“ von Tschaikowski indizierten. Und konnte dennoch nicht von ihnen, diesen Analysen, lassen. Da ich kaum Geld hatte, kopierte ich die geliehenen Bücher später im Büro der Firma, für die ich während meines Abendgymnasiums jobbte, wo ich sie auch „lumbecken“ konnte. Aber was „den Tschaikowski“ anbelangt, wo läßt sich das wohl besser hören als im zweiten Satz, dessen Pizzicati ans Scherzo in dessen Vierte nicht nur erinnern ..? Und außerdem wäre mir, hätte ich Floros‘ Befunde akzeptiert, sehr viel früher klar geworden, weshalb Mahler fortan Tschaikowski fast komplett in mir zu überdecken vermochte. In gewissem Sinn kommt es einer Vatertötung gleich. Wohlgemerkt, ich war jetzt etwa vierundzwanzig und mußte aber meinen Vater nicht mehr töten; das hatte er imaginär → schon selber besorgt.)
Und aber dann das Englischhorn, dessen Klage uns erzählt, weshalb wir glauben müssen, auch wenn wir es nicht können: die bewußte – sogar methodische – Freiheit, so zu tun, als ob. Wer davon ausgeht, daß Dryaden in den Bäumen leben, tut sich schwerer, die zu fällen. Eine so belebte Natur steht gegen ihre Zerstörung; ob es die Nymphen tatsächlich gibt, spielt gar keine Rolle. Und spätestens ab der Dritten hat Mahler solche Belebung auch in Töne gefaßt, mit dem dritten Satz der Zweiten allerdings schon auch, egal, ob auf ironische, bei Harding und an dem Abend seinen Philharmonikern sogar witzige Weise ein bißchen verzweifelt. Und wirklich grandios, wie er nach dem dritten, sich durchaus zersetzenden Satz Frau Crebassas entrückendes, in ihrer speziellen Stimmführung direkt ins Herz fassendes „Urlicht“ einsetzen und nach ihm ebenso attacca die volle Gewalt des Orchesters es quasi niederbrüllen läßt.

 

 

IN PROGRESS, WIRD FORTGESETZT … auch in eben diesem Moment noch …

 

→ Zum Konzert.]

 

[27. September, 10.19 Uhr]

            Nun , haben Sie es hören können, sich angehört — und, hoff‘ ich, in sich eingehört?
Falls nein, es gibt → nochmal Gelegenheit, jetzt gleich, um 13 Uhr:

Wenn Sie’s nicht schon gesehen haben, achten Sie besonders auf das Englischhorn (Satz 1 ab Takt 18, Finalsatz nach dem „Großen Appell“, Takt 560 parallel zur Altstimme) und später, wie die großen Hörner – zu Ende sind es zehn! – hoch parallelgehoben werden und wie der Chor, nach den Rufen aus der Ferne, als er wie heimlich sein ‚Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du, mein Staub‘ intoniert, es eben nicht tut, aufstehn also, sondern sitzen dabei bleibt — gedämpfter Dynamik halber? Oder als bedürfte diese Botschaft der vorgehaltenen Hand: Vernähmen das Geheimnis die Falschen, wäre dieses Auferstehen, des Herzens!, gefährdet. Rasend spannend also. Außerdem sind hier bereits die langen Kämpfe pro und contra Mahler verortet, die in der Kritik noch immer nachschwelten damals — auch in meinem direkten Freundeskreis. Als ich selbst Mahler Anfang der siebziger Jahre entdeckte, also mit sechzehn oder siebzehn, hatte gerade die zweite Phase seiner Nachkriegsrenaissance eingesetzt: Auf den Umschlag um 1960, den neben Adorno und der neuen Gesamtausgabe vor allem Leonard Bernstein ausgelöst hatte, folgte nun der eigentliche Mahler-Boom … — also Floros‘ Diagnose:

(…) hilft uns [zu] erkennen, daß Mahler, der sich schon lange

nämlich in seiner Hamburger Zeit (1891-1897)

für den „Pfad der symphonischen Musik“ entschieden hatte, die Erneuerung der symphonischen Kunst am Ende des Jahrhunderts von ihrer Befruchtung durch die Ausdrucksmittel der Wagnerschen Musikdramatik erhoffte und erwartete. Mahler stand 1896 mit dieser Überzeugung in diametralem Gegensatz zu Brahms, zu Hanslick und auch zu Reger, die alle den  musikdramatischen Stil Wagners aus dem Konzertsaal, das heißt aus der Symphonie, überhaupt aus der Instrumentalmusik um jeden Preis verdammen wollten.
Constantin Floros, Gustav Mahler II, Mahler und die Symphonik des 19. Jahrhunderts in neuer Deutung, 1. Teil, Wiesbaden 1977

Wieso ich mich damit identifizierte, ist mir heute klar. Damals war es das nicht, ich suchte ja noch meine Heimat im Betrieb der Literatur, anstatt zu begreifen, daß da lauter Brahms, Hansschlicks und Regers die Macht ergriffen hatten, der sogenannte Realismus also weiter und immer weiter reüssierte; für einen Phantasten wie mich gab es da keinen Platz. Und wenn Floros  über Mahlers Bemerkung zu seiner Achten, in ihr beginne das Universum zu tönen und zu klingen, schreibt:

Dieser scheinbar rätselhaften (oder naiven) Aussage liegt die philosophische Überzeugung zugrunde, daß die Symphonie, die höchste und erhabenste Gattung der Musik, ein Abbild der Welt, des Kosmos, des Alls, des Universums sein müsse(,)
Floros, a.a.O.

so teilte ich sie völlig und übertrug sie für mich auf den Roman. — Aber das ist ein anderes Thema, so eng’s auch mit diesem zusammenhängt.

…….. Und? Jetzt gehört und gesehen — vor allem, „gesehen“, wie oft – und wie viele! – Musikerinnen und Musiker – lächeln während sie spielen? Meinerseits mir ist es am ersten Aufführungstag, obwohl ich gleich in der achten Reihe saß, völlig entgangen, aber auch musikalisch war ich nicht aufmerksam genug: Mit welch erstaunlichen Vorhalten Harding arbeitet, an der Grenze der Wahrnehmbarkeit fast, doch von herz- wie geistergreifender Wirkung! Sowie, wie er im momentanen Zurücknehmen crescendierende Spannungen aufbaut, überhaupt erst ermöglicht. Daher umso größer, höherlangend die Magie, wenn Frau Crebassa das letzte Wort ihres „bis an das ewig selig‘ Leben“, „Leben“ also, geradezu herausschreit, als hätte es keines gegeben, noch keines — wird aber in diesem Verzweiflungsruf laut geboren. Als gäbe er dem späteren – und seinem wohl berühmtesten – Deuter recht, Theodor W. Adorno: kein richtiges Leben im falschen und riefe das richt’ge herbei.

Nach einer solchen Aufführung verstehe ich Mr. Kaplan sehr, auch wenn ich andere Sinfonien Mahlers präferiere (was sich über die Jahre aber, Jahrzehnte, sehr gewandelt hat): lange warn es, als Jüngling noch, die dritte und die vierte, dann kamen Lied der Erde und die Sechste, schnell darauf die Neunte, unter Barbirolli; um allerdings die Zehnte zu mögen, brauchte es erst Deryck Cooks und später Rudolf Barshais Komplettierung (alles hier bei mir zu hören), und von der legendären Achten, der von der Zweiten vorhergenommenen „Sinfonie der Tausend“, gräßlicher Beititel, mag ich wirklich sehr bis heute nur den ersten Satz … Was mir in diesem Zusammenhang aber am interessantesten zu sein scheint, ist meine erstaunliche Hinwendung zur Siebten, zum ersten Mal bei, damals in Frankfurt, Inbal und dem hr-Sinfonieorchester, dessen Chefdirigent er war („Man kann auch mit einem Orchester aus der zweiten Reihe große Referenzinterpretationen hinbekommen, es dauert nur ein bißchen länger“, ungefähr so ließ er sich mal in den Achtzigern aus, als seine Denon-Einspielungen erschienen, und dann, ja dann … dann → unter Barenboim, unvergeßlich, wähne ich, für ewig — … also … nochmals „also“, also verstehe Gilbert Kaplans

And his greatest work was done!

nun sehr. Und verstehe seit vorhin sogar die Gesichter der Sängerinnen und Sänger des Chors. Als führten sie noch einmal → Sellars und Rattles für alle Zeit Vermächtnis[2]Aber lesen Sie auch → das da dazu! (Hinunter zu den drei Bildern scrollen).: , Bachs Matthäus-Passion, auf:

Doch waren sie natürlich s i e :

 

 

 

References

References
↑1 London Symphony Orchestra
↑2 Aber lesen Sie auch → das da dazu! (Hinunter zu den drei Bildern scrollen).

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