Erst barfuß, und aber dann geht es los! Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 30. Juli 2022, sowie Tagebuch des Freitags, den 29. — darinnen Bemerkungen zur Polyneuropathie. | Sowie, nämlich endlich: Beginn des ersten neuen, nämlich dreiunddreißigsten Triestbriefs. Und Buchungen dazu. Briefe nach Triest, 50. Neuschriften (1).

[Arbeitswohnung, 7.17 Uhr
Stille, fast sonntäglich bereits.
Seltsames Vermissen rauschenden Regens.]

D a s sind Töne, die ich vom “klassischen” Literaturbetrieb nicht nur nicht gewöhnt bin, sondern so noch niemals gehört habe:

Sehr geehrter Alban Nikolai Herbst,

anläßlich des bevorstehenden Jubiläums vom TEXT + KRITIK möchte die edition text+kritik eine Publikation herausgeben mit Texten derjenigen Autorinnen und Autoren, deren literarischem Schaffen und Wirken ein Heft der Zeitschrift gewidmet würde — ein Zusammenspiel jener Stimmen, die für die Redaktion und die Herausgeber maßgeblich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrer großen Vielfalt ausmachen.
(…)
Wir wären mehr als glücklich, wenn es mit Ihrer Beteiligung zu einem schönen Zusammenspiel käme und freuen uns so oder so auf Ihre Rückmeldung.

Hier eingegangen nicht als Mail, sondern ich fand den, um das Wort noch einmal zu strapazieren (es faktisch aber zu ehren), “klassischen” Brief in meinem Briefkasten, als ich abends von dem Beelitz-Heilstättener Ausflug zurückkam:


Zu dem ich, wie ankündigend-vorgenommen bereits gestern erzählt, selbstverständlich das ausgedruckte Typoskript der Triestbriefe mitgenommen, wenngleich nicht ein einziges Mal hineingeschaut habe; das wäre auch nicht nötig gewesen, sondern es geht um etwas anderes, seelisch-psychisches — eine poetische Einnordung. Sie können, Freundin, von dem ästhetischen Kompaß sprechen, der tatsächlich imaginär, dennoch wegleitend ist (“Realitätskraft der Fiktionen”). Auch wenn ich es, das Typoskript, mit der Tasche in eines der Fächer einschloß, das, ähnlich einem Museums- oder Bibliotheksbesuch, den Besuchern des Barfußparkes frei zur Verfügung steht, trug ich’s doch in Gedanken mit mir mit, abgelenkt nur, wenn लक्ष्मी und ich sprachen oder wir mit den Zwillingen sprachen oder eine “Aufgabe” zu bewältigen war, die Konzentration verlangt, etwa bei Balanceakten, also Gleichgewichtstraining, sowie über Scherben oder, ganz fies, kleine Kiefernzapfen zu schreiten und, was ich besonders genoß, durch nassen Torf zu stapfen, der wie schwarzer Schlick im Wattenmeer ist, in den hinein, schönste Freundin, Sie bis zu den Waden sinken, gefolgt vom Durchschreiten eines kalten Gewässers, das den gröbsten Matsch von der Haut wieder wegwäscht. Was noch haften bleibt, sieht schließlich wie eine hauchdünne Nylonsocke aus. Hier ein noch Stadium davor:


Besonderes Zusammenbeißen der Zähne verlangt allerdings der Gang über die Schalenhälften von Kokosnüssen; da geht’s dann wirklich zur Sache. Was mir ausgesprochen gefällt; लक्ष्मी und ich beschritten den kleinen Parcours denn auch gleich drei Mal hintereinander.

Die Idee zu diesem Ausflug war von i h r gekommen, die in Heilstätten schon einmal gewesen ist — einem für mich auch in anderem Sinn spannenden Ort, weil die sechzig größtenteils noch nicht wiederhergestellten Gebäude für meine Phantasie ausgesprochen anregend sind, zumal sich → allerlei “unheimliche Geschichten” in sie hineingerankt haben, die mir hätten ganz von allein, also ohne Fremdberichte, einfallen können und naheliegenderweise — um nicht von “genretypisch” zu schreiben — mit dem Tod zu tun haben. Nun jà, es ist einmal ein Lungensanatorium vor allem zur Behandlung der Zauberbergkrank-heit gewesen, die Menschen wie Geschehen durchscheinend macht: Ich assoziiere sofort das Wort “ephemer”. Sind Sie aber an den Ruinen vorbei, deren Schönheit selbst im Verfall noch berückt, wird es ein Sonntagsausflugsfamilienressort, das so spannender- wie “organischer”weise die Sinnlichkeit von der Konkretion unter den Fußsohlen zur – fernöstlich inspirierten – Versenkung in den Geist führt. Auch dieses, Sie kennen meine Schriften, ist mir nah. Doch davon abgesehen, ist gerade für mich der Heileffekt dieser, sagen wir, Kneipptour extrem. Ich meine, gegen die von der Chemo hinterlassene Polyneuropathie in Unterschenkeln, Waden und vor allem den Füßen. Schon vor einem Jahr, auf der Isola del Giglio, hatte ich erfahren, wie lindernd es ist, dauernd barfuß über spitze Steine, Kiesel, aufgeheizte Felsen usw. zu gehen; nach zwei Wochen waren die Symptome geradezu verschwunden (und kehrten fast sofort, nachdem ich wieder in Berlin war, zurück); ähnlich vor rund einer Woche beim → Lektorat in Bad Fischau, wo ebenfalls dauernd über spitzen Kies zu schreiten war. Da spürte ich Linderung bereits am zweiten Tag. So daß ich nun mit dem Gedanken liebäugle, mir eine barfuß-Kur verschreiben zu lassen; ich hatte eh nach Giglio gescherzt, die Krankenkasse solle mir einen Umzug nach Süditalien und die Wohnung dort finanzieren, es käme sie gewiß weniger teuer als jetzt die ganzen blöden Medikationen, die lästige Physiotherapie usw. Das werkelt alles nur an den Symptomen herum; gewöhn ich mir hingegen für geeignete Gelände barfuß zu gehen an, würde ich sie wahrscheinlich komplett loswerden. Und die Vorstellung läßt mich zufrieden lächeln, dennoch in Anzug und Krawatte zu gehen. Es gibt einfach sexy “Widersprüche”. Fast immer reagieren sie mit Natur auf Natur.
Dazu indes auch seelisch. Schon in Wien gab es ja → diesen Moment, unversehens wieder Familie zu sein — wozu, eine Frau zu “haben”, unbedingt gehört —, einen Moment mithin, in dem ich spürte, wie sehr es mir fehlt. Gestern, die Fotos zeigen es, erneut… auch wenn unser Großer jobhalber leider nicht mitkommen konnte — “nur” eben während einen vollen Tag, von indessen dem ich jetzt wahrscheinlich so ausführlich erzähle, um mich auf den dreiunddreißigsten Triestbrief schon mal einzuschreiben — um den Fluß herbeizuverführen, den gute Erzählungen in meiner Sprache bewirken, ihn anzulocken, er möge in die Sätze fahren, die mir, geht es gut, stets zu so bewegten Innenbildern werden, daß ich am Abend von ihnen wie bekifft bin. Also den friemeligen Überarbeitungsmodus nach den nunmehr fünf Durcharbeitungsgängen dessen, was schon da ist, zu verlassen und wieder großzügig zu werden, in beiderlei Sinn, und im Licht poetischer Grandezza zu fantasieren. Was später dann, logo, ebenfalls wieder kleinteilig durchgearbeitet, kontrolliert, korrigiert, kurz: perfektioniert werden muß. Noch aber ist es wieder die Zeit der poetischen Freiheit. Sie werde ich nun auskosten, wobei … erst einmal ist für Anfang September die Reise nach Triest zu buchen, sowohl Hin- und Rückfahrt als auch AirBnb. Vorher indes will ich ins Bad und hernach mich kleiden. Woraufhin ich bei meinem Änderungsschneider noch ein bißchen was abolen muß, weil er sich ab Montag zwei Wochen lang im Heimaturlaub erholen wird — ich gönn es ihm von Herzen

Ihr ANH

P.S.:
Es gibt im Barfußpark ein riesiges, aus Holzlatten, Ästen und Reisig erschaffenes — nun jà, der Diminutiv geht fehl, weil es eben so groß ist — Maskott”chen” namens Waldemar. Was an dem Troll fasziniert, ist, daß er je nach Blickwinkel entweder lächelt oder eine Traurigkeit vermittelt, die sehr verständlich wird, wenn Sie sich den ausgetrockneten Zustand des Waldes anschauen. Hier ruft doch alles nach Hilfe. Weshalb ich, als ich dieses Journal begann, das Rauschen draußen fallenden Regens vermißte, obwohl die derzeitigen Temperaturen für mich selbst ideal sind; jetzt, mit 25 Grad, find’ ich’s sogar a bisserl kühl und sehne wider alles ökologische Bewußtsein die nächsten 35 herbei. Mit aber zunehmend schlechtem Gewissen.


***

[16.15 Uhr]
Ein, scheint es mir, wunderbares Angebot gefunden, unterm Strich für 27 Euro pro Nacht, zentral gelegen mit einem für dieses Buch wirklich passenden Eingang:

U n d diese Unterkunft, ein Einzelzimmer in einer 160-qm-Wohnung, deren Salon mitnutzbar ist, liege auch noch nahe der Piazza dell’Unità d’Italia, auf der die Venere di trieste steht, auf die sich der Roman immer wieder bezieht. Vor Ort werde ich jetzt nur noch gucken müssen, ob ich für die Suche nach Lenzens oben im Karst befindlichen Grenzhäuschen werde irgendwo eine Vespa mieten können. Aber erst – auch, bevor ich An- und Rückreise buche – muß ich die Bestätigung der Unterkunft abwarten; als Mail bekam ich nämlich erstmal nur dies:

 

Bene. So geht es – und Barenboims Mahler VII starten – nun wirklich endlich los:

***

___________________
Briefe nach Triest 49 <<<<

Wien 1: Schlußlektorat in Bad Fischau. Die ersten beiden Tage. (Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. Juli 2022.)

 

 

 

 

 

Anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, eine dreiviertel Stunden schwimmen, anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, anderthalb Stunden schwimmen, anderthalb … — Vom morgens ab etwa 10 Uhr (Hinfahrt ab Wien Mitte 8.43 Uhr) bis etwa 18 Uhr; rückgekehrt gegen halb acht abends.
Temperatur der Luft bis 38°, die des Wassers 18.

Nach Wien! Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 19. Juli 2022. Mit Sommers Hitzewellenchaos bei der DB.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr]
Chaos offenbar bei der Bahn. An sich habe ich einen Supersparpreiszug gebucht, der heute erst um 22.19 Uhr ab Gesundbrunnen geht und aber einige kleine Tortur bedeuten dürfte, da er bis Wien an die dreizehn Stunden braucht; Flüge waren unerschwinglich und sowieso die meisten Züge als hochfrequentiert bezeichnet. Jetzt gab es aber folgende Meldung vorhin:

So daß ich dachte, in Ordnung, dann nehme ich vielleicht doch einen Tageszug, der dann spätabends/frühnachts ankommen werde – praktisch, weil ich die Zeit ohnedies dafür verwenden will, das Triesttyposkript weiter auf Papier durchzusehen (bis S. 100 kam ich gestern; das ist auch schon ausgedruckt). Nur, als ich nach möglichen Zügen schaue, bekomme ich immer nur das:

Nachdem ich’s einige Male erneut versucht hatte, immer mit diesem Ergebnis, schaute ich bei Netzwelt nach. Und voilà:


Diese Störungen betreffen logischerweise auch den DB-Navigator. Wahrscheinlich bricht bei der Bahn gerade alles unter dem Ansturm anderer wie ich zusammen, die alle nach Alternativen zu ihren gebuchgten Zügen suchen, bzw. suchen nur wollen.
Ich werde jetzt einfach früher packen, als ich vorgehabt hatte, und immer mal wieder nachsehen, ob’s wieder funzt, und wenn ja dann spontan das Haus verlassen, um den Wahlzug zu nehmen. Deshalb wird dieser Tag wahrscheinlich etwas konfus geraten, da eine präzise Konzentration nicht so recht möglich sein dürfte. Vor allem muß ich auch an Proviant denken, da es mit meiner Abnehmerei heut leider noch mal weiterging; die Waage heute morgen zeigte nur noch 66 kg, unter will ich nicht. Das wissen, Freundin, Sie ja. Elvira M. Gross wird eh erschrecken, wenn Sie mich in Badehose sehen wird, erstmals seit der OP. Wir werden wieder, wie oft im Sommer, → dort in Bad Fischau lektorieren. Wie schon geschrieben muß das satzfertige Typoskript am Morgen des 27. im Verlag liegen.

Übrigens hat es sich w i e d e r bestätigt: Bei einem Korrekturdurchgang auf Papier finde ich immer andere, und zwar von ihrer Art, Fehler oder sonstige Mängel, als wenn ich am Bildschirm arbeite. Umgekehrt aber auch, so daß, auch wenn’s etwas mühsam ist, beide Korrekturweisen nötig sind.

[9. 32 Uhr]
Grad eben noch mal versucht — und … – na bitte:

Dann heißt es jetzt, mich zu sputen. Einen der Mittagszüge werde ich nehmen.

ANH

[15.37 Uhr
ICE 1711]


Korrigieren des ausgedruckten Typoskripts am Tisch im ICE, hier der Seite 101.

(Hat tatsächlich gut geklappt mit der Hitzeaufhebung der Zugbindung; allerdings wisse er, der Kontrolleur, nicht, ob auch die östereichischen Kollegen es akzeptierten. Nun, ich bin da ganz ruhig; umgekehrt wär ich’s eher nicht.)

Zur Zahl 13: Briefe nach Triest, 47. Wiederaufnahme, Überarbeitung 7 (dritter Durchgang).

[Aus dem dreizehnten Brief]

(…)

Die Zahl, Geliebte, dreizehn,

Dienstag, 8.25 Uhr
Stan Getz at Montmartre, live 1977

die geliebte 13, Herz, spielt in meinem Denken und darum auch Empfinden eine große Rolle; ich sollte sie ihr auch hier zukommen lassen in immerhin einem Elben­roman, meinem außerdem zweiten. 13 x 28 (ich schrieb Dir schon davon: vom matriarchalen Jahr, das nach Eu­ren Monatszyklen gezählt war). Jedenfalls soll nun wenigstens die Quersumme der Zahl seiner Briefe an Dich ein Vielfaches von drei­zehn ergeben, das Dreifache viel­leicht, um gleichzeitig die andere, nunmehr für L a r s bedeutsame Zahl, die 3, aufzu­nehmen. Schmölzen wir, er und ich, strukturell so in­einander, kämen wir auf neununddreißig Kapitel, was schon vom reinen Ansehn Evidenz hat und deshalb unser Blicken gleichsam zahlenmystisch spiegelt (ich for­muliere dies bewußt nicht | in dem „an sich“ hier zu verwendenden Konjunktiv). Wäre dem so, würde ich mit dem Rohling des Buchs spätestens im kommenden Januar fertig sein, was in seiner Logik bedeutet: mit dem Verarbeitungsprozeß. Ach, lach nur auf, ich weiß ja selbst: Welch ein bizarres Gerüst seiner Trauer! Als ließen sich Verluste be­stimmen … Übrigens spricht die Lydierin schon gleich bei beider erstem Wiedersehen in Triest, und zwar noch vor dem Grottenbegebnis, von den dreizehn Dimensionen, in denen wir lebten; bis dahin hätte Lenz nie gedacht, daß diese Frau phantastische Neigungen hat, wenngleich, wer mit einer Sídhe umgeht, darauf von Anfang an gefaßt sein muß, sozusagen natürlicherweise. Für das Vielfache von Drei­zehn spricht außerdem, daß es in diesem Roman immer auch um ein Kind geht, das sich – außer Jessir (oder hatte ich mich für „Volker“ entschieden, den Namen des exekutierten Freunds meiner Freun­din?) alle Beteiligten wünschen und zu dem es aber nie kommen wird, jedenfalls nicht in diesem Roman. Was nach ihm geschieht, steht in den Sternen.
Freilich, eine Sídhe … Im Gegensatz zur menschlichen Frau hat sie fast jede Zeit der Welt. So kannst Du ruhig bleiben. Alleine Lars, der Vater so gerne eines zweiten Kin­des würde, gerät in die Not seines Endspurts. Wäret Ihr möglich geblieben, hättet Ihr schnell eins gehabt. Du hast ihm sogar den Tochternamen genannt, ich schreib ihn, Lars’ Bitte folgend, nicht hin nein, Liebste, habe deshalb keine Sorge. Aber er hat, dieser Name, Lars momentlang stummwerden lassen. Solch ein Wagnis! Aber daß Du es eingehen wolltest, wirklich eingehen wolltest, schloß Euch fast ebenso eng zusammen wie Eure pheromonale Melange. Du weißt, er hätte sich drauf eingelas­sen, wiewohl gerade er niemand ist, der die mythischen Hintergründe nicht sehr ge­nau, nämlich aus unsern Gesprächen, kennt und also weiß, was da heraufbeschworen worden wäre – zumal ohne, daß er auch nur ahnte, was die Motive, Deine, hinter die­sem Namen sind. Ihr hättet aber sicherlich immer wieder darüber gesprochen und wäret ihnen schließlich, vermute ich jedenfalls, nahegekommen. Bei der Lydierin hingegen sind sie klar. Anders als Du bist, ist sie nicht scheu, sondern emphatisch matriarchal; des­halb ist sie sich auch so sicher, daß das Kind, das Lenz ihr dann – ihrem Empfinden zufolge – verweigert, eine Tochter werden wird. Nicht eine Se­kunde lang, tatsäch­lich, glaubte sie an ein männliches Baby. Während Lenz das Ge­schlecht seines zwei­ten Kindes völlig egal gewesen wäre.

(…)

>>>> Briefe nach Triest 48
Briefe nach Triest 46 <<<<

Für die Freilassung Julian Assanges. PEN Berlin, 3. Juli 2022, am Brandenburger Tor vor der US-amerikanischen Botschaft.

Auf der Demonstration für Julian Assange.

[V.r.n.l.: Joachim Helfer, Michael Sontheimer, Elke Schmitter, Eva Menasse, ANH]

****

Da erscheint natürlich jetzt ein Problem mit unseren in Sachen Ukraine Verbündeten und der geforderten westlichen Einheit; es hat schon seinen Grund, daß Annalena Baerbock von ihrer Unterstützung Assanges jetzt nichts mehr wissen will. Die Wahrheit – in Zeiten des Krieges soll sie einfach sein – ist schon ein Unding, die Komplexität an sich Skandal. Und wer drauf hinweist in Zeiten des Kriegs, steht immer auf der falschen Seite. Die aber nahezu immer die richtige ist.
ANH, 4. Juli, 21.39 Uhr

Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 30. Juni 2022. Zu den Triestbriefen, ff.

[Arbeitswohnung, 9.17 Uhr]

In der Dichtung besteht solch eine Gußform aus Lebensmaterial, hier jetzt dem Euren. Allerdings muß, was tatsächlich geschah, den poetischen Notwendigkeiten angepaßt werden. Kein Roman, auch keiner aus Briefen, gibt die Realität eins zu eins wieder. Da kann aus ihr noch so abgeschrieben worden sein: Ceci n‘est pas une pipe. Erzählungen folgen anderen Gesetzen als die konkrete Wirklichkeit; schon die Zeiten differieren. Im Alltag hat außerdem der Satz vom ausgeschlossenen Dritten Geltung; die Dichtung hebt ihn auf.

(Aus dem ersten Brief nach Triest)

Gestern den ersten Korrekturdurchgang der bislang bereits geschriebenen Triestbriefe abgeschlossen; einiges war zu präzisieren, weniges grundlegend neu zu formulieren, ein bißchen auch was zu streichen – wobei ich wahrscheinlich noch weitere Striche anbringen werde, aber wohl erst, wenn die sieben nun noch zu verfassenden Briefe fertig sein werden. Das kann und wird sich wahrscheinlich über den Sommer hinziehen, zumal noch eine Unterbrechung ansteht, wenn nämlich die von Elvira M. Gross lektorierte zweite Tranche hier eintreffen wird, an die ich dann sofort rangehen muß. Dazu sieht meine Planung seit gestern vor, am 13. Juli nach Wien zu reisen, um das Endlektorat – also Zweifelsfälle durchzusprechen und letzte Entscheidungen zu treffen – im persönlichen Bei- und Miteinander abzustimmen. Zum 20. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, damit das Buch zur Frankfurtmainer Buchmesse auch da sein kann. Außerdem habe ich noch einen kleinen Rundfunkbeitrag zu schreiben, der am 18. abgegeben sein und am 19. hier in Berlin eingesprochen werden muß. Wobei ich das möglicherweise auch im Wiener ORF tun könnte.
Doch zu den Triestbriefen noch. Was mir auffiel, ist, daß je weiter die Briefe gediehen, sie sich unvermerkt immer näher an mich selbst heranschrieben, also quasi autobiografisch wurden. Was nicht sein soll. So gibt es also nicht nur die konstruierende Frage, wie ich viereinhalb (!) Jahre später mit neuen Briefen an die alten “poetoorganisch” anschließen kann (hier habe ich bereits den Ansatz; es wäre völlig bizarr, schriebe ich in einer sozusagen Blase weiter, ohne die Geschehnisse der Zwischenzeit sowie der jetzigen Gegenwart mit einfließen zu lassen, also Pandemie, Krebs, Krieg), sondern auch, auf welche Weise ich die nötige Distanz in den Text einziehe. Auch hierfür kam mir gestern die Idee, sie ist, glaube ich, klasse, weil sie dem Text einen höchst reizvollen Dreh gibt, einen poetischen sozusagen Effet; ich habe schon herumprobiert gestern abend und dann sogar schon auf anderthalb Seiten des Anfangs ausgeführt. Dabei wird der eigentliche Erzähler – der, die Briefe schreibt – zur abstraktesten Figur aller (aber nur die sagt “Ich”!), indes die fiktiven Personen zu den konkreten werden. Eine feine Volte, wenn es so klappt, wie ich’s mir vorstelle. Nur ist dazu nun noch einmal ein kompletter Durchgang nötig, bevor ich mit den neuen Briefe beginne – und sogar ein dritter noch, der aber mit mit einem ausgedruckten Typoskript, p h y s i s c h, damit mir sämtliche Motive und Motivarianten so verinnerlicht sind, daß ich beim Weiterschreiben nicht dauernd nachschlagen oder gar -suchen muß. Bei dem heurigen Sommerwetter wird d e r Durchgang genußvoll sein, denn ich werde ihm draußen im herrlichsten Sonnenschein nachgehen können – was mit einem Laptop schwierig ist, von dessen Screen sich in auf ihn fallendem hellen Licht kaum etwas ablesen läßt.

Jedenfalls werde ich nachher gleich mit dem Wiener Verlegerfreund whatsappen, um meinen Aufenthalt abzusprechen und dann auch sofort die Fahrt buchen (mit der Bahn, Flüge sind derzeit extrem teuer). (Italien fällt in diesem Sommer aus; es ließ sich familiär kein funktionables Übereinkommen finden; statt dessen will ich ab November in den Süden, sicherlich nach Sizilien, möglcherweise auf Stromboli, um für die Videoinszenierung der Aeolia zu filmen und auch vor Ort schon Text einzusprechen. Wobei ich allerdings auch nach Triest muß, des Briefromans wegen; wahrscheinlich eine Woche zu E}nde August. Ich muß meine Spielorte stets konkret sehen {hören, riechen, schmecken) – es jedenfalls versuchen.)

So. Rasieren, duschen, kleiden (heute erst seit halb sieben am Schreibtisch). Dann der nächste Durchgang Triest.

ANH

“Les lys du jardin sont flétris”: Die Dame Apollinaires. Kleine Poetiken (7).

 

La Dame

Toc toc Il a fermé sa porte
Les lys du jardin sont flétris
Quel est donc ce mort qu’on emporte

Tu viens de toquer à sa porte
Et trotte trotte trotte
Trotte la petite souris

Die Dame

Tock tock Er hat geschlossen seine Tür
Die Lilien des Gartens sind verblüht
Wer ist, den man tot trägt herfür

Du klopftest doch grad noch an seine Tür
Und husch husch husch
Die kleine Maus entflieht

Ach sie kam und wollte ihn sehen, nur wieder sehen, ihre späte Liebe vielleicht, vielleicht ihre Jugendliebe, oh die Gärten, in denen sie saßen! Beieinander vielleicht auf einer Bank, die wie in die Buchsbaumhecke hineingeschnitten, von der Buchsbaumhecke überwachsen war, einer Laube Gartenséparée, kann sein, hinterm Heim, kann sein, hinterm Haus seiner Eltern, und sein Bubenduft mischte sich so herrlich mit dem herben Geruch von Holz und Erde und Blättern – jedenfalls muß sie jetzt, im Alter, immer wieder daran denken. Sie weiß ja auch nicht, ob er, dieser Alte, wirklich der Junge von früher ist, aber das Lächeln, dieses sein Lächeln! Ach, es ist das gleiche, also will sie, daß es dasselbe ist. Sie hat es schon gewollt, als er zum ersten Mal in den Speisesaal kam. „Saal“ ist dafür ein übertriebenes Wort, aber die Pfleger nennen den Raum so, in dem die Holztische stehn und Stühle mit hellblauen Plastiklehnen, auf denen nehmen sie alle Platz, bevor der nette Zivi aus einem tiefen silbernen Suppenkessel, der herangerollt wird, ihnen den Schlag in die Teller tut, und sie löffeln den Eintopf heraus. Der Pfeffergeruch. Drei Moosröschen auf jedem Tisch. Ihrem Nachbarn rinnt ein Speichelfaden aus dem Mund und haftet ihm am Kinn, allezeit, während er ißt. Ja, sie sieht das sehr wohl. Aber auch sie hat ein Zittern in den Händen, man kann beim Essen nicht ständig in den Spiegel sehn. Sie weiß es, ja, doch was soll sie tun? Deshalb denkt sie darüber nicht nach, sondern lächelt gegen den gar nicht schlimmen, aber lästigen Schmerz im Kreuz an. Im Garten ist das alles immer so anders gewesen, als er hereintritt, tapperig und ein wenig verwirrt, aber lächelnd… es ist dieses Lächeln, oh sie hat es so viele Jahre nicht mehr gesehen, der Bub war ja fort irgendwann, es hat keinen Abschied gegeben, und sie hatte ihn über die Jahrzehnte vergessen… War damals nicht Krieg? Es muß Krieg gewesen sein damals. Ach er hat sich gar nicht verändert! Plötzlich fällt er ihr alles wieder ein, wie hieß er nur? Michel oder Pierre oder Jürgen, der Name ist einerlei. Der Pfleger führt ihn am rechten Arm langsam durch den Raum, sie kann den Blick von Pierre nicht lassen. Und wirklich, ihr genau gegenüber, der Platz, er ist frei, aber noch andere Plätze gibt es, neulich ist Madame Helvet gegangen, dann ging Madame Goltz, dann Monsieur Verdère, sie gehen alle eine nach dem anderen und machen dabei nur sehr selten Lärm. Noch selten sagt wer Lebwohl; morgens, plötzlich, im Speisesaal, bleibt wieder ein Platz frei. Sie könnte sich fragen, ob man vorher etwas spürt, ob man es ahnt, aber sie möchte es sich nicht fragen, und sie weiß, es fragt sich das niemand. Da nimmt der Junge Platz, ja, ihr gegenüber, der Pfleger schiebt ihm den Stuhl zurecht. Ach wie er aufsieht! Ach wie er lächelt! Sie wagt es und lächelt zurück. Und nachmittags gehen sie zusammen in den Garten, einen kleinen Park, da ist diese Laube, die Buchsbaumhecke, und sie weiß erst jetzt, daß schon damals der Garten nach Abschied roch, nach einem herben süßen duftenden Abschied. Doch sie waren so jung, sie hielten den Duft für Verheißung, und das war er damals ja auch. Heute ist er Erinnerung. Da nimmt der Junge zum ersten Mal ihre Hand. So sitzen sie und schweigen. Und am nächsten Tag sitzen sie da wieder und schweigen, und wieder hält er ihre Hand. So sitzen sie über Wochen, und dann kommt der Herbst.
Sie ist unruhig. Sein Lächeln. Seine Hand. Sein Lächeln. Sie schaltet die Nachttischlampe an. Irgendetwas sitzt in den Bommeln, die vom Netz hängen, das über den Schirm geworfen ist. Irgendetwas klingelt in ihnen. Sie haben noch niemals geklingelt. Sie schaut zur Uhr, es ist halb eins in der Nacht. Oh, sie möchte zu ihm. Und sie erhebt sich, es ist nicht mehr leicht, sich aus dem schweren Bettzeug aufzurichten. Aber sie spürt, daß es sein muß, und sie schafft es, schafft es wieder einmal allein. Noch ist sie zu stolz, um zu schellen. Sie zittert in die Puschen, sie zittert sich in den Morgenmantel und tritt auf den Gang. Irgend etwas ist geschehen. Sie geht zu seiner Tür. Das hat sie noch niemals getan. Einen ganzen Stock höher. Sie klopft. Sie klopft noch einmal, er gibt keine Antwort. Sie hört Geräusche von draußen, von unten, eine Autotür vielleicht, es gibt Licht auf dem Hof.
Sie schlurft zum Fenster. Es ist ein weißer Wagen mit menschenlanger Ladefläche. Ein Sanitäter steht dort vor den Doppeltüren und raucht. Zwei weitere Sanitäter erscheinen, die die Bahre tragen. Louis, der netteste der Pfleger, ist bei ihnen und begleitet die Bahre, bis sie in dem Auto verschwunden ist. Leise werden die Wagentüren geschlossen. Die Männer sprechen miteinander wie stumm, ein Nicken, der eine Sanitäter tritt die Zigarette aus auf dem Kies. Der nette Louis unterzeichnet auf einem Clipboard ein Papier.
Sie dreht sich zurück, sie will den Wagen nicht fortfahren sehen. Sie klopft noch einmal an dieser Tür. Sie bleibt verschlossen, alles bleibt still. Nur etwas Kleines drängt sich unterm Spalt hervor, drängt sich hervor und rennt und flitzt, den ganzen Gang flitzt es huschhuschhusch entlang und verschwindet, sie weiß es, im Himmel. Ach! Nun hat sie auch ihm nicht Lebwohl sagen können. Doch sie weiß, er hat gewartet auf sie, hat auf ihr Klopfen gewartet, dann sich auf das Mäuschen geschwungen, um sie noch einmal, im Verschwinden, huschhuschhusch zu sehn.

Meine Damen und Herren, voilà: Guillaume Apollinaire! Als der Dichter, dessen kleines Gedicht „La Dame“ sich in der Sammlung „Alcool“ findet, 1918 starb, war der Einfluß, den er auf seine Zeitgenossen hatte, kaum zu ermessen. Aber sogar noch 1953 schrieb René Char: „Jeden Tag fährt Guillaume Apollinaire fort, für uns, unerschöpfbar, in dem hermetischen Block, der Paris ist, königliche Straßen zu brechen, wo die Frauen und die Männer Frauen und Männer mit transparentem Herzen sind.“ Oder alte Herren. Oder alte Damen. Manche Lilien verblühen nicht.

La Dame

Toc toc Il a fermé sa porte
Les lys du jardin sont flétris
Quel est donc ce mort qu’on emporte

Tu viens de toquer à sa porte
Et trotte trotte trotte
Trotte la petite souris

Die Dame

Tock tock Er hat geschlossen seine Tür
Die Lilien des Gartens sind verblüht
Wer ist, den man tot trägt herfür

Du klopftest doch grad noch an seine Tür
Und husch husch husch
Die kleine Maus entflieht

Kleine Poetiken 6 <<<<

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