ANDERSWELT. Ein poetologisches und rezeptionsästhetisches Lehrstück. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

 

[Arbeitswohnung, 13.10 Uhr]

Man nehme eine (oder mehrere) tatsächlich existierende Personen und bringe sie mit den fiktiven Personen eines Romans zusammen. Es braucht gar nicht lange, da gehorchen sie denselben poetischen Gesetzen wie die erfundenen Figuren; sie haben rein denselben Atem und werden sich auch völlig anders verhalten. Sie werden also Avatar. Das ist eben das Interessante daran, eine genuin künstlerische Bewegung vollzieht sich, der die Realität völlig entspricht. – Darauf brachte mich eigentlich erst → meine Börsenzeit. Du hörst ein Gerücht oder setzt es in die Welt, es läuft als stille Post weiter und weiter… – und die Kurse ändern sich, was wiederum direkt marktwirtschaftliche Folgen hat und das Wohl und Wehe ganzer Familien bestimmt, aber auch die Technologie selbst. Ohne die großen (mythischen) Fantasien hätte es wahrscheinlich ganze Stränge technologischer Entwicklungen nicht gegeben.
Ich rede mir seit Jahren den Mund deshalb fusslig, der Literarbetriebler hört kaum zu und erwartet – vorgeblichen, logisch, aber er hält ihn für das – „Realismus“. Da holt sich – wenn Ralf Berhorst in der Süddeutschen schreibt, die einstweilige Verfügung kassiere die Grenze zwischen Literatur und Leben – mit einem Mal „Leben“ einen Anteil „Literatur“, den es ja sowieso schon hat, und zwar auch und gerade im Fantastischen. D a s ist das bedenkenswert Bedenkliche. Im Grunde muß es jetzt auch darum gehen, → dieses Verfahren mitzuschreiben und zu poetisieren. Kühlen Herzens sein, wo es doch jagt.

Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, hier kommen Einfälle um Einfälle, und ich muß sehr genau gucken, da man doch einen Strick schon dreht, den man mir um den Hals legen will. Bei aller Provokation, so kannte ich das bisher noch nicht.
Einwand des Freundes vorhin: Ich hätte das mit Rauschenbach nicht schreiben sollen, das sei doch Selbstbespiegelung. Nun ja. Aber weshalb soll ich einen Impuls von Stolz unterdrücken, wenn ich ihn habe? Weil es sich gehört, bescheiden zu sein? Wer hat das den Leuten eingehämmert und warum? Nervig wird solche Freude doch nur, wenn einer sie dauernd erzählt. Mal abgesehen davon, daß im Moment von „Freude“ eh keine Rede sein kann; ich hätte wirklich alles andere lieber als diese Schlammschlachten, die sich etwa da bereits andeuten, wo von den „pornographischen Stellen“ in → MEERE die Rede ist. Ihre literarische Funktion ist doch klar, die → SM-Fantasien werden von mir erzählt, weil ich sie und ihre Realisierungen, die ja tägliche Mode geworden sind, in den Zusammenhang mit der kybernetischen Entkörperung von Welt stelle: „Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was dem Subjekt widerfuhr: Tattoo, Branding, Piercing, Body Art und der Einzug des Sadomasochismus in den Chic sind letzte aufbegehrende, perverse Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.“ Das formulierte ich bereits in meinem Aufsatz „Das Flirren im Sprachraum“ (Schreibheft 56). In einem Roman, der die Geschichte einer zugleich tiefen Liebe wie exponentiell verlaufenden Obsession und ihrer Explosion erzählt, kann ich das gar nicht ausklammern, sofern ich nicht völlig neben der Zeit schreiben will, in der ich lebe. Es gab ja schon ganz die gleiche Dynamik in → THETIS: Dieses Buch mußte den Völkermord auf dem Balkan mitprotokollieren und poetisch in Bewegung setzen. Es wäre sonst ein rein-distanziertes, ja: germanistisches, akademistisches Buch – also Gelaber – geworden. Daß man mir hinterher die vielen geschilderten Grausamkeiten vorwarf, wunderte mich zwar nicht, machte die Notwendigkeit aber sogar noch im Nachhinein zwingend.

So, jetzt muß ich mir Ekelhaftes tun, wegen dieser MEERE-Sache. Was ich hier notiere, kann vielleicht wirklich einmal → eine Poetik werden. Ich schreibe (fabulierte) jetzt lieber weiter.

[Poetologie]

 

Perlentauchers „Wellen“. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

NOTA, MÄrz 2020:
„Wellen“ war in der langen Zeit, in der ich den Romantitel
strafbeschwert nicht nennen durfte, Meeres Anonym.

[Redaktionsmitteilung:]
Kresskopfs Berhorst hat für den → Perlentaucher 
(der sich aufs Schlammtauchen jetzt offen verlegt, ANH) die Gerichtsverhandlung beobachtet, die zum Verbot von Alban Nikolai Herbsts Roman „Wellen“ führte:

Die juristische Strategie des Verlags zielte vor allem darauf, die ‚Wiedererkennbarkeit‘ der Klägerin in der Romanfigur Irene Adhanari zu bestreiten. Ausführlich wurden daher physiognomische Kennzeichen wie ‚Oberlippenflaum‘, ‚ägyptischer Blick‘, ‚zurückgekämmtes schwarzes Haar‘ traktiert. Bereits in der laufenden Verhandlung deutete die Richterin an, was der spätere Urteilsspruch bestätigte: Das Gericht sieht in Herbsts Protagonistin keine ‚Kunstfigur‘, sondern die ‚Wiedergabe eines realen Abbildes‚.

Das ist nun wirklich toll. Obwohl allein in Deutschland schätzungsweise ein paar Millionen Frauen blondes Haar und, sagen wir, Sommersprossen haben, wird einem Autor untersagt, dies auch zu schreiben; denn es leite sich Wiedererkennbarkeit daraus ab. Das Gericht macht sich offenbar selbst zur Possennummer: Jedenfalls darf ANH auf keinen Fall mehr über dunkelhaarige Frauen schreiben, zumal dann nicht, wenn sie ihn an die Büste der Nofretete erinnern. Daß diese, anders als der Gegner des Romanes, ägyptischer Provenienz ist, wird beiseitegewischt. Das hat durchaus etwas Rassistisches: Wir nehmen halt den Orient für ein einzig‘ Gebild, ethnisch etwa Osnabrück vergleichbar, wo es eigentlich aber auch schon nicht stimmt.

Literarästhetisch interessant ist etwas anderes, auf das Herr Berhorst in seinem Artikel ja ebenfalls hinweist:

So wurde im Prozess erkennbar, dass dem Rechtsstreit über „Wellen“ neben allen persönlichen Verletzungen wohl auch eine literarische Rivalität unter Autoren zu Grunde liegt. Herbst siedelte seinen Plot an Orten an, die seine frühere Lebensgefährtin, die selbst Schriftstellerin ist, als ihre „Domäne“und „psychische Heimat“ ansah, über die sie selbst noch schreiben wollte.

Da schlägt man doch ziemliche Purzelbäume. Bücher unterliegen jetzt alleine deshab einem Plagiatseinwand, weil jemand anderes über denselben oder einen ähnlichen Gegenstand noch schreiben wolle. Ich werde demnächst Helmut Krausser gerichtlich untersagen dürfen, einen Roman zu veröffentlichen, der im Senegal spielt, und zwar einzig deshalb, weil auch ich mich mit einem solchen Romanprojekt trage. Diese richterliche Entscheidung hat mir das endlich möglich gemacht.

Damit es funktioniert, muß man auch nicht einmal Schriftsteller sein. Es genügt zu erklären, man wolle es werden. Tatsächlich ist ja der Gegner des Romanes bislang jeden solchen Berufsausweis schuldig geblieben, jedenfalls soweit er über gelegentliches Dilettieren, also ein Hobby, hinausgeht. Man stelle sich einmal vor, so etwas risse bei Ärzten oder Sraßenbahnfahrern ein. Nun ja, es geht schließlich nur um Literatur.
Doch selbst, wäre der Gegner des Romanes Siegfried Lenz, muß man sich abermals die Frage nach dem „geistigen Eigentum“ stellen und was das sei. Im Barock, einer höchst kunstschäumenden Epoche, spielte er absolut keine Rolle; wir hätten denn wichtige Musiken von Bach, Händel, Vivaldi nicht. Sie wären schlichtweg verboten. Erst wiederum mit der Autonomisierung des Bürgertums fand der Begriff Eingang in die Köpfe und das Recht. Er hat aber in der Kunst nichts zu suchen, die Themen und die Gegenstände sind frei verfügbar, wozu selbstverständlich auch Landschaften, ja sogar fremde Erlebnisse gehören. Die Frage stellt sich einzig, in welcher Güte sie verarbeitet sind, ob ein Text sinnlicher, näher, schöner als der andere ist. Selbst, nähme ein Dichter aus eines anderen Werk ganze Passagen unverfremdet hinüber — siehe des Hauses Usher Fall — , wäre immer noch einzig zu schauen, in welchem ästhetischen Verhältnis er zum „eigenen“ Text steht, ob er sich darin aufhebt usw. Das ist die ästhetische Grundlage einer jeden Collage, bzw. Montage. Ohne solche wäre die ganze Moderne nicht denkbar.
Der poetische Vorgang ist ein flüssiger, er darf nicht verdinglicht sein, weil die Erzählung sonst ihr (Eigen-) Leben verliert. So etwas kann justiziabel nicht sein. Einmal davon abgesehen, daß mir nun indirekt unterstellt werden könnte, ich hätte beim Gegner des Romanes etwas „abgeschrieben“. Was wirklich ulkig wäre, der Sachverhalt ist eher umgekehrt, besonders was die Stilistik betrifft. Aber darum geht es wirklich nicht, es ist mir schlichtweg egal. Jeder Autor lernt an einem oder mehreren anderen, und etwas zu kopieren gehört dazu. Die Sache aber umzudrehen und den „Lehrer“ zum Plagiator machen zu wollen, wie es der Gegner des Romanes tut, – das ist schon ein in seiner ganzen Lächerlichkeit perfides Stück, vor allem wenn eine gerichtliche Entscheidung solche Hintergründe ignoriert.

Meine Haltung zum sog. Urheberrecht habe ich bereits an anderen Stellen klargestellt. Nichts dagegen, daß jemand mein Leben oder Episoden daraus zum Gegenstand macht, auch nichts dagegen, daß er die Akzente verschiebt oder gar versucht, mich lächerlich zu machen. Das einzige, was ich fordere, ist: daß er es gut tut. Dann werde ich selbst es, auch als Betroffener, genießen. Und mich – allenfalls – mit einem eigenen Text, der dann besser sein muß, wehren. So und nicht anders vollziehen sich Auseinandersetzungen unter Dichtern. Alles andere fällt in die Kategorie Rentenkasse.

[Poetologie]

Also auch er & Der Ruf nach den Frauen. (Aus dem Freecity-Altblog, 2003)

I

Puck schreibt mir:

„Publius Ovidius Naso (43-17/18) wurde durch ein Edikt des Kaisers Augustus für seine „ars amatoria“ anno 8 nach Tomi (Constanza/ Rumänien) verbannt – noch vor dem Erscheinen seiner „Metamorphosen“… einige Damen und Herren der „besseren Gesellschaft“ meinten, sich in der „ars amatoria“ wiederkennen zu können und sorgten dafür, dass der berühmte, beliebte, umjubelte Ovid in die Verbannung geschickt wurde.
Er starb dort, ohne den Erfolg seiner „Metamorphosen“ geniessen zu können.“

Nun, keine schlechte Gesellschaft. Und ausgerechnet die „ars amatoria“… Danke für den Hinweis.

II

Auch Tilman Krause liebt die Frauen. Das ist neu. Er ruft sogar nach ihnen. Gegen mich. Beschwört die alte Frauenbewegung, sich meines Buches zu erwehren.

Schon bemerkenswert, welche nun auch bizarren Fronten sich bilden. Und wiederum (1) wird aus der Darstellung von Sexuellem etwas Ehrenrühriges herausgelesen. Und wiederum (2) ist es ganz offenbar, daß die, die am lautesten schreien, nicht lesen können oder nicht – lasen.

Ich schlage vor, „Ich ist ein Text“ durch „Ich ist ein Ärgernis“ zu ersetzen. Also insofern ich gemeint bin …

Zum Persönlichen und seiner Verletzbarkeit. (Aus dem freecity-Altblog, 2003)

Bedenklich ist, daß das Intimste, das alle Menschen gemeinsam haben, nämlich Sexualität, genau dasjenige sein soll, was ihre Privatheit fundiert. Über Sexuelles zu schreiben – das geht nur aus Erfahrung-, gilt nach wie vor als Tabubruch, weil es sich um den Bruch – die Verletzung – eines sanktionierten Abstrakten handelt. Man schaut ein Tabu nicht an, man senkt vor ihm den Blick. Wenn einige dem nicht gehorchen, offenbart sich den Menschen die Gewalt, die ihnen angetan wurde und die sie sich selber angetan haben. Es ist dies, wovon nicht gesprochen werden soll. „So wie H. vögelt man nicht, das ist nicht erlaubt!“ Man hat es sich nämlich selbst nie erlaubt oder kam erst gar nicht in Versuchung: Wer in sie kam und der Lockung folgte und davon erzählt, schert aus dem gemeinsamen Einverständnis aus. Er offenbart das verhüllte Ungenügen und die Lustleere der anderen. Die dann aufschreien. Genau dies macht die gegenwärtige Wellen- und Schlammschlacht so überaus deutlich. Man ist je selber be- und getroffen, weil man ja selbst Anteil am Sexuellen hat, ihn aber nicht oder nur ungenügend realisiert. So funktioniert Moral.

Schon Arno Schmidt nannte es skandalös, daß Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane derart nahe beieinanderlägen. Eine Leidenschaft hingegen, die sich mit Fug so nennt, nimmt gerne das eine fürs andere. Die Antike, etwa, ist davon durchglüht. Weil sie dachte, es sei Urin, was schwängere, kommt Zeus über Danae als „goldener Regen“. Damit läßt es sich leben, auch als Literatur. Doch wenn man das sagt, verziehen die Schüttes die Lippen. Dabei: Keine Spur von „Schmutz“ bei Ovid; selbst die Zoopholie findet ihren Respekt. Heut wär sie justiziabel.
Es war das repressive Christentum, das die Lotterbetten hinwegexerzierte, dann inquisitierte und später, nach Barock und Rokoko, als sich die Nationalstaaten bildeten, „autonom“ vergesellschaftete, indem es – Hand in Hand mit dem puritanischen Protestantismus – das Allgemeinste als Persönlichstes definiert und zugleich auf die Fortpflanzungsfunktion reduziert hat, ganz uneingedenk, daß „die Natur“ es ausgesprochen liebt zu würfeln. Wer Sexualität als Tanzfläche nahm, war plötzlich, und zwar persönlich, sündig. Daher rührt der Schutz des allerallgemeinsten Persönlichen: Er ist nämlich nicht Schutz, sondern Repressalie. Und zwar, weil es so vergesellschaftet ist. Sexualmoral wird für eine allgemeine und eben nicht subjektive Kondition gehalten und prägt das Rechtssystem bis heute. Nur weil dem so ist, kann aus ihrer vorgeblichen Verletzung eine des Persönlichen destilliert werden. Das Verfahren ist hochgradig perfide; es ist der Tabucharakter, der es prägt, ist eine Art inverser double-bind: Wenn ich das Allgemeine offenbare, das man gerade als Allgemeines verschweigen möchte, verletze ich das Persönliche; genau so ist das Verbot strukturiert. Es ist eine Falle.

Dahinter verbirgt sich letztlich die alte Pornografie-Debatte.

Der eigentliche Skandal → an dem Buch ist wohl, daß der Allgemeincharakter einer Liebesgeschichte so überaus deutlich gemacht wird, daß sie nämlich gerade nicht persönlich ist. Darauf wird nun mit diesem bisweilen hämischen Abscheu eingeschlagen; jeder sagt imgrunde: Der spricht ja von mir. Jeder erkennt sich wieder. Genau deshalb wird die eben skizzierte Abwehrdynamik bemüht: Indem man der Inkrimination des Buches beispringt – sei es aus „Ritterlichkeit“, sei es aus moralischer Überzeugung -, lenkt man doch letztlich von sich selbst und den irrationalen eigenen Innentabus ab, ja man richtet den allgemeinen Blick zentralperspektivisch auf den Gegner des Buches und entblößt ihn dadurch völlig. Es ist bezeichnend, daß es vor allem alte Männer sind, die dies tun; sie atmen noch immer die miasmische Luft der vor dreißig Jahren so genannten „Doppelmoral“. Frauen, selbstverständlich, reagieren ebenfalls allergisch, denn ihre Geschlechtsidentität – wiederum etwas höchst allgemeines – bekommt eine Beleuchtung, die dem praktikablen (patriarchalen) Zusammenhang nicht gefällt, in welchem sie sich mehr oder minder pfiffig, manche auch beachtlich klug, eingerichtet haben. Dazu gehört besonders die „Offenbarung“ gewisser Sexualpraktiken, und zwar nicht, weil sie sich so oder anders (nicht oder doch) abgespielt hätten – der vorgeblich reale Untergrund tut imgrunde überhaupt nichts zu Sache -, sondern weil am alten Tabu auch diejenige hängt, die es heimlich übertritt. Es ist genau dieses Tabu, das den Menschen ihre „Persönlichkeit“ noch dann garantiert, wenn diese sich längst aufgelöst hat. Es muß sogar noch schärfer formuliert werden: weil sie sich aufgelöst hat.

Das Private ist über industrielle und marketingdynamische Prozesse längst über die Warengesellschaft determiniert. Paradoxerweise war das etwa im Mittelalter, als es den Begriff des autonom Persönlichen noch gar nicht gab, geradezu umgekehrt: Die Einbettung in die unter Gottes und seiner Statthalter verwaltete Welt eröffnete tatsächlich Freiräume – des Geschmacks, der Lebensweise -, deren „Veröffentlichung“ nun wirklich einer Verletzung des Persönlichen gleichgekommen wäre. Im übrigen hatte das Subjekt noch die Möglichkeit einer dauernden Flucht, bzw. des Rückzugs aus dem Allgemeinen. Für „vogelfrei“ erklärt werden zu können, war ja eine – schon der Begriff sagt es – höchst ambivalente Angelegenheit, insofern sie eben auch bedeutete, daß ein anderes Leben möglich war – ein sicher nicht bedrohteres als das in den groben Überwachungssystemen dörflicher oder kleinstädtischer Gemeinschaften. Das hat spätestens mit der behördlichen Erfassung der Individuen, mit Wohnsitzpflicht und dergleichen aufgehört und ist heute, da die technische, besonders → kybernetische Revolution in nahezu jeden Haushalt langt, eine geradezu utopische Welt. (Deshalb greift Fantasy-Literatur so gern aufs Mittelalter zurück). Das nicht nur prinzipiell, sondern auch dann noch abhörbare Handy, wenn man den Akku zieht, ist ein von den „persönlichen“ Individuen auf dem Weg der Mode nur allzu gern selbstinstalliertes, gesellschaftliches Instrument der Kontrolle; zumindest kann es von undurchsichtigen Instanzen dazu genutzt werden. Das ist auch jedermann bekannt, aber „was hab ich schon zu verbergen?“ Eben. Nachdrücklicher läßt sich der Allgemeincharakter des Persönlichen kaum ausdrücken.

Das gilt nicht nur für den Sockeneinkauf, sondern auch für Intimstes. Ich wies schon darauf hin, daß Sexualität zum tragenden Pfeiler des Warenumsatzes geworden ist, natürlich wegen ihrer Allgemeinheit. Da es hier um das Ausspielen einer Psychologie der Reize geht, die sich durch Überflutung abschwächen, unterliegt der Prozeß einer perversen Dynamik: Was „gezeigt“ wird, muß, um überhaupt noch zu wirken, sich weiter und weiter ausziehen. Man kann das ganz gut daran beobachten, daß auf die gezeigten Knien und Waden (ja, sowas war einmal Skandal) zunehmend weitere anatomische Partien, schließlich vor allem sekundäre Geschlechtsmerkmale in die industrielle Darstellung gelangten; das primäre Geschlecht blieb für zweidrei Jahrzehnte „verschont“. Unter anderem die Theater brachen auch damit, und heute ist man nicht einmal mehr sonderlich erregt, wird eine Möse gezeigt. Sogar über lange Jahrzehnte patriarchal tabuisierte Männerkörper hat längst Einzug in die Schaufenster gehalten. Wir kennen die – Volksbelustigungen ähnlichen – Männerstrip-Veranstaltungen. Auf Bühnen und vor Kameras wird gepinkelt.
Es wäre eigentlich schwierig gewesen, die Entblößungs-Eskalation, die durchaus etwas vom Wettrüsten des Kalten Krieges hat, noch weiterzutreiben, wäre nicht gesellschaftlich, eben über die technische Kybernetisierung von Welt, dem Markt eine Art übrigens berechtigter Selbstangst beigesprungen: Die Darstellung des „heilen, schönen Körpers“ ersetzt sich durch die Verwundung. Tattoo und Piercing sind ja anatomische Eingriffe, deren movens der Schmerz ist. Was der Seele angetan wurde, wird hinausgestülpt und zum Schmuck: Äußerstes Sympom dafür, daß sich ein Schmerz seelisch nicht verarbeiten läßt. Das ist jenen Kranken nicht unähnlich, die sich ständig in die Unterarme schneiden. Daß so etwas unter Gesunden Mode wurde, verweist wiederum auf die Allgemeinheit des Befunds. Hierzu gehört auch der partymäßig betriebene Sadomasochismus.
Nichts ist daran, was ehrenrührig, und nichts, was „privat“ wäre. Aber es schreckt einen auf und soll deshalb nicht sein. Kopf in den Sand. Das Geschehen ist geradezu allegorischer Natur. Darauf weisen moderne Poetologien ständig hin, etwa die Elfriede Jelineks. Aber die „Zerstörung“ und der „Zerfall“ der Persönlichkeit sind Themen bereits der frühen Moderne; erst die ästhetische Restauration, die der Realismus gebracht hat, hat den Sachverhalt wieder verschleiert. Auf ihn bezieht sich jede Berufung auf eine Persönlichkeitsrechtsverletzung.

Nun ist in dem gegenwärtigen Verfahren nicht skandalös, daß eine Frau meint, ihr Sexualleben gehöre nicht in die Öffentlichkeit; ein Irrtum insofern, als es sich ja nicht um ihr Sexualleben handelt, sondern um das einer ganzen Gesellschaft. Und es ist sowieso ein Roman und der Einspruch also höchst naiv. Man kann fast Mitleid mit solcher Verblendung haben. – Auch nicht skandalös ist das sozusagen Urteil in dieser ersten Instanz. Man hat damit rechnen können, weil es dieselbe Kammer fällte, die die Einstweiligen Verfügungen erließ. Wenn die Kammer dem Gegner riet, den unterbreiteten Vergleichsvorschlag anzunehmen, so zeigt das allerdings deutlich, in welche Zweifel die Richter gerieten. – Sondern daß Leitfiguren des öffentlichen Lebens sich aufgerufen fühlen, trotz ihrer Kenntnis der Literatur nicht nur deren Verbot zu befördern, sondern qua publizitärer Machtausübung zu beklatschen. Dahinter steht selbstverständlich Angst. Dahinter steht vor allem die Unfähigkeit, eine neue Realität zu erkennen. Das liegt an dem begriffslos gefühlten Unbehagen, das der Allgemeinheitscharakter auch ihres Privaten diesen alten Männern macht. Er muß abgewehrt werden. Der in seiner Irrationalität ausgesprochen hämische Ton, in dem besonders Wolfram Schüttes Text daherkommt, zeigt sehr genau, welch einer Anstrengung diese Abwehr bedarf.
Ich habe offenbar – mir war das nicht im Geringsten klar – mit dem Buch eine Grenze überschritten, aber nicht die eines Vertrauensmißbrauches, wie Ulrich Greiner interpretiert, sondern ich habe den Schleier gelüftet, mit dem die Priester gesellschaftliche Tabus verhüllen. Darüber wird nun so ungesagt diskutiert. Deshalb soll auch nicht über die ästhetische Güte meines Textes gesprochen, bzw. gestritten werden; statt dessen wird nur der vorgeblich „private“ Charakter, den das Buch habe, negativ bekanntgemacht, ja unterstellt, ich hätte es auf Kosten eine Privatperson abgesehen auf diesen Skandal. Man lenkt den öffentlichen Blick auf das Persönliche – auf „private“ Schuld und „privaten“ Mißbrauch -, damit das Allgemeine sich wieder verdeckt.

Erste Instanz

In der ersten Instanz des → einstweiligen Verfügungs-Verfahren wurde gestern die einstweilige Verfügung von der Kammer (derselben, die die e. V. erließ) bestätigt. Das ist insofern schade, als der Gegner auch keinen Vergleich, der unterbreitet wurde, annahm.

Ich bin noch den gestern angekündigten Text schuldig. Sorry, aber ich arbeite dran. Er wird gegen Nachmittag, vielleicht auch schon früher, im Netz stehen.

Es sind dieselben Leute! (Aus dem freecity-Alblog, 2003).

Ich äußere mich zu Wolfram Schütte und Ulrich Greiner im Lauf dieses Tages, der eine erste Entscheidung bringen wird. Momentan ist keine Zeit, einen Eintrag stilvoll und mit dem nötigen Witz zu Diskette zu bringen. Aber ich hole das später nach, denn einiges fällt mir sogar schon spontan ein. Nur dies vorab: Es ist ausgesprochen bezeichnend, daß sich die Genannten auf die vorgebliche Intimitätsverletzung stürzen, als wüßten ausgerechnet sie, was das sei: „Intimität“, und zwar schon gar literarisch; und daß es ihnen dabei zu gelingen scheint, die politische Atmosphäre, die Deutschland in den Siebzigern prägte und die ich beschreibe, in den Medien und den Köpfen gänzlich vergessen zu machen. Sie haben allen Grund dazu. Denn sie haben das Milieu maßgeblich mitbestimmt. – Nein, genug für jetzt. Heute nachmittag oder heute abend mehr.

Palmen und Farne. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

Furchtbar, → nicht sprechen zu dürfen, nicht schreiben zu dürfen, wie man will. Furchtbar, sich ständig umzusehen, wer zuhören könnte. Furchtbar auch die Allianzen, die sich aus den Seilschaften des Literaturbetriebes ergeben. Furchtbar die familiären Allianzen: Wiederholungen, abermals, von Mustern, als vererbten die sich auch auf Hinzugekommene. Furchtbar die Gefühllosigkeit, die erwartet wird, damit man einen juristischen Streit gewinnt. Furchtbar, nicht zu wissen, gegen wen man eigentlich antritt, sondern es immer nur zu ahnen, und zwar je Verschiedenes.
Ich bin einer, der ständig Geschichten im Kopf trägt; nun ist es meine eigene, bin ich es selbst, der zum Gegenstand einer Geschichte wird, eines romanhaft enggekoppelten Systems: als realisierte sich, was ich immer zusammenspann. Literatur wird zu Wirklichkeit und wird zu Wirklichkeit gemacht, ohne daß ich sie formal noch ordnen könnte, wie in den früheren Büchern geschehen. Da ist auch kein Deters, auf den sich die Bedrohung vorübergehend und wie in einem Experiment, das zu beobachten wäre, verschieben läßt.
In mir ist alles dramatisch, war es immer, und also nehme ich den Prozeß dramatisch wahr; das ist wie ein Reflex. Daß ein Liebesbuch als Abrechnung, gar Beleidigung hingestellt werden soll, ist von einer solchen Perfidie, daß mir nicht einmal der Ausweg in Verachtung bleibt. Persönlich ja sowieso nicht. Nur verständnislose Trauer. Und Angst, selbstverständlich. Und manchmal – das ist dann erlösend, hält aber nicht vor – Wut. Dazu die stete Frage: Wie weit werde ich gehen? Wenn ich mich beugte, verriete ich, woran ich glaube und was ich bin: Kunst.
Schon habe ich die Geschichte eines Mannes im Kopf, der sich an einstweilige Verfügungen, weil ihr Grund unrecht ist, nicht hält, mit Strafen überzogen wird, sie nicht bezahlen kann und also in Beugehaft kommt, und kaum ist er aus dem Gefängnis heraus, kämpft er weiter. Abermals Ordnungsgeldstrafe, abermals kann er sie nicht bezahlen, er kommt abermals ins Gefängnis. Und so fort. Bis man ihn bricht. Dazu die Erzählungen, die ich aus Haftanstalten kenne: Vergewaltigung, Schläge, irgendwann bricht er zusammen. Eine Kohlhaasiade, gewiß; das hat auch etwas Komisches. Beugte der Mann sich aber, kniffe er, es wäre so lächerlich wie eklig. Denn natürlich hat der Mann einen Sohn, und wenn der Vater sich nicht mehr ins Gesicht schauen kann, woran sollte der Sohn sich später orientieren? An der Feigheit? An der Lüge? Am pfiffigen, sich anbiedernden Opportunismus?

Alle Bücher, die ich → bislang geschrieben habe, sind Bücher über Widerstand. Das hat vielen nicht gefallen, und jetzt wittern sie ihre Chance. Soweit meine Arbeit gewürdigt wurde, waren es immer Außenseitergestalten; die Mitschwimmer – es sind die meisten – waren grundsätzlich dagegen, die Namensliste ist lang. Bisher wußte ich damit umzugehen, denn die Gegnerschaft war logisch. Das ist nun anders, der Grund ist anders. Aber ihm laufen die Mitläufer z u. Das meine ich mit „Allianzen“, und es spielt keine Rolle, ob der Grund das eigentlich will: Das Opportune – die Gelegenheit, nun endlich einmal zutreten zu können und auch zu treffen – gruppiert sich um ihn, er kann sich davor gar nicht mehr retten. Man umarmt diesen Grund, aber wenn er nicht mehr genügt oder das Ziel erreicht ist, wird man den Grund zur Seite schubsen. Und sich nicht scheren, wenn schließlich er zugrundegeht. Er sollte den Brennstoff liefern, der Brennstoff sein. Die ausgebrannte Stufe wird abgekoppelt und verglüht.
Wie gesagt, ein neuer Roman. Oder ein Film, wie mir Jan Röhnert heute schrieb, der einen anderen las. Überhaupt kommen dauernd mutmachende Leserbriefe, aber sie erreichen mich nicht. Was mich aufrecht hält, das ist, daß der Junge des Mannes, von dem ich oben schrieb, eines Tages diese Protokolle lesen wird. Das wird leidvoll für ihn werden, aber ihm eine Chance eröffnen, die Söhne meist nicht haben: zu verstehen.

Michael, der Freund, vorhin: Wenn Mütter existentiell bedroht sind oder sich existentiell bedroht fühlen, lassen sie ihre Kinder im Stich, da sie sich ja anderweitig reproduzieren können. Auch darüber muß ich dauernd nachdenken. Es ist ein äußerst bio–logischer Satz. – Ich hielt sofort dagegen: Das täten Väter niemals. Aber bin mir jetzt nicht mehr sicher. Mein Vater jedenfalls hat um seine Kinder nicht gekämpft. Er hat ja sowieso nie gekämpft. Und meine Mutter – eine ausgesprochen starke Frau – kämpfte, indem sie sich um Seele nicht scherte, nicht um die eigene, nicht um die ihrer Kinder; Wohlverhalten und Anpassung gingen ihr vor – heute sagte man mainstream dazu oder Pop, der in der bürgerlichen Gesellschaft auch Beethoven meinen kann, jedenfalls den sinfonischen. Als sie nach der Geburt meines Sohnes seine Mama und mich zum ersten Mal besuchte, sagte sie zu ihr: „Du bist also die Frau, die mich unsterblich macht.“ Merken Sie’s? Schon wieder ein Roman. Dessen Protagonistin heißt Elfriede Kurzek und lebt derzeit in Bad Münstereifel; irgendwann in den frühen Dreißigern wurde sie geboren, ihr Vater war Koch und diente später bei den US-Amerikanern als Spitzel. Er war ein ausgeprägter Pflanzennarr, ich erinner mich: Bei uns standen überall Palmen und tropische Farne. Im Wohnzimmer, das man mit einer Machete betreten mußte, wenn man zum Eßtisch vordringen wollte. Im Schlafzimmer. In der Küche. Palmen und Farne…

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