“Noch einmal, eh mein Herze bricht”: ANH an Liligeia, elfter Brief. Donnerstag, den achtundsiebzigsten Krebstag 2020.

 


[Arbeitswohnung/Nefud
16. Juli 2020,, 7.20 Uhr. 73.5 kg.

Malipiero, Cellokonzert]

Ich weiß,

ach meine Lilly,

nicht, was Dich bewogen hat, so sehr in mir zu wüten, daß ich vorgestern und vorvorgestern quasi bewegungslos verharren mußte, jeweils ein paar Stunden auf dem Lager, und des verehrt-geliebten Henri Heines Matratzengruft fiel mir da ein:

Und ist man tot, so muß man lang
Im Grabe liegen; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, das Auferstehen
Wird nicht so schnell von Statten gehen.

Noch einmal, eh mein Lebenslicht
Erlöschet, eh mein Herze bricht –
Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
Um Frauenhuld beseligt werben.

Heine, Matratzengruft: → Der Abgekühlte

Und das, wie wirklich Dich beschreibend, ist mir ohnedies dauernd gewärtig:

Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrad trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.

Heine, → Es hatte mein Haupt die schwarze Frau

Nicht einmal das Novamin wirkte, jedenfalls brauchte es Stunden, um diesen quer überm Sonnengeflecht stehenden Schmerz wenigstens zu beruhigen; völlig gelang es erst in der Nacht mit zusätzlichen THC-Gaben und obendrauf noch einer, damit ich durchschlief, Zolpidem. Eine für mich völlig neue Massierung von Medikamenten.
Also sag mir, was es war, das Dich so wütend machte. Schier von Sinnen bissest Du herum und bohrtest Deine Spaltbeinspitzen ins Organ. Ist es das Gespräch mit Professor Heise gewesen sowie meine Entscheidung für das Sana-Klinikum und daß nun Aqaba derart konkret wird, sogar schon das genaue Datum festgelegt zu haben? Oder daß ich die OP ein Fest nenne, zumal unserer → “Enteinigung”! Aber wie liegen da beide im Risiko, ich nehm mich gar nicht aus. Immerhin das könntest Du doch achten, indem Du Dich mir milde zeigst. Und daß seit gestern morgen der Schmerz vorüber, beinah völlig, auch wenn ich “sicherheitshalber” alles noch mit weitrem Novamin gedämpft habe, — liegt dies daran, daß Du Dich ausgetobt hattest und einfach nur derart erschöpft warst, von Dir selber, daß ich tatsächlich wenigstens das eine → Auge lasern lassen konnte (das rechte)? Beim linken sah die junge Augenchirurgin keinen Handlungsbedarf. Tatsächlich war der meine Sicht trübende und sowohl Arbeit wie Lektüre deshalb zunehmend behindernde Milchschleier rechts sehr viel stärker. Nun  ist er dort völlig weg, ich sehe wieder messerscharf – nur aber eben rechts ist die vermilchte Irritation noch da. Um zwölf bin ich zur Nachuntersuchung bei der Augenärztin, dann werde ich’s ansprechen und will eben auch drauf beharren, daß der im übrigen wirklich nur kleine und kaum fünf Minuten währende Eingriff auch rechts noch durchgeführt werden wird. Zumal es überhaupt keine Probleme wegen der Nefud gab, weder ihretwegen noch wegen des Clopodigrels, das eine Woche vor der Großen Enteinigung aber abgesetzt und durch Heparin ersetzt werden muß. Und wenn Du mich nicht wieder quälst, ist alles – und aber mit welchem Erfolg! – im Nu zum besten.
Wir werden sehen.
Oder haben Dir, als Du tobtest, die Zytostatica gefehlt? Nein, ich meine das nicht zynisch. Es war doch immer so, daß Du gegen Ende einer Chemophase böse sozusagen auflebtest, bis die neuen Infusionen Dich wieder, ich schreibe mal, gelassener machten, und es wäre Zeit für die fünfte Chemo gewesen oder dem Einritt in der Nefud fünften Kreis der erlösenden, bzw. zur Erlösung führenden, sie zumindest in Aussicht stellenden Hölle. Irgendetwas war es jedenfalls, Dich derart häßlich zu machen, daß ich ganz auf meine Liebe vergaß und  nur dachte: Ach, wär sie endlich fort!
Doch kann’s eben sein, daß wir beide in enger Umschlingung unsere Enteinigung nicht überleben werden. Ich bin mir des Risikos völlig bewußt. Und wie gerne wäre ich also noch mal ans Meer gefahren, mare nostrum aber — nur daß mir meine Contessa gestern absagen mußte. Meine Entscheidung fiel einfach zu spät, auch wenn sie früher fallen nicht konnte, weil die ärztlichen Ergebnisse abzuwarten waren. Ach, und ich hatte dabei einen derart günstigen Flug gefunden, hätte nur gleich buchen müssen. Was ich eben nicht konnte. Ich  möge bitte nicht böse sein … Bin ich auch nicht, nicht im geringsten. Traurig aber ist es schon. — Ah, war es das? Erwisch ich Dich bei einer (ich weiß, Du wirst es nicht gern hören) … — Menschlichkeit? Du hattest wohl wie ich selbst die Absage vorhergeahnt, als ich tags zuvor mit der Contessa telefonierte und ihrem Tonfall entnahm, daß es mit dem Besuch auf der Insel nichts mehr werden würde. Da stelltest Du Deine Angriffe ein. Ist doch zumindest auffällig, dieser Gleichzeitigkeit. Dachtest Du: Nun ist er wirklich genug gestraft? Oder ließest Du von Deinem quälenden Toben, damit ich von der Traurigkeit nicht abgelenkt würde, sondern sie auch zur Gänze durchlebe? Das wär dann Infamität noch auf den Schmerz oben drauf.
Ah, das gefällt Dir? Wir küssen uns, wir schlagen uns. Gemeinsam ist uns immerhin das, aus tiefster Seele, beide, incorrect zu sein.

Klar, ich habe nach Alternativen geschaut, Neapel, Catania, Palermo. Doch die Flüge sind teuer geworden dort hin, zumal ich dann auch noch die Unterkünfte zahlen müßte. So viel Geld ist nicht da; auch sollten die Kosten im Verhältnis stehen. Zu zelten hingegen, die kostengünstige und mir ohnedies nahe Alternative, scheint mir derzeit nicht angebracht zu sein. Und ich muß Risiken abwägen, coronahalber, nicht weil ich furchtsam wäre oder glaubte, eine Infektion nicht durchstehen zu können, sondern weil dergleichen den OP-Termin unserer, Lilly, Enteinigung gefährden würde. Besser also, ich folge die verbleibenden ja nur noch achtzehn Tage den Zeitlabyrinthen, → von denen Marah Durimeh erzählt hat, und suche mir darinnen mein Meer. Oder ich finde spontan einen Restplatz im Flieger, am besten einen Tag vor dem Flug – die für dreivier Tage Abwesenheit gepackte Tasche kann ja gepackt schon bereitstehn. Ich denke nicht einmal, daß Faisal mich im Labyrinth, das doch eben der Zeit ist, vermissen, ja mein, ich sag mal, Fehlen überhaupt bemerken würde – schon weil ich Schlaf-, bzw. Traumzeiten nutzen könnte. Und falls es denn doch nichts werden sollte, es ist ja alles ziemlich knapp und wegen Corona auch nicht unkompliziert, fahr ich vielleicht zumindest an einen der Berlin-mecklenburgschen Seen, und unterhalte mich mit Najaden, deren Eifersucht der Deinen bekanntlich nicht nachsteht; vielleicht, daß ich den Fokus Deiner Konzentration dann auf sie umlenken werde. Du wirst Dich dagegen kaum wehren können. Doch, wie auch immer, eines gib zu: Wenn wir nachts tatsächlich schlafen, an- und beieinander, ist es nicht auch für Dich dann erholsam? O Liligeia, kleine Erde, laß uns doch miteinander diese letzten Tage wenn schon nicht voller Liebe, so doch barmherzig verbringen. Ich jedenfalls habe auf Kampf nicht große Lust; heftig genug wird Aqaba werden.

A.

P.S.:
Es geht nicht darum zu gewinnen. Gewönnest nämlich Du, verlören wir beide; gewönne aber ich, verlörest Du allein. Bedenke dies.

Klarheit im August ODER Das Große Fest der Enteinigung. Im Tagebuch des fünfundsiebzigsten Krebstags 2020.

[Arbeitswohnung, 15.31 Uhr. 74,8 kg.
Malipiero, → Le sette canzoni]

Auch dies, nach Maxwell Davies, eine unvermutete Entdeckung., deren Klangwelten mich noch einige Zeit beschäftigen werden — Gian Francesco Malipieros und Alfredo Casellas, mit einem soeben, da ich nun seinen Orchesterliedern lausche, aufglühenden Mentalitätsakzent auf erstrem. Aber auch Malipieros höchst seltsam gezählten, durchweg recht kurz Sinfonien kann ich mich nicht entziehen, auch wenn ich ihre Verschiedenheiten noch nicht sofort mitfühlen, mitverstehen kann. Das aber eben sind die “Aufgaben”, wann immer wir es mit einer bislang fremden, doch spürbar vibrierenden, hier sogar nachdrücklich pochenden Musik zu tun bekommen. Selbstverständlich fangen wir dann nachzulesen an, machen uns auch über das Leben der Künstlerin, des Künstlers kundig und ärgern uns, wenn wir finden, es habe sich jemand zumindest unprotestierend mit Mussolini vielleicht nicht gerade handgemein gemacht, aber doch sich eingefügt. Malipieros Faszinosum wird für mich vor allem in der deutlichen Manier seiner Chromatik liegen, auf die ich in Kompositionen fast so direkt (“unmittelbar”) reagiere wie auf Chaconnes und Variationssätze.

Der Termin der großen Operation steht fest; mithin habe ich mich auch die für die Klinik entscheiden, nachdem ich heute früh um 9 das Beratungs- und Vorgespräch mit Professor Heise im Sana Klinikum hatte. लक्ष्मी radelte mit mir hin, saß dann auch dabei.
Im Prinzip entsprechen die Einschätzungen denen Prof. Biebls von der Charité, wobei Heise mit großem Schnitt arbeiten will und nicht ausschließlich minimal invasiv; allerdings keinem Schnitt als Brustöffnung, sondern dieses nur dann, wenn sich während der Operation zeigen sollte, daß meine Lilly nun doch höher in die Speiseröhre vorgedrungen ist, als es derzeit aussieht. Dann allerdings müßte direkt in die Rippentruhe gegriffen, sie also doch geöffnet werden.
Zu postoperativen Problemen könnte es vor allem an den Nähten kommen, die nach der Magenentfernung (Gastrektonomie) für die Verbindung von Speiseröhre und Darm sorgen; bisweilen bleiben sie nicht dicht, was, weil dann Säfte fehllaufen, schwer unangenehm sein soll. Das Problem sei zu beheben, bedürfe aber weiterer Eingriffe, auf die erstmal vier schwierige Tage folgten, weil man nicht schlucken in ihnen könne.
Dies nur zur warnenden Vorbereitung. Was mir wichtig ist und angenehm.

[ → Bildquelle (©]

Schon auf der Hinfahrt meldete sich Lilly leider deutlich; eine Erfahrung, die ich mit ihr während er Chemos nun schon mehrfach gemacht habe. Begebe ich schon morgens ohne irgendein Medikament hinaus und setze den Körper einer Anstrengung aus, beginnt die Tumorin zu rumorinnen; dann drückt der Schmerz aufs Atemzentrum, was am unangenehmsten ist. Mittlerweile weiß ich auch, in diesen Fällen helfen die Novamintropfen tatsächlich sehr gut und vergleichsweise schnell. Doch ich hatte keine bei mir, mußte bis zur Rückkehr warten und halt a bisserl die Zähne a bisserl zusammenkneifen.
Um etwas vor elf war ich dann zurück, nahm die Tropfen und hatte nun eine Stunde ruhender Wartezeit, die ich still auf meinem Lager verbrachte; für Musik tat der Bauch noch zu weg. Also vor sich hin dämmern, Lilly vielleicht ins Öhrchen Koseworte flüstern … — wenngleich … damit kann sie ja nun erst recht nichts anfangen (oder gibt das vor).

Jetzt war noch die Laser-OP meiner Augen anzugehen; den Termin im Mai, auf den ich über zwei Monate zu warten hatte, hatte ich wegen des Stagings absagen müssen. Aber ich hätte gerne vor der großen OP meine Sehkraft zurück, um gleich danach und eben noch in der Klinik, wieder gut arbeiten zu können und nicht so eingeschränkt wie jetzt zu sein, da ich immer wieder durch diesen Schleier dringen muß, der mir mehr und mehr vor den Augen liegt. Und war komplett überrascht, daß ich für bereits übermorgen einen Termin bekam … allerdings für nur ein Auge; mit der OP des anderen müsse hernach an die zwei Wochen gewartet werden. Was Unfug ist; ich habe meine künstlichen Linsen an zwei direkt aufeinanderfolgenden Tagen eingesetzt bekommen; weshalb sollte es so nicht auch bei der Behandlung dieses  → “Nachstars” gehalten werden? — Das müsse ich dann am Mittwoch direkt mit dem Arzt klären.

Es ist mir wichtig, weil ich so sehr gerne der Contessa Angebot annähme, noch vor der Großen Enteinigung, wie ich Liligeias OP von nun an nennen werde, für vierfünf Tage auf die Insel zu kommen. Um einfach nur ins Meer zu schauen, friedvoll mit den Nereïden, die in ungewissem Sinne Liligeias Schwestern sind, voll tödlicher Sirenenlust auch sie. Aber die kleine Reise birgt nun logistische Probleme, wenn Auge 2 nicht gleich nach 1 operiert werden kann. Doch sowieso werde ich am Mittwoch mit dem Arzt noch klären müssen, ob nicht überhaupt die in mir noch wirkenden Zytostatica das Lasern ausschließen. Und dann erst, mithin frühestens am Donnerstag, werde ich buchen können. Oder eben nicht.

Jetzt muß ich eben noch mal zur Augenärztin los: mit einen neuen Überweisungsschein ausstellen lassen, da der, den ich von ihr bekam, sagt man das? abgelaufen ist?

Gut, nun wissen Sie, Freundin, Bescheid.

Ihr ANH

Kreise der Chemie ODER Die verschlungenen Grenzen der Zeit: Aus der Nefud, Phase 4 (Tag 13).

 

 

 

[Arbeitswohnung/صحراء النفود
14.30 Uhr. 73,8 kg
Malipiero, Sinfonia No 4]

 

Da hat sie jetzt →  gut höhnen … Ich will das aber gar nicht kommentieren, sondern “einfach”, Freundin, erzählen, wie eindringlich die Durimeh uns warnte: – daß wir auf keinen Fall durchreiten dürften. – Noch gestern abend war sie auf einer blitzschwarzen, hochnervösen Araberstute in unser Lager geprescht, um mit Faisal eine ziemlich heftige Auseinandersetzung zu führen, von der ich aber nicht nur des arabischen Dialektes wegen wenig mitbekam, sondern weil ich diese klanglich schöne Sprache doch insgesamt nicht mal stümperhaft, also schon gar nicht be”herrsche” (“befrouwe”); und die beiden sprachen zu schnell, um den akustischen Übersetzer meines Ifönchens mitlaufen zu lassen. Worum es ging, erfuhr ich deshalb erst später, da hatte sich die Durimeh bereits zur Nacht zurückgezogen.
Vorausgegangen war der leider fälschlicherweise erleichternde Befund, es sei von Liligeia gar nichts mehr zu sehen; ich →schrieb es Ihnen vorgestern. “Sie können doch diesen Unfug nicht geglaubt haben!” so nehme ich an, daß es die Durimeh meinem Arztfreund vorgehalten hat. Ja, sie verstehe schon, daß man sich in unserer Situation auch an Strohhalme klammert, die verstopft sind – also daß womöglich ich es tue, so wie Patienten in innerer Not sogar zu Heilerinnen und andren Scharlatanen, die freilich ihre -Innen wie alle andren Sparten hätten, pilgerten, um sich Hoffnung zu holen und dann nach Strich und Faden ausgenommen zu werden; Todesgewinnlerinnen seien das, mit ihren Bachblüten und handauflegendem den-Krebs-aus-dem-Leib-ziehen. Nur daß ich mich in Not gar nicht fühle, schon gar nicht einer inneren, sondern nach wie vor zuversichtlich bin. Doch gebe ich zu, der irrende Befund der Radiologin hat mir ein Gefühl des Triumphes verschafft, das fast alle meine Freundinnen und Freunde teilten, die davon erfuhren. Nur लक्ष्मी ist von Anfang an skeptisch gewesen. Und wie sich gestern nacht herausstellte, war es eben sie, die Marah Durimeh informierte. Keine Ahnung, woher sie ihre Adresse hat. Als ich sie anrief und fragte, gab sie fast achselzuckend zur Antwort, ‘man kenne sich halt’. Und die Durimeh reagierte quasi sofort, warf der Stute nur eine Decke über, schwang sich selbst darauf und galoppierte also los.
Wir konnten Li dann alle gut erkennen. “Hier”, so Matthias Biebl, “diese dreieckige Fläche, das ist sie.” In ihrem Billet hat sie, Li also selbst, genau dorthin dieses fiese Emoji geklebt:

Wir saßen, लक्ष्मी und ich, im Besprechungszimmer des Virchowklinikums der Charité.
Ja, der Tumor sei kleiner geworden. Jetzt aber müßten wir eine dreiwöchige Pause einlegen, um die Zytostatica sich abbauen zu lassen, also, ganz wie es mir auch von anderen Seiten schon gesagt worden war, den Körper wieder zu entgiften. Was ich nicht verstanden hatte: “Dann kann sich die Krebsin doch wieder erholen und doch noch zu streuen anfangen …” — “Nein, eher nicht. Sehen Sie, die Chemo bleibt ungefähr vier/fünf Wochen lang im Körper, verliert sich dann erst. Operieren wir früher, gefährden wir den Heilungsprozeß, weil er genau das braucht, was die Zytostatica attackieren: schnell wachsende Zellen.”
Das nun war einsehbar. Wäre es nach Marah Durimeh gegangen, hätten wir die Nefud jetzt sogar ganz zu verlassen. Doch wie dann wieder nach Aqaba kommen? Zumal bei der jetzigen Grenzsituation, in der es zwar theoretisch möglich wäre, nach Ägypten hinüberzugelangen, um dort nach eine Tauchzentrum zu suchen und vor der OP ein paar unterseeische Exkursionen zu unternehmen. Mir ist doch das Rote Meer ein noch gänzlich neuer Tauchgrund. Aber wir müßten ein Boot nehmen, da der Weg über Eilat aus nahostpolitischen Gründen völlig unpassierbar ist. Zum anderen, ich erzähle es, glaube ich, schon, kann ich mir nicht vorstellen, daß mir Faisal die wieder nötige medizinische Tauchbefähigungsbescheinigung ausstellen würde, selbst wenn ich ihn anbettelte – was sich aus Gründen des Stolzes ohnedies verbietet. Also was tun? Drei Wochen Wüste ohne Wüste … oder Durch die abnehmende Wüste reiten …  (wie der Mond abnimmt) … — “Die Zeitgrenzen nutzen”, sagte Marah Durimeh. – “Zeitgrenze?” – “Es gibt nicht nur Mauern des Raums. Es gibt auch Labyrinthe aus Zeit. Ich kann Euch eines weisen. Haltet Euch darin auf, bis es soweit ist, daß Ihr weiterziehen könnt. Aber Ihr müßt genau achtgeben, wo Ihr dann jeweils seid. Verirrt Ihr Euch, gibt’s niemals wieder ein Hinaus. Aber Ihr könnt an ein Meer Eurer Wahl, Ihr könnt ins Gebirge, könnt sogar, wenn Euch danach ist, auf den Mond, auf den Jupiter. Selbst andere Planetensysteme stünden Euch offen. Entfernungen spielen in Zeitlabyrinthen keine Rolle, weil sie ja selbst aus nichts denn Zeit erschaffen sind. Genau darin verbirgt sich aber eben auch Gefahr: Bleibt Ihr zu lange drin, sind draußen tausend Jahre vergangen, doch für Euch selbst warn es vielleicht paar Wochen.”
Sie habe ihm, also die Durimeh, eine Karte aufgezeichnet, der wir morgen folgen sollten. Sie selbst, meine Akupunkturen wegen, werde einmal wöchentlich vorbeischauen; sie habe eine — ja, genauso drückte sie sich aus — “Dauerkarte” für das Labyrinth. Bei Zauberinnen ihrer Gilde sei das normal, ungefähr vergleichbar unseren Saisonkarten fürs Freibad. Sie seien, ihre Profession, auch nicht ungefähr so gefährdet wie wir. — Ein weiterer Vorteil seien die Zeitlabyrinthen eigenen Bioports zur jeweils (sie benutze das folgende Wort aber nur unter Vorbehalt) Realität; wenn wir uns heute beeilten, bestünde nahezu Gewißheit, daß ich morgen meinen Termin im Sana-Klinikum wahrnehmen könne, um mit Michael Heise, gegebenenfalls meinem dortigen Chirurgen, das Zweitgespräch wegen der Operation zu führen – noch ist ja nicht heraus, wo in Aqaba ich mich operieren lassen werde. Zwar, ich hab bei Googlemaps schon ein wenig geguckt, aber schwanke doch noch sehr. Wobei ich für Lis und meine Vereinigung eine Moschee höchst angebracht fände. Sexualität ist Religion, lebendig; ein Beischlaf Gottes-, präziser: Göttinnendienst, die Körper selbst sind Tempel:

Alleine so nun magst Du Göttin
von einem Gott den Sohn empfangen –
im Tempel, der, gebenedeit, Béart,
Dein Leib seit je uns – Amen – war.
Die Brüste der Béart, → XXVIII (Entwurf)

Vielleicht nicht Faisal, der zu patriarchal geprägt ist, aber Marah Durimeh versteht das; immerhin habe ich den Instinkt, daß Faisal es ahnt. Deshalb widersprach er nicht und akzeptiert, wie es aussieht, sogar das Zeitlabyrinth, das allerdings schon seinem Wüstenwesen nicht unvertraut sein dürfte:

Von glaubwürdigen Menschen wird erzählt (doch Allah weiß mehr), daß es in den frühesten Tagen einen König der Inseln von Babylon gab, der seine Baumeister und Magier um sich versammelte und ihnen auftrug, ein so verzwicktes und ausgetüfteltes Labyrinth zu bauen, daß die klügsten Menschen nicht wagen sollten hineinzugehen und die hineingehen würden, sich verirren sollten. Dieses Werk war ein Ärgernis, denn die Verwirrung und das Wunder sind GOtt vorbehaltene Handlungen, nicht aber den Menschen.
Als die Zeit verging, kam an seinem Hof ein König der Araber, und der König von Babylon (um der Einfalt des Gastes zu spotten) ließ ihn in das Labyrinth hineingehen, wo er erschreckt und verwirrt bis zum sinkenden Abend umherschweifte. Da erflehte er GOttes Beistand und fand die Türe. Von seinen Lippen fiel keine Klage, doch sagte er zu dem König von Babylon, in Arabien habe er ein anderes Labyrinth, und wenn GOttes Wille geschehe, wolle er ihn eines Tages damit bekannt machen. Dann kehrte er nach Arabien zurück, sammelte seine Hauptleute und Gemeindeobersten und verwüstete die Ländereien Babylons unter einem derart günstigen Stern, daß er ihre Festungen schleifte, ihre Leute aufrieb und selbigen König gefangennahm. Er schnallte ihn auf ein schnelles Kamel und brachte ihn in die Wüste. Sie ritten drei Tage, da sprach er zu ihm: “O König der Zeit und der Beständigkeit, du Inbegriff des Jahrhunderts! In Babylon wolltest du mich in einem Labyrinth aus Bronze verderben, mit vielen Treppen, Türen und Mauern; jetzt hat es dem Allmächtigen gefallen, daß ich dir meines zeige, wo keine Treppen zu ersteigen, keine Türen aufzustoßen, auch keine ermüdenden Gänge zu durchwandern sind und wo keine Mauern dir den Weg verlegen.”
Jorge Luis Borges, Die zwei Könige und die zwei Labyrinthe
(Dtsch. v. Karl August Horst)

So rasten wir denn heute, bevor wir in das andere, das Labyrinth der Zeit aufbrechen werden, das uns die verbleibenden drei Wochen aus- und bitte erfüllen möge, ohne daß ich etwa auf meine Abendspaziergänge und anderes mir Wichtiges verzichten muß, das mir guttut und Liligeia vielleicht ein wenig mildert. Der ich im übrigen → ihre Schadenfreude von ganzem Herzen gönne. Soll sie sie genießen. Sie täuscht nämlich ganz genau so, wie meine Lilly meinte, daß ich getäuscht worden sei. Tatsächlich haben die Zytostatica aber bewirkt, was sie bewirken sollten. Da kann mich ein ohnedies Wunder, weil es halt ausblieb, wirklich nicht enttäuschen.

Ihr ANH
[Malipiero, Drittes Klavierkonzert]

P.S.:
Höchst unklar allerdings wird der mir soeben vergegenwärtigte Umstand bleiben, daß sehr betonten Katholiken mein Ribbentrop höchst wichtig ist, und wie. So jedenfalls in José Garcías Artikel zu Yul Brunner → in der katholischen DIE TAGESPOST. Das versteigt sich bis in die Formulierung, das “postmoderne Pasticcio sei laut Herbst/von Ribbentrop nicht nur ein locker eingestreuter Scherz für Cineasten”.

(…) no sign of remaining pathology”: Krebstagebuch. Freitag, den 10. Juli 2020, am Morgen vor der, abends, Charité. Zweiundsiebzigster Krebstag, Chemo IV/Tag 10. Sowie zum Büchnerpreis für Elke Erb.

[Arbeitswohnung, 7.45 Uhr. 74 kg.
Alfredo Casella, Violinkonzert op. 48]

Diese Nachricht nachts, um 2.50 Uhr, von einer befreundeten Ärztin, die eine wiederum ihr befreundete Radiologin hinzuzog, indem sie ihr den Link auf das Iso-Image schickte, das ich von der CD der → Computertomographie des Mittwochs angefertigt und in meiner HidriveCloud archiviert habe:

I have seen the CT scans of dear Mr. Alban Nicolai Herbst. I saw no sign of remaining pathology. Stomach wall is very irregular, but there is no prominent thickening resembling cancer and no pathological lymph nodes apparent in the scan. There is a small pulmonary nodule in the apical segment of left lower lobe, it seems benign in origin but it must be carefully observed in the follow-up (size control is essential). PET/CT scan can be more useful in the follow-up. I could not see no other macroscopic pathology in the body parts scanned.

Schweigt, mußte ich mich unmittelbar fragen, Liligeia deshalb? Oder sind ihre Nachrichten nur unsichtbar — so wie jetzt sie selbst es offenbar ist? So sehr sich unter der Chemo geduckt … Und Faisal, gestern zu Abend in der Nefud, zitierte ausgerechnet Biermann: “Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.” Aber es regnet gerade zu stark (“junge und alte Hunde”, schrieb ich eben meiner Lektorin, “komplett wahllos durcheinander”), um die Wüstenbilder glaubhaft hervorzulocken; ich hänge besser den Trenchcoat heraus und wechsel den Anzug von hell auf cardingrau. Außerdem, Freundin, ich erzählte es, glaube ich schon, rasiere ich mich allmorgendlich strikt gegen den verlorenen Bartwuchs an; auch dies ein Gebot meiner Haltung. Wobei mir die Chemo einiges Haar nun doch gelassen hat; der Körper ist weiterhin, wenn auch leicht durchschüttert, befellt, ebenso sind noch die Augenbrauen zu erkennen. Übern Daumen gesprochen: Was sich bewährt hat, hält sich querköpfig fest, läßt nicht los. Indessen, was wegrasiert wurde, wächst nicht mehr nach. Vorerst. Bis die Zytostatica aus den Gefäßen wieder raus sind.

Und was, wenn Lilly — weg ist? Seltsam, es wäre, als ob mich was betröge. Ich bin jetzt so sehr in diesem Abenteuer drin und auch libidinös mit der Krebsin verwachsen, daß mir “ein Leben nach dem Krebs” geradezu entleert vorkäme … ein bißchen entleert, bene, lassen wir mal, Herr Schröder, die Merkel im Dorf. Und außerdem werde ich schnell etwas finden, um die vermeintliche Leere zu füllen. Doch Li soll irgendwie dabei sein. Auch wenn  sie wirklich fort ist. Wobei sich das erst in den kommenden fünf Jahren erwiese. Meine spezielle Tumorin länger als diese fünf zu überleben, gelingt bislang nur 20 Prozent ihrer Wirte.  Doch fünf Jahre sind fünf neue Bücher; ich könnte also selbst in diesem Fall noch einige mir wichtige Projekte zuende bringen.

Ah propos, das will ich auf keinen Fall vergessen: Der diesjährige Büchnerpreis geht an Elke Erb. Welch großartige Entscheidung! Hier stimmt nun einmal alles: Kunst, politisches Engagement und feinstes Können. Denken Sie dagegen mal an das horrende Mißverhältnis (und wohl auch -verständnis) des Büchnerpreises seinerzeit an Martin Mosebach. Ungünstiger konnte ein Pflugschar nicht wieder zum Schwert gemacht werden.
Ach, ich gönne es Elke Erb so sehr, die ich verehre, seit ich ihrer Dichtung zum ersten Mal begegnet bin – übrigens in ihrer Nachdichtung (aus dem Georgischen) des persischen Epos Wīs und Rāmīn. Die Dschungel gratuliert also aufs herzlichst hochachtungsvollste.

***

Da nun nicht mehr wir uns Aqaba nähern, sondern dieses selbst uns entgegen- gleichsam –galoppiert, muß ich zusehen, vor unserm Aufeinanderprall mit den → Béarts tatsächlich fertig zu sein, was für heute erstmal bedeutet: für die Lektorin alle noch nicht eingesprochenen Entwürfe, zehn sind es noch, aufzunehmen, zu schneiden und zu ihrer Verfügung in die Cloud hochzuladen. Damit werde ich wohl bis zum Abend zu tun haben, bzw. bis zum Aufbruch ins Virchow/Charité. Sollte ich früher fertig werden, setze ich mich weiter an die finale Béart-Nr. XXXIII. Bis spätestens Montag muß endlich auch sie lektoratsfertig sein. Also. Ein bißchen Ruhe meinem → Röhrerich, genannt voll Achtung Rih.

 

ANH

 

 

(Siehe auch → dort.)

Krebstagebuch, Tag 71: als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 9. Juli 2020. Auch zu den Brüsten der Béart darinnen wieder, nämlich Nr. 55.

[Arbeitswohnung, 6.57 Uhr. 73,3 kg.
Charles Villiers Stanford, Irish Rhapsody No 1]
Doch wieder englische … nun gut, irische und dabei, weil Stanford über England stark geprägt ist, überdies in u.a. Cambridge selbst lehrte, doch sehr britische Musik. Wenn ich mal begonnen habe … Ich will über Werke eine möglichst detaillierte Übersicht haben, auch wenn ich sie später verwerfe. Jedenfalls lernte ich soeben etwas über die → English Musical Renaissance, die zeitlich ungefähr der Zweiten Wiener Klassik parallellief, doch sich im tradierten Klangraum des Tonalen abspielte. Daß den beteiligten Komponisten ein spezifisch englischer Ton gelang, läßt sich bis in die 50er des vergangenen Jahrunderts unverwechselbar hören; in Britten klingt’s dann aus und verläßt die tradierten Klangräume, ohne aber auf Schmelz und überhaupt sinnliche Faktur zu verzichten.
Jetzt eben, seit gestern, ist, nach Vaughan Williams (dessen Sechste ich, wie dort erzählt, tatsächlich entdeckte), Stanford dran, danach awerden’s die Sinfonien Hubert Parrys sein, dann aber, bald, werde ich zu den Meinen zurückkehren, Pettersson, Mahler, Dallapicolla, auch Gubaidulina und Kaja Saarijaho — wobei ich eben spürte, vorher noch, nach Stanfords Rhapsodien, unbedingt erneut Maxwell Davis’ Strathclyde Concerts anzuhören, mit den Rhapsodien am besten wechselweise, weil ich das Gefühl einer hohen Verwandtschaft der Klangräume hatte, über die tonale/freitonale Verfaßtheit, ecco!, hinaus. Das sind so | genau die Phänomene, die mich interessieren und eigentlich seit je interessiert haben. Eben und besonders auch in der Literatur (soweit sie emphatisch – gewollte – Dichtung ist).

Beschäftigt, als mich der Bauch mal wieder dekonzentrierte, hat mich gestern auch der Versuch des Entwurfs eines Béart-Umschlagmotivs. Herausgekommen ist gestern gegen 22 Uhr das hier:

 

Das Motiv stammt von → Gaga Nielsen. → Ich schrieb darüber ja → schon gestern. Jedenfalls lenkte mich die Bastelei von dem wieder etwas nervenden Bauchschmerz ab, den Lilli, glaube ich, nunmehr sehr bewußt einsetzt. Nervös war ich doch eh schon,

Sie wissen noch? die CT gestern?

Nun ist sie also durchgeführt, ich habe eine CD der Aufnahmen mitbekommen, und sie lasse sich auf meinem Computer sogar aufrufen, er nimmt also das LARAView genannte Programm an, aber dann fehlt ihm erstens die Rechenkapazität, vielleicht eignet sich auch windows7 nicht so sehr, doch vor allem kann ich die Bilder und Filmsequenzen nicht interpretieren, das heißt im groben und ganzen schon, Thorax, Wirbelsäule eh, alles bestens zu sehen; es gibt auch eine Fahrt vom Hals hinab durch die Eingeweide bis zum Beckengrund — wo aber Li sitzt, ist  nicht zu erkennen. “Sie und ihre, wenn es sie nun doch heben sollte, Töchter werden auf den Bildern weiß sein”, erklärte am Telefon die mit den Zwillingen wieder heimgekehrte लक्ष्मी, die sich beruflich auskennt. Nur ist weiß allerlei auf den Aufnahmen; weiß sind auch die deutlich erkennbaren Ansätze de Rippen, weiß sind insgesamt die Knochen, und wenn ich dann an die Organik-selbst hineinzoome, finde ich mich gar nicht mehr zurecht, geschweige daß meine Krebsin ausmachen könnte. So wird mir nichts übrig bleiben, als mich bis morgen in Geduld zu … nö, aufs “Üben” hab ich nun erst recht keine Lust … also am besten THC-sediert (bin aber jetzt noch “trocken” und will’s bis Mittag bleiben; danach sehe ich weiter) auf morgen nachmittag zu warten, wenn ich um 17 Uhr die Befund- und mögliche OP-Besprechung in der Charité habe. Mattias Biebl kann die Bilder lesen und wird es für mich tun, derweil die Sana ihre interdisziplinäre Tumordiskussion schon gestern hatte, nachdem ich längst wieder fort war; die dort gewonnene Einschätzung wird mir im persönlichen Gespräch Michael Heise am Montag früh vermitteln. Tja und dann, liebste Freundin … dann werde ich entscheiden müssen. Wobei ich nicht einzuschätzen vermag, wie es seitens der Kliniken mit OP-Terminen aussieht. Je dringlicher die Ärztinnen und Ärzte es sehen, umso schneller werde ich unter den Messern liegen. Falls ich dann nicht mehr aufwachen sollte, muß für meine Lieben hier alles bereitliegen, die Computerzugänge, die Ordnerübersichten, die Passwörter auch für meine HidriveCloud. Ich sollte noch mal über mein Testament schauen, ob ich da etwas revidieren sollte, das sich in der Zwischenzeit ergab. Genau zwei Jahre ist es her, daß ich es, auch da → vor einer OP – nämlich des Arterienverschlusses – schrieb. Im Prinzip jedenfalls könnte ich bereits am kommenden Dienstag in die Klinik. Falls ich aber noch etwas werde warten müssen, werde ich dreivier Tage ans Mittelmeer reisen; die Contessa hat mich eingeladen, die Tage vor der OP auf ihrer Insel zu verbringen. Es wäre ein bißchen, wie mir hellfühligst eine andere Freundin schrieb, die mir ebenfalls einen Aufenthalt, doch auf dem Land, anbot:

sich vom Meer verabschieden und mit den Nymphen und Nereiden die Wiederkehr verhandeln,

wobei mir diese Verhandlungen besonders wichtig sind, von der Wüste in das Meer; gestern sah ich → diesen Gehstock da

 

und war kurz versucht, mir das Ding schicken zu lassen; nur würde es meinen üblen Ruf dann endgültig fixieren, und nun auch symbolisch, vielleicht sogar den bei meinen Freunden massakrieren, die sowieso schon die Béartgedichte aushalten müssen. Zumal der Knauf zwar aus Bronze ist, was mir besonders gefällt, aber ich kann aufgrund der Fotos die Feinheit der Arbeit nicht einschätzen — und wenn man(n) einen solchen Übergriff in dieser Zeit wagt, dann muß seine Maniera absolut perfekt sein, nämlich derart unmittelbar berühren, daß es sich dem Charme dieser Griffigur nicht entziehen läßt. Versucht aber, Freundin, bin ich noch immer. Wobei es mir, denke ich, solange ich noch Versuchungen spüre, nicht wirklich schlecht geht. Da kann Liligeia sich bemühen, wie sie nur will. Mir steht auch immer wieder, in Chabrols heikler Inszenierung (ich teilte hier → Iris Radischs Ablehnung entschieden), die letzte Szene der Stillen Tage in Clichy vor Augen – wovon, von all dem, nunmehr gesellschaftlicher Abschied genommen wird, wenngleich sie, diese final Szene, eine so irritierend-sperrige wie obachtheischend schaukelnde Hängebrücke mit Kubricks 2001 verbindet; hie wie dort sehen wir einen alten Mann, der sich im Sterbebett noch einmal aufzurichten versucht und dabei den Arm nach seine letzten Vision ausstreckt, bei Kubrick nach dem kulturgründenden Monolithen, bei Chabrol nach einer jungen Frau, fast noch Mädchen, also Nymphe, die in sich ruhend auf dieses letzte, doch längst unerfüllbare Begehren hinuntersieht. Nur daß bei Kubrick die dort so genannte Sternengeburt folgt, Bowmans Tod als Verwandlung in eine Existenz der höheren Art, einer uns noch unbekannten Form kosmischer Intelligenz. Wohin aber wird Lis und meine Umschlingung uns führen? – Ach ja, einen Gehstock mit Nymphenmotiv fand ich ebenfalls; aber hier waren die Figuren tatsächlich kläglich ausgeführt.

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>>>> Béart 56 (folgt)
Béart 54 <<<<

(Jetzt macht mir der Magen grad doch wieder zu schaffen, ein wenig. Also Novamin, 30 Tropfen, bislang half das immer. Schon weil ich diese Medikamente wirklich nur dann einsetze, wenn mich ein Zustand auszumürben versucht; was, klar, Lillys Spaltbeine bewirken, von denen ich halt auf den CT-Aufnahmen gar nichts erkennen kann. Ich weiß nicht einmal, was weniger beruhigend ist: sie zu sehen oder nicht zu sehen. Was was bedeutet.)

Vielleicht bekomme ich heute das finale Béartgedicht endlich fertig. Darauf möchte ich mich fokussieren; die Nefud muß derweil etwas in den Schatten. Es wird ihr die Kühle auch guttun, denke ich. Doch am Abend möchte ich mit Faisal gerne wieder vorm Zelt sitzen und unterm nachtbrillanten Wüstenhimmel über Paradiese sprechen — und über Liligeia auf dem Plakat, das auf dem Weg zum Sana gleich neben einem Hauseingang hängt, und wir müssen uns denken, wofür es wirbt. Daß es mich sofort “erwischte”, wird Ihnen, oh Vertraute, sich zu wundern kaum ein Grund sein:

Ihr ANH
[Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 4]

Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

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>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

“Ich löse mich in tönen · kreisend · webend”: Das Arbeitsjournal und Krebstagebuch des fünfundsechzigsten Tags (darin der Vierten Chemo vierter): Freitag, den 3. Juli 2020.

 

 

[Arbeitswohnung, 7.41 Uhr. 72,5 kg
Finzi, Introit for solo violin & small orchstra, op.6]

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.
Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen.
George, → Entrückung

Gestern war dann wieder so ein bekiffter Tag, dessen weitgehende Beschwerdefreiheit mich → aus der Nefud an meinen Schreibtisch setzen ließ, um dringende Arbeiten, zu denen auch der gestrige – an dem ich vorgestern → so kraftlos hängengeblieben war –  Eintrag gehörte, fertigzustellen und/oder voranzutreiben. Für meine Lektorin gleich vier der → Béartentwürfe eingesprochen und geschnitten; bei einem mußte auch montiert werden, da es darin eine parallel zu sprechende Passage gibt, die sich von einem Sprecher allein nicht gleichzeitig realisieren läßt. Damit da dann aber nicht nur ein nicht mehr trennbares Durcheinander erklingt, mußte ich überdies die eine Tonspur mit einzwei Effekten anreichern, die die Sprache musikähnlicher wirkten lassen.
Das hat dann schon mal zwei Stunden gebraucht.

Weiterhin waren auszufüllen und hinauszuschicken die Formulare für den Bamberger Lehrauftrag, der doch zugleich ein, sagen wir, Wechsel auf meine nicht gewisse Zukunft, nämlich eventuell mit meinem Leben gar nicht mehr gedeckt ist. Dennoch plant Bamberg weiter, anders als es, wegen Corona, sonstige Veranstalterinnen und Veranstalter tun. Das beruhigt. Es wird ja, wenn, ein Leben nach der OP geben, und das will finanziert sein. Meine süße Krebsin läßt mich das derzeit immer wieder vergessen. Ich durchreite die Nefud nicht nur imaginär, sondern lebe in ihr wie in einer parallelen, mit der Berliner Gegenwart allein durch die Abendspaziergänge verbundenen Welt … – nein, stimmt nicht, nicht nur durch die Spaziergänge, sondern selbstverständlich auch durch die Nähe meiner Lieben, durch die vielen Freundinnen und Freunde, durch Leserinnen und Leser. Ich hatte selten das Gefühl solch einer Nähe, solch Aufgehobenseins in einem Netz sympathisierender Bezüge. Dafür einmal danke. Daß es im Literaturbetrieb, von meinen Verlagen selbstverständlich abgesehen, bei der Ablehnung bleibt, ist da fast egal. Für ihn gilt, was ich vor einer halben Stunde dort geantwortet habe: Macht und Freiheit sind und bleiben Gegner, nein: Feinde. Ob eine Macht “auf der richtigen Seite steht”, spielt dabei keine Rolle, zumal die Zeitläufte permanent umdefinieren, was richtig sei, was nicht. Und wenn dann noch Menschen “erzogen” werden sollen …
Wobei mir jetzt erst, da ich die Béarts nach und nach einspreche, wirklich bewußt wird, welche Provokationen in dem Gedichtzyklus stecken, solche, die als Provokation gar nie gemeint waren, es aber über die Entwicklung der scheinbaren, wohl auch scheinheiligen “Moral” während der Jahre geworden sind, in denen diese tatsächlich sehr männlich positionierte Poesie entstand – von überdies einem “weißen”, nicht mehr jungen und schlimmer noch abendländisch-elitär gebildeten Menschen geschrieben, was unterdessen ja schon ein Ausschlußkriterium-für-sich ist, zumal dann, wenn man(n) nicht wenigstens ein bißchen häßlich ist; körperliche Unansehnlichkeit hat im vor allem deutschsprachigen Literaturbetrieb schon immer Vorteile gebracht, Eleganz, Schick, Wohlgeformtheit sind eher nicht gesellschaftsfähig (: auch oder erst recht nicht, wenn man sich um sie trainierend bemühte; sowas gilt als “eitel”); ja selbst als Stil stehen sie unter Verdacht, sowie er sich aus dem Realismusbrei erhebt oder sich sogar weigert, von dem faden Zeug zu essen. Ich meine, ich schaffe es ja nicht einmal jetzt, auch nach jemandem auszusehen, der in der vierten Chemo steckt. Daß mir kein Bart mehr wächst, merke ja nur ich, und die Augenbrauen sind noch immer da, wenn auch deutlich ausgedünnt. Die Glatze zudem habe ich seit 1986. Kurz, man kann meinen Krebs nicht sehen (schon gar nicht, daß er weiblich ist, und daß wir uns Liebesbriefe schreiben, dürfte dem Pop, zu dem als Untersparte der sog. Realismus mittlerweile gehört, ausgesprochen mißfallen: incorrect bereits, eine Frau aus dem Tumor zu machen und dann mit ihr, die OP, noch schlafen zu wollen). Nichts, was ich tue, entspricht dem, was der Zeitgeist will, der insofern stets sein Fehlen ist, als er sich im Zeitgeschmack erfüllt — als Ideologie der Macht oder des Machtwillens, der Machtgier, des Machthungers und eines, klar, ausgeglichenen Bankkontos.
Doch mag ich gar nicht schimpfen, hab ja schließlich Krebs — ein insofern guter Umstand, als er die Verhältnisse deutlich zurechtrückt. Was wichtig ist, was eitel ist, was purer Betrieb und eben auch, was Dummheit ist. Wie gut die mit Macht zusammengeht, sehen wir an Donald-nicht-Duck; der trägt sein Bürzel als eklig gelbe Tolle.

Noch mal zu den bekifften Tagen zurück: Es gibt, so bestätigt’s sich nun, eine Neigung der Chemo, mir die Wirklichkeitsgrenzen aufzuweichen – vielleicht aber, weil dies ohnedies meiner jedenfalls peotischen Wahrnehmungsweise entspricht. Bei der dritten Chemo war es allerdings unangenehm – anders als bei der zweiten, während der ich noch einen Zusammenhang mit meinem Dronabinol, bzw. Cagliostros THC-Tropfen vermutete (beides habe ich nachbestellt); ich kam mir zeitweise hilflos, ja behindert vor. Dieses Mal ist’s indes wieder lustvoll und ergab sich auch ganz ohne die Cannabisemulsionen, woraufhin ich sie allerdings dazu verwende, den Effekt noch zu verstärken. Auf diese Weise brauche ich zur Eindämmung  der Chemo-Nebenwirkungen kaum noch andere Medikamente; daß ich zuletzt ein Schmerzmittel nahm, liegt schon über eine Woche, vielleicht sogar länger zurück. Gegen die morgendliche Übelkeit nehme ich eh schon lange nichts mehr; nach einer Stunde hab ich sie vergessen. Die Schwellung der Füße hat tatsächlich nachgelassen, seit gestern sehr, sehr deutlich, und das Kribbeln in den Fingerspitzen ist zwar spürbar, aber gut erträglich. Außerdem hat die Nasenbluterei und die der  Mundschleimhäute komplett aufgehört, und seit heute früh scheint sich auch der Darm wieder eingependelt zu haben. Dabei sollte man, genau wie frau, doch annehmen, daß die vierte, in meinem Fall eben letzte präoperative Chemophase die schwerste sein werde; tatsächlich war die schwerste aber die dritte. Bislang. Was noch kommen wird, ich weiß es selbstverständlich nicht, nur, daß sich bislang alles mit einer sehr einfachen klaren Haltung aushalten ließ, die überdies den Vorteil in sich trägt, daß sie die Todesangst ausschließt, ja nicht mal eine kennt. Woran die Erotisierung, ja selbst schon die Sexualisierung der, nun jà, “Krankheit” als Vorstellung einigen Anteil trägt, Lis und meine körperliche Umschlingung während der uns trennenden Operation werde im ungünstigsten Fall einen Orgasmus bewirken, in dem wir explodierend (ekstaseisch!) sterben: Tod und Wollust werden eines, und diese, die Wollust, zur religiösen Übergangserfahrung. Abendländisch-poetischer Sufismus. Und kommt es zu diesem Orgasmus nicht, nun jà, dann hab ich überlebt und leb noch lang, womöglich, weiter,

um meine anderen, noch offenen Arbeiten abzuschließen. Nach den Béarts, die in jedem Fall fertig werden, Destrudo, die Briefe nach Triest, Melusine Walser, einige nur als noch Entwürfe hier liegende Erzählungen. Und dann vielleicht doch den Friedrich(.Anderswelt) noch angehen. Und mal wieder, was mir sehr fehlt, ein Hörstück zu schreiben und zu Klang zu bringen. Falls mir wer den Auftrag gibt.  Übrigens wird vom Deutschlandfunk → in knapp zwei Wochen mein Tokyo-Hörstück wiederholt; → am 25. Juli folgen rbb und MDR. Für den Herbst erlaubt mir das, finanziell ein wenig auf- und Luft von anderem Planeten einzuatmen. Was mich jetzt dazu bringt (bevor ich weiter an Béart XXXIII arbeite), endlich die Finzi-Anhörerei einzustellen (keine Ahnung mehr, was mich nun schon zwei Tage lang an englisch-traditioneller Kunstmusik festhielt) und mich auf wirklich gute Musik zurückzukonzentrieren: erst Schönbergs Zweites, dann des Komponistenfreundes Robert HP Platzens Viertes Streichquartett. Und dabei, tja, werde ich irgendwann in die Nefud zurückkehren; durch irgendeine, für mich grad nicht sichtbare Lappenschleuse kann ich Röhrerich schon nach mir rufen hören. “Aqaba!” ruft er, “!العقبة قريبة

 

 

 

 

 

 

 

[Schönberg, Streichquartett Nr. 2 op. 10, LaSalle]

(Wobei’s denn doch a bisserl irritiert, daß Google Aqaba/العقبة
mit “Hindernis” übersetzen läßt. Es könnte sich lohnen,dem
nachzugehen. (Ich sollte beginnen, Arabisch zu lernen;
für den Friedrich brauchte ich’s eh.)

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