Nabokovs Venezianerin von Sebastiano del Piombo. Nabokov lesen, 10. Die Erzählungen I,2.

[Zitate:
Übersetzung aus dem Russischen von Gisela Barker]

 

 


So bleibt also die trockene, verschrumpelte Frucht,
die der Gärtner zufällig fand, das einzig ungelöste
Rätsel in dieser ganzen Erzählung.

 

Die erste der frühen, doch nach meinem Eindruck höchst ungewöhnlichen, weil so hinreißend perfekten Erzählungen Nabokovs, daß ich gesondert von ihnen erzählen möchte, ist diese aus seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Er selbst notiert, sie sei am 5. Oktober 1924 entstanden, also an einem einzigen Tag. Was ich schon deshalb bezweifle, weil sie siebenundvierzig Seiten zählt. Wahrscheinlicher ist, daß Nabokov sie – auf Karteikarten damals schon? – an diesem Herbsttag skizziert hat. Es käme schon einem Wunder gleich – einem im Wunder, daß dieser Romancier ganz selber ist – wären ihm Sätze wie der folgende erst rasend durch den Geist, dann über Finger und Feder aufs pappharte Papier geflossen, ohne daß jener nachher noch hätte zumindest etwas feilen müssen:

Deshalb dachte jetzt auch Simpson, vor dem gerade eine längst verstorbene Vernezianerin in Samt und Seide auferstanden war, dachte, während er langsam den violetten Weg der zu dieser Vorabendstunde stillen Allee entlangging, sowohl an seine Freundschaft mit Frank als auch an die Harfe des Vaters und seine freudlose, beengte Jugend.
S.245

Inhaltlich ist die Erzählung eine Variation auf Wildes Dorian Gray. Mit der modernen Raffinesse eines quasi doppelt so alten Autors, wie damals Nabokov in Wirklichkeit w a r; nimmt sie gewissermaßen Buñuels Le Fantôme de la liberté voraus – Sie erinnern sich gewiß, wie morgens auf dem Bett ein Brief liegt, den nachts der Postbote im Traum gebracht …  Solch ein Brief ist in der Tat die trockene, im Motto genannte Frucht. Alles andre löst sich auf oder scheint sich aufzulösen. Ganz sicher ist nämlich auch dies nicht.  Es bleibt bei allem

das Knistern eines von unsichtbaren Füßen berührten Astes (, der) die klangvolle Stille des Waldes vollständig macht,
a.a.O.

der diese Geschichte, wie die Erzählungen zunehmend mehr, eben i s t. Reizvoll dabei ist eine der ersten s o ausgedehnten Tennisspielbeschreibungen (hier eines Doppels), daß sie nicht etwa ein sportlicher Bericht ist, sondern vor allem insofern der Charakterisierung der Personen dient, als wir sofort merken, wer hier erotisch zu wem gehört:

Inzwischen waren Frank – Sohn des Gastgebers, eines englischen Obristen – und Maureen, die schon fünf Spiele hintereinander gewonnen hatten, auf dem besten Wege, auch das sechste für sich zu entscheiden. Frank, der den Aufschlag hatte, warf den Ball mit der linken Hand hoch in die Luft, bog sich dabei weit zurück, als fiele er rücklings zu Boden, schnellte in einer großen Bogenbewegung wieder nach vorne und streifte mit dem aufblinkenden Schläger den Ball. Der schoß über das Netz, sprang hoch und pfiff wie ein weißer Blitz an Simpson vorbei, so daß der ihm nur noch hilflos hinterhersehen konnte.
S.235/236

Nur daß Maureen die jugendliche Gemahlin des Gemälderestaurators Magor ist, der den wohl deshalb auf Revanche sinnenden Schöpfer allen Lebens

lediglich für einen mittelmäßigen Epigonen jener Meister (hielt), die er jetzt vierzig Jahre lang studiert hatte.
S.235

Da die “hochgewachsene, dunkelhaarige, fröhliche Maureen genauso unbekümmert lebte, wie sie spielte”, fällt die Revanche nicht schwer. Wobei es in dieser Geschichte darum nicht eigentlich geht. Sondern wer einem Gemälde verfällt, den nimmt es auf —falls er den Versuch denn wagt und auch den Schlüssel findet, auf dessen Reite in der Venezianerin allerdings keine Zahl, sondern eben MAUREEN steht, und es ist keineswegs dieser Frank, mit dem die menschlich ebenso Benannte sich offenbar nun auch im Gemälde zu vereinen anstrebt, sondern sein schüchterner Freund Simpson, bei dessen insgesamter Einschätzung wir allerdings, rät Nabokov, bedenken sollten,

daß er ein krankhaft exaltierter Mensch war, (der) das Leben kaum kannte(,) und daß Empfindsamkeit bei ihm den Verstand ersetzte.
S.264

Schon deshalb kann er nicht wirklich ein Kunstkenner sein. Dennoch offenbart ausgerechnet ihm

das Gesicht der Venezianerin mit ihrer glatten, vom geheimnisvollen Widerschein eines olivgelben Mondes übergossenen Stirn, mit ihren undurchdringlichen, dunklen Augen und dem ruhig abwartenden Ausdruck ihrer sanft geschlossenen Lippen die wahre Schönheit jener Maureen (…), die ständig lachte, das Gesicht verzog und mit den Augen rollte – in beständigem Kampf mit der Sonne, die in hellen Flecken über ihr weißes Kleid huschte, wenn sie auf der Suche nach einem verschlagenen Ball mit ihrem Schläger das raschelnde Laub zerteilte.
S.241

Und weil ihn der jungen Dame ziemlich hagestolzer Gatte sich vorzustellen aufgefordert hatte,

es gelänge jemandem, statt eine gemalte Figur aus dem Rahmen herauszuholen, selber in das Bild hineinzusteigen,
S.251

und überdies darauf besteht, ihm selbst sei dies gelungen, darum geschieht, was geschieht. Nur daß der arme Simpson aus dem Bild dann nicht mehr souverän herauskommt. Statt dessen wird er morgens von seinem Gastgeber mitten im Gemälde entdeckt, der ziemlich sauer darob ist – ist ihm doch hintertragen worden, daß sein Sohn, das lebensfrohe Urbild eben jenes James Deans, heimlich selber male. In der Tat, eine Neigung, die den jungen Mann verdunkelt.
Nun ist der Oberst Brite:

Er spürte sofort, daß es unangebracht war, seinem Zorn freien Lauf zu lassen vor einem Mann, dem gerade die Frau davongelaufen war,

nämlich dem Magor mit James Dean, also Frank, der nun seinem Vater den festgemalten Simpson als Souvenir statt eines Grußworts dagelassen. Jener nun, dies bedenkend, ging

zum Fenster, blies die eine Hälfte seiner Wut hinaus, schluckte die andre hinunter, strich sich den Schnurrbart glatt und wandte sich, schon wesentlich ruhiger, an Magor.
S.274

Es ist dem Oberst sofort klar, daß sich sein Sohn an ihm wohl jener Rüge halber gerächt hat, die der Senior dem Junior wegen dessen allzu allzu offensichtlicher Affaire mit seines Freundes Frau erteilt. So hatte Dean nun flugs den eignen Freund in die Venezianerin nächtens hinzugemalt. Welch eine ironische Schändung! Bei deren Qualität es, übrigens, egal ist, daß sich der del Piombo später als eine Fälschung herausstellt. Die ist ja nunmehr echt. — Der Vater spürt’s so tief, daß seine Achtung zum letzten Satz dieses ganzen Kabinettstückes wird:

“Ich bin stolz auf meinen Sohn”, sagte der Oberst ruhig.
S.278

Erst einmal soll aber der Simpson aus dem berückenden Bild wieder raus, zumal es erstmal noch als echt gilt. Wozu, sofort damit beauftragt, Magor selber, der nun gehörnte Restaurator, “Salmiakgeist, eine Rolle Watte sowie verschiedene Lappen und Radiermesser” nutzt, bevor er die Schlieren des armen aufgelösten Simpsons als in jenen haftende Farbe erst betrachtet, dann sie

mit sonderbar verzerrtem Gesicht zu einem Klumpen zusammen(drückt) und (…) aus dem Fenster (wirft), neben dem er gearbeitet hatte.
S.276

Seine Form der Rache. Zwar gab es

eheliche Beziehungen (…) (…) zwischen ihnen schon über ein Jahr nicht mehr, doch er ging trotzdem jeden Morgen zu ihr und schaute mit hilfloser Erregung zu, wie sie sich frisierte, heftig den Kopf hin und her warf und mit dem Kamm in dem kastanienfarbenen Fittich ihres straff gespannten Haars ein zirpendes Geräusch erzeugte. Heute, zu dieser Stunde mußte er feststellen, daß das Bett nicht benutzt und mit einer Nadel ein Zettel ans Kopfkissen geheftet war.
S.272

Dem er den Sachverhalt, nunmehr allein zu sein, bereits entnahm, bevor er den Simpson aus dem Gemälde erst löste und dann, ihn aus dem Lappen pulend, zusammenklumpte und, wie erzählt, aus dem Fenster warf. Bloß daß er nun, der Simpson, direkt unter diesem, dem Fenster, als im Fleische auferstanden entdeckt wird, und zwar ziemlich sofort nach dem, im Wortsinn, Hinauswurf. Jetzt auch im Geist erwachend, stammelt er, einen ungeheuerlichen Traum gehabt zu haben, nachdem er nachts, nämlich hier auf dem Rasen, eingeschlafen sei.

Der wundervolle poetische, lassen Sie es mich “Trick” nennen, dieser Erzählung ist nun aber eben n i c h t diese doch recht klischierte Auflösung, als vielmehr, daß zugleich die surreale Erzählung in der Möglichkeit b l e i b t. Genau darin zeigt sich die Kunst des jungen Meisters. Denn nun hebt der Gärtner, der den noch Schlafenden zuerst entdeckt, jene “kleine, dunkle Zitrone mit dem Abdruck von fünf Fingern” aus dem Rasen auf, die nicht nur einer der verschlagenen Tennisbälle sein könnte, nach denen tagsvor Maureens im Laub scharrender Schläger offenbar erfolglos gesucht hat, sondern  —

Die Venezianerin lächelte ihm von der Seite her zu, zog ruhig ihren Pelz zurecht, ließ ihre Hand in den Korb sinken und —

— ja!, reichte ihm eben diese Frucht, die nun vom Gärtner, nicht im entferntesten im Traum, vielmehr in einer höchst materiellen Hosentasche davongetragen wird. Wir wissen es nicht, aber vielleicht wird es ihm nachher, wenn er sie wieder hervorholt, wie Simpson ergehen (und wir wünschen es ihm), als der noch in dem Bild war:

(…) sowie er deren genarbte, feste Kühle und die trockene Wärme ihrer langen Finger spürte, begann eine unwahrscheinliche Glückseligkeit lieblich in ihm zu sieden und zu brodeln.
S.271

 

 

 

 

 

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Vor einem roten Schloß grünte eine von prächtigen Ulmen umstandene junge Rasenfläche. Am frühen Morgen glättete sie der Gärtner mit einer steinernen Walze, rupfte zwei, drei Gänseblümchen aus, zog mit flüssiger Kreise die Linien nach und spannte zwischen zwei Pfosten ein neues, elastisches Netz. Aus dem nahen Städtchen brachte der Majordomus einen Pappkarton, in dem ein Dutzend schneeweißer, sich stumpf anfühlender, noch leichter, noch jungfräulicher Bälle ruhte, die – kostbaren Früchten gleich – einzeln in Seidenpapier gewickelt waren.


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Im Jobcenter mit Nabokov. Das Antragsjournal des Dienstags, den 10. Dezember 2019, worin die Geschehnisse der Vortages berichtet werden.

[Arbeitswohnung, 5.30 Uhr
Tippett, King Priam]

Auch wenn da | >>>> e r | sich ärgern wird (ich höre sein genervtes Aufstöhnen bis an meinen Schreibtisch), ich habe es über mich gebracht, stand gestern früh genug auf, nahm noch einen Latte macchiato, schälte mich aus der Morgenarbeitskleidung (schwarze Leggins, sehr dicke Socken; zwei Pullover, Lammfellweste und um den Hals den Schafswollschal aus Jerusalems Altstadt – ich heize nach wie vor nicht), kleidete mich (Anzug, Hemd, aber, kalkuliert, keine Krawatte, nahm, noch im, ja, tatsächlich, versiegelten Seidenpapierschutz Nabokovs zweiten Erzählband sowie das schwarze Notizbücherl und selbstverständlich die Unterlagen, von denen ich meinte, daß man sie brauchte; dann Schuhe an und den abgerubbten Colombomantel, Hut auf und los. Zum Jobcenter nämlich.
Es ward geradelt, selbstverständlich: kaum zehn Minuten weg.
Um acht wurde geöffnet, um acht wollt ich da sein.
Es wurde drei nach acht, na gut.

Vier Schalter für den Empfang, vor jedem grad mal sechs oder sieben Bittsteller. Das ist nicht ironisch geschrieben, schließlich wurd ich nun selber einer. Die Balance finden zwischen Notwendigkeit, also Eingeständnis, und Stolz. In der Tat, ab Februar wird’s finster … – wär‘s geworden, darf ich jetzt schreiben.
Keine fünf Minuten, dann war ich dran.
Perso, sonst brauchte der junge Mann nix. Das mit den beiden Namen war nur kurz ein Problem. Er gab mir einen Zettel. “Gleich den Gang runter, rechts in den blauen Wartebereich. Vergessen Sie nicht, sich eine Nummer zu ziehen. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.”
Nichts von dem, was ich befürchtet hatte. Statt dessen Freundlichkeit, Zugewandtheit.
Im Warteraum drei Leute vor mir. Ich hatte gedacht, man werde sich drängeln.
Nicht mal lesen konnte ich, doch immerhin den Seidenschutz entfernen. Als meine Nummer (3011) auf dem Screen elektronisch begongt wurde, ich selbst ins Zimmer 56 gebeten.
Eine eher unscheinbare, vielleicht auch bei ersten Blick etwas skeptische (meine Güte, w e i ß ich denn, mit welcher Klientel sie Tag und Tag zu tun hat?), dann auf mein Lächeln geradezu, bei gleichzeitig professioneller, flinker Pragmatik, herzwarme Frau empfing mich, lauschte meinem Anliegen … “Ich bin nicht gerne hier”, sagte ich. “Aber ich fürchte, es geht jetzt nicht mehr anders.” “Dafür”, sagte sie, “genau dafür sind wir da.”
Ich stellte dar, was darzustellen ist, den Funk verloren, die Bücher verkaufen sich, wenn überhaupt, nur schleppend, da sie nicht dem Mainstream entsprechen, sich teils sogar scharf gegen ihn stemmen, und derzeit auch keine weiteren Aufträge im Ghostwriting-Umfeld sowie die hochzeitsnächsten erst ab dem Sommer wieder; Lesungsangebote nicht vor Mai; und so weiter. Dennoch in ständigen Projekten, Anfang Januar wieder beim Übersetzerfreund in Umbrien, mit dem ich bereits zwei Bücher realisiert; allerdings ebenfalls kaum früher als Mai dann für das neue Buch, in Wien … na, vielleicht vorher doch noch mal, um die Béart durchzusprechen …
“Wir gehen erst mal die Formulare durch”, sagte die nette Dame.
“Über fünfunddreißig Jahre”, sagte ich, “bekam ich es hin, und aber jetzt, vor meinem Fünfundsechzigsten ….”
“Dafür sind wir da”, wiederholte sie. “Bitte machen Sie sich keinen Kopf. “Aber wir müssen die Formulare durchgehen. Für eines, weil ich mich da nicht so gut auskenne, gehen Sie bitte noch ins Wartezimmer in den vierten Stock. Dort wird man Sie mir Namen aufrufen. Aber danach kommen Sie bitte noch mal her, ich stelle ein paar Informationen für Sie zusammen. Und wichtig ist, daß Sie die ausgefüllten Formulare bis spätestens zum 19. abgeben. Sonst verfällt der Antrag. – Jetzt brauche ich noch Folgendes: — ”
Hatte ich alles dabei.
“Sie sind gut vorbereitet.” Als wär das nicht normal, einfach ein bißchen vorher mitgedacht.
Vor allem aber meine größte Sorge. Die KSK. Wenn ich da rausfalle, und aber irgendwann nehme ich dann doch über künstlerische Tätigkeiten genügend ein, dann komme ich, weil 65, nicht mehr hinein. “Es wäre eine Katastrophe.”
Sie ist, sozusagen, Heinrich Bölls wirkender Nachlaß für uns Künstler, alle, und das, was vom VS blieb, wofür er tatsächlich, historisch gegenwärtig, wichtig war. Das Konzept ist schreiend genial: Der Künstler zahlt, nach Höhe seines Einkommens, den Arbeitnehmeranteil, der Arbeitgeberanteil stammt aus Steuergeldern sowie Abgaben, die Verlage Zweitschriften, Veranstalter usw. leisten.
Eine solche Institution verläßt man nicht.
“Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir übernehmen nur die Zahlungen, Sie müssen die Kasse nicht wechseln.” — “Nur” !
Wir hatten soweit alles fertig. Ich sagte erstmal tschüß und begab mich in den zweiten Stock – für die Beratung zum Formular EKS.

Hier oben saß nun gar niemand mehr, ich war im Wartezimmer völlig allein.
Gut, Mantel, Hut und Schal auf den Nebensitz und den Nabokov nehmen. Lesedatum zum Titel schreiben

und beginnen:

Als die im Dämmer hängenden Straßenlaternen praktisch auf einen Schlag bis hin zum Bayerischen Platz angingen, verschob sich in dem unbeleuchteten Zimmer jeder Gegenstand ein wenig unter dem Einfluß der Strahlen von außen, die zunächst einmal eine Aufnahme vom Muster der Spitzenvorhänge machten.

Die es hier in dem nüchtern-praktischen Wartehalbsaal nicht gab, statt dessen rundum blaue Plastikstühle und links von mir ein großer Münzkopierer, der sich auch gut als Schreibablage eignen würde.

In diesem Augenblick glaube ich an die hinreißenden Versprechungen des noch immer atmenden, noch immer kreisenden Verses, mein Gesicht ist tränenüberströmt, mein Herz birst vor Glück, und ich weiß, daß dieses Gefühl das höchste ist, was es auf Erden gibt.

Na gut, so weit war es hier noch nicht. Aber von einer Art Glück hatte ich schon zu ahnen begonnen, womit gleichzeitig nicht nur diese Geschichte zuende ging, sondern draußen kam sogar die Sonne durch, drückte durch eine Himmelsnarbe das novembrige Dezembergrau einfach so beiseite.
Nur daß mich niemand aufrief. Na gut, die zweite Geschichte.
Als ich die Schmach des Todes nachfühlte, und seine vulgäre Gleichmacherei, öffnete sich am Gang eine Tür, ein Mann kam heraus, drehte sich um, schloß die Tür wieder, schloß sie ab und entfernte sich ruhig, kehrte nach ungefähr Toilettengangszeit zurück, schloß wieder auf, ging hinein, ließ die Tür aber offen. Und so blieb sie.
Paar Minuten.
Hm. Man hatte mich vergessen?
Aber wenn die Tür schon mal aufsteht … — Ich erklärte mein Anliegen, meine leichte Besorgnis. Es war ja niemand da außer mir, also kein anderer, ich bleibe mal dabei, Bittsteller.
“Oh, Sie müssen das so sehen: Mittlerweile kommen unsere Kunden” – er sagte wirklich Kunden (mein nächster Gesprächspartner würde dieses Wort ebenfalls verwenden) – “so gut wie nur noch auf Termin. Wenn dann jemand, wie Sie, erscheint und direkt von der Erstanmeldung heraufgeschickt wird, dann müssen die Kollegen gucken, wo sie ihn dazwischenschieben können.”
Und – ah! – das sah ich ein. War rundweg logisch.
“Also einfach noch ein bißchen Geduld.”
“Haben Sie Dank.”

Im anonymen Gedrängel der Berliner Straßenbahn befand sich die ganze Zeit über noch ein alter Flüchtling, ein Rechtsanwalt, der seine Praxis vorübergehend aufgegeben hatte und der auch vom Friedhof zurückkehrte und der auch für niemand von Nutzen war außer für mich.

Weiter kam ich nun nicht mehr. Auftritt Herr M. – fast massig, entschieden, klar. Jeansträger. Er mag Hopfenerzeugnisse, ich tippe mehr auf Pilsen als auf München. “Nehmen Sie Platz.”
Er hört erfahren zu. Beginnt, das Formular mit mir durchzugehen. “Machen Sie nicht diesen Fehler und nicht jenen. Und sich vor allem keine Gedanken.”
“Meine Sorge ist, wenn ich in einem Monat mal 2000 Euro verdiene, die dann für zwölf Wochen reichen können, daß man sie mir trotzdem abzieht.”
Er schüttelte den Kopf. “Das wird bei Freiberuflern anders gehalten. Wir rechnen es auf die Dauer der Anspruchsbewilligung, also auf ein halbes Jahr. Danach wird das arithmetische Mittel gebildet, und dann sehen wir, ob Sie, abgesehen von den Freibeträgen, wieder etwas zurückzahlen müssen.”
Das war fair. Aber es war noch nicht alles:
“Ach so, und weil Sie den Antrag heute gestellt haben, werden Ihnen selbstverständlich auch Ihre Kosten für den Dezember erstattet.”
Eine, in der Tat, finanzielle Segnung, mit der ich nun überhaupt nicht gerechnet hätte. Das war doch eigentlich alles schon weg! Doch überhaupt schien alles, was ich vorherbefürchtet hatte, in gar keiner Weise zu stimmen. Nicht die Spur einer Geringschätzung oder sogar Abschätzigkeit dem, jaja, Bittsteller gegenüber. Imgrunde sogar das Gegenteil. Auch hier Zugewandtheit, Zuhören, Mitdenken, Mitfühlen. Schon gar nicht auch nur die Spur kleinbürgerlicher Geilheit am Treten nach unten. Nichts davon.
Und was war mir in den Jahren vorher alles erzählt worden!
Freundin, es stimmt nicht, jedenfalls in meinem Fall nicht. Nur über den kann ich ja mit Gewißheit schreiben. Aber ich kenne auch Menschen; die, mit denen ich hier sprach, werden auch anderen Leuten gegenüber zuvorkommend und warmherzig sein. Wobei es selbstverständlich ist, daß nicht ihrerseits s i e beschuppt werden wollen. Klar. Und auch sie haben einen Stolz, der nicht verletzt werden soll. — S c h o n komisch, daß ich das Gefühl habe, dies hier eigens hineinschreiben zu müssen.
“Wenn Sie Lust und Zeit haben, ich halte nächste Woche einen Vortrag, warten Sie, am Soundsovielten um 13 Uhr, da geht es genau um diese Materie.” Er sagte es nicht ohne Expertenfreude – etwas, das sich auf mich sofort überträgt:
“Wenn ich es irgend schaffe, werde ich da sein.”
Wir trennten uns mit Handschlag.

Ich also wieder hinunter in Raum 56, geklopft, meine Beraterin hatte eine junge Frau dort sitzen, die ich bur von hinten sah. “Ah fein! Hier, ich habe alles für Sie … Bitte sehr.”
Sie reichte mir, aufgestanden und, kurz entschuldigend ihre “Kundin” anlächelnd, zu mir gekommen, diesen Hefter

 

 

 

 

 

und entließ mich.

Nun war klar, wie der übrige Tag verlaufen würde, womit. Selbstverständlich würde ich nicht bis zum 19. warten, sondern alles so schnell wie möglich auf den Weg bringen. Die Lebenshaltungskosten gesichert, knapp zwar, aber okay, vor allem die Miete gesichert, die Nebenkosten, die Krankenkasse, und wenn ich etwas zusätzlich einnehme, soll ich bitte die Betriebskosten erst gegenrechnen, bevor ich es melde, die diese Einnahme erforderlich machten. Imgrunde wie beim Finanzamt, mit dem ich ja nun Übung habe. Deshalb war ich darauf vorbereitet, daß die Ausfüllerei Zeit brauchen würde. Unterm Strich war’s kaum ein Zwanzigstel so aufwendig wie das für mich grad erst eroberte Elster.
Als ich fertig war, auch die eine und andere Anmerkung zu den Posten geschrieben hatte, erneut in den Colombo und aufs Rad zum Kopierladen. Damit ich von allem auch Unterlagen hier bei mir habe. Dann zurück, die Kopien zugeordnet, die kopierten Originalbelege wieder in die zugehörigen Ordner (Steuer, Miete/Strom/Gas, KSK) und mit sämtlichen sorgsam zusammengestellten Anlagen den Brief für heute früh bereitgelegt:

Denn, schönste Frau, während Sie dies (wahrscheinlich) lesen (ich weiß ja, wie mit Ihnen auch Ihr Kaffee auf die Lektüre wartet), sitze ich wahrscheinlich auf dem Rad oder bereits wieder im Wartezimmer oder sogar schon bei der Beraterin, damit sie alles durchsehen und mir gegebenenfalls sagen kann, ob etwas fehlt und/oder noch geändert werden muß. Und dann, dann fahr ich ziemlich wohlgemut nachhaus. Die vorletzten drei Nächte habe ich reichlich schlecht geschlafen, denn schwere Sorgen, wie sie wissen, und Hilflosigkeit trägt sich in mir über den Bauch aus, der dann so sehr schmerzt, daß an den Tauchgang in die Träume nicht zu denken ist, bis der Morgen graut.
Dies darf, Freundin, jetzt vorüber sein. Und ich, ich werde arbeiten können, weiter arbeiten, wie es, von meiner Kindheit abgesehen, mein Leben immer w a r. Und es auch bleiben soll.

Da möchte ich aufstehen, weit meine Arme öffnen und mich mit einer großen und erhabenen Rede an die unsichtbare Menge wenden. Und so beginnen:
“Ihr glückverheißenden Götter …”
Nabokov, Erz.I/GA13, Götter, S. 107

Ihr, Ersehnte,
ΔΝΗ

[Tippett, The Midsummer Marriage]

(Spüren Sie meine Erleichterung?)

______________________
[10.08 Uhr
Tippett, Concerto for Orchestra]

Na gut, vorhin, zehn vor acht, standen dann s c h o n | Mengen an, draußen, bevor das Jobcenter öffnete. Schließlich strömten wir durch zwei Türengen, eine läßt sich drehen, ins Gebäude. Obwohl unterdessen mit einem aus Papier ausgeschnittenen Besucherausweis ausgestattet, mußte ich mich noch einmal an den Empfangsschaltern anstellen, dahinter die jungen Damen noch im Mantel, bzw. Parka, und dick die Schals um ihre zarten Hälse. War die Heizung ausgefallen? Nein, ich fand es angenehm temperiert (aber ich heize daheim halt weiterhin nicht). “Ich bin noch etwas erkältet”, erklärte “meine” junge, so sehr nach Latina wirkende Dame, daß sie fast schon Venus war.
Im Warteraum saßen diesmal elf Klienten vor mir. Aber ich hatte ja den Nabokov.
Dann ging’s erstaunlich zügig, auch weil irgendwann ein Wartender plötzlich aufsprang, seine Nummer, also das Zettelchen, auf meinen Nebenstuhl legte und auf seiner, ich dachte wirklich, Flucht hinter sich noch wehen ließ (also war er schneller als der Schall): “Können Sie benutzen.” Es gab nicht mal Zeit, ein Danke zu sagen.
Nun bin ich ein im geheimen allegorischer Mensch. Meine Nummer war vorher die 13 gewesen, meine Lieblingszahl. Weshalb sie’s ist, habe ich Ihnen oft genug erzählt. Jetzt hatte ich eine 11 bekommen, nach der 7 meine mit der 3 drittliebste Zahl; man darf halt nicht die Quersumme bilden. Wie auch immer, kaum las ich in Aus dem vollen Menschenleben (1935) zuende, wie Maria Wassiljewna— nachdem ihr Begleiter seine untreue Frau abgeknallt, einfach so, mitten in der Kneipe, hatte — eine Straße entlangging,

die immer noch naß war, obwohl es schon vor Stunden aufgehört hatte zu regnen, und die den Eindruck tiefer Demütigung vermittelte – ja, da ging ich schon allein, so wie es von allem Anfang an mein Teil gewesen war, und vor den Augen sah ich immer wieder Pawel Romanowitsch, sah ich, wie er sich das Blut und die die Asche von seinem armen Kopf wischte,
S.42

war ich auch schon dran, bei derselben Dame von gestern. Wir mußten beide lachen, erstaunt. Und gut, daß ich die Unterlagen nicht nur vorne abgegeben oder gar mit der Post geschickt hatte. Meine Frau B. konnte in meinem Beisein kontrollieren, ob die Anlagen auch vollständig waren. – Ah, da fehlte was! “Können Sie uns das elektronisch schicken, dann müssen Sie nicht eigens mehr herkommen. Hier die direkte Mail-Adresse, und schreiben Sie mit der Leistungsnummer, dann wird sofort zugeordnet.”
Allerdings hätte sie auch gerne meinen Mietvertrag gesehen; an seiner Stelle hatte ich die letzte Mieterhöhungsbenachrichtigung beigelegt; wo dieser fünfunddreißig Jahre alte Vertrag nämlich ist, keine Ahnung. Im, nun jà, “Not”fall werde ich die Hausverwaltung um eine Kopie bitten. Aber strittig ist mein Hiersein ja nicht.
Wie auch immer, unter einer fast schneehellen Sonne heimgeradelt und sofort gesendet, was gesendet werden mußte.

[Tippett, Shires Suite]

Geistinnen, Sehnsucht: Nabokov lesen, 9. Die Erzählungen I, 1. Darin das nicht-verfilmbare Bild.

“… sag, daß du mich liebst, das heimatlose Gespenst,
rück näher, gib mir deine Hand …”

Geisterwelt (1921), S.15
„Ach, mein Freund, ich bin in Madonnen verliebt!“
Die Venezianerin (1924), S.231

 

Es war für meine Lektorin, aber auch mich selbst überraschend, wie früh in meiner Arbeit, besonders >>>> den Erzählungen Motive und Themen angelegt, teils sogar schon ausgeführt sind, die ich erst viel späteren Büchern vorbehalten glaubte. Das Gleiche fällt bei Nabokov auf, etwa eine – bei ihm allerdings weniger ausgeprägte – Neigung zur Phantastischen Literatur; staunen ließ es mich dennoch. Denn bereits seine allererste Geschichte handelt von einem Geisterwesen, schlägt mit ihm indessen schon eines der Generalthemen Nabokovs an, den Verlust der Heimat, die seine Bücher bis zu dem letzten Roman auratisch immer mitbestimmt,

helle, kindliche Eindrücke, deren Farbe an den Fingerspitzen des Geistes zurückbleibt
Vollkommenheit (1932), S.642,

nämlich des alten Rußlands von vor der Revolution, eines der – fast durchweg mit dem erinnernden Blick von Jungen oder jungen Männern gesehen – Birken und Skabiosen, Isbi, ausgedehnten Herrenhöfe, Gouvernanten und anderen Dienerschaften, und nach ihr eine Sehnsucht, die, wird vermutet, diesen Romancier den Nobelpreis gekostet hat, weil ihr Ausdruck auch der seines harten Antikommunismus war – noch bis zu den späten Achtzigern auch im weltweiten Literaturbetrieb nicht sehr opportun, schon gar nicht in den Sechziger/Siebzigerjahren, als dieses Werk in Blüte stand.

Doch der erscheinende Geist verschwindet immer wieder, dies macht das Bittre seiner Süße aus:

Als ich das Licht anzündete, saß niemand mehr im Sessel … niemand … Doch im Zimmer roch es wundervoll zart nach Birkenrinde, nach feuchtem Moos …
Geisterwelt, S.16

Dem entspricht eine deutliche Neigung des jungen Autors zum Pantheismus, der die Liebe zur verlorenen Heimat mit jugendlichem Optimismus, ja Lebensfreude nährt:

Alle Bäume sind Pilger. Sie haben ihren Messias, nach dem sie auf der Suche sind. Dieser Messias kann eine majestätische Libanonzeder sein, vielleicht aber auch irgendein ganz kleiner, ganz unscheinbarer Busch in der Tundra …
Götter (1923), S.96

Was der junge, damals in Berlin lebende Nabokov nun auf seine unmittelbare Gegenwart, also den Emigrationsort überträgt:

Heute gehen die Linden durch die Stadt. Man wollte sie zurückhalten. Hatte ihre Stämme rundherum mit Gittern umgeben. Aber sie bewegen sich trotzdem weiter …
a.a.O.

bis sie sogar, fünf Seiten nachher, „in weichen, orangefarbenen Haufen die Boulevards entlang in den durchsichtigen Himmel“ schweben.

Für Worte gibt es keine Schranken. Versteh das doch! (…) Verzeih mir, daß ich nicht weinen kann, einfach so wie ein Mensch weint – ich singe und laufe immer irgendwohin, hänge mich an alle Flügel, die an mir vorbeifliegen, groß, zerzaust, mit einer Woge Sonnenbrand auf der Stirn.
Götter (1923), S.105/106

Die sozusagen physiologische Kehrseite solchen Sturms & Drangs – um meine geliebte Großmutter zu zitieren: „himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt“ – (Nabokov war vierundzwanzig, als er „Götter“ schrieb), ist eine Marter der Schlaflosigkeit; auch sie ein Motiv, das Nabokovs gesamte Dichtung durchzieht, insbesondere eine Überempfindlichkeit gegen nächtliches Licht, die manischen, zwanghaften Charakter annehmen kann und erstmals im selben Jahr formuliert wird:

Er zog die Falten des Vorhangs so eng zusammen, daß nicht ein einziger nächtlicher Strahl ins Zimmer fallen konnte. Aber als er das Licht gelöscht hatte, bemerkte er vom Bett aus, daß der Rand eines kleinen Glasgestells aufleuchtete. Da stand er auf, machte sich am Fenster zu schaffen und verfluchte das Mondlicht. Der Fußboden war kalt wie Marmor.
Der Schlag des Flügels , S.35

Auch selbsttherapeutische „Einschlafhilfen“ wie die folgende finden sich immer wieder (später – wohl weil das Schäfchenzählen schon seinerzeit zu abgedroschen war – werden es bisweilen Szenen aus dem Tennis werden, mit dessen Unterricht sich Nabokov einige Jahre über Wasser hielt):

Er (…) stellte sich Wellen vor, die gleichmäßig an das Ufer schlugen. Dann wollige Schafe, die sich langsam über einen Flechtzaun rollten.
S.37

Sie hat aber, diese, ja, Schlafnot, poetisch konturierenden Charakter; die Halbschlafbilder bekommen eine fieberige Schärfe, und so auch leuchten sie; übersetzen wir sie in Sprache, wetzt es, weil Sehsucht immer auch bitter ist, den bei Nabokov in jungen Jahren noch unironischen Realismus, und wachend schaut er bitter hin:

Vom Dienst kamen Berliner Beamte, nachlässig rasiert, jeder mit einer Aktenmappe unterm Arm, die Augen trübe vor Übelkeit – so fühlt man sich, wenn man auf nüchternen Magen eine schlechte Zigarre raucht. Unaufhörlich huschten ihre müden und

(in dieser Zeit zeichnete George Grosz >>>> die Straßen Berlins ganz genauso)

gierigen Gesichter, ihre hohen Kragen vorüber.
Güte (1924), 122

Auffällig übrigens, daß das erste Exil, des Studenten in London, kaum einen Wiederhall im Frühwerk findet, außer in der phantastischen Groteske vom Kartoffelelf (1924), in der es zwar den sehr schönen Einfall gibt, daß jeder

einzelne Tag des Jahres ein Geschenk (ist), das lediglich einem einzigen Menschen gemacht wird – dem glücklichsten; alle anderen Leute benutzen diesen Tag, um sich am Sonnenschein zu erfreuen oder über den Regen zu schimpfen, und wissen doch nie, wem dieser Tag in Wirklichkeit gehört und sein glücklicher Besitzer erfreut und ergötzt sich an ihrer Unwissenheit,
S.152,

die dann aber doch, trotz einem „blauen Flammenschleier über der Kohle im Kamin“ (S.167), eher müde ausrinnt als daß sie poetisch zufriedenstellend enden würde. Es ist ein bißchen so, als hätte ihr Autor nach doch einigem erzählerischen Aufwand die Lust an seinem Text verloren. Er selbst schreibt denn auch dazu, und rechtfertigt allerdings das abermalige Erscheinen:

(…) alles in allem handelt es sich nicht eben um mein Lieblingsstück, und wenn ich es in die Sammlung mit aufnehme, so nur deshalb, weil die fehlerfreie Neuübersetzung (ins Englische, ANH) einen wertvollen persönlichen Sieg darstellt, wie er einem betrogenen Autor eher selten zufällt.
Nabokov 1973, zitiert nach den Anmerkungen, S.775

Zu Berlin hingegen hat er 1925 sogar den erzählenden „Stadtführer“ geschrieben, von dem ich schon erzählt habe – lesen Sie, Geliebte, >>>> in der Ergebenheit des Weibchens die Straßenbahn nach – und der das berühmte Aquarium mit Jules Verne durchschreitet, mit dem der junge Nabokov durch der Nautilus Bullaugen auf die Ruinen von Atlantis schaut, wobei er das Pentagramm seines Feindes entdeckt:

(…) und auf einem Stück Sand liegt ein lebendiger, hochroter, fünfzackiger Stern. Daher also stammt das berüchtigte Emblem – vom Grunde des Ozeans, aus der Düsternis der versunkenen Atlantica, die vor langen Zeiten allerlei Umwälzungen durchmachte, als sie mit aktuellen Utopien und anderen Dümmlichkeiten herumpfuschte, die noch uns zu Krüppeln machen.
S.371

Er wird seinen Abscheu, wie ich oben schon schrieb, lebenslang so wenig verlieren wie ich den meinen gegen den Mainstream, der auch auf Dümmlichkeiten wächst, nur freilich solchen, die nicht so unausdenklich viele Menschen um ihr physisches Leben gebracht haben, sondern nur die finanzielle Existenz einiger weniger bedrohen, die nicht mitklatschen wollen, weil sie’s, jedenfalls ohne dauerzukotzen, tatsächlich auch nicht könnten. Dazu sind sie zu „elitär“, was zu Nabokovs Antikommunismus dann doch noch einen Bogen schlägt. Aus einem alten Boden.

*

Aus dem der verlorenen Heimat als eines Märchens vom Gewesenen steigen nun aber ebenso früh, kristallen wie bei Andersen, auch Nabokovs Frauenfiguren auf, seine bis ins Alter deutlich vorherrschende Neigung zu weiblich-ephebischen Wesen (auch dies meinen eigenen Vorlieben nahe), Elfen gleichsam | aus aber Fleisch und Blut und von möglicherweise, medizinisch gesprochen, anorektischen Charakterzügen; ihre – wiewohl durchaus robuste, zuweilen schnippisch-spöttische – Zartheit gleicht den Flügeln der Schmetterlinge, denen dieses Autors zweite große Leidenschaft galt.  So schon in der bezeichnenderweise Der Schlag des Flügels benannten Erzählung von 1923:

In ihrer Erscheinung lag etwas Schwebendes und Ungestümes; ihr Mund war so leuchtend, daß man meinte, der Schöpfer habe heißes Karmesin genommen und es ihr mit der hohlen Hand in die untere Hälfte des Gesichts gedrückt. Von ihr ging ein Duft von Frost und Parfüm aus. (…) Sie lächelte strahlend und zog das schwarze Bändchen auf ihrer durchsichtigen Schulter zurecht … ihre Augen (…) strahlten, als wären sie mit Rauhreif bestäubt
S.25/32/33

Interessant dabei, wie eng die schwärmenden Beschreibungen fast immer mit russischen Landschaftsprägungen verbunden, von ihnen vielleicht sogar verursacht sind. Etwa könnte das folgende Zitat durchaus auf eine dieser fast ihrerseits Geistgeschöpfe Anwendung finden:

Wenn man von unten zu den Wipfeln der Birken aufsah, erinnerte einen ihr Laub an sonnendurchtränkte durchscheinende Weintrauben.
Kein guter Tag (1931), S. 521

“Sah man sitzend zu ihr hoch, erinnerte die Haut ihres Gesichtes an …” — Oder in der melancholisch-schönen Erzählung Musik von 1932 „unter dem ohnmächtig werdenden Himmel eines schwülen Abends“ (S.629):

Ihr ganzer Körper war samtweich; man sehnte sich danach, sie aufzunehmen, wie man ein Fohlen mit angewinkelten Beinen aufnimmt … so klein und schlank sie war …
S.632

Besonders elfisch dann, wenn auf die „kornblumenblauen Augen“ einer jungen Frau der „Schatten schwarzer Wimpern“ fällt, sie

gegen die äußeren Augenwinkel hin länger zu sein schienen, was ihren Augen eine ganze besondere, jedoch rein imaginäre Schräge verlieh.
Die Nadel der Admiralität (1933), S.676

Wiederum der Jugendschwarm Tanja, an die Innokentji auf dem „dicken Stamm einer Birke“ denkt,

die unlängst von einem Gewitter gefällt worden war (und die von dem Schreck noch an all ihren Blättern zitterte) …  — Im bunten Dunst (…) flimmerten junge Leute, rennende Kinder, jemandes schwarzer, mit grellen Mohnblumen bestickter Schal, ein weiterer Foxterrier und vor allem, vor allem jene Augen, die da durch Licht und Schatten glitten, jene Züge, die, obwohl noch unbestimmt, ihn bereits mit verhängnisvoller Faszination bedrohten.
Der Kreis (1934), S.719

All ihnen eignet, daß sie sich, wie die erinnerten Petersburger Bürgergebäude,

halb vom Wanderer abwenden, wie es die Schönheit immer zu tun pflegt.
S.687

Denn wirklich habhaft werden wir ihrer nie, schon weil nicht heraus ist, ob sie nicht doch „nur“ Projektionen unserer Animae sind, mit denen die leibhafte Person, ich meine ihr Urbild, möglicherweise nicht mehr zu tun hat als die leibliche Form des Erscheinens – für die sie in aller Regel wenig kann. Denn Allegorien gleich materialisiert sie sich für eine unbestimmte Zeit in solchen Personen, durchzieht sie gleichsam allegorisch und wirkt so auf uns, ohne daß die erfaßte Person selbst es zu vertreten hätte; ja, was durch sie wirkt, kann ihr völlig fremd sein.
Das gilt sogar für Frauen, die zwar schlank, dennoch nicht eigentlich schön sind:

Sie wußte, daß sie unscheinbar und zu dünn war und ihre Haut von nahezu krankhafter Blässe; doch diese verblühte Frau mit dem – nicht ganz gelungenen – Gesicht einer Madonna war wegen all der Dinge, deren sie sich schämte – der Blässe ihres Teints und eines kaum merklichen Hinkens, das sie zwang, einen Stock zu benützen – anziehend.
Bachmann (1924), S.290

Und Natascha, in der gleichnamigen Erzählung desselben Jahres, stellt sehr richtig von sich fest:

Im Mittelalter (…) hätten sie mich auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder heiliggesprochen. Manchmal habe ich sonderbare Empfindungen. Wie eine Art Ektase. Dann werde ich fast gewichtslos, fühle mich irgendwohin treiben, und ich verstehe alles … das Leben, den Tod … alles.
S.223

Selbst noch die „russische Schönheit“ von 1934, wie banal auch immer ihr Leben schließlich endet, hat mit ihrem

breiten, bleichen Gesicht

daran teil,

dessen Züge ihre Ebenmäßigkeit geradezu übertreiben (…), eine englische Zigarette in der schmalfingrigen Hand mit dem hervorstehenden Knöchelchen über dem Gelenk (…) und jenem überaus seltenen Strich der Lippen, in den die Geometrie des Lächelns von vornherein eingetragen (zu sein) scheint.
S.743/746

In dieser Erzählung, übrigens, bekommt Nabokov die Unmöglichkeit hin, im selben Absatz, ja Satz! tief zynisch und dabei genauso liebevoll zu sein. Da sich dies nur aus dem Kontext ergibt, verzichte ich aufs Zitat.
Allerdings ist die Kehrseite seiner Bewunderungen nicht minder konturiert: Haß, scharf und kalt wie eine Lanzette, S.111. Nämlich entspricht umgekehrt eine Frau dem Innenbild n i c h t – das zumindest angedeutet i m m e r, S.742, ecco!: zauberhaft ist („Die Reinheit ihres Profils, der Ausdruck ihre geschlossenen Lippen, die Seidigkeit ihrer Zöpfe, die ihr bis ins Kreuz hinabhingen“) – oder es entspricht ihm nicht mehr, dann wird Nabokov böse bis zur … nein, nicht Misogynie, denn mit den Männern springt er nicht anders um, aber zu einer manchmal derartigen Abschätzigkeit, daß es wehtut – auch hier eine Verwandtschaft mit George Grosz.

Und ihr Gesicht war mit schauderhafter Sorgfalt zurechtgemacht. Die feuchte Spur einer Träne hatte sich jedoch durch die rosarote Farbe gefressen, der Puder auf ihren Nasenflügeln hatte sich violett verfärbt.
Die Klingel (1927), S.437

Insgesamt sind die Erzählungen >>>> dieses ersten Bandes von den erhauchten Sehnsuchtsfrauen, als wären sie selbst die verlorene Heimat, durchzogen, wie Nabokov doch zugleich mit beiden Beinen auf der realen Existenz des Exils steht; vier Geschichten fallen poetologisch allerdings heraus, drei davon auf auch formal besondere Art und keineswegs als Versuche wie der humoristische, jedenfalls soll er’s wohl sein, Drache von 1924 oder der schon erwähnte Kartoffelelf aus demselben Jahr, sondern als brillante, bereits da schon vollendete Kabinettstücke. Doch von denen, Ersehnte, erzähle ich in den kommenden Stücken dieser Serie. Indessen, eigen ist nahezu allen frühen Erzählungen, wie Nabokov auf Form schaut – und also nicht „einfach“ runterschreibt, sondern von Anfang an sehr bewußt konstruiert, nicht zuletzt vermittels auffällig eingesetzter, ich muß sie so nennen, Regiemittel:

Er ist sehr angetan von der See …“ fügte die Engländerin leise hinzu. Wonach sie leider aus meiner Erzählung herausfällt. Rache (1924), S.108
So geht der liebenswürdige, harmlose Greis wie ein Schutzengel für einen Augenblick durch diese Erzählung und verschwindet gleich wieder in jenes Nebelland, aus dem ihn eine Laune der Feder gerufen hatte.
Die Venezianerin (1924), S.268
Danach kamen noch einige zufällige Begegnungen und schließlich … Na schön, dann wollen wir mal. Fertig? An einem heißen Tag Mitte Juni … —
(Und im selben Text:)  Nach einem ungeschickten Vorstoß kam das verdammte Himbeerzeug ins Rollen und fiel unter den Tisch (wo wir es lassen wollen).
Der Kreis, S.721, 724
Olga, von der wir jetzt sprechen wollen (…).
Eine russische Schönheit. S.742

Zumal manche dieser frühen Erzählungen durchaus schon das sind, was wir Heutigen uns als „selbstreferent“ zu bezeichnen angewöhnt haben:

Sie sah ihn mit solcher Besorgnis und solcher Liebe an (…), daß mir in meiner Ecke ein seliges Gefühl von Freude und Wohlbehagen kam, ganz als hätte Gott mir die Unsterblichkeit meiner Seele bestätigt oder ein Genie meine Bücher gepriesen.
Die Schlägerei (1925), S.345

Insofern ist Nabokov ein deutlicher Vorläufer dessen, was Postmoderne heißt, und trotz seiner quasi-groszschen Berlinbeschreibungen gewiß kein „Realist“. Das zeigen auch solche immer wieder zu findenden Sätze, von denen Günter Steffens geschrieben hat, sie seien bereits bei ihrer Erfindung Zitat – eben das löst eine Überraschung in uns aus, die zugleich ein völliges Vertrautsein ist:

daß ihm jene beflügelnde innere Lebendigkeit und zarte Beharrlichkeit fehlten, ohne die Leidenschaft kraftlos ist. Der Schlag des Flügels (1923, S.25
Eigentlich war er Pessimist und wie alle Pessimisten ein lächerlich schlechter Beobachter. Ein Ehrenhandel (1927), S.445
Aberglaube kann maskierte Weisheit sein. Ein beschäftigter Mann (1931), S.541

Dazu kommt das Markenzeichen aller wirklichen Dichtung, nämlich unübersetzbare, nicht verfilmbare Bilder, die Bild eben sind und doch, wie plastisch auch immer, ganz allein aus Sprache – etwa wenn von einem Luxus erzählt wird, deren Reklamen “mit dem Speichel des Tantalus geschrieben” sind (Eine russische Schönheit, S.746).
Wir lernen aber auch diejenigen Autoren kennen, die neben den, selbstverständlich, russischen Klassikern auf Nabokov Einfluß hatten: außer dem genannten Jules Verne vor allem James Joyce (den er persönlich kennenlernte), für mich besonders interessanterweise Aldous Huxley sowie H. G. Wells, zu dessen “merkwürdiger Geschichte von Davidsons Augen” Nabokovs Terra incognita eine Variation komponiert. Hingegen Sartre hält er für grob überschätzt, und ein Buch von Thomas Mann tut er sogar (in Ein Ehrenhandel, 1925) als „von irgendeinem deutschen Schriftsteller“ ab, wiewohl mit diesem Irgend in lebenslanger Liebe zu Andersens kleiner Meerjungfrau verbunden. Vielleicht war ihm solche Nähe einer Fehlspur wegen zuviel, der sich Tacios halber nachstolpern ließe, was gewiß auch schon geschehn ist. Doch seine Madonnen – „so bezaubernd und so unverwundbar“ (Der Kreis, 1934) wie die meinen – sind d o n n e, nicht etwa proustsche Odettes – ein, wenn jemand etwas andres denkt, Mißverständnis, gegen das ich mich mit all meiner Lebens-, Liebes- und Leseerfahrung entschieden stemmen muß und stemme.

Ihr, mia – ecco!: – d o n n a del cuore,
ANH

***

[Zitate nach den Übersetzungen von
Gisela Barker, Dieter E. Zimmer, Wassili Berger, Jochen Neuberger,
Blanche Schwappach, Rosemarie Tietze und Mariann
e Wiebe

Das Deutsch ist nicht immer gleich perfekt, übrigens; bisweilen hakt’s mit den Konjunktiven, dann wieder folgt auf ein für ein plurales Nomen im Plural stehendes Prädikat ein singulares Nomen, und die Schreibweise unseres mittleren Armgelenkes schwankt hurtig zwischen “Ell”- und “Ellenbogen” hin und her. Aber das zu monieren, ist angesichts all der Schönheiten der nabokovschen Prosa die pure Beckmesserei.]

 

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Nabokovs Gc (*): “Ergebenheit des Weibchens”
Nabokov lesen, 8

(Die Übertragung der im Original russischen Zitate
ins Deutsche stammt von Jochen Neuberger.)
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An der Endstation koppelt sich der Triebwagen los, fährt auf ein Nebengleis, passiert den zurückgebliebenen Anhänger und nähert sich ihm dann von hinten. Es hat etwas von der Ergebenheit eines Weibchens, wie die Anhängerin wartet, daß der männliche vordere Wagen unter Funkengeknister herangerollt kommt und sich ankuppelt: Und ich erinnere mich (ohne die biologische Metapher), wie achtzehn Jahre zuvor in Petersburg die Pferde ausgespannt und um den dickbäuchigen blauen Trambahnwagen herumgeführt wurden.
Berlin, Ein Stadtführer, 2. Die Straßenbahn, 368

________________________
( *: Gc ” steht selbstverständlich für die
allerbedeutsamste Gendercorrectness. )

Jetzt bitte einmal zurückschlagen, nur eine Seite zum Beginn des Kapitels, wo sich ohne Strittigkeit | selbst bei “Weibchen” , die es nicht s i n d oder, da bin ich komplett solidarisch, sein es nicht w o l l e n, die folgende Anrührung findet – dabei behalten, Geliebte, Sie bitte im Sinn, daß er die kleine, doch höchst auratische Betrachtung 1925 schrieb:

Die Straßenbahn wird in etwa zwanzig Jahren verschwinden, wie die Pferdebahn verschwunden ist. Für mein Gefühl hat sie schon jetzt etwas Überlebtes, eine Art altmodischen Charme. Alles an ihr ist ein wenig ungefüge und klapprig, und wenn sie eine Kurve etwas zu schnell nimmt und die Stromstange vom Fahrdraht springt und der Schaffner oder sogar einer der Fahrgäste sich am Heck des Triebwagens hinauslehnt, nach oben späht und an der Schnur ruckelt, bis die Rolle wieder Kontakt hat, dann denke ich jedes Mal daran, wie auch dem Kutscher in früheren Zeiten manchmal die Peitsche aus der Hand gefallen sein muß und wie er dann sein Vierergespann zügelte, den Burschen in langschößiger Livree, der neben ihm auf dem Bock saß, zurückschickte, (um) sie aufzuheben, und durchdringend ins Horn blies, während seine Kutsche über das Kopfsteinpflaster eines Dorfes holperte.
Berlin, Ein Stadtführer, 2. Die Straßenbahn, 366

Am Ende des Kapitelchens skizziert der sechsundzwanzigjährige, als russischer Emigrant eben in Berlin lebende Nabokov sogar schon eine hier höchst zärtliche, weil in gutem Sinn sentimentale oder doch – lassen Sie es mich so, bitte, nennen – “Poetik der vorausahnenden Melancholie”:

Ich meine, daß eben hierin der Sinn schöpferischer Literatur besteht: alltägliche Dinge so zu schildern, wie sie sich in den wohlmeinenden Spiegeln künftiger Zeiten darbieten werden: in den Dingen unserer Umwelt jene duftige Zartheit aufzuspüren, die erst unsere Nachkommen erkennen und zu schätzen wissen werden, in den fernen Tagen, da jemand, der sich das gewöhnlichste heutige Jackett überzieht, für den elegantesten Kostümball passend ausstaffiert
sein wird.

Berlin, Ein Stadtführer, 2. Die Straßenbahn, 369

 

 

 

 

 

 

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Nabokov lesen, 7: Der Späher (1930/1965).

Auch dieses schmale Buch ist, wie im Spätwerk das der Durchsichtigen Dinge, nicht eigentlich ein Roman, formal liegt es für mich zwischen einer langen Erzählung und abermals einer Novelle, >>>> jene Dinge indessen tatsächlich vollendet.

Den Späher schrieb Nabokov mit Dreißig. Da ist die Präzisionskraft seiner inneren Bilder —

Vom Dienst kamen Berliner Beamte, nachlässig rasiert. jeder mit einer Aktenmappe unterm Arm, die Augen trübe vor Übelkeit – so fühlt man sich, wenn man auf nüchternen Magen eine schlechte Zigarre raucht.
Güte, 1924

— längst in Stil umgeschlagen (ich zitiere nach der Erstausgabe deutscher Sprache, also Dieter E. Zimmers):

So lud mein ganzes schutzloses Wesen das Unglück geradezu ein. Eines Abends wurde die Einladung angenommen.
Späher, S.20

Es ist bei Geschichten dieses Umfangs nicht sinnvoll zu erzählen, wovon sie handeln, weil es in der Dichtung sowieso um anderes geht, als es geht — nämlich nicht um einen “Plot”, der allenfalls ihr Anlaß ist. “Einfälle” haben wir alle, sie liegen an der nächsten Straßenecke munter herum, als zerknorkelter Abfall entlang jeden Bordsteins; wir müssen sie konzentriert glätten, wenn wir sie aufgehoben haben – genau aber dies, dieser Prozeß, ergibt im, soferne es glückt, Ergebnis den Stil. Dieser ist, anders als jene, unkopierbar. Wer es versucht, wird notwendigerweise epigonal: Deshalb hat Stil nicht die geringste Angst vor Plagiaten – dem, moderner gesprochen, copy & paste –; das Urheberrecht ist ihm bloß Popanz. Den fetischisiert die literature en vogue um so mehr, wie eben auch ihre Stillosigkeit, die sich der Mainstream, vor Markenzeichen tumb, ganz selbst als Tattoo sticht. Beseelt von der Leere, wird ihm und seinen Verkündern, den “Fans”, bereits die kenntliche Handschrift zu üblem Manierismus  – um so mehr, wenn sie nicht leserlich ist, also auf Anhieb nicht zu deuten: “Wo ‘is’n da die Botschaft??!” Und sowieso, alles zu komplex … — Oh das Elend der Äquivalenzform!
Uns aber, die noch die Leere s p ü r e n (und zu spüren auch bekommen), bereitet es

ein prickelndes Vergnügen. Rückschau zu halten auf die Vergangenheit und sich zu fragen: “Was wäre gewesen, wenn …”, dabei ein zufälliges Geschehnis durch ein anderes zu ersetzen und zu verfolgen, wie aus einem grauen, öden, langweiligen Moment des eigenen Lebens ein wunderbares rosiges Ereignis entsprießt, das in der Wirklichkeit zu blühen versäumte. Sie ist etwas Geheimnisvolles, diese sich verzweigende Struktur des Lebens: In jedem vergangenen Augenblick erahnt man eine Weggabelung, ein “So” und ein “Anders” mit unzähligen blendenden Zickzacklinien, die sich vor dem dunklen Hintergrund der Vergangenheit doppel und dreifach reihen.
S. 42

Woraus sich immer wieder Eindrücke einer fast halluzinatorischen Schärfe heben, wie, sommernachts manchmal, Straßenlaternen den Dingen eine ganz besondere Leuchtkraft verleihen:

Wanjas Augen hatten die undurchsichtigere Iris und waren im Unterschied zu denen ihrer Schwester leicht kurzsichtig, als wären sie aufgrund ihrer Schönheit für den alltäglichen Gebrauch nicht so recht geeignet.
S. 44

Dann scheinen Wohnungen oberer Stockwerken wie Luftschiffe zu schweben ( S. 59), und man erlaubt sich sogar die besondere Feinheit, statt eines harten “k”s – zumal noch mit folgendem “t” – ein weiches “g” zu nehmen, da mancher Wesen Wimpern anders solch Schwere kaum trügen:

Wie zauberhaft interpun|g|ierten ihre Augenlider seine Sätze, wie entzückend war das Flattern ihrer Schlußpunkte, als Smurow seine Erzählung beendete, was für einen Blick warf sie ihrer Schwester zu – einen feuchten, seitlichen Blitz –. wahrscheinlich um sicher zu gehen, daß der anderen ihre Erregung nicht aufgefallen war.
S. 64

Wen wundert es nun noch, wenn die

Möbel erstarrten vor Verwunderung,

da jemand ein leeres fremdes Zimmer betritt, es, mit Nabokovs Wort, “überrascht” (S.73)?

Spannend allerdings auch, wie süffisant er Motive wiederholt, die früher schon ausgeführt waren, indem man

am selben Tag, an dem man von einer Reise wiederkehrt, die Bekanntschaft des Mannes macht, der im Zug auf dem Platz gegenüber gesessen hatte.
S. 78

Genau so etwas geschah zwei Jahre zuvor in Bube, Dame, König. Aus der Folge der Bücher wird ein narratives Netzwerk, das auch g e g e n den Zeitstrahl kommuniziert. (Ebenso findet sich das Motiv der Schlaflosigkeit und der nächtlichen Hochempfindlichkeit gegen Licht bereits in den frühen Geschichten dem Eindruck nach nahezu wortgleich.)

Der (um nicht “Schlüssel” zu schreiben, sag ich lieber:) Clou indes, d i e s e r Geschichte, der sie tatsächlich mit den so viel späteren Durchsichtigen Dingen verwandt macht, findet sich auf S. 116:

Als ich die Tür aufdrückte, bemerkte ich das Spiegelbild in dem Seitenspiegel: Ein junger Mann mit Melone und einem Blumenstraße in der Hand stürmte mir entgegen. Das Spiegelbild und ich verschmolzen.

Und er trat auf die Straße hinaus.

***

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_______________________
Vladimir Nabokov
Der Späher
Roman
Aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer
Letzte Fassung in den >>>> Gesammelten Werken, 4
ISBN 10 3498046403

Nabokov lesen, 6. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. November 2019. Durchsichtige Dinge darinnen.

[Arbeitswohnung, vorhergeschrieben am 22.11., ab 16.15 Uhr
Carl Heinrich Graun: Cleopatra e Cesare
In einem Live-Mitschnitt aus der Staatsoper
Unter den Linden vom 28. 2. 1996}]

Ich bin schwer verliebt, offenbar. Das hätte ich Stockhetero mir niemals träumen lassen, der ich bis heute – so formulierte es vorgestern >>>> Urs Hafner für die NZZ – nicht nur nie erwachsen wurde, insofern ich mir seit meiner Pubertät des Mannseins immer sicher war — schlimmer noch hatte ich auch niemals einen Zweifel an meinen erotischen Neigungen. Jedenfalls hatte sie mein K ö r p e r nicht, im Gegenteil, beharrte gegen jede Gendercorrectness, daß ihn nicht Schwänze noch Männerärsche wuschig machen, sondern nur … – aber das schreib ich besser nicht. Denn meine Gegner haben schon recht, sexuell bin ich, bzw. ist es eben e r, mein Körper, unangepaßt reaktionär.  Und nun aber d a s: verliebt in einen – Mann!
Es schützt mich wohl nur noch, daß er schon tot ist. Da muß ich mich zumindest nicht outen. – Nur daß es halt sein Stil nicht ist (den Kalauer erspare ich Ihnen), noch ist es sein Genie. Das lebt zu meinem Unglücksglücke weiter.
Wie groß deshalb meine Freude … was schreibe ich? mein Jubel, als mir gesten d a s  d a zugestellt wurde:

 

 

 

 

 

 

 

Nämlich hatte ich an Rowohlt, dessen Autor ich einmal gewesen, geschrieben, ob man mir wegen dieser Serie aus Dieter E. Zimmers wunderbarer Gesamtausgabe die beiden Erzählbände zuschicken möge, gerne auch gegen Rechnung mit Autorenrabatt. Und wiewohl ich doch in dem Verlag, weil Jelinek und ich Delf Schmidt, unserem Lektor, folgten, als er ihn verließ, einigen Unmut hinterließ, haben die Damen der Presseabteilung dafür Sorge getragen, daß ich die Bücher unentgeltlich bekam. Hat man in Reinbek (“bei Hamburg”) gewußt, wie ökonomisch mau es grade um mich steht? Oder liest man dort gar mit und freut sich über meine zwar ladenneue, aber schwere Homosexualität? – Wie auch immer, als ich dann gestern vor meiner Madame LaPutz wie üblich auf die Straße floh, suchte ich eine Parkbank auf, denn es schien für kurzes eine Sonne, nahm Platz, las erst einmal Nabokovs frühen Späher zuende, es waren nur noch wenige Seiten, deren fünfzehn vorige ich im Postamt beim Warten auf eben diese Sendung in einer langen Schlange andrer Wartender und Wartenderinnen verschlungen, und, nachdem, jetzt auf dieser Parkband (“Helmi“), die letzte Seite umgeschlagen war und ich meinen datierten Lesevermerk auf das Vorsatzblatt gekritzelt hatte, öffnete ich in wahrlich feierlicher Stimmung den ersten beider Erzählbände, die Nr. 13 der himmlischen Gesamtausgabe, und las erst mal das Nachwort, tätowierte danach – obwohl es trotz der Sonne schon recht empfindlich kühl war – das neue Vorsatzblatt mit meinem Einstiegsdatum und fing die erste Erzählung zu lesen an, die, man faßt es kaum, von einem russischen Waldgeist berichtet, der ganz wie der Autor in die Emigration fliehen mußte, freilich er, also jener, aus einem Grund, den unterdessen auch der Westen sich hat zuschulden kommen lassen. Als der zweiundzwanzigjährige Vladimir (so darf ich den derart jungen Mann, so hoffe ich, noch nennen, ohne des alten aristokratische Distanz zu verletzen) … als der Jüngling aber dann das Licht im Zimmer entzündet, nachdem das heimatlose Gespenst (s.15) zu ihm gesprochen und darauf die Kerze zischend verlosch, saß niemand mehr im Sessel … niemand … Doch im Zimmer roch es wundervoll zart nach Birkenrinde, nach feuchtem Moos (S.16).
Nur daß ich, Liebste, nach meiner Reihenfolge vorgehn sollte. Ich weiß es wohl. Und also von des Dichters vorletztem Roman erzählen, Durchsichtige Dinge, die auf erstes Lesen undurchsichtig genug sind, um zu begreifen, daß man die Lektüre nach ihrem Abschluß sofort zu wiederholen hat. Denn wir ahnen zwar, w e r hier berichtet, ja es wäre uns vielleicht n i c h t so spät von den Augen gefallen, hätte es sich nicht bis mindestens zum Beginn des vierundzwanzigsten Kapitels derart in diese Durchsichtigkeit gehüllt, daß wir geradezu hindurchgucken m u ß t e n und es auch lange, lange taten. Nun aber, da uns der wahre Autor das Folgende hat mitgeteilt, daß

das äußerste, was wir tun können,

wir” !,

wenn wir einen Favoriten unter Umständen, die anderen keinerlei Schaden zufügen, in die bestmögliche Richtung lenken, ist. uns zu verhalten wie ein Windhauch und nur den leichtesten, den unmittelbarsten Druck auszuüben, etwa zu versuchen, ihm einen Traum einzugeben, von dem wir hoffen, unser Favorit werde ihn als prophetisch erkennen, wenn ein unwahrscheinliches Ereignis wirklich eintritt,

da wir dieses nun wissen (und uns danach, auf des Helmis Parkbank, aufgeht, wie verbunden das Spät- mit dem Jugendwerk noch ist), wollen wir doch genau auf alle Fährten pirschen – wo etwa sonst noch Nabokovs ebenso poetische wie ausgebuffte Schnitzeljagd-Romanästhetik den wie seine Dinge hier allzu durchsichtigen Zeigefinger, durch den wir also, wie oben, hindurchsehn, für uns gehoben hat. Und werden nun des eigentlichen, eines des Eingeweihten, Genusses teilhaftig.
Wozu ich m e h r nicht schreiben w i l l, sondern alleine noch “Funde” zitieren und, der Geliebte möge mir ein weitres Mal verzeihen, denn doch bemerken, daß ich als meinerseits ein Romancier das schmale Buch nicht so sehr einen Roman nennen würde, sogar g a r nicht, sondern die Durchsichtigen Dinge für eine in ihrem Wesen andre Kunstform halte, nämlich für eine — Novelle, und zwar eine der allerfeinsten Form.

 

***

{Whouw! Mit welchem Jubel gerade Janet Williams s i n g t!
Ach, Geliebte, schon bin ich in meinen ersten Berliner Zeiten zurück,
da ich nachts durch die sogenannten Sexclubs schweifte, ganz selber da
ein Erdgeist, den der in seinem Antrieb eben m u s i s c h e Sturm noch unge-
kannter Begehrnisse trieb! Und die sich ihm – ganz “homo”los – erfüllten!
Dirigieren “tat” ihrerzeit übrigens Alessaandro de Marchi, ein damals wirklich, ecco!, s c h ö n e r Mann …}

***

Aber ja doch, ja! Bevor ich gestern zu Freund Broßmanns tatsächlich nicht mehr heutigem Fest aufbreche, habe ich selbstverständlich die versprochenen Funde notiert (alles in Dieter E. Zimmers Übersetzungen, bzw. seinen Bearbeitungen anderer):

in der s o g e n a n n t e n Schweiz
(Sperrung von mir)

(Er kann so himmlisch gemein sein …)

Man weiß jedoch, daß Hugh in seiner Heimatstadt einer achtunddreißigjährigen Mutter und ihrer sechzehnjährigen Tochter nachgestellt hatte, jedoch bei jener impotent und bei dieser nicht wagemutig genug gewesen war. Wir haben es hier mit einem banalen Fall von protrahiertem Gelüst, von einsamem Handwerk zu seiner Befriedigung und von denkwürdigen Träumen zu tun.
(Hervorhebung von mir)

Der Drink erwies sich als ein hohes Facettenglas voll lauwarmen Leitungswassers mit einem Löffel selbsteingekochter Erdbeermarmelade, die mauvefarbene Schlieren hervorrief.

Er erfuhr, daß mit achtzehn der Bergbach ihres bleichen Haars ihr Kreuz erreichte.

Endlich stampfte Madame Chamar aus dem oberen Teil des durchsichtigen Hauses behutsam treppab, und das Gelee ihrer bloßen Unterarme quabbelte, als sie sich an den Handlauf des Geländers klammerte.

Und — also wer d a nicht lacht! (Achten Sie bitte trotzdem auf die, in des Übersetzers Zimmers Sprache, Alliterationen und Engführungen der Konsonanten – dafür verzeihe ich ihm die hin und wieder falschen Konjunktive s c h o n):

(…) legte er an einer Stelle noch einmal eine Rast ein, diesmal auf einer offenen schroffen Felsplatte, wo eine augenlose, aber bereitwillige Bank sich einem herrlichen Ausblick aussetzte.

“Sie sehen aus wie das erste Mädchen auf dem Mond”, sagte er und zeigte auf ihre Stiefel, und wären sie nicht besonders eng gewesen, hätte sie drinnen mit den Zehen gewackelt, wie die Frauen es tun, wenn Schmeichelhaftes über ihre Fußbekleidung gesagt wird (lächelnde Zehen übernehmen das Verziehen des Mundes).

Oder Nabokovs frecher Einfall, aus der >>>> REM-Phase bei Männern H A R E M zu machen: “Hypnotische Augapfelbewegungen, rascher exzitierter Modus”. Wobei ich von des armen Hugh Persons dann wirklich erlebten Liebesvorlieben seiner sehr baldigen Gattin nichts erzählen möchte, um Ihnen, Geliebte, nicht den derart bizarren, daß er tatsächlich verrucht wird, Spaß zu nehmen. Doch von der “listigen Buchstabenversetzung” darf ich noch schreiben, die eine wahrhafte Nebenfigur namens Adam von Lobrikov hinein ins Buch schnippt. Sowas hat ANH bislang n i c h t geschafft, wenn Sie von “Aids N. Herpes” gütig einmal absehn. — Aber das, oh sein Sie gütig, m u ß ich noch zitieren:

Meiner mandeläugigen kleinen Spionin zufolge hat der große Chirurg, seine eigene Leber möge verdorren, mich belogen, als er gestern mit einem Totenkopfgrinsen erklärte, die operazione sei perfetta gewesen. Nun ja, sie war es in dem Sinn, in dem Euler Null die vollkommene Zahl nannte.

*****

(Ich habe, Schönste, nach der deutschen Erstausgabe zitiert, die, abgesehen vom Nachwort, auf detaillierte Anmerkungen verzichtet. Wer zur Letzten Hand greifen möchte, sollte dies unbedingt mit Rowohlts von Dieter E. Zimmer herausgegebener Gesamtausgabe tun, in diesem “Fall” >>>> dem Band Nr.  12.)

 

 

 

So rät Ihr Unhold Ihnen:
ANH

Nabokov lesen 5 <<<<

Skandale: “… und werde sehr praktisch und gewieft sein.” Lolita 3 (Nabokov lesen 5), zur Rezeption. Als Arbeitsjournal des Dienstags, den 19. November 2019.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr
Sofa Gubaidulina: “Stimmen … verstummen”
Sinfonie in zwölf Sätzen (Mitschnitt der UA,1986)]

Mal abgesehen davon, daß ich dauernd auf die Zeit vergesse, Freitage für Donnerstage halte und erst um ein Viertel vor vier aufbreche, wenn ich um drei verabredet bin, komme ich langsam wieder klar, nehme meine Arbeit(en) wieder auf und sehe die Situation dennoch so schaurig, wie sie ist. Entsprechend schrieb Nabokov am 13. Juni 1951 an seinen – wie ihn sein Interpret und deutscher Herausgeber Dieter E. Zimmer nennt – Freund Wilson: “Ich bin es leid, meine Bücher in Stillschweigen gehüllt zu sehen wie Edelsteine in Watte. Die Briefe, die ich von Privatpersonen bekomme, stehen mit ihrer heftigen Begeisterung in einem nachgerade lächerlichen Mißverhältnis zu dem mangelhaften Interesse, das” in meinem Fall n i c h t “meine begriffsstutzigen Verleger für meine Bücher aufbringen”, sondern der weitgehenden Ignoranz der Kritik und der meisten Vermittlungsinstitutionen für Literatur, kurz: der Betrieb. “Das allgemeine Ergebnis meiner stolzen und desinteressierten, ja abschätzigen Haltung gegenüber den fata meiner Bücher hat nicht dazu geführt, daß Heldenmut und Ehrlichkeit – auf lange Sicht – über Mittelmaß und Billigkeit die Oberhand gewonnen haben. Im Gegenteil – ich bin vollkommen in der dèche, stecke in elenden finanziellen Schwierigkeiten, sehe keinen Ausweg aus der akademischen Plackerei (zudem noch schlecht bezahlt) und so weiter. Der New Yorker hat die, wie ich finde, beste Erzählung, die ich je geschrieben habe, abgelehnt, und ich habe keine Hoffnung, daß die, an der ich gerade schreibe, von irgendeiner Zeitschrift angenommen wird. Von nun an jedoch je vais me trémousser und werde sehr praktisch und gewieft sein.” Wobei letztres wohl ernster genommen werden sollte, als Zimmer meint, der mit einem “obwohl” daran anschließt. Zwar stimmt es, daß Nabokov fürchten mußte, die heikle Lolita werde nun erst recht nicht gedruckt werden; er konnte aber gut vor Augen haben, was geschähe, druckte man sie eben d o c h. – Und das auch geschah. Wobei, daß er, der polyglotte russische Emigrant, über Frankreich handeln konnte, also ein Ausland, eines der – literarisch gesehen – Glücksfälle war, die seinen späten Ruhm erst möglich machten. Hätte er wie ich, als ein Deutscher in Deutschland. poetisch allein in seiner Sprache festgesessen, zumal in den heutigen Zeiten, er wäre ein vergessener Mann und das Wunderwerk seiner Bücher schon lange Makulatur; bestenfalls läge es in Antiquariaten auf Halde.
Wobei Zimmer schlüssigst herausstellt, daß der “Skandal”, der Nabokov mit nahezu einem Schlag zur Weltberühmtheit machte, auch nur in einer sehr kurzen, aber entscheidenden historischen Situation derart wirken konnte: “als im ganzen Westen das Sexualtabu zerfiel”. Mein “Skandal” hingegen, der Verbotsprozeß gegen das nun wieder freigewordene >>>> Meere, fand zu ungünstigem Zeitpunkt statt, als nämlich die erreichte – oder angeblich erreichte und in der Werbung verdinglichte – Sexualität wieder gebunden werden, das heißt, das ihr inneliegende anarchistische Potential leitbar gemacht werden sollte und insgesamt der Moralismus neu erblühte. Genau deshalb, obwohl die angeblich strittigen “Stellen” gar nicht Inhalt des Verfahrens waren (es waren vielmehr von mir aus Ungeschick kenntlich gelassene familiäre, eben private Gegebenheiten), schoß sich die halbe Presse bis hin zu Iris Radischs so grob sexualfeindlicher wie häßlicher Sottise auf sie ein, ich veröffentlichte “noch die intimste Analfalte” der Geliebten, wobei es sich schon über diese Formulierung und das Unglück, das ihr inneliegt, streiten lassen nicht nur könnte, sondern müßte. Für mein Buch schrieben nur wenige, und das waren Literaturwissenschaftler, nicht etwa Kritiker, geschweige Kritikerinnen. Ebenso wenig wurde in den Blick genommen, daß der genau eine Woche dauernde, dann kam die einstweilige Verfügung, ziemlich große Verkaufserfolg des Buches namentlich durch Frauenzeitschriften ausgelöst wurde, die den Roman bis zu seinem Erscheinen nämlich ausgesprochen gefeatured hatten. Sie alle, sowie der Verbotsprozeß begann, ruderten sofort zurück. Denis Scheck, damals sogar der (nicht sehr gute) L e k t o r meines Buches, verstummte nahezu völlig. Es war, als hätte jeder Angst um seine Karriere bekommen – im Literaturbetrieb, nicht etwa in den poetologischen Wissenschaften. Anders als bei Nabokov haben sich in meinem Fall schon gar nicht Kolleginnen und Kollegen für das Buch verwendet, eher im Gegenteil. Der deutsche PEN sogar verweigerte mir Unterstützung, und zwar für lange Zeit – bis er von juristischer Seite zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde. Bis heute überlege ich deshalb immer wieder, diesen “Verein” zu verlassen.
Bei “Lolita” war es anders. Hier lieferten sich namhafte Gegner und Fürsprecher G e f e c h t e, und zwar eben international. Schon daß das englischsprachige Buch in Paris erschienen war und sogar, obwohl wie eben deshalb, bei der nicht ganz seriösen Olympia Press — einem Verlag, der ein bißchen die Rolle spielte, die, da aber nur innerhalb des deutschen Sprachraums, heute Claudia Gehrkes Konkursbuchverlag innehat — hatte die quasi-Vorzensur schlichtweg unterlaufen, die in den Köpfen all der zuvor das Buch ablehnenden US-amerikanischen Verleger bereits stattgefunden hatte. “Wahrscheinlich in keinem anderen Fall”, schreibt Zimmer, “läßt sich so genau wie an der Publikations- und frühen Rezeptionsgeschichte von Lolita demonstrieren, wie unerläßlich der Skandal war — und daß dieser nur von einer kleinen Kette von Zufällen ausgelöst wurde, von denen jeder auch leicht hätte ausbleiben können” und bei mir ausgeblieben eben i s t. “Das Schicksal von Lolita und ihres Autors hing wirklich an einem dünnen papierenen Faden. (…) Es fochten ein paar Leute mit unkonventionellen Ansichten gegen die Übermacht der gesellschaftlichen Autoritäten, und gerade weil es ernst war, konnten sich auch Allianzen bilden, die sonst eher unwahrscheinlich gewesen wären, konnte ein Nabokov sich auf einen Girodias stützen und dieser auf ein paar pornographische Schmierfinken. Ihre Zwecke und ihre Mittel waren höchst verschieden, aber für den Moment einte sie die gemeinsame Bedrohung.”
Was Zimmer weiter schreibt – ich zitiere das Nachwort >>>> der mir vorliegenden Ausgabe und kann gar nicht anders, als mich zu identifizieren – wirkt wie eine Beschreibung meines eigenen poetischen Ansatzes: “Es gibt eine Art von Literatur, die nicht, jedenfalls nicht in erster Linie der Veranschaulichung (politischer, philosophischer, ästhetischer) Ideen dient und auch nicht in ihrer Abbildungsfunktion aufgeht, sondern sich erst in den konkreten Details der Ausführung realisiert. Nabokovs Werk gehört dazu. Sie erfordert eine andere Art des Lesens. Er ist genau der Autor, der heutzutage nicht den Nobelpreis erhielte” – und auch keine a n d e r e Förderung mehr.

Um so bitterer, für mich, Zimmers Conclusio: “Da war irgendein Roman, vergraben von einer anrüchigen Serie (…), nämlich den stumpfgrünen Paperback-Bänden der Pariser Olympia Press, die dazu bestimmt waren, englischsprachige Herren verstohlen nach Hause zu begleiten. Zwar enthielt die Reihe durchaus einiges an seriöser Literatur (…), aber das meiste war pure pseudonyme Pornographie. (…) Kein Mensch hätte unter diesem notorischen Ramsch nach einem verkannten Meisterwerk fahnden müssen. Die nächste Saison hätte die nächste Ernte pornographischer Auftragsfabrikate gebracht, und das wäre Lolitas Ende gewesen. Auch ein anderer Hergang ist noch vorstellbar: daß Nabokov mit Rücksicht auf seine Universität und weil ja sowieso kein ordentlicher Verlag etwas von seinem Roman wissen wollte, das Manuskript erst einmal weggeschlossen hätte. Zehn Jahre später hätte er es vielleicht wieder vorgeholt und jetzt auch prompt einen Verleger gefunden, aber kein Mensch wäre mehr bereit gewesen, sich darüber aufzuregen.” So ist es, mit Meere, heute. Das Buch ist (wieder) da, aber irgendwie auch nicht, die intensive Obsessionspoetik verloren, die so sehr um die Schönheit ringt.
Ich will noch weitergehen: Ohne Lolitas schließlichen Erfolg wäre wahrscheinlich ein Jahrhundertwerk wie Nabokovs Ada or Ador nie erschienen, das bis heute ähnlich kontrovers betrachtet wird wie meine Anderswelttrilogie, allerdings, anders als sie, von Entscheidungträgern öffentlich diskutiert – aber ja selbst bei Pale Fire – von vielen für Nabokovs besten Roman gehalten – hätte ich Zweifel.

 

>>>> Nabokov lesen 6
Nabokov lesen 4 (Lolita 2) <<<<

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Aber ich muß los, habe um elf ein Rundfunkgesprächespräch im rbb, mit Manuela Reichart, die eine Sendung zum Thema “belastete Namen” vorbereitet. Ein wenig überlegt habe ich schon, ob ich mich darauf einlasse, den Ribbentrop zu thematisieren. Aber es ist vielleicht an der Zeit, tatsächlich, so kurz bevor ich “in Rente gehe”. (Wenn ich weiß, wann die Sendung ausgestrahlt werden wird, SWR2 Matinee, werde ich auf sie verlinken.)

ANH,

der gleich danach hinüber zu den Zwillingskindlein muß, und auch will, weil der Bub grippal sehr erkrankt ist und die Betreuung eines seiner Väter braucht. Die Mama ist beruflich heute gebunden. 

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