Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

“Ach daß ich ihn nicht nennen kann!” Das achtzehnte Coronajournal, geschrieben am 16. April 2020. Darinnen Nabokovs “Ada”, 0.2.

[Arbeitswohnung, 12,28 Uhr]

Es ist schon ein eigenartiges Grundgefühl, das in mir, so ist es am besten auszudrücken, Platz genommen hat: Entfernung, ohne tatsächlich Entfernung zu sein, die vorher nicht auch schon gewesen wäre, doch nun in der Art vermeintlicher Endgültigkeit. Als wäre etwas beschlossen, das sich doch schon lange angekündigt hat. Nicht grundlos habe ich vorhin → diese Polemik von 1995 eingestellt, die nun unangenehm parallel zu den Coronageschehnissen steht, vorhergenommen parallel, und von der aus betrachtet vieles Folgende imgrunde nur logisch erscheint, als logische Fortsetzung, insofern viel weniger überraschend ist, als der Virus selbst, sein über und durch uns Hingeschwemmtsein, von dessen Möglichkeit zumindest in naturwissenschaftlichen Kreisen → längst ausgegangen (Punkt 4 des Papiers), vor dem auch gewarnt worden ist. Nur daß fast niemand hören wollte. Und nicht nur Paul Robert Vogt erzählt es.
Für mich nach wie vor interessant (besser trifft es das Wort “beängstigend”) ist der möglicherweise, naturphilosophisch betrachtet, “selbstregulative” Nexus einerseits und andererseits eben die Fortführung einer längst begonnenen Entkörperung von Weltkontakt, die zunehmende Hinüberschiebung ins Virtuelle, sowohl von AIDS als auch Corona als material erzwungene Auslösung des Menschen aus der Physis, was –monotheistisch-religiös gesprochen – einer Erlösung aus dem “Jammertal des irdischen Lebens” entspricht — säkular allerdings, nämlich auffällig Hand in Hand mit wirtschaftlichen Multi-Interessen: dem von jeglicher Herkunft, mithin eigener Kultur, abgelösten “flexiblen” Menschen, der als Arbeitskraft eingesetzt werden kann, wo immer die Ökonomie ihn braucht, und der nicht einmal mehr das Geschlecht als eine Konstante haben soll, die ihm eine Identität sichert. Die kulturelle wiederum wird schon lange durch eine vom Pop vorgenormten unterlaufen, der auch sich selbst ständig enthistorisierend unterläuft. So soll Geschichte erst gar nicht mehr entstehen.
Entscheidend an Corona wie schon bei AIDS ist allerdings, daß es sich nicht mehr um kulturelle Deutungshoheiten handelt, die durchgesetzt werden sollen, sondern sehr offenbar um globale Tsunamis, also, jedenfalls auf den ersten und zweiten Blick, unanfechtbare Naturphänomene, gegen die es sich nicht demonstrieren oder sonstwie freiheitlich-politisch angehen läßt. Wer es dennoch tut, gilt als unmoralisch, wobei er (und sie) in der Tat zum Gefährder, zur Gefährderin wird. Der Naturprozeß selbst scheint die Einschränkung, auch eine massive, der Menschen- und Bürgerrechte zu erfordern, sogar um ihrer selbst willen. So schrieb mir ein gewiß nicht autokratiekonformer Freund:

Zwischenbemerkung: Ich (der freiheitsliebende Barrikadenkämpfer!) bin ohne Einschränkung für die vom Chaos-Computer-Club empfohlene Bluetooth-Tracking-App. Nur auf diese Weise kommen wir in der Analyse der Ausbreitungs-geschwindigkeit VOR die Welle. Alles, was wir bislang hoch-professionell tun, tun wir nämlich aus empirischen Erkenntnissen NACH der Welle!

Das politische Problem daran ist, daß er selbstverständlich recht hat, zugleich aber mit solch einer App dem Mißbrauch die Tore weit geöffnet werden, ohne daß wir noch irgend kontrollieren könnten, wer sie bewacht und welche Direktiven sie erhalten, jedenfalls nicht, solange es so etwas wie “Befehlsketten” gibt. Halten wir uns zugleich vor Augen, was Ingeborg Maus → Refeudalisierung nennt und also den Umstand, daß politische Entscheidungen schon gar nicht vom, was immer das sei, “Volk”, aber auch nicht mehr von seinen Repräsentantinnen und Repräsentanten, sondern von Lobbyisten, mithin international agierenden Firmen getroffen, im Zweifelsfall mächtig durchgesetzt werden, wird unsere ganze Hilflosigkeit auch dann klar, wenn wir den politischen Führerinnen und Führern angesichts der Pandemie zusprechen, daß sie tatsächlich um das Wohl der Menschen besorgt und bis an die Grenzen ihrer eigenen Leistungsfähigkeit bemüht sind. Ich glaube das, gehe nicht im entferntesten von übelwollenden Strategien aus. Aber eben das macht es noch einmal schlimmer.
Schauen Sie sich, Freundin, → dieses Strategiepapier an, das die mir politisch überaus nahe Organisation Diem25 verschickt hat. Nicht von ungefähr kommen darin aus dem philosophisch-politischen Anarchismus stammende Begriffe wie “Kommunalismus” vor – hier sogar als einem radikalen gefordert; des weiteren wird sehr richtig die Privatisierung öffentlichen, mithin allmenden Vermögens als “groß angelegte Umwandlung in privates Kapital” gesehen. Hierzu gehört auch die Unterwerfung der Krankenhäuser unter ökonomische Direktiven; auch Wasser- und Stromversorgung sind flächendeckend längst in privater, privatwirtschaftlicher, mithin auf Profit ausgerichteter Hand. Welche Chancen bestehen da tatsächlich, auch nur ansatzweise umzusetzen, was das Strategiepapier an Zielen uns vorschlägt, das überdies formuliert worden ist, als von Corona öffentlich noch gar keine Rede war? Zugleich ist es kein Wunder, daß in der pandemischen Krise ausgerechnet ein diktatorisches System wie Chinas angemessen, ja, durchgriff – eines, das bekanntlich Bürger- und Menschenrechte sonst in Grund und Boden tritt. Es bereitet mir mehr als nur ein leises Unbehagen, daß in solch einer Krise es die Autorität der Macht ist, was die Eindämmung der Gefahr bewirkt. Wie weit sind wir da vom freien, sich selbst bestimmenden Menschen wieder entfernt! Und es wird Soma ausgeschüttet! Ich selber, allabends, nehme davon.

Na gut, ich koche immerhin. Lese jeden Tag meine siebzig Seiten Nabokov, jetzt, mit Wiederlesen → Adas, ist es, als käme ich nach zwanzig Jahren heim. Doch dazu später, wenn ich über das Buch erzählen werde. Oh, dieses Glück vollendeter Sätze! “Ein zufälliger Knick im Gewebe der Zeit” oder

Fleisch nämlich (une chair), das seiner Frau und das seiner Geliebten, die vermischten Reize von Zwillingshuris, Acquamarina einzeln und doppelt zugleich, Mirage in einem Emirat, paarige Perle, Orgie von Epithel-Alliterationen.
Ada, S.33
(Dtsch. v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

___________
>>>> Ada 0.3
Ada 0.1 <<<<<

Sie werden, Geliebte, sofort verstanden haben, wie dieses Wort, Fleisch, in mich eindrang, das uns jetzt nur als Wort noch geblieben, da ich es gestern, wieder im Thälmannpark, las. Immerhin hatte ich mir vorher, morgens schon, Spargel ergattert, der zwar, wie es hieß, der fehlenden Landarbeiter wegen (polnische Tagelöhner!) teuer sei, aber das Glück führte mich an einen Stand, wo es Beelitzer für 7 Euro das Kilo gab.
Ich wollte etwas ausprobieren, was ich nach Heimkehr und Lektüre dann tat. Weißer Spargel mit Nordseekrabben (die allerdings in Marokko! geschält worden sind — auch das einer dieser ökologisch bösen Widersinne; Krabben zum Selberpulen – worin ich seit Kindheit geschult – sind nicht einmal mehr in Hamburg zu bekommen). — Wie auch immer, Helgoländer Art:

Sogar die Hollandaise habe ich selbst zubereitet (Weißwein in drei Eigelb, schaumig schlagen, dann ins Wasserbad und flöckchenweise Butter, viel Butter, einrühren, bis die Sauce cremig ist). Die Portion war dann schließlich zu groß, mehr als die Hälfte schaffte ich nicht. Eingefroren, was übrig blieb, es wird in einer Spargelcremesuppe verarbeitet werden.
Aber auch dies ein letztlich einsamer, ein monadischer Akt. Zwar hatte ich nach Gästen gefragt, die mit mir teilen mochten; man konnte nicht, man wollte nicht.

Die Sonne scheint, im Hinterhof weht baumhoch der Wind in Tausenden weißester Blüten. — Ach, daß ich den Baum nicht mal nennen kann!

Ihr ANH

Coronas Einsamkeit. Träume, Klarträume, Albtraumfiktionen. Im dreizehnten Coronajournal, nämlich des Freitags, den 3. April 2020. Darinnen auch Philosophie der Geschichte als einer der Natur.

[Arbeitswohnung, 5.19 Uhr
Der Amselhahn singt, obwohl es noch dunkel.]
Nur eine einzige Lampe im Zimmer, auf meinem Schreibtisch; der grüne Artdeco-Schirm mit dem geklebten Spalt, auch kupferner Bronze der geschwungene Fuß, klassizistische Schaft. Und kühl, sehr kühlt weht es vom Oberlicht, das offen, herab.

Ich habe nicht schlafen können oder doch geschlafen, aber so, daß ich träumte weiterzuwachen und weiter zu denken, nämlich dieses Arbeitsjournal, und zwar dort, wo ich es → gestern abbrechen mußte, nicht ganz indes abgebrochen hatte. Was zu den Dschungelblättern zu sagen war, jedenfalls ihrer ersten Ausgabe, hab ich ja noch nachgetragen. Doch nichts mehr zu Corona geschrieben, dieses vielmehr auf heute verschoben.
Über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen,

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich formulierte mir Satz für Satz, etwas zu Abend gegessen, etwas auch vielleicht zuviel, das im Magen wie eine Suppe aus flüssigen Steinen lag und mich drückte, so in das Laken drückte, daß ich mich wälzte, aufwarf, wälzte erneut. Und dabei dachte und dachte. So merkte ich nicht, daß ich längst schlief. Mir träumte, was ich dachte, weiter. Mein Geist “glitt” nicht, sondern rutschte schwer zurück in das Gespräch, das ich mit den beiden Frauen geführt, den zwei Ärztinnen, der älteren, der jungen. Ich rekapitulierte das gesamte Gespräch und was ich den zweien erzählt hatt’. Und schlief doch eben schon längst. Oder vielleicht, daß ich zwischendurch wach war? Es gab zwischen Traum und Halbwachsein gar keinen Unterschied mehr.
Um 23 Uhr war ich zu Bett gegangen, hatte einen Film angebrochen, der voll mit Großen Bildern war — wider Willen abgebrochen, weil zum einen der Magen so drückte, daß sitzen zu bleiben mühsam war; und zum anderen hatte ich mit Frau Kiehl abgesprochen, ich wolle heute mein Lauftraining endlich wieder aufnehmen. Das hatte mir auch dringend die Ärztin, die ältere, geraten. “Sie müssen laufen, es rettet Sie.” Nur daß ich derzeit nicht weiß, ob ich gerettet zu werden eigentlich will. Wobei es sein kann, daß dieser Gedanke bereits einer des Traums war.
Ich formulierte, formulierte die gesamte Nacht durch. Doch wollte und will ich wirklich laufen. Das wußte ich zugleich auch. Wollte ich also heute früh mein Arbeitsjournal — es würde und wird ein längeres werden — so schreiben, daß es noch vor dem Mittag eingestellt werden kann, so mußte ich spätestens um sechs am Schreibtisch sitzen. Nun wurde es ein Viertel nach fünf. Doch um halb fünf schaute ich erstmals zur Uhr. Der Magen drückte weiter. Aber ich glaubte, es sei schon über die Hälfte meines neuen Textes fertig, er stünde schon in der Matrix, in die ich jeweils die Beiträge schreibe. Alles war das, sogar Zwischenüberschriften gab es. Ich müsse einfach nur weiterschreiben.
Die Dreiviertelstunde zwischen meinem ZurUhrSehn und daß ich schließlich aufstand brauchte ich, um mir klarzuwerden, es stehe noch gar nichts da im Text, sei alles nur imaginiert.
Welch ein Verlust! — Erhöb ich mich nicht sofort, es wäre alles, alles verloren.
Niederschreiben, was noch in der Erinnerung ist, bevor es, was Träume schnell tun, auf das infamste verweht ist, sich aufribbelnd gleichsam wie die Bilder dieses Spielfilms, COMA, dessen Himmel aus lauter Dendriten besteht.
Der Auslöser war wieder die von mir wirklich gefürchtete Mundschutzpflicht. Jetzt floß sie, als Drohung, in meine Träume. Sie macht mich schleichend depressiv, aber spürbar.
“Wissen Sie”, erzählte ich den beiden Ärztinnen, “wenn ich jetzt auf die Straße gehe und sehe ein Paar Hand in Hand — Sie glauben nicht, welch ein Glücksgefühl mich dann durchschießt, warm durchschießt, aufsteigend eher und mich salbend … Oder wenn ich jetzt abends seinen Spielfilm sehe und es gibt eine Liebesszene … nein nein, keinen Akt, sondern einfach nur ein zärtliches Streicheln, vielleicht einen langen innigen Kuß … – früher habe ich dann oft weitergespult, die Szenen übersprungen, weil es zuviel von ihnen schon gab, weil man ja alles schon zigfach kennt … Jetzt aber, jetzt wiederhole ich diese Szenen sogar, weil sie mir so viel Hoffnung geben. Denn sie zeigen, was wir sind, wofür wir sind und was das größte Glück ist, das wir Menschen überhaupt kennen.” — Verstehn Sie, Geliebte? Ich sprach dies erneut, nun in dem Traum, und ich schrieb es in ihm auf.
Was bedeutet es, wenn wir einander nicht mehr zulächeln können und das, was wir flirten nennen, restlos verkommt? “Aber wir flirten doch über die Augen, lächeln auch über die Augen”, sprach zu mir लक्ष्मी am Telefon. Doch das ist anders.
Die junge Ärztin empfand das auch, die ältere trug erst gar keinen Mundschutz. Als ich noch im Wartezimmer saß, lag dort einen DIN-A4-Blatt aus, das den Patienten Verhaltensregeln an die Hand gibt. Ein Absatz beruhigte mich enorm:

Dabei sehe ich es ein und schrieb es so auch, daß wir die anderen, Gefährdete, schützen müssen, auch wenn mich der dauernde Aufruf moralisch an meinem Gewissen erpreßt oder nötigt. Aber ich will nicht aussehn und nicht, daß andre so aussehn, als wären wir Darth Vader und sprächen dann so auch. Genauso formulierte ich es, gegenüber den Ärztinnen, nun wieder im Traum und ein drittes Mal jetzt, da ich es tippe. Auch habe ich längst eine andere Lösung gefunden, für die ich → Helmut Schulze danke. Bei mir — nicht im Freien, nein, aber wenn ich geschlossene Räume betrete, in denen es bisweilen unumgänglich ist, einander nahezukommen — sieht es nach ANH of Arabia aus, wenn Sie, oh Freundin, so wollen. Immerhin ist das nicht ohne Witz. Und hat zugleich ein Geheimnis, das bei Frauen Schönheit werden kann.

Es war fast wunderbar, daß die junge Ärztin nun, da ich erzählte, ihren Mundschutz mehrfach abnahm, lächelte, ihn wieder über das untere Gesichtsdrittel hochzog, bereits abermals abnahm, so öfter hin und her. Und beide hörten konzentriert zu, als ich von meinem Eindruck einer Geschichtslogik erzählte, derzufolge, ich schrieb es in DER DSCHUNGEL schon mehrfach, die zumindest westliche Welt sich spätestens seit AIDS in einem Prozeß zunehmender Entkörperung befindet, Entfremdung vom Körper, der aber doch das eigentliche und zutiefst allgemeine Wunder unseres Menschseins sei — denn anders als wahrscheinlich dem Tier und der Pflanze sei es uns ständig bewußt gegenwärtig — , und wie sehr vieles genau auf dieser Linie liege, um sie quasi zu erfüllen und uns von ihm zu entfernen, ja ihn zu diffamieren. Daß uns jetzt schon die natürlichsten Instinkte, etwa den Kontakt zu Frauen zu suchen, als Mißbrauch ausgelegt, also moralisch denunziert würden, sowie wir es zeigten. Dazu die fortgesetzte Virtualisierung von Welt, die, wie Harraway schreibt, Auslagerung unserer Körper- und fast auch meisten Verstandesfunktionen qua Umformung in mathematische Algorithmen und Module in die Maschinen. Daß Corona da nur der nächste Schritt, möglicherweise, sei.

Selbstverständlich ist das eine Konstruktion der Erklärung. Mit allem Recht kann Sabine Scho dagegenhalten, daß Natur überhaupt keinen Zweck verfolge, wir ihr sogar komplett egal seien. Nur ist dies ein → dem fürchterlichen Houellebecq nicht unverwandter Nihilismus. (Er war fürchterlich schon mit seinem ersten bekanntgewordenen Buch, und ist ständig ekelhafter geworden; daß er so gefeiert wurde, der nicht mal über Stil verfügt, ist für die europäische Dichtung ein Skandal für sich selbst). Aber Scho geht an dem vorbei, was ein Mensch ist. Es gehört zu seiner Art, in dem, was geschieht, einen Sinn zu finden — oder ihn zu erfinden. Wenn wir uns klarmachen, daß die Wahrnehmung von Wirklichkeit ohnedies eine Konstruktion ist, die wir aufgrund der Organisation unseres Gehirnes bauen, nicht etwas tatsächlich Wirklichkeit-selbst, ist die Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu modellieren, genau die Grundlage für das, was Kant Kausalität aus Freiheit nannte und zugleich die notwendige Bedingung aller Kultur. Genau das ist der geschichtsphilosophische Ansatz, der eben deshalb ohne Religion nicht auskommt. Er gibt uns Handlungsalternativen, die wir angesichts purer Sinnlosigkeit nicht hätten. Etwa, was mir gestern Benjamin Stein von seinem Rabbi erzählte, der (heißt das auch im Mosaischen so?) gepredigt habe, Corona sei ein Warnzeichen Gottes (JHWH): Haltet ein! Besinnt euch! Macht so nicht weiter! Daran ist etwas. Wir müssen dafür nicht gläubig sein, um es zu erfassen, schon gar nicht monotheistisch gläubig. Oder wie mir लक्ष्मी noch am Telefon sagte, als wir erneut über diese unsäglich deutsche Klopapierhamsterei sprachen und ich ausgerufen hatte, wie furchtbar es sei, daß plötzlich wieder etwas zutage trete, das längst für überwunden geglaubt: sowas wie ein Volkscharakter, zumal der anale der Deutschen. “Das war doch alles längst vorbei!” “Vielleicht ist es ja ganz gut”, sagte sie, “daß diejenigen jetzt sterben, die es gar nicht mal bewußt, sondern weil sie selbst so geprägt sind, immer und immer weiter in ihre Kinder eingeflößt haben. Meine Generation” – sie meinte die ihre, nicht meine – “ist davon doch längst frei. Wir sind offen gegenüber Fremdem, begrüßen es und befreunden uns mit ihm.”

Aber stellen Sie sich die Situation vor:
Nachdem ich erzählt habe und bevor ich’s erneut tu, stehe und sitze und liege ich da mit nichts als der knappen Unterhose am Leib, und die Frauen, beide, tasten, klopfen, pochen mich ab, drücken hier, drücken dort. “Tut das weh?” Sie bewegen meine Beingelenke, Armgelenke, führen mich in die Taillenbeugung, ich muß mich auf die Zehenspitzen stellen. Sie mustern jeden Leberfleck, horchen mich ab, beidseits, die eine links, die andere rechts — und alles, was ich beklagt hatte, die gesamte körperliche Kontaktlosigkeit hob sich auf. Es war wie Glück. Nein, war Glück. Die puren Finger, dieser Frauen, fühlten.
“Daß uns alles genommen wird”, hatte ich gesagt, “was unser Eigentliches ist, macht mich fast depressiv. Der Austausch, das Ineinanderfließen unserer Körperwärme, die Vermischung der Säfte, ohne die es Menschen überhaupt nicht gäbe. Und wir können nicht sagen, für wie lange noch.” An eine schnelle Aufhebung der Umgangsbeschränkungen glaubten auch meine beiden Ärztinnen nicht. Wochen, möglicherweise Monate werden es noch sein. Und dann wird alles anders, der Körper der anderen als Gefahr im Programm sein.
“Daß dies endlich einmal wer ausspricht”, sagte, ihren Mundschutz wieder abgenommen, die junge Ärztin, nachdem sie mich für die Pneumokokkenimpfung in den Nebenraum gebeten hatte, “was wir alle denken. — In welche Schulter soll ich ..?”

Es gab aber auch etwas Rettendes hier. Ich war noch im ersten Behandlungszimmer.
“Sagen Sie”, fragte ich, “Ihre Praxis ..?”
“Ja?”
“Merken Sie auch Umsatzeinbußen, sind auch Sie gefährdet in Ihrer Ökonomie?”
“Ein bißchen, ja. Aber es hat auch ein Gutes. Sehen Sie, zum ersten Mal seit Jahren können wir uns, da der Ansturm nicht mehr so groß ist, um unsere Patientin wirklich kümmern. Wir haben die Zeit, miteinander über sie zu sprechen und vor allem, mit ihnen zu sprechen. Das gab es lange nicht mehr, war gar nicht möglich. So gesehen schenkt uns Corona etwas zurück, das wir verloren hatten. Wir können wieder tun, was uns einst bewogen hat, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen.”

Und davon wachte ich erstmals auf, schlug mich noch diese weiteren fünfundvierzig Minuten auf dem Laken herum, bis ich endlich begriff, das von all dem tatsächlich noch gar nichts zu Text gebracht war und ich es schleunigst tun nun müsse.

***

Dem Ärztinnenbesuch folgten Wege, um weitere Termine auszumachen. Ich komme um eine Magenspiegelung leider nicht herum, auch eine Darmspiegelung steht wieder an. Und die Gefäße müssen kontrolliert werden, grade jetzt, da ich wieder rauche.
Auf der Straße trugen nur wenige Menschen den Mundschutz; es waren auch mehr unterwegs, als ich erhofft, immer mit gutem Abstand freilich, doch viele Paare Hand in Hand und mit ihren Kindern, die tollten. Auch das war beglückend.
Ich dachte an den schwedischen Sonderweg, der mir innig sympathisch und von dem von uns keiner weiß, ob er nicht recht hat. Sollte er irren, und sollten dann die Schweden um internationale Hilfe rufen, hör ich schon das “Selber schuld!” tölen und “Nun solln sie’s selbst auch ausbaden!” — Höchst unangenehmer Gedanke, der die Canaille zurück in den Blick nimmt anstelle die liebenden Paare.

Und dann, ja … und dann begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben das, was man – nicht wirklich correct – Antisemitismus nennt.
Ich spaziere die Ahlfelder Straße entlang. Ein Mann indischer, vielleicht tamilischer Herkunft kommt mir entgegen, “falsch” die Basecap auf dem Kopf. Bleibt stehen, sieht mich an und sagt: “Wir sind hier nicht in Brooklyn.”
Ich verstehe nicht recht. Er zeigt auf meinen Hut.
Es braucht immer noch, bis ich begreife. Er zeigt erneut auf meinen Hut, sagt abermals, nun deutlich verärgert: “Wir sind hier nicht in Brooklyn!”
Endlich, endlich verstehe ich. Aber mir fällt keine andere Entgegnung ein, als daß wir auch in Chicago nicht seien.
Er dreht sich mißbilligend weg, und schimpfend geht er fort. Und ich bin seltsam froh, daß er kein Deutscher war, jedenfalls nicht von Herkunft. Woraufhin mir Phyllis Kiehl am späten Nachmittag den Link auf einen Aufruf Markus Gabriels schickte, den ich hier nun meinerseits verlinke:

→ WIR BRAUCHEN EINE METAPHYSISCHE PANDEMIE

Der vielleicht ein bißchen schlichte Text ist dennoch von größter Valenz und spricht etwas an, das auch mir seit Tagen durch den Kopf geht, den eines überzeugten Europäers. Die einzigen, denen ich ihren Nationalismus nicht verüble, sind die Schweizer, dies aber auch nur, weil er ihnen Neutralität garantiert. Hingegen ist die gegenwärtige nationale Abschottung der nichtneutralen, vielmehr in militärische Pakte eingebundenen europäischen Länder ein historisches schlimmer-als-Elend. Da haben wir endlich einmal einen wirklich europäischen Staatsmann, nämlich Emmanuel Macron, der eine lebendige Vision hat — und was tun wir Deutschen? Wir sperren uns gegen Eurobonds? Lassen Griechenland wieder einmal am ausgestreckten Arm allein? uneingedenk der kulturellen Historie und sowieso, daß wir sogar mit der arabischen Welt schon deshalb enger verbunden sind, als wir mit den USA jemals waren, weil uns über sie, also jene, die altgriechischen Schriften übermittelt wurden, die dort bewahrt und übersetzt worden sind,  um von der medizinischen und Bewässerungs-Zivilisation ganz zu schweigen, da sich das Christentum gegen den Kultur- und Wissensschatz Europas – und sowieso jeglich Apostate – gebärdete, wie’s heutzutage nicht mal dem الدولة  gelingt.

***

Doch zum Anfang noch einmal zurück (“über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen”):

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich spüre sie, spür sie schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen. Die ausbleibenden Besuche meines Sohnes fehlen mir, sehr. लक्ष्मी, gestern, erklärte: “Er kommt nicht, um dich zu schützen.” Der seelische Schaden ist höher, als wenn ich angesteckt werden würde. Ich will nicht ohne Umarmungen leben — und stelle mir laufend vor, wie es den alten Menschen in den Heimen ergeht, die sowieso schon ein Verbrechen an den Menschen sind, von der Verdi Casa di riposa einmal abgesehen, vielleicht. Wenn auch sie jetzt keine Besuche mehr bekommen, bekommen nicht mehr dürfen und alleine, ganz alleine sterben. Mit meinen Zwillingen telefonierte ich ebenfalls gestern. Ophelia, dreizehnjährig, sagt: “Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen.” Auch wenn es wahrscheinlich nicht wirklich so ist, ist ihnen doch bewußt, daß ich zu den Gefährdeten gehöre, meines numerischen Lebensalters wegen und weil ich rauche. Sie distanzieren sich wegen einer Fürsorglichkeit, die mich in die Leere sperrt. Doch andere weit mehr. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die auch letalen “Kollateral”schäden höher sein könnten als die vom Virus verschuldeten Todesfälle  Und nebenbei schafft sich schleichend die Demokratie ab, insofern sie auf der Selbstbestimmung der Einzelnen ruht. Die schon dauermoralisch beschnitten wird. Nein, ich habe keine Angst vor der Ansteckung, einfach deshalb, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Hingegen, Geliebte, vor Vereinsamung sehr.

Ein mir wichtiger Mann ist vorgestern nacht auf gestern verstorben. Nein, nicht an Corona. Er schlief einfach ein. Mehr soll ich bitte noch nicht schreiben. In einem Haus voll Kunst hat er seinen Lebensabend verbracht, der langsam, langsam dämmriger wurde. Zu seiner Beerdigung dürfen wir nicht. Zur Freundin sagte ich: “Wir werden eines Tages eine Wallfahrt an sein Grab unternehmen.” Von diesem Einfall ward sie nicht alleine getröstet, sondern auch ich, der ihn hatte.

ANH
9.38 Uhr

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

Unbehagen und Einsicht | sowie:
“In zwanzig Minuten bin ich dran!”
Geschrieben als elftes Coronajournal am Dienstag, den 31. März 2020. Darinnen Soforthilfe II mit den Antragswirren im Internet.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr]
Anders, oh Freundin, hatte ich gestern geplant, heute früh mein Journal zu beginnen. Bereits der Titel war nicht so formuliert wie jetzt. Sondern über die Wirren wollt’ ich mich lustig machen, die mich mehr als nur zwei Tage lang mehr oder minder dauernd auf einen Bildschirm starren ließen, der ein Männchen zeigte, wie es langsam, langsam eine dunkle, doch hinter ihm sich ergrünende Zeile einem Ziele entgegen voranschritt, das mir bedeuten würde, nun “sei ich dran”:

Doch dann kam die Nacht, von der ich nicht weiß, was ich träumte vielleicht … — mir träumte, trifft es, fürchte ich, besser. Es ist wohl kein Zufall, daß ich mich gestern entschloß, von all den noch nicht in Der Dschungel erfaßten Essays ausgerechnet → diesen da jetzt einzustellen, in dem es – in poetisch weitem Sinn – um Entkörperlichung geht, die ich dort noch affirmierte, Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Das “dort” heißt “seinerzeit”.
Viele meiner Texte hatten sich in diese Richtung bewegt. Im WOLPERTINGER streben die Geister in den Computer, um am Leben zu bleiben, Naturgeister, wohlgemerkt, und Elberich Lipom, einer ihrer politischen Führer, muß ganz am Ende beinah versagen, der er, wie seine Frau, so auf der Seite der Körper steht. Sie alle finden ihren schließlichen Platz auf etwas, das es heute und zu Beginn der ANDERSWELT-Bücher eigentlich schon gar nicht mehr gibt: auf einer kleinen Diskette, die nunmehr — der sozusagen running gag in Gestalt eines quadratisch-flachen Relikts einer technischen Vorzeit — die Trilogie von Hand zu Hand begleitet, bis schließlich ihr Inhalt in den Europäischen Zentralcomputer eingespeist wird, woraufhin, so sieht es aus, die Zivilisation gänzlich zusammenbricht und die Erde, Erda, sich aufs neue erhebt. In einer Lesart. Tatsächlich bleibt das Ende offen, ganz so wie noch heute für uns.
Vorgedacht, die Entwicklung, aber hatte ich schon. Weniger ich selbst als die Strukturen es taten, denen diese Bücher folgen: daß der Weg vom Körper weg ins Virtuelle längst beschritten. Ich sah es als quasi Evolution, als eine notwendige, wobei ich das “not” schon immer betonte, Emanzipation vom körperlichen Gebrechen, womit indes zugleich das, ich möchte schreiben, Wunder des Körpers kaputtging, das uns als Schönheit und Lust geschenkt ist.
Spätestens mit den Bamberger Elegien drehte sich meine Perspektive. Das trauernde MEERE hat dies eingeleitet, der Verlust, der das Geheimnis der Schönheit dieses Romans ist. Indes ich aber parallel, in den zwölf Jahren, → in denen ARGO entstand, dem Vorgedachten weiterfolgte: die Entkörperlichung, die Ungefugger fast calvinistisch bis zur schließlich kompletten Digitalisierung der Welt vorantreiben will und vorantreibt und die ihm und den Seinen auch beinah gelingt. Bis die Diskette dann wieder ins Spiel kommt, die eigentlich schon gar nicht mehr gelesen werden kann.
Was lief dem parallel, tatsächlich, in unserer realen Welt? Also neben den Kriegen, die auf 9/11 folgten? (Und worum wurden sie letztlich geführt?) Schon AIDS hatte mit der Unbedenklichkeit unserer körperlichen Vereinigungen Schluß gemacht; ich erinnere mich einer spöttischen Fiktion, in der ich die Krankheit hatte vom Vatikan in Auftrag geben lassen. Die “Moral” stand plötzlich immer mehr im Fokus, gegen die sich zugleich einige Szenen formierten. Während das Nahost der arabischen Welt am feudalen, feudalistischen Mittelalter hängen blieb, sich daran krampfte und ins Jerusalem der Neuzeit, New York City als Stellvertreter der gesamten westlichen Industriewelt, seine meuchelnden Kreuzritter fast genauso schickte, wie es diese, als sie selbst noch feudal war, ein paar Jahrhunderte vorher nach dort getan hatte, virtualisierte sie sich immer mehr. Donna Harraways Diagnose, daß wir alle Cyborgs längst seien, stand wie ein Mahnmal im Raum, ungeheuer. Und Judith Butlers Thesen, die schließliche, zunehmende Dekonstruktion des Geschlechts — also der irdischen Biologie, die mehr und mehr unter ein moralisches Sollen gebeugt wurde und heute fast de facto schon wird.
Dagegen mein, ich nenn es mal so, poetisches Aufschrein. Umso bedrückter, je älter ich wurde. Dabei lag alles auf genau der Linie, die ich vorher durchdacht und poetisch mitgestaltet hatte. Aber das Gefühl des Verlusts wurde größer und größer.
Zum Beispiel meine Weigerung, Brötchen bei einem Bäcker zu kaufen, deren Angestellte sich Latexhandschuhe anziehn, bevor sie sie, die Semmeln, in eine Tüte tun. Wie oft habe ich solch eine Backstube dann verlassen, “tut mir leid, ich will, daß Sie meine Brötchen berühren!” Die ständige Sorge, sich bei irgendwas zu infizieren. Der permanente Ruf nach Kondomen. Der Verdacht gegens Sekret, das doch englisch, secret, Geheimnis. Zwischen Körper und Körper, die für den Austausch geschaffen, ständige Grenzen. Und nun, mit Corona, der Mundschutz. Nicht einmal Lächeln mehr möglich.
Es muß erlaubt sein, dies in einer überblickenden Spekulation zu bedenken — zu interpretieren, heißt das; oder ihm, in meinem Metier, eine Geschichte zu erzählen, die nun, auf beklemmende Weise, ganz mit dem zusammengeht, was ich spätestens in den Neunzigern zu erzählen angefangen habe. Sie erzählt sich, diese Geschichte, furchtbar bruchlos weiter, ging über mich und meine poetische Entwicklung bedingungslos hinweg.
Das ist der Grund der Beklemmung, die ich bereits gestern empfand; aber noch schleichend nur stieg sie auf und war heute morgen beim Erwachen unabweisbar da. Indem ich die Augen aufschlug. Und den Titel änderte, kaum daß ich am Schreibtisch saß, dieses heutigen Arbeitsjournals.
Ich verstehe die Notwendigkeit, bin faktisch Drostens Meinung, daß, fortan einen Mundschutz zu tragen, auch ein Zeichen der Rücksichtnahme aufeinander ist, der Sorge füreinander, ob wir nun Symptome haben oder nicht. Aber gerade, daß ich’s verstehe, ja verstehen muß, ist ein Indiz der Unabwendbarkeit dessen, was ich abwenden unbedingt will. Die Entfernung von unsren Körpern, unsre physische Entfremdung, setzt sich fort. So gesehen, steht Corona — wie AIDS schon zuvor — Seite an Seite mit der Gender-Doktrin und diese neben der Gentechnologie zur schließlichen, einer in erster Linie “moralischen”, Replikantisierung des Menschen. Wir streben danach (werden danach gestrebt), ganz “sauber”, in Ungefuggers Worten: “rein”, und also technisch zu werden, so, wie umgekehrt die tatsächlich technischen (künstlichen) Geschöpfe der ANDERSWELT Mensch werden möchten. Deidameia, in BUENOS AIRES der Rebellinnen Anführerin, drückt es so aus:

Wir sind für Willkür, Hans Deters. Wir wollen Ekstase, nicht Ordnung. Dafür kämpfen wir, ja, auch mit Gewalt. Und meine Holomorphen… wenn sie sich wirklich autonomisieren wollen, müssen die Leidenschaft lernen. Das geht ihnen ausgesprochen gegen die Ontologie. Wer nur aus 1 und 0 besteht… (…) Nun aber vertreten wir das Menschenrecht auf Unmoral und bringen den Programmen das Tanzen bei.
Buenos Aires . Anderswelt, S. 223

Ja, es ist sinnvoll und nötig, den Mundschutz zu tragen, ist ein Zeichen der Rücksichtnahme, sogar der Solidarität, aber zugleich Symbol akzeptierter Entfremdung.

Aus einer weniger, ich schreibe mal, “geschichtsphantastischen” Perspektive hat vor vier Tagen Phyllis Kiehl sehr persönlich und mit deutlich leichterer Hand als ich beschrieben, was soeben geschieht. Fast tänzerisch → nennt sie uns Aerosolisten:

 

***

 

Da mag nun auch ich etwas tanzen.

Bekanntlich hat das Berliner Land eine Soforthilfe II auch für Künstler ins Leben gerufen. Tatsächlich platzen uns allen die Aufträge weg. Lesungen können nicht mehr durchgeführt werden, wenn wir nüchtern gucken: auf ziemlich unabsehbare Zeit. Aber auch neue zu akquirieren, ist über die sowieso schon klammen Chancen hinaus fast unmöglich geworden, einfach, weil Veranstalter keine Verpflichtungen ins Ungewisse hinein auf sich nehmen wollen. Das ist verständlich, und immer mehr verschiebt sich ins Netz, in dem wir alle aber kaum je verdienen. Auch meine ständige Arbeit, für Die Dschungel, bringt nichts ein — oder nur selten, wenn etwa eine Leserin oder ein Leser mal einen Hunderter in einen Briefumschlag tut. Kommt vor, aber ist höchst rar. Nein, keine Bitte, schon gar keine Klage. Es geht mir um Dichtung und darum, das, woran ich aus der “alten” Buchkultur glaube, in die Neue Zeit, die angebrochen ist, hinüberzuführen, vielleicht drin zu retten, nun jà, wenigstens ein bißchen was davon.
Ich empfinde es als poetische Verpflichtung. Die Teile müssen, wie in einer Collage Ror Wolfs, an den Nähten geradezu unsichtbar ins Gewebe eingefügt werden. Daran arbeite ich, seit es Die Dschungel gibt. Doch es hat mich, wie Sie, Freundin, wissen, immer wieder in ökonomische Engen gedrückt, zuletzt im vergangenen Dezember. Wovon ich grad lebe, ist weniger als wenig. Es läuft auch nur noch bis Mai. Da sollte wieder die erste große Veranstaltung sein, die etwas einbringt, und weitere würden folgen. Dessen konnt’ ich schon sicher sein. Doch dann kam Corona.
Derzeit ist quasi alles, was geplant und schon abgemacht war, in Frage gestellt. So lag es nicht nur nahe, sondern war ein Gebot der Notwendigkeit, daß auch ich diese Soforthilfe beantragen würde.
Man konnte es tun seit vorigem Freitag, mittags um zwölf.
Ich probierte es erstmals da um halb eins. Es war auf die Site kein Hineinkommen. Ich probierte es unentwegt bis 15 Uhr. Dann erwischte ich eine, sagen wir, Lücke — und war drin. Aber: Vor mir hatten schon 117.361 Leute den Antrag gestellt, ich meinerseits bekam die Nr. 124.611 und möge nun bitte auf eine Email warten, die mir bescheiden würde, jetzt sei die Bahn für mich offen — für den Antrag, wohlgemerkt. Ich möge bitte, wenn diese Email eingehe (und ich solle drauf achten, daß sie im Spamordner landen könne), möglichst sofort den entsprechenden Link anklicken, um dann das nötige Verfahren zu durchlaufen. Meine Wartezeit betrage mehrere Stunden.
Ich habe Ihnen, Sie wissen’s, dazu → schon dort geschrieben.
Auf einem meiner Bildschirme blieb nun das Postfach immer geöffnet, und dauernd, dauernd starrte ich hin. Sehr spät abends, fast halb zehn, kam die Nachricht. Und ich brach alles andere ab, ging auf die Site.
Sie öffnete sich auch, und ich begann. Schwierig war nur schon, daß ich ankreuzen sollte, nicht bereits vor dem, ich glaube, 17. 3. in Liquiditätsschwierigkeiten gewesen zu sein. War ich aber. Nur daß es ja jetzt um was anderes ging, nämlich daß mir ab dem Mai alles zusammengebrochen. Wenn ich bis dann aber wartete, wären die von Land und Staat zur Verfügung gestellten Gelder längst aufgebraucht. — Was also tun?
Doch es gab noch ein anderes Problem. Ich hatte mich als Alban Nikolai Herbst angemeldet, wie ich es immer tu, unter welchem Namen auch mein Bankkonto läuft und eigentlich alles sonstige auch — die Steuerbescheide und die Nachrichten der KSK gehen immer an beide Namen —, jetzt aber sollte ich die Nr. meines Personalausweises eingeben, in den der Künstlername zwar eingetragen ist, aber weiß ich denn, ob das dann auch bei den Bearbeitern auftaucht? Nein, wußte ich nicht. Und entschied mich, den angegebenen Namen in den Ribbentrop zu ändern und ANH in das Feld für die Firmenbezeichnung einzusetzen … war eine Lösung, ja, und auch passend, weil “Firma” schlichtweg “Name” heißt und “firmare” “unterschreiben”. Also auf ZURÜCK geklickt.
Und damit warf das Programm mich raus.
Komplett raus.
Es war auch kein Hineinkommen mehr. Statt dessen erhielt ich die Nachricht, ich sei ans Ende der Schlange zurückgeschickt worden und hätte nunmehr die Nummer 295.208. Ich möge auf die entsprechende Email warten und mich dann unverzüglich einloggen.
Ich nahm es, wenngleich verärgert, wie es war: komisch. Komisch verärgert.
Noch.
Denn zwar nutzte ich am nächsten Morgen das Kontaktformular der IBB, um den Vorfall zu schildern und vielleicht dann doch wieder vorgerückt zu werden. Aber obwohl ich zweimal alles ausfüllte und dann wegzusenden versuchte, wurde ich jeweils beschieden “Page not found”. Ich versuchte es abermals, diesmal beim für meinen Kiez zuständigen Sachbearbeiter. Doch auch da:

Gut es war Wochenende, mir taten die Mitarbeiter auch leid. Der Server sei unter dem Ansturm dort mehrmals zusammengebrochen, las ich am Sonntag.
Nun versuchte ich es gestern telefonisch, die Nummern waren angegeben, sind es noch. Nach dem Wählen einer jeden kommt das Freizeichen. Und kommt und kommt und kommt. Nicht mal ein Callcenter scheint es zu geben. Dabei hätte ich die Angelegenheit mit der Liquidität gerne ebenso geklärt wie mit meinen beiden Namen.
Keine Chance.
Dann, abermals fast nachts, die Email, ich sei nun fast dran.
Sofort hin!
Das Männchen noch ganz am Anfang der Strecke. Ich müsse mit “mehr als einer Stunde” rechnen.
Es wurden über achtzehn Stunden. Das Männlein bewegte sich Schrittchen für Schrittchen, ich starrte es immer und immer neu an. Schließlich gab es das folgende Bild, da facetime ich grad mit Frau Kiehl:

“In zwanzig Minuten bin ich dran!” rief ich aus. Und so war es schließlich auch. Wirklich. Das Verfahren lief sogar weitaus schneller als beim ersten Mal. Plötzlich gab es auch nicht mehr die Frage nach der vorherigen Liquidität. Seltsam. Auffallen tat’s mir aber erst, nachdem ich alles schon ausgefüllt und weggeschickt hatte. Wobei der letztanzuklickende Button WEGSENDEN UND DRUCKEN hieß. Das zweite geschah nicht, ärgerlicherweise, so daß ich keine Kontrolle habe, und ob erstres, kann ich jetzt nur glauben:

Unterdessen habe ich gelesen, es habe unter den Tausenden Anträgen bereits einige Betrugsversuche gegeben. Was mich zusätzlich unruhig macht. Falle ich selbst vielleicht darunter? Denn ich kann nicht, ohne die Sicherheit, diesen Zuschuß auch zu bekommen, dem Jobcenter adé sagen — was ich doch gar zu gern täte. Deshalb werde ich es folgendermaßen halten. Sollte das Geld der Soforthilfe eingehen, dann aber schon auch das Jobcentergeld, werde ich dieses umgehend zurücküberweisen und mitteilen, auf die laufende Hilfe derzeit nicht mehr angewiesen zu sein, und auch den Grund dafür nennen. 5000 Euro reichen mir für ungefähr vier, vielleicht auch fünf Monate, finanziell lebe ich durchaus genügsam. Danach werde ich weitersehen; mit ein bißchen Zuversicht werden ab September zumindest die Seminare wieder stattfinden können; dann steht auch die erste Hochzeit an, für die ich wieder einen Redeauftrag habe. Ob allerdings in Italien ..? Außerdem hat mir der Deutschlandfunk die Wiederholung eines meiner Hörstücke in vorsicht’ge Aussicht gestellt.

Dieses, Freundin, jedenfalls wollte ich Ihnen aus meiner, sagen wir, GradTagesPraxis erzählen und habe es nunmehr getan.

Ihr ANH
10.51 Uhr

P.S.:
Ich höre derzeit fast keine Musik, lausche nur immer, sowie sie drauß’ singen, den Vögeln.

Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 26. Februar 2020. Mit Thorsten Casmir, Peter H. Gogolin, André Heller und David Ramirer.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
David Ramirer: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier Buch II]

Die Musik schickte mir → Ramirer selbst, ich höre sie momentan laufend wie zuvor seine eigenen Variationen auf Bachs Präludium C-Dur, die ebenfalls, doch leider bislang nur als mp3, ankamen und über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde. Noch hat andres, Freundin, Vorrang. Hier nur schon einmal die Erklärung, die Ramirer selbst für die Rückseite der CD (auf die ich nun warte) vorgesehen hat:

*

Gut gearbeitet, sehr gut. Béart XXXI fertigbekommen, Nabokovlesen 24 begonnen, dazu die fastjuristische Auseinandersetzung wegen des üblen Artikels in 54books, der mir allerdings keine, wie eine enge Freundin befürchtete, schlimme Nacht bereitete, denn als ich zu Bett ging, wußte ich bereits, am nächsten Tag in die Tjost zu wollen — nicht zuletzt übrigens, weil das Impressum die Adresse einer Rechtsanwaltskanzlei angibt, ob “rein” praktischerweise oder um indirekt zu drohen, sei dahingestellt. Oder auch nicht dahingestellt. Nach wie vor bin ich psychisch so veranlagt, auf Drohungen nie mit Rückzug zu reagieren, im Gegenteil. Sie fordern mich heraus. Deshalb der gewählte Begriff “Tjost”. Und ich wußte, mir gleich nach dem Erwachen — das ich derzeit völlig meiner inneren Uhr überlasse; sie weckt mich tatsächlich fast generell zwischen 6.30 und 7 Uhr — im Netz die nötigen Gesetzestexte zusammenzusuchen und nicht nur zu, sagen wir, “studieren”, nein, sie auch auswendig zu lernen.
So geschah’s. Schon konnte ich meinen Brief formulieren — “Schriftsatz” in der Sprache des formalen Rechts.
Nun war vorhergegangen, daß ich wegen des Artikels Samuel Hamen angeschrieben hatte, der bei 54 books als Teammitglied genannt wird. Ich hatte → seine klasse Rezension schlichtweg nicht mit dem nicht nur, journalistisch, schlampigen Artikel zusammenkriegen können. Er seinerseits antwortete mir am Morgen, intervenieren zu wollen. So daß sich meine Mail an Redaktion und Anwaltskanzlei mit einer Mail des Anwalts an mich sprichwörtlich überkreuzte — ein Wunder, daß die zwei auf ihrer Fahrt a) von hier nach dort, b) von dort nach hier nicht karambolierten. Bei der Geschwindigkeit wäre es ein Totalschaden geworden, an beiden Autos, und keines hätte jemals ihr Ziel erreicht. Doch offenbar blieb jede von ihnen auf ihrer Seite der Hochtempostraße.
Und also: Der Anwalt fragte, ob es genüge, wenn er den Text → aus dem Artikel herausnehmen lasse; das nämlich wolle er tun. Da konnte er meine Forderung nach Gegendarstellung, bzw. Richtigstellung noch gar nicht gelesen haben. Die hatte ich unterdessen aber schon in Der Dschungel öffentlich gemacht, und weil ich aus diesem Weblog nichts lösche, schon um die Produktionstherorie nicht zu verfälschen, die sich in Der Dschungel → eben auch abbilden soll, bestand ich darauf, daß der Beitrag erhalten bleibe, mit allerdings einem vorgeschobenen Notat über die erzielte Vereinbarung. Das wiederum fand der Anwalt in Ordnung, und so ist’s nun protokolliert.
Es ist mir enorm wichtig. Zu oft mußte ich mir anhören, ein Dichter habe stille zu sein auch bei ihm geschehenem Unrecht, selbst bei übler Nachrede und objektiven Beleidigungen. Er schade sich nur selbst (und seinem Verlag), wenn er aufbegehre. Er solle sich deshalb ducken — ducksen nenne ich das und habe es niemals getan, dafür dann fast durchweg Ärger mit meinen Verlagen bekommen. Klar, die haben Angst, in Sippenhaft zu kommen. Für kleine Verlage wäre das tödlich, möglicherweise. Und größere Häuser stehen in der Zwickmühle, weil eine Kritikerin oder ein Kritiker die eine ihrer Autorinnen mit Elogen begießen, zugleich indes einen anderen Autor mit Eimern voller Kotze überschütten könnte. Dennoch will man auf die Elogen nicht verzichten, ja braucht sie, um zu verkaufen, braucht den Kritiker also, die Kritikerin. Mir ist das schon klar. So und so ein auch ökonomisches Corpsgeistproblem.
Nun hatte ich es aber mit einem Juristen zu tun. Diese Leute sind nicht verschwurbelt wie viele im Literaturbetrieb. Sie sind klar und faktisch. Also läßt sich mit ihnen auf das einfachste sprechen und verhandeln. Ähnlich Ärzte, ähnlich Physiker und Mathematiker. Heute wären das meine Fächer, die ich studierte: Jura, Medizin, Physik.
Später fragte mich, auf Facebook, → Gogolin, ob mir diese Lösung-jetzt denn genüge? Ja, tat es, insofern es mir nicht im mindesten darum ging, mir irgendeine finanzielle Entschädigung zu erpressen. Ich wollte den Müll aus dem Netz haben, Punkt, und das war erreicht. Vielleicht auch ein Zeichen für andre gesetzt. Ich hatte und habe von dem gesamten Mobbing und fiesem Gequassel die Schnauze absolut voll. Vor allem geht es mir auch darum, wie ich dem Anwalt schrieb, daß mir

die ständig unterschobene Nähe zur politischen Rechten widerlich (ist). Es entbindet solche Attacken rhetorisch von jeglicher Argumentation.

Wenn ich in Bezug auf Gendercorrectness von einer Meinungsdiktatur spreche, handelt es sich mitnichten um eine auch nur ungefähre Nähe zur, z. B., AfD, egal, ob auch dort dieser Begriff verwendet wird. Genauso wenig bedeutet, wenn ich von Ehre, Würde, Heimat schreibe, daß ich ein Nazi sei oder mit der Rechten auch nur “sympathisierte”. Ich überlasse ihr einfach nicht diese Begriffe, lasse mich von ihr nicht meiner Werte enteignen.

Übrigens ist, so erfuhr ich in dem Messengergespräch mit Gogolin, sein hinreißender, wahrhaft europäischer Roman → Calvinos Hotel neu aufgelegt worden, und zwar — in festem Umschlag gebunden. Sie wissen, Geliebte, daß ich über dieses Buch einmal schrieb. Jetzt sähe ich meine Rezension gerne, etwas umformuliert und erweitert, bei Faustkultur und werde dort also nachfragen. Andernfalls wird sie hier in Der Dschungel eingestellt werden. — Nicht uninteressant, übrigens, daß der ehemalige, in die Insolvenz gegangene Verlag Kulturmaschinen, mit dem ich selbst soviel Mieses erlebt, als eine Art Autorenverlag → neu gegründet worden ist.  Mir behagt das nicht, weil ich sehr an Namen glaube, an etwas ihnen außerhalb des Funktionalen mythisch Eigenes; praktisch verstehen kann ich es dennoch.
Da ich nun einmal bei Büchern bin — vorhin erreichte mich ein Päckchen des Hanser Verlages, darinnen → André Hellers “Zum Weinen schön, zum Lachen bitter”, eine Sammlung von Erzählungen, deren Über-, also der Buchtitel mir allerdings schon ein bißchen zu klebrig ist . Aber ich wußte nicht einmal, daß es ein neues Buch von ihm gibt. Wie also kam der Verlag nun auf mich? Wahrscheinlich hat man meine Rezension → zu seiner Rosenkavalier-Inszenierung gelesen oder liest hier, wie so viele aus dem Betrieb, sowieso mit, und also war bekannt, welche Rolle Heller für mich einmal gespielt hat. Freilich, da war ich noch ein junger Mann, beinah noch ein Jüngling. Dennoch, Spuren werden Prägungen. Es sind gute Narben. Und da ich alle seine bisherigen Bücher gelesen habe, weiß ich, welch vorzüglicher Erzähler er ist. Also werde ich ganz sicher auch über diese Neuerscheinung schreiben.

 

Meine Gute, wie viel hab ich noch vor!

 

Zwischendurchgelesen, ja, zusammengeschrieben, habe ich Ernst Kretschmers “Der Falke und Die Nachtigall”, einen Roman, den mir Dielmann zusammen mit Thorsten Casmirs grandiosem “Ohnsgrond”, erschienen ein Jahr nach dem → Wolpertinger, schickte, weil er wohl weiß, daß mich Federico II nach wie vor beschäftigt. Ohnsgrond ging komplett unter, auch weil Casmir, kurz nachdem sein Buch heraus war, an einer Krankheit verstorben ist, die damals noch etwas Ungefähres und Anrüchiges hatte, so daß der tatsächliche Grund für Casmirs Ende nicht genannt werden durfte. In seinem Roman aber ist er, dieser Grund, allgegenwärtig. Und immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten fiel das Buch mir ein, so daß ich nun den Entschluß faßte, nach bald mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine poetische Rezension darüber zu verfassen. 
Ich stand auf, ging an die große Bücherwand, schaute unter C (bei mir ist die Belletristik nach den Namen ihrer Autorinnen und Autoren geordnet), aber fand nichts. Der typische “Fall” wohl: Verleihe nie ein Buch, denn du weißt, wie deine eigene Bibliothek entstanden ist. Also schrieb ich dem Verlag, und das grün in wunderschönes Leinen gebundene Buch kam her, nur die hellrote Längsbinde fehlt:

 

 

Die Lektüre steht nun aus. Auch hier geht Nabokov vor (habe soeben “Gelächter im Dunkel” begonnen). Aber erwartungsvoll, zitternd fast freu ich mich drauf. 

Weniger Freude bereitete der Kretschmer; ich → verlinke nur der Fairness halber drauf, hatte anfangs erwogen, auch hier eine Kritik zu schreiben, weil es hin und wieder ein Aufflackern von Schönheiten gibt, etwa die “Leichtigkeit (…), in der ich dankbar erstaunte” (Hervorhebung von mir) oder die “Mischung aus Mißtrauen und Frechheit” sizilianischer Straßenkinder. Doch zunehmend, abgesehen von den sowieso gängigen Konjunktivfehlern, verschwurbelt die Geschichte sich zu am Ende sogar pubertärstemKitsch. Ein einziges Beispiel möge genügen:

“Ich kenne Euch von überall her”, sagte er, “bin Euch gefolgt, seit Ihr geboren wart, und weiß, was ihr jemals gelesen und jemals geschrieben habt.

Bitter allein schon das, aua, “wart”.

Ich war dabei, als Ihr die Macht der Schöpferkraft entdeckt und das Wunder ihrer Welt erfahren habt, die nicht wirklich und doch wahr wie die Wirklichkeit ist.”
Falke, 243

Ach, Freundin, Sie mögen Buttercreme genauso wenig wie ich … Hier, ein Mundwasser zum Spülen, und seien wir dankbar, daß Kretschmer nicht auch komponiert. Axel Dielmann hat einmal zu den besten Lektoren gehört, die mir begegnet sind; es ist mir schleierhaft, wieso er bei diesem Buch nicht durchgegriffen hat. Nun fliegt es in den nächsten Buchspender.

*

Der Abend regnete heran, und ich chattete mit einer Frau, die ich am Sonnabendabend treffen werde: ein eleganter Flirt bisher. Gesehen haben wir uns schon einmal, nur einmal, auf der → vorletztjährigen Leipziger Buchmesse, also im März 2018. Damals hieß sie Mariclaire. Sie sah mich, und ich sah sie. Sie kam heran (ich les jetzt nicht nach) und hakte sich unter. Nein, wir kannten uns wirklich nicht. Und nun flanierten wir durch die Gänge, ein wenig mondän sie, herrlich schön, Juristin, ich sag’s ja. Dann war lange Schweigen. Und jetzt die Nachricht bei Facebook. Von jemand anderem, die mir den Brief einer Zoey ankündigte, wie ihr Name heute ist. Der lag auch schon im Postfach. Bei Facebook siezen wir uns; Zoë indessen wählte das Du der, wie sie schrieb, “letzten irren Gentlemen”. Und dann:

Meere hat mich, wie soll ich es nennen? – verstört. So daß ich meine Gedanken teilen muß. Das aber bitte nur unter uns, und zwar gerade, weil ich Dich nicht kenne und es doch so, glaube ich, tu. 
Z.

Da’s sich nun traf, daß ich am nächsten Sonnabend ohnedies in ihrer Nähe sein würde, werde, was auch immer …  lag denn auch das Treffen nah, und liegt. Wobei ich selbstverständlich Schweigen über ihre beigelegte Sendung bewahre. Das werden Sie, Freundin, verstehen.

Worauf ich aber hinauswill: Wir waren noch am Plaudern, als Freund Sascha mich anrief. Möge ich nicht gegen halb neun zu ihm herüberkommen? Er habe einen ausgezeichneten portugiesischen Rotwein da — und eine Flasche Talisker. Da ich selbst finanziell grade so mau, konnte meine Schreibtischhockerei nicht siegen, und der Abend → ward zur langen Nacht. Sie protuberanzte — es stimmt der Begriff, den ich begriff — aus sämtlichen Drüsen des Geistes. Es gab auch vieles zu erzählen. Und ich las die letzten vier Béartentwürfe vor. Eine Wonne zu erleben, wie sie “funktionierten”, ich meine: wie ihr Klang übersprang. Und dann geschah, was hinterm Link erzählt ist. Obwohl ich gehen so recht nicht mehr konnte; ich eiertanzte also heim, die Betonung indes liegt auf “tanzte”.

Ihr, Sie Schöne,
ANH

Es ist ein bittres Flanat der Erotik

Was waren das noch für Zeiten! Du schlendertest über die Jungfernstiege, Ku’dämme, Kös, bummeltest an Straßencafés vorbei, deine Augenlider, an denen Sonnenschleier hingen, halb gesenkt, und überall saßen sie und träumten und wippten mit dem einen schlanken Bein. Dann eine junge Dame, leicht vorgebeugt, schimmernden Modetand im Roßkastanienhaar, den linken Rand eines aufgeschlagenen Taschenbuches streifen mehr, als daß sie es halten, matt lackierte Fingernägel. Und manchmal huscht ein Lächeln über ihre Lippen. Sie schlägt eine Seite um. Du bleibst stehen. Ein neuerliches Lächeln. Da kannst du und willst auch nicht anders, als über deine Scheu ironisch zu steigen und näherzutreten. Schon schaust die junge Dame direkt an. Erstaunt sieht ihrerseits sie hoch. Und bevor sie sich belästigt fühlt – immer sollst du dezent sein, sei aber dennoch direkt! –, eh sie auch nur eine Frage im Blick hat, gestehst du ihr, sie sehe wunderbar aus, wenn sie lese. Und setzt dich. Und sagst: „Ich möchte gern mit Ihnen schlafen.”
Ach, wie sich das geändert hat! Einmal abgesehen davon, daß selten noch auf schöne Bücher schöne Blicke fallen – eher wirken die einstmals eleganten, lässigen Gesten, von denen Seiten umgeblättert wurden, nun hektisch, da die zuckendem Daumen an supergrauen Nintendos, nämlich Game Boys fummeln –, abgesehen hiervon geht die poetische Szene heut so:

Da sitzt solch Ersehnte, und du strengst dich an, den alten Reiz zu halluzinieren, was an sich schon, aber keine scheue Kraft mehr kostet, – trittst also heran – dezent darfst du auch nicht mehr sein, man vernimmt dich sonst nicht –, trittst heran und fragst: „Entschuldigen Sie, haben Sie heute schon Ihren AIDS-Test gemacht?“ Und wenn du es nicht fragst, so denkst du’s und hoffst es bei dir, was allen erotischen Reiz vollkommen desinfizieren muß. Du bist ja nicht naiv und weißt, die Alternative sei mitnichten, wie PIRELLI uns glauben machen wollte, Gummi oder Leben, sondern, denn so will es die Kirche, Erotik oder Rentenalter.
Oder stellen Sie sich folgendes vor: Du sagst: „ Ich möchte gern mit Ihnen schlafen“, sie indessen erwidert, wobei sie noch immer auf ihrem Nintendo herumdrückt: „Okay, haben Sie Gummis dabei?“ Da kommt man sich gleich als Professioneller vor, ja als … ich will es einmal „Kunde“ nennen. Und läßt die Sache lieber schon im Vorhinein fahren, nicht weil einem die Lust fehlte, nein, aus Gründen des Stils. Der Zauber, der seit je darin gelegen hat, Fremdheit, ja Distanz in einer plötzlichen, glühenden Nähe aufzuschmelzen, ist durch Aseptik gebrochen und also durch das, was vor vierzig Jahren „Ehehygiene“ hieß. Die hat sich nunmehr in Beischlafshygiene erfüllt, ist gänzlich zu sich gekommen, nämlich gesellschaftlicher Tatbestand, geradezu Tatsache geworden. Das ist für die Liebe im Wortsinn frustrierend. Frustra heißt vergeblich und frustra esse: „Man hat sich getäuscht“. Seit AIDS uns bedroht, täuscht man sich nur noch.

Kondome waren in den 50er Jahren eine Art schlechter Altmännergeruch (Arno Schmidt etwa schrieb, er benutze selbst beim Onanieren ein Präservativ), als zöge man dem Tier in sich, das es durch Liebeskunst zu schulen gilt, aus Angst vor schlechten Noten eine Plastiktüte über den Kopf. Nur keine Berührung, war die Devise. Unter deren Kuratel bracht’ man es halt hinter sich, und immer mit schlechtem Gewissen. „Ehehygiene“ war der Begriff, der Beschmutzung blocken sollte. In den 70ern vergaß man die Dinger allmählich; zwar wurde Eros nun von der Freikörperkultur attackiert, aber immerhin, mit ihr konnte einer spielen, – und bisweilen wurde ja gespielt. Schließlich „entdeckten“ Frauen ihre Sexualität. Nun warn sie nicht länger nichts als Objekte, sondern zunehmend wurde der Männerkörper interessant, das Maskuline (nicht das Väterliche!) erotisiert. Wenige Jahre zuvor hieß es noch, es komme nicht so sehr darauf an, wie ein Mann aussehe. Diese pfiffigste These des Patriarchats – eine perfide Karrieristenstrategie, sich vor Vergleichen zu schützen – war von den Frauen selbst, von vielen, und mit Nachdruck vertreten. Nun schlug das um, erst spürbar kaum, dann nahezu gewittrig, und plötzlich gab es wieder femmes fatales, „fatale“, das sind „verhängnisvolle“ Frauen, Frauen wie Schicksal. Fatal kommt von Fatum. Doch Schicksal aber für wen?
Diese Frauen – welch Lust, daß es sie gab! – machten den Männern nicht nur die Berufe streitig, nein plötzlich auch den Sex. Wen wundert es da noch, daß es zum AIDS kam? Zurück zum Kondom!, das heißt: Zurück in die Fünfzigerjahre!, ja: Zurück in den Biedermeier!, und also: Zurück in den Kolonialismus! Zurück in die Industrialisierung! Und: Zurück zur Macht! – Was konnte Machtmännern praktischer sein als der Virus? 
Ach, der Wähnungen sind viele!
Eines aber ist sicher, ist Wähnung nicht, sondern ganz offenbar: In Wirklichkeit schützen Kondome nicht oder wenig. Denn der  Virus lebt auch im Blut. Jeder Kuß, bei dem man sich nicht einen Gummi über die Zunge stülpt, bedroht uns am Leben. Die leichteste Wunde im Mund ist schon genug. Und nicht nur im Mund. Was denn hält die Biester davon ab, auch Lymphe und Schweiß zu besiedeln? Ist es eine Frage der Gewürze vielleicht? Des Buketts?
Plötzlich muß einer für die Liebe in Schutzanzüge für Allergiker steigen. Ein sinnlicher Weltkontakt soll nicht mehr sein, seit ihn auch die Frauen wollen. Wen kann noch irritieren, wenn der Statthalter des Patriarchats zu Rom, schon von Berufung kontaktlos und also kriegt er kein AIDS, seine Neue Zeit im Cyberspace gekommen sieht und sich die Männer, wieder ungefährdet im Selbstbild, neuganz dem Business widmen können, von dem das dauernde und lästige Vergleichen der Frauen sie abhielt und was sie sich mit Managermystik à la Gerd Gerken verbrämten. Ja welch ein Geheuchel!

Aber vielleicht ist alles ganz banal, vielleicht war AIDS von LONDON GEFÜHLSECHT in Auftrag gegeben, das Produkt an Äffchen getestet, die man danach, zur Feldforschung und um Spuren zu verwischen, nach Afrika reexportierte. Von wo der Virus aber nun den Großen Teich zurückübersprang, um sich, ganz im Geist des Monotheismus, über arme Schwule herzumachen. Es durchstrich ja einige Zeit lang als Fama die Länder, AIDS sei ein pikantes Problem, sozusagen eine Geißel der Widernatur. Glückwunschtelegramme gingen ein in Rom, das steh’nden Fußes reagierte. Um ein paar Silberlinge wurden Priester ausgeschickt, die, um ihre Schäfchen in die Enthaltsamkeit zu missionieren, märtyrerartig sich jeder Enthaltung enthielten. Man wird sie seligsprechen müssen: Wie dem Barock das Wasser sehr verdächtig wurde, weil in den freien Badehäusern der Renaissance nicht nur recht frei gebadet wurde – gastlichste Häuser der Syphilis –, so heute und endlich erneut das nutzlos vergeudete Sperma. Der Beischlaf habe die Zeugung zu meinen. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, seines Partners AIDS-Abtestat.
W
as einen an all dem so weltschmerzig macht, ist ja weniger das Häutchen zwischen Dir und mir, das ließe sich liebeskünstlerisch schon sublimieren, – sondern es sind die Konsequenzen eines kategorischen Erotativs: Daß das Mißtrauen und die Distanz auf keinen Fall und nicht einmal für die Sekunde ihres höchsten Zusammenbruchs noch zusammenbrechen dürfen, was aber wesentliche Vorgaben jeder Verschmelzung ist und zur Gänze Aphrodites conditio sine qua non – und eben der Moment, da der Liebesakt eine religiöse Dimension annimmt und also die innigste Illusion, die wir kennen, sich grundsätzlich nicht mehr einstellen kann. Denn die Funktionalisierung hat nun – HIV HIV HURRA! – auch ihn ergriffen und säkularisiert. Der Beischlaf, dem es eben nicht auf den physiologischen Höhepunkt ankommt – sondern der wird zur gelebten Metapher – hat nunmehr den Charakter eines durchgehenden Selbstbewußtseins, das selbst nicht mehr durchgehen darf. Statt dessen ist Amor, der sich den ethischen Forderungen frech stets entzog, moralisch geworden, und Lust wird zu dem, was ihr widerstrebt: ein gesellschaftlicher Akt, an den sich Verantwortung bindet. Was Jurisprudenz, Religion und Schulausbildung seit Jahrhunderten vergeblich erstrebten, scheint nun AIDS zu gelingen. Auf Übertretung steht nicht Ordnungsstrafe, sondern das Grab. Das Kalkül der militärischen Abschreckung ist in den Kalten Krieg der Geschlechter mutiert.
Die Neue Krankheit, eine eigenwillig libidinäre Form postmoderner Prüderie, ergreift die Gemüter im selben Maß, da sich die Lust der Menschen an ihrer Physiologie, die feucht ist, auf eine Lust an der Elektronik überträgt, die nicht feucht sein darf. Die mechanischen Keuschheitsgürtel des Mittelalters vollenden sich durch Internalisierung. Der auch kirchlichen Hochzeiten wird es mehr und mehr, und schon haben unverheiratete Paare wieder Schwierigkeiten, eine gemeinsame Wohnung zu finden. „Sex ist nicht so wichtig“ wird zum Slogan, und anstelle sich hinanziehen zu lassen, arbeiten sich Zwanzigjährige hoch zu bruttosozialen Trägern von Millionen und Magengeschwüren. Der gefährlichste Begriff der Menschheitsgeschichte – „Reinheit“ –wird neuerlich zur Daseinsmaxime. Schon soll auch die Nation wieder sauber werden. Dieselben Interessen, die die Welt verschmutzen, verklappen und kontaminieren, wollen im gleichen Atemzug die Menschenseele reinigen von jeder Materialität. Das geht präzise zusammen. Das Spielrecht am fremden und am eigenen Körper, das die Pille etablierte – und die Pille für den Mann vielleicht bald gleichberechtigt hätte –, war endlich und total zu bändigen. Erotik ist Anti-Technik, Mißtrauen gegen Technologie so nötig wie gegen das Militär, das sie vorantreibt. AIDS indes kommandiert das Geschlecht in den Stechschritt. Nur ist dagegen so wenig Revolte möglich wie gegen eine Naturgewalt. Der Virus macht die Verhängung einer sexuellen Notstandsgesetzgebung ganz ohne öffentliche Empörung möglich. Mitläufer, wohin man blickt. 

Ach es gibt nichts mehr zu verlieren: Packen wir’s drum an! Noch hört man ja die Klage, es kümmerten die jungen Leute sich nicht genug um die Gefahr. Ist das nicht, als entwickelte die Welt eine Resistenz, die die verantwortungsbewußten und ethischen Würdenträger, die seit je die Welt so schaudern machten, schaudern macht? Wer sich gegen gegen Diktatoren erhebt, riskiert den Tod. Und wer immer meinte, er wäre, im Fall politischer Unterdrückung, mit ziviler Courage gesegnet, sollte nun venerische zeigen.
Ich jedenfalls will weiter über Jungfernstiege steigen und mag es mir nicht nehmen lassen, daß an irgend einer hübschen Treppe eine Schöne, die mich noch nicht kennt, schon ungeduldig meiner harrt – und wenn sie mich ansieht und verdammt noch mal nicht nach diesem Gummiding fragt, dann will ich’s, sofern ich eines bei mir habe, auch benutzen. Fragt sie aber, will ich mich lächelnd ihr verweigern und traurig meines Weges gehn.

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ANH, Mai 1995
Berlin

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