Vor Aqaba, 4: Abendessen im Zeitlabyrinth ff. Das Krebstagebuch des 25. Julis 2020 (Catania.Zwischenwelt, ff | Die Brüste der Béart, 57).

 

 

Schein her-, Schöpfrin, -nieder …

 

 

 

 

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Béart 56 <<<<

Vor Aqaba, 3: Catania.Zwischenwelt. Das Krebstagebuch des 24. Julis 2020, nämlich sechsundachtzigsten Krebstages. Darinnen Die Brüste der Béart, 56.

[صحراء النفود, Anderswelt.
Via vittorio emanuele, 460. 6.40 Uhr]

Es ist doch mehr Nefud unter dem Vulkan, als der erste, ja noch zweite Tag ahnen ließen, die beide, wie ich spürte, auch für Lilly glückselig waren. Sie ließ mich da völlig in Ruhe, und wie flanierten, genossen, atmeten die Luft des Meeres, die süß war und voll eines Salzes, das sich beim Zubettgehen von der eigenen Haut lecken ließ. Es war auch nicht sie, Liligeia, die nächstmorgens protestierte, sondern eine Folge der Chemos, Strahlenfolge der Nefud, was nicht einiges, aber doch manches kippen ließ. Denn nach der ziemlich anstrengenden Tour die Hänge La Timpas hinauf und hinab und abermals hinauf, als ich da am Mittwoch erwachte (war es der Mittwoch?), konnte ich kaum auftreten, schon gar nicht zügig gehen. Beide Füße voller Blasen, deren eine so aussah:

Von der deutlichen Schwellung will ich gar nicht erst schreiben, die bis jetzt nicht zurückgegangen ist, Also setzte die Neuropathie meinen gerade hier enormen Bewegungsdrang radikal auf Null. Ich geb ihm dennoch nach, aber es geht nur in gepolsterten Flipflops. Die ich mir erst besorgen mußte. Mein seit Jahren, Unfug: Jahrzehnten bewährtes Schuhwerk nützt mir nichts mehr. Und nun, meiner Lust zu flanieren derart beraubt, sie jedenfalls deutlich, ich schreibe einmal, unter Beschuß genommen, fing auch Liligeia wieder an, sich deutlich, sehr deutlich zu melden. Zudem verging mir komplett die Lust zu schreiben, weil in meiner ansonsten nahezu idealen Unterkunft (nur daß man von hier aus das Meer nicht sieht) auch der Internetzugang schwierig wurde, teils gar nicht ging, so daß ich schon gar nicht Fotos hätte hochladen können, bzw. das alleine schon, mit einiger Geduld, aber nicht sie im Netz collagieren, was eh immer viel Zeit braucht.
Gegen Unlust und Schmerz anzugehen, ist mir selbst auf Sizilien nicht leicht, das mir ansonsten aber sehr, sehr gut tut, jedenfalls tat, die Hitze, das Zerlaufen im Schweiß, die Düfte, der Fischmarkt. Nein, ich bin froh, hier zu sein, teils durchaus glücklich, dann aber schlägt die genervte Krebsin wieder zu, die doch eigentlich auch nur genießen, sich entspannen, Kräfte sammeln für Aqaba wollte.
Wenn es anstrengend ist, Schritt vor Schritt zu setzen, wird plötzlich auch Luft zu holen schwer, einfach weil … nun jà, “einfach” … weil der Tumorschmerz aufs Atemzentrum drückt. Als ich noch gehen, ja ausschreiten konnte, war davon nichts zu merken. Da war die Zwischenwelt das pure, pure Glück:

Ich wollte nächsten Tages wieder hin, allein, wie erzählt, es ging nicht mehr, ich wäre wie auf Messern gelaufen (laufe wie auf Messern). Doch Lilly eben nicht selbst trägt die Schuld, sondern die Neuropathie, die mich nicht hat merken lassen, daß ich die Füße überanstrengte; tatsächlich, bis zum späten Abend, spürte ich keinerlei Beeinträchtigung, war nach der Tour lediglich auf, ich schreib mal, “rechtschaffne” Weise erledigt, lag dann auch schon um halb zehn Uhr abends im Bett – und erwachte nächstmorgens mit diesen Läsionen. Was bedeutet, daß ich wohl auch heute wieder vorwiegend sitzen, mir einen Ort am Wasser suchen und zu schreiben versuchen werde … allerdings am letzten der → Béartgedichtes, da wirklich fertig werden muß, bevor ich am 3. ins Krankenhaus wechsle.
Doch seit der Beeinträchtigung ist nicht nur die Lust dahin, Catania in die Nefud zu betten, um beide miteinander so zu verwirken wie Lilly und mich, ja überhaupt zu erzählen, sondern auch die Leidenschaft, die die Béarts trägt. Ich finde nicht den Ton, bin zu dunkel, möchte sagen: zu grämlich, die Klage hat die Überhand (Gendercorrectness, neue, konsense “Moral” usw.), wo gejubelt werden, begeistert angerufen werden müßte. Das klingt dann so, womit ich gar nicht zufrieden bin:

(…)
fließt Du mir mit dem Leben aus,

das ich am Meer noch habe und unter dem Vulkan,
wohin, zum Feuerend’, ich kam, vielleicht,
dem Wellengang zu lauschen und Blicke auszutauschen,
die nicht mehr ganz erlaubt sind – nichts,
was sich noch niederreißen ließe, außer, Béart, mit selbst
und meiner unpompejisch, allein pragmatisch
ohne der Sturm, ohn’ Erregungslust verschütteten Welt,
die ohne Schutt doch sei, ohn’ Frage und Zweifel,
ein Nein ist ein Nein, unverbindlich das fiat der Ih-aas:
ein jeder Mensch Esel, der zustimmt und faßt
nichts mehr an, das zurückschlagen könnte und wartet –
voraussetzt, daß wir es nehmen, und höhnt uns im stillen,
wenn wir’s nicht wagen,
da es auf Kraft nimmer ankommt,
seit wir die Gene auf Nachfrage mischen.

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Béart 55 <<<<

Gut (das heißt nicht gut): Ausflüge entfallen. Ich werde mir einen Ort zu suchen, nur zu sitzen, zu denken und, wenn es geht, zu schreiben — was aber, Freundin, nicht bedeutet, daß ich nicht doch noch eine feine Erzählung aus dem Zeitlabyrinth hinbekommen werde; wahrscheinlich nur nicht mehr hier in Catania direkt. Es würde auch zuviel Zeitaufwand kosten, denn übermorgen bereits flieg ich schon wieder zurück. Da mag ich meine letzten zwei hiesigen Tage nicht im Zimmer verbringen unter Ausschluß sozusagen der Welt. Ich bin ja doch, trotz allem, sehr sehr gerne hier, gehöre hier, spüre ich wieder, quasi hin — und die Tumorschmerzen – abgesehen von den komplett zerblasten Fußsohlen, die wohl eher nicht –hätte ich in Berlin genauso.

Ihr ANH,
der jetzt die Tage bis zur OP zu zählen anfangen kann: Tag 12 vor der Enteinigung.

P.S.:
Sehr froh aber, selbstverständlich, bin ich darüber.

“Noch einmal, eh mein Herze bricht”: ANH an Liligeia, elfter Brief. Donnerstag, den achtundsiebzigsten Krebstag 2020.

 


[Arbeitswohnung/Nefud
16. Juli 2020,, 7.20 Uhr. 73.5 kg.

Malipiero, Cellokonzert]

Ich weiß,

ach meine Lilly,

nicht, was Dich bewogen hat, so sehr in mir zu wüten, daß ich vorgestern und vorvorgestern quasi bewegungslos verharren mußte, jeweils ein paar Stunden auf dem Lager, und des verehrt-geliebten Henri Heines Matratzengruft fiel mir da ein:

Und ist man tot, so muß man lang
Im Grabe liegen; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, das Auferstehen
Wird nicht so schnell von Statten gehen.

Noch einmal, eh mein Lebenslicht
Erlöschet, eh mein Herze bricht –
Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
Um Frauenhuld beseligt werben.

Heine, Matratzengruft: → Der Abgekühlte

Und das, wie wirklich Dich beschreibend, ist mir ohnedies dauernd gewärtig:

Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrad trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.

Heine, → Es hatte mein Haupt die schwarze Frau

Nicht einmal das Novamin wirkte, jedenfalls brauchte es Stunden, um diesen quer überm Sonnengeflecht stehenden Schmerz wenigstens zu beruhigen; völlig gelang es erst in der Nacht mit zusätzlichen THC-Gaben und obendrauf noch einer, damit ich durchschlief, Zolpidem. Eine für mich völlig neue Massierung von Medikamenten.
Also sag mir, was es war, das Dich so wütend machte. Schier von Sinnen bissest Du herum und bohrtest Deine Spaltbeinspitzen ins Organ. Ist es das Gespräch mit Professor Heise gewesen sowie meine Entscheidung für das Sana-Klinikum und daß nun Aqaba derart konkret wird, sogar schon das genaue Datum festgelegt zu haben? Oder daß ich die OP ein Fest nenne, zumal unserer → “Enteinigung”! Aber wie liegen da beide im Risiko, ich nehm mich gar nicht aus. Immerhin das könntest Du doch achten, indem Du Dich mir milde zeigst. Und daß seit gestern morgen der Schmerz vorüber, beinah völlig, auch wenn ich “sicherheitshalber” alles noch mit weitrem Novamin gedämpft habe, — liegt dies daran, daß Du Dich ausgetobt hattest und einfach nur derart erschöpft warst, von Dir selber, daß ich tatsächlich wenigstens das eine → Auge lasern lassen konnte (das rechte)? Beim linken sah die junge Augenchirurgin keinen Handlungsbedarf. Tatsächlich war der meine Sicht trübende und sowohl Arbeit wie Lektüre deshalb zunehmend behindernde Milchschleier rechts sehr viel stärker. Nun  ist er dort völlig weg, ich sehe wieder messerscharf – nur aber eben rechts ist die vermilchte Irritation noch da. Um zwölf bin ich zur Nachuntersuchung bei der Augenärztin, dann werde ich’s ansprechen und will eben auch drauf beharren, daß der im übrigen wirklich nur kleine und kaum fünf Minuten währende Eingriff auch rechts noch durchgeführt werden wird. Zumal es überhaupt keine Probleme wegen der Nefud gab, weder ihretwegen noch wegen des Clopodigrels, das eine Woche vor der Großen Enteinigung aber abgesetzt und durch Heparin ersetzt werden muß. Und wenn Du mich nicht wieder quälst, ist alles – und aber mit welchem Erfolg! – im Nu zum besten.
Wir werden sehen.
Oder haben Dir, als Du tobtest, die Zytostatica gefehlt? Nein, ich meine das nicht zynisch. Es war doch immer so, daß Du gegen Ende einer Chemophase böse sozusagen auflebtest, bis die neuen Infusionen Dich wieder, ich schreibe mal, gelassener machten, und es wäre Zeit für die fünfte Chemo gewesen oder dem Einritt in der Nefud fünften Kreis der erlösenden, bzw. zur Erlösung führenden, sie zumindest in Aussicht stellenden Hölle. Irgendetwas war es jedenfalls, Dich derart häßlich zu machen, daß ich ganz auf meine Liebe vergaß und  nur dachte: Ach, wär sie endlich fort!
Doch kann’s eben sein, daß wir beide in enger Umschlingung unsere Enteinigung nicht überleben werden. Ich bin mir des Risikos völlig bewußt. Und wie gerne wäre ich also noch mal ans Meer gefahren, mare nostrum aber — nur daß mir meine Contessa gestern absagen mußte. Meine Entscheidung fiel einfach zu spät, auch wenn sie früher fallen nicht konnte, weil die ärztlichen Ergebnisse abzuwarten waren. Ach, und ich hatte dabei einen derart günstigen Flug gefunden, hätte nur gleich buchen müssen. Was ich eben nicht konnte. Ich  möge bitte nicht böse sein … Bin ich auch nicht, nicht im geringsten. Traurig aber ist es schon. — Ah, war es das? Erwisch ich Dich bei einer (ich weiß, Du wirst es nicht gern hören) … — Menschlichkeit? Du hattest wohl wie ich selbst die Absage vorhergeahnt, als ich tags zuvor mit der Contessa telefonierte und ihrem Tonfall entnahm, daß es mit dem Besuch auf der Insel nichts mehr werden würde. Da stelltest Du Deine Angriffe ein. Ist doch zumindest auffällig, dieser Gleichzeitigkeit. Dachtest Du: Nun ist er wirklich genug gestraft? Oder ließest Du von Deinem quälenden Toben, damit ich von der Traurigkeit nicht abgelenkt würde, sondern sie auch zur Gänze durchlebe? Das wär dann Infamität noch auf den Schmerz oben drauf.
Ah, das gefällt Dir? Wir küssen uns, wir schlagen uns. Gemeinsam ist uns immerhin das, aus tiefster Seele, beide, incorrect zu sein.

Klar, ich habe nach Alternativen geschaut, Neapel, Catania, Palermo. Doch die Flüge sind teuer geworden dort hin, zumal ich dann auch noch die Unterkünfte zahlen müßte. So viel Geld ist nicht da; auch sollten die Kosten im Verhältnis stehen. Zu zelten hingegen, die kostengünstige und mir ohnedies nahe Alternative, scheint mir derzeit nicht angebracht zu sein. Und ich muß Risiken abwägen, coronahalber, nicht weil ich furchtsam wäre oder glaubte, eine Infektion nicht durchstehen zu können, sondern weil dergleichen den OP-Termin unserer, Lilly, Enteinigung gefährden würde. Besser also, ich folge die verbleibenden ja nur noch achtzehn Tage den Zeitlabyrinthen, → von denen Marah Durimeh erzählt hat, und suche mir darinnen mein Meer. Oder ich finde spontan einen Restplatz im Flieger, am besten einen Tag vor dem Flug – die für dreivier Tage Abwesenheit gepackte Tasche kann ja gepackt schon bereitstehn. Ich denke nicht einmal, daß Faisal mich im Labyrinth, das doch eben der Zeit ist, vermissen, ja mein, ich sag mal, Fehlen überhaupt bemerken würde – schon weil ich Schlaf-, bzw. Traumzeiten nutzen könnte. Und falls es denn doch nichts werden sollte, es ist ja alles ziemlich knapp und wegen Corona auch nicht unkompliziert, fahr ich vielleicht zumindest an einen der Berlin-mecklenburgschen Seen, und unterhalte mich mit Najaden, deren Eifersucht der Deinen bekanntlich nicht nachsteht; vielleicht, daß ich den Fokus Deiner Konzentration dann auf sie umlenken werde. Du wirst Dich dagegen kaum wehren können. Doch, wie auch immer, eines gib zu: Wenn wir nachts tatsächlich schlafen, an- und beieinander, ist es nicht auch für Dich dann erholsam? O Liligeia, kleine Erde, laß uns doch miteinander diese letzten Tage wenn schon nicht voller Liebe, so doch barmherzig verbringen. Ich jedenfalls habe auf Kampf nicht große Lust; heftig genug wird Aqaba werden.

A.

P.S.:
Es geht nicht darum zu gewinnen. Gewönnest nämlich Du, verlören wir beide; gewönne aber ich, verlörest Du allein. Bedenke dies.

Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

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Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

“Ich löse mich in tönen · kreisend · webend”: Das Arbeitsjournal und Krebstagebuch des fünfundsechzigsten Tags (darin der Vierten Chemo vierter): Freitag, den 3. Juli 2020.

 

 

[Arbeitswohnung, 7.41 Uhr. 72,5 kg
Finzi, Introit for solo violin & small orchstra, op.6]

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.
Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen.
George, → Entrückung

Gestern war dann wieder so ein bekiffter Tag, dessen weitgehende Beschwerdefreiheit mich → aus der Nefud an meinen Schreibtisch setzen ließ, um dringende Arbeiten, zu denen auch der gestrige – an dem ich vorgestern → so kraftlos hängengeblieben war –  Eintrag gehörte, fertigzustellen und/oder voranzutreiben. Für meine Lektorin gleich vier der → Béartentwürfe eingesprochen und geschnitten; bei einem mußte auch montiert werden, da es darin eine parallel zu sprechende Passage gibt, die sich von einem Sprecher allein nicht gleichzeitig realisieren läßt. Damit da dann aber nicht nur ein nicht mehr trennbares Durcheinander erklingt, mußte ich überdies die eine Tonspur mit einzwei Effekten anreichern, die die Sprache musikähnlicher wirkten lassen.
Das hat dann schon mal zwei Stunden gebraucht.

Weiterhin waren auszufüllen und hinauszuschicken die Formulare für den Bamberger Lehrauftrag, der doch zugleich ein, sagen wir, Wechsel auf meine nicht gewisse Zukunft, nämlich eventuell mit meinem Leben gar nicht mehr gedeckt ist. Dennoch plant Bamberg weiter, anders als es, wegen Corona, sonstige Veranstalterinnen und Veranstalter tun. Das beruhigt. Es wird ja, wenn, ein Leben nach der OP geben, und das will finanziert sein. Meine süße Krebsin läßt mich das derzeit immer wieder vergessen. Ich durchreite die Nefud nicht nur imaginär, sondern lebe in ihr wie in einer parallelen, mit der Berliner Gegenwart allein durch die Abendspaziergänge verbundenen Welt … – nein, stimmt nicht, nicht nur durch die Spaziergänge, sondern selbstverständlich auch durch die Nähe meiner Lieben, durch die vielen Freundinnen und Freunde, durch Leserinnen und Leser. Ich hatte selten das Gefühl solch einer Nähe, solch Aufgehobenseins in einem Netz sympathisierender Bezüge. Dafür einmal danke. Daß es im Literaturbetrieb, von meinen Verlagen selbstverständlich abgesehen, bei der Ablehnung bleibt, ist da fast egal. Für ihn gilt, was ich vor einer halben Stunde dort geantwortet habe: Macht und Freiheit sind und bleiben Gegner, nein: Feinde. Ob eine Macht “auf der richtigen Seite steht”, spielt dabei keine Rolle, zumal die Zeitläufte permanent umdefinieren, was richtig sei, was nicht. Und wenn dann noch Menschen “erzogen” werden sollen …
Wobei mir jetzt erst, da ich die Béarts nach und nach einspreche, wirklich bewußt wird, welche Provokationen in dem Gedichtzyklus stecken, solche, die als Provokation gar nie gemeint waren, es aber über die Entwicklung der scheinbaren, wohl auch scheinheiligen “Moral” während der Jahre geworden sind, in denen diese tatsächlich sehr männlich positionierte Poesie entstand – von überdies einem “weißen”, nicht mehr jungen und schlimmer noch abendländisch-elitär gebildeten Menschen geschrieben, was unterdessen ja schon ein Ausschlußkriterium-für-sich ist, zumal dann, wenn man(n) nicht wenigstens ein bißchen häßlich ist; körperliche Unansehnlichkeit hat im vor allem deutschsprachigen Literaturbetrieb schon immer Vorteile gebracht, Eleganz, Schick, Wohlgeformtheit sind eher nicht gesellschaftsfähig (: auch oder erst recht nicht, wenn man sich um sie trainierend bemühte; sowas gilt als “eitel”); ja selbst als Stil stehen sie unter Verdacht, sowie er sich aus dem Realismusbrei erhebt oder sich sogar weigert, von dem faden Zeug zu essen. Ich meine, ich schaffe es ja nicht einmal jetzt, auch nach jemandem auszusehen, der in der vierten Chemo steckt. Daß mir kein Bart mehr wächst, merke ja nur ich, und die Augenbrauen sind noch immer da, wenn auch deutlich ausgedünnt. Die Glatze zudem habe ich seit 1986. Kurz, man kann meinen Krebs nicht sehen (schon gar nicht, daß er weiblich ist, und daß wir uns Liebesbriefe schreiben, dürfte dem Pop, zu dem als Untersparte der sog. Realismus mittlerweile gehört, ausgesprochen mißfallen: incorrect bereits, eine Frau aus dem Tumor zu machen und dann mit ihr, die OP, noch schlafen zu wollen). Nichts, was ich tue, entspricht dem, was der Zeitgeist will, der insofern stets sein Fehlen ist, als er sich im Zeitgeschmack erfüllt — als Ideologie der Macht oder des Machtwillens, der Machtgier, des Machthungers und eines, klar, ausgeglichenen Bankkontos.
Doch mag ich gar nicht schimpfen, hab ja schließlich Krebs — ein insofern guter Umstand, als er die Verhältnisse deutlich zurechtrückt. Was wichtig ist, was eitel ist, was purer Betrieb und eben auch, was Dummheit ist. Wie gut die mit Macht zusammengeht, sehen wir an Donald-nicht-Duck; der trägt sein Bürzel als eklig gelbe Tolle.

Noch mal zu den bekifften Tagen zurück: Es gibt, so bestätigt’s sich nun, eine Neigung der Chemo, mir die Wirklichkeitsgrenzen aufzuweichen – vielleicht aber, weil dies ohnedies meiner jedenfalls peotischen Wahrnehmungsweise entspricht. Bei der dritten Chemo war es allerdings unangenehm – anders als bei der zweiten, während der ich noch einen Zusammenhang mit meinem Dronabinol, bzw. Cagliostros THC-Tropfen vermutete (beides habe ich nachbestellt); ich kam mir zeitweise hilflos, ja behindert vor. Dieses Mal ist’s indes wieder lustvoll und ergab sich auch ganz ohne die Cannabisemulsionen, woraufhin ich sie allerdings dazu verwende, den Effekt noch zu verstärken. Auf diese Weise brauche ich zur Eindämmung  der Chemo-Nebenwirkungen kaum noch andere Medikamente; daß ich zuletzt ein Schmerzmittel nahm, liegt schon über eine Woche, vielleicht sogar länger zurück. Gegen die morgendliche Übelkeit nehme ich eh schon lange nichts mehr; nach einer Stunde hab ich sie vergessen. Die Schwellung der Füße hat tatsächlich nachgelassen, seit gestern sehr, sehr deutlich, und das Kribbeln in den Fingerspitzen ist zwar spürbar, aber gut erträglich. Außerdem hat die Nasenbluterei und die der  Mundschleimhäute komplett aufgehört, und seit heute früh scheint sich auch der Darm wieder eingependelt zu haben. Dabei sollte man, genau wie frau, doch annehmen, daß die vierte, in meinem Fall eben letzte präoperative Chemophase die schwerste sein werde; tatsächlich war die schwerste aber die dritte. Bislang. Was noch kommen wird, ich weiß es selbstverständlich nicht, nur, daß sich bislang alles mit einer sehr einfachen klaren Haltung aushalten ließ, die überdies den Vorteil in sich trägt, daß sie die Todesangst ausschließt, ja nicht mal eine kennt. Woran die Erotisierung, ja selbst schon die Sexualisierung der, nun jà, “Krankheit” als Vorstellung einigen Anteil trägt, Lis und meine körperliche Umschlingung während der uns trennenden Operation werde im ungünstigsten Fall einen Orgasmus bewirken, in dem wir explodierend (ekstaseisch!) sterben: Tod und Wollust werden eines, und diese, die Wollust, zur religiösen Übergangserfahrung. Abendländisch-poetischer Sufismus. Und kommt es zu diesem Orgasmus nicht, nun jà, dann hab ich überlebt und leb noch lang, womöglich, weiter,

um meine anderen, noch offenen Arbeiten abzuschließen. Nach den Béarts, die in jedem Fall fertig werden, Destrudo, die Briefe nach Triest, Melusine Walser, einige nur als noch Entwürfe hier liegende Erzählungen. Und dann vielleicht doch den Friedrich(.Anderswelt) noch angehen. Und mal wieder, was mir sehr fehlt, ein Hörstück zu schreiben und zu Klang zu bringen. Falls mir wer den Auftrag gibt.  Übrigens wird vom Deutschlandfunk → in knapp zwei Wochen mein Tokyo-Hörstück wiederholt; → am 25. Juli folgen rbb und MDR. Für den Herbst erlaubt mir das, finanziell ein wenig auf- und Luft von anderem Planeten einzuatmen. Was mich jetzt dazu bringt (bevor ich weiter an Béart XXXIII arbeite), endlich die Finzi-Anhörerei einzustellen (keine Ahnung mehr, was mich nun schon zwei Tage lang an englisch-traditioneller Kunstmusik festhielt) und mich auf wirklich gute Musik zurückzukonzentrieren: erst Schönbergs Zweites, dann des Komponistenfreundes Robert HP Platzens Viertes Streichquartett. Und dabei, tja, werde ich irgendwann in die Nefud zurückkehren; durch irgendeine, für mich grad nicht sichtbare Lappenschleuse kann ich Röhrerich schon nach mir rufen hören. “Aqaba!” ruft er, “!العقبة قريبة

 

 

 

 

 

 

 

[Schönberg, Streichquartett Nr. 2 op. 10, LaSalle]

(Wobei’s denn doch a bisserl irritiert, daß Google Aqaba/العقبة
mit “Hindernis” übersetzen läßt. Es könnte sich lohnen,dem
nachzugehen. (Ich sollte beginnen, Arabisch zu lernen;
für den Friedrich brauchte ich’s eh.)

Marah Durimeh! Aus der Nefud, vom letzten Tag des dritten am zweiten und dritten des vierten Kreises geschrieben. Mittwoch, der 1., und Donnerstag, der 2 Juli 2020, den nämlich drei- und vierundsechzigsten Krebstagen.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
6.03 Uhr, 72,8 kg]
[Bach/Ramirer, Präludium & Fuge XVIII]
Das Wohltemperierte Klavier, Buch II]
2. Juli (يوليو) 2020
mit Röhrerich (r.) zur gemeinsamen Morgenmeditation

Meine Ahnung bestätigte sich — oder, vielleicht, hat sie, was dann geschah, geschaffen: eine zitternde, weil nur ungefähre und auch nicht zu allen Zeiten stetige, das heißt eben: ungewisse Seite meiner poetischen Ästhetik; so sehr rührt sie vielleicht nicht an Mystik, berührt sie aber doch. Worüber zu sprechen ich gerne, als Realist, vermeide: Vorhang meines Saïs.

Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.
Schiller,
Das verschleierte Bild

Nun gehn wir zur Wahrheit in aller Regel alle durch die Schuld, die erkenntnistheoretisch nichts andere als ein Irrtum wider bessres Wissen (oder Ahnen) ist. Und ich, nun jà, dachte ich meditierend soeben vor dem Zelt – es meditierte in mir – bin auf dem Weg zur Wahrheit meines Körpers durch die ihm zugemutete Schuld des Geistes, die sich als Liligeia nun ineinander repräsentieren: Lili-Gäa eben oder auch, worauf Schiller wie Novalis verweisen — Isis. Die nun unversehens ins → letzte Béartgedicht nicht nur “paßt”, nein, hinein sogar muß. Immerhin  ist die Isis lactans das Urbild Mariae mit dem Jesukind.

Also wir stürmten, muß ich schreiben, mit unserer kleinen Kamelkavalkade von den Sanddünen gegen das die Wüste immer wieder flankierende nicht sehr hohe, aber doch schon der Farben wegen eindrückliche Gebirge; ich weiß nicht, ob ich schon jemals solch Variantenreichtum von Rot gesehen habe, Farbschattierungen, für die Araber sehr wohl Bezeichnungen, wir hingegen nicht mal einen Sammelbegriff haben; naheliegend wiederum für Menschen, die hier leben. Das Scots etwa kennt 421 Wörter für Schnee; daß allerdings auch die Inuit über solch eine Ausdrucksfülle verfügten, ist eine, → las ich gerade, Mär, die offenbar, um kurz zur “Mystik” zurückzukommen, nicht dazu geführt hat, sie aufgrund der Idee wirklich entstehen zu lassen (→ Realitätskraft der Fiktionen):

 

 

Hier aber nun

— eine Schlucht hatte sich geöffnet, hinter der sich das, ich nenne es so,
Tal der Durimeh öffnete, das eine Art ausgedehnter Oase, wenngleich in
keiner Weise märchenhaft ist, sondern in seinem kraterähnlichen Zentrum nichts als ein sich um die Quelle und unter ein paar
Palmen gruppierender, ziemlich staubiger Ort, der vor allem eines ausströmte: Verlassenheit; doch zog sie sich dauernd um, je tiefer wir hineinritten, wechselte ein Kleid nach dem andren, bis sie, diese Verlassenheit, etwas Schrebergärtiges bekam, etwas von nicht geschnittenen, ungehegten Johannisbeersträuchern, improvisiertem Gewächshaus-in-klein und mitten darin eine dieser über und über bildbesprühten , dachte ich erst, BVG-Baracken, wie man sie in Berlin immer wieder noch findet. Diese hier erinnerte mich sogar extrem an das aufgelassene Gebäudchen der vor sich hin sinnierenden  Zwischen-Endhaltestelle der M10, eines, obgleich mitten in der Stadt, nahezu ebenso solitären wie zeitlosen terrasseflachen, von sowohl neuen wie sehr alten, grasüberwachsenen Geleisen durchzogenen  Raums mit zwei Plattformen für mögliche Fahrtgäste – insgesamt aber wohl nur dann genutzt, wenn im gleich angrenzenden Stadion ein Fußballspiel stattfindet; genau sie aber, genau diese Baracke, war unser Ziel —

war es offenbar so gewesen, die Fiktionen hatten ihre Kräfte spielen lassen und die Realität mehr als nur beeindruckt  — denn tatsächlich, kaum hatten wir uns bemerkbar gemacht, erschien eben diese Marah Durimeh, wie ich es → meiner Lilly schon quasi propheizeit hatte.  Wobei ich mit Durimeh natürlich die schwarz gekleidete Greisin meine, die uns → Adullahs Gärten geöffnet hatte, nicht etwa Karl Mays — und → seines Nachschreibers Kandolf (nie gelesen; ein Versäumnis? der Mann hatte einen richtigen Instinkt) — “tatsächliche” Figur. Meine Güte, über eine Woche liegt auch das schon wieder zurück, daß sie uns öffnete (und aber auch gleich wieder verschwand)! Nur daß sie jetzt weder schwarz gekleidet — sie trug vielmehr ein, wie May es will, strahlenden Weiß — noch auch nur entfernt Greisin war; es war vielmehr ihr Alter in keiner Weise ausgemacht, es flirrte wie die noch jetzt, gegen Abend, heiße Luft, und obwohl Frau Durimeh (sie nannte sich völlig anders, stellte sich mit dem etwas schwedisch klingenden Manna Jansen vor, “Manuela eigentlich, ich hab das schon als Kind gehaßt”) die Sechzig in jedem Fall überschritten hatte, muß ich ich sie ausgesprochen schön nennen. Und nebenbei wird hier der eigentliche Grund für Mays einander auf erstes Lesen widersprechende Beschreibungen deutlich —

Ich (…) erblickte eine alte Frau, deren Äußeres mich schaudern machte. Sie schien über hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes (1882) | Sie war gewiß hundert Jahre alt, doch ihre Gestalt stand gerade und hoch aufgerichtet; ihre Augen hatten jugendlichen Glanz; ihre Züge waren seltsam schön und weich (1904) | Ich (…) sah eine ganz eigenartige schöne Frau, deren Alter so hoch war, daß es, wie ich später erfuhr, gar nicht mehr bestimmt werden konnte (…), und in ihrem hochedel geformten Gesicht war fast keine Spur einer Falte zu sehen (1908)

Wikipedia irrt hier in der Meinung, Karl May habe seine Schilderungen von Kara Ben Nemsis erstem Zusammentreffen mit ihr seiner neuen Sichtweise erst später angepasst; Tatsache ist, daß er, Ben Nemsi also, seine ersten Eindrücke im Wortsinn nur nicht nicht fassen konnte, wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil seine historischen Zeit noch bleibend geprägt vom Konzept fester, ein- für allemal bestimmter Identitäten war — anders als Alban-Ben-Nemsi-ich, dessen poetische Perspektive bereits früh unsere Ichkonturen sich ineinander verschwimmen ließ. Und anders als mir, dem entschiednen Hetero, mußte dem, ich sag’s mal mit leicht perfider Ironie, platonischen Frauenfreund der jugendliche, durchaus etwas perverse, ich möchte sogar schreiben lillische Sex entgehen, den sie und jede ihrer Bewegungen, diese rein für sich, derart … ja, emanierten, daß sich meine Lider wieder und wieder auf Spaltenge zusammenpetzen mußten. Und wie schon am Eingang der Gärten nahm sie ganz allein von mir Notiz, was ihr der Stammesfürst Faisal auch diesmal nicht zu verübeln schien, und sprach alleine mich an. Wobei sie nicht lächelte, ihr Gesicht blieb unbewegt wie seines. “Dann kommen Sie mal mit.” Da saß ich noch auf Röhrerich!
Blick zu Faisal, der nur – was, dieses “nur”, “nahezu bewegungslos” bedeutet – nickte. So rutschte ich rechtsseitig von meinem Reittier, das sich nicht einmal legen mußte. Ich hatte einen wirklich guten, beschwerdefreien Tag, nein, schon zwei solche Tage hintereinander gehabt, oh Dank Dir, Liligeia! – war geradezu wieder in Form, ließe sich’s sagen.
“Gehn Sie nur, mein Freund, wir errichten derweilen das Lager.” – Leichte Unterarmbewegung Richtung ben Gamael, der sie gegenüber den Gefährten wiederholte ohn’ Ansehns ihres Standes. – Schon war Bewegung in der Karawane. Die Dromedare röhrten, was, wie ich unterdessen weiß, zu ihrer Disziplin gehört, womit ich deren Lockerung meine. Die stoischen Tiere kommen mit Veränderungen anfangs nie klar, während sie eingetretenen Abläufen quasi unendlich folgen können. Deshalb bedeutet eine Pause immer auch ebensolche Unruhe wie ihr Ende. Immer dann geht so ein allgemeines Konzert los, ich hab’s ja → da schon mal vorgeführt:

Doch als ich der Durimeh in die BVG-Baracke gefolgt war und indem sich hinter uns die Tür schloß, war das Geröhre mit einem Schlag ebenso weg wie jedes andere Außengeräusch. Es wurde statt dessen so enorm still, daß zu sprechen sich wie eine kleine Schändung angefühlt hätte. Deshalb folgte ich der Durimeh fraglos durch den für den doch sehr kleinen Bau viel zu langen Gang, bis wir rechts durch eine angelehnte Tür, die Durimeh nun  hinter uns verschloß, in einen sehr viel eher japanisch denn chinesisch wirkenden Raum eingetreten waren, und der Orient war gänzlich verschwunden.
“Wie halten wir es mit den Masken?” Sehr klarer, kühler Aufblick Durimehs. Erst da fiel mir auf, daß wir coronahalber beide solche trugen. Also war ich wieder in Berlin. Ich kannte sogar die Straße, Seelingstraße, westlich der Charlottenburger Schloßstraße. Vor Jahren hatte hier → der wilde Eigner zwar ungern, vergleichsweise aber gut gelebt, mit damals noch einigermaßen intakter Familie. Hier war der kleinen Familie einmal der für den Berliner Hochsommer zu prallevolle Olivenölballon geplatzt, so daß nahezu zehn Liter besten, aus in Olevano eigener Ernte gewonnenen Olio vergines den Kühlschrank hinuntergeflossen waren und als daumenstarke Schicht den gesamten Küchenboden bedeckt hatten. Was zu einem Irrsinnswutausbruch geführt hatte, Eigners, der das Problem indes nicht löste. Dieses zu tun überließ der Berserker seiner Frau – was angesichts seiner Cholerik zwar rücksichts-, doch ausgesprochen sinnvoll war. Es war ja auch ein kleines Kind noch da. Besser, seine Wut und er verließen die Wohnung und er ertränkte sie. Wobei wahrscheinlich schon da eine der Szenen vor ihm aufstieg, die LICHTERFAHRT MIT GESUALDO zu solch einem Abschiedsgesang macht:

Aber da haben wir sie auch schon, die verschiedenen Klangfarben des Textes, geführt wie die Stimmen eines Madrigals; die unaufhörliche Fortbewegung als Kontinuum, Becks Erzählung als treibende Melodie, Redderichs Gedanken und spärliche Einwürfe als zweite Stimme, die sich hin und wieder verliert, nie aber abhanden kommt.
Ulrich Faure, Rheinischer Merkur

Daß mir das jetzt und ausgerechnet hier wieder einfiel! Hätte ich’s nicht schon sofort wissen müssen, als mir die Adresse genannt worden war? Ich spreche immerhin von Berlin! Indes kam meine Erinnerung an all dies erst zurück, als ich mit dem Fahrrad noch auf dem Kaiserdamm war und gleich rechts abbiegen mußte. Ich hatte es wahrscheinlich verdrängt, weil mir andernfalls sofort Eigners, muß ich jetzt schreiben, Totenbett und die, ich weiß nicht mehr genau, drei? Monate seines Komas  im Urbankrankenhaus eingefallen wären, eine Lebensendsituation, die für diesen freien, schimpfenden, kämpfenden Mann erniedrigender war als jemals etwas zuvor. Und stehe, ich, jetzt vielleicht genauso davor.  Es muß nur etwas schiefgehn  bei der Operation, oder ich wache aus der Narkose nicht mehr auf. Dann werde ich ebenso hilflos daliegen, und ehrlos. Daran nicht denken! Aber für diesen Fall alles vorgeordnet haben. — Einen Schwamm, einen nassen, nassen Schwamm! ——— Ah, hier hat doch auch meine Cellolehrerin gewohnt ..! Neufertstraße, Die ersten Zehnerjahre dieses Jahrtausends … Trennungen, Trennung, der BuchprozeßMEERE, ja MEERE … Welch Wasserfall von Erinnerungen! Ein früheres Leben in einer anderen historischen Zeit … – nur schnell zurück in die Wüste! Nur schnell der Nefud Sand darüber:


Aus dem die Jansen fragte, nun wieder ganz Durimeh: “Lassen wir sie auf oder halten wir Abstand?” – Was auf? Ah richtig, die Masken. Wir saßen mittlerweile an den gegenüberliegenden Seiten eines kleinen Behandlungstisches.
Sehr sympathisch, daß sie die ihre jetzt abnahm; ich tat es ihr nach. “Nur wenn ich mir Ihre Zunge ansehen, werde ich sie wieder aufsetzen. Einverstanden?”
Und sie begann mit der Anamneseerhebung. Dann sah sie sich tatsächlich meine Zunge an, die ihr offenbar nicht recht gefiel, “aber darüber reden wir ein andermal. Jetzt erst einmal Ihren Puls. Bitte beide Hände mit den Flächen nach oben hier drauflegen,” hier waren je ein Kiss’chen, “so, ja, entspannt bitte.” Sie fühlte nach dem Puls, schloß die Augen, rechnete. “Sie haben einen starken Puls”, befand sie dann und präzisierte: “einen drängenden Puls.” Woraus sich auch schon die vorerste Diagnose ergab, ein starkes Ungleichgewicht von und zu schweren Ungunsten des letzteren, also daß in mir extrem ausgebildet sei, was mit Feuer, Wille, Aktivität zu tun habe, indes die Stille und Ruhe komplett unterrepräsentiert seien — ein, freilich, Befund, der bei einem ADHSler nicht wirklich verwundert. Es komme also darauf an, gerade jetzt meine Yin-Seite zu stärken, die ich instinktiv “die weibliche” nennen wollte, wäre das nicht wieder ein schwerer Verstoß gegen das soziale Genderkonstrukt und könnte mir erneut als Äußerung meines schon krankhaften Machos ausgelegt werden. Andererseits machte es einsichtig, so hoff ich jedenfalls, weshalb ich das Weibliche so ehre und immer wieder als etwas anrufe, dessen (“deren” !!) ich lebensnotwendig bedarf. Allein in diesem Verhältnis sind die Hymnen des → Béartzyklus wirklich zu verstehen.
Doch Durimeh, trotz ihrer Ausstrahlung, war nicht die Art Frau, mein viriles Bedürfnis zu stillen. Es war auch nicht ihre Profession, erst recht nicht ihre Absicht. Vielmehr projezierte sie die Erfüllung zurück in mich selbst: alles habe in mir zu geschehen, eben ohne ein Außen, und wenn es noch so weiblich mir Anima wäre.
So legte Marah Durimeh quasi den Finger auf meine Sehne des Achills. Und wurde extrem herb — wie um mir jede Möglichkeit zu nehmen, sie als Projektionsperson doch noch zu nutzen. Es trat eine in der Tat erstaunliche Ähnlichkeit zum ganz entgegengesetzten Verfahren zu Tag, das vor anderthalb Jahrzehnten → meine Psychoanalyse bestimmt hat; beide Disziplinen spielen mit dem Übertragungsprozeß, die eine, indem sie’s auf ihn anlegt, die andre, indem sie ihn strikte verweigert. Und darauf, daß ich eigentlich “nur” wegen der begonnenen  Neuropathie hier war, ging die Zauberin erst ein, als ich’s direkt ansprach. Woraufhin sie mir sogar einen Zweifel herüberspiegelte, daß ihre Therapien dort helfen könnten, jedenfalls ohne insgesamt mich “chinesisch” einzustellen – worauf ich zwar neugierig wäre, nicht aber in irgend ergebenem oder auch nur bereitem Sinn, das ideelle Grundkonzept zu akzeptieren. Dennoch, an die Akupunktur wollte ich schon deshalb unbedingt, ich noch niemals eine erlebt hatte.
Zu der es dann auch kam.
Wir wechselten das Zimmer. Im anderen standen zweiteilig-spanische Tatamiwände, vermittels derer sich Bereiche abtrennen ließen, visuell zumindest; hinter deren einer solle ich mich barfuß auf die Liege legen, über die Frau Durimeh vermittels einer unter dem Kopfteil angebrachten Einspannrolle eine Papierdecke aufzog.
“Entspannen Sie sich, ich setze Ihnen jetzt die Nadeln.” Die erste kam in den genauen Scheitelpunkt meines Schädels. Sie piekste am meisten. Zwei weitere kamen in die Füße. Hier merkte ich kaum etwas. “Ah”, so die Jansen, “da ist Ihr Empfinden schon sehr verloren gegangen.” – Beruhigend, daß es an den Waden wieder mehr piekste. Schmerz kann einen auch beruhigen, und eine. Dann noch der rechte Arm, eine Nadel oben in den Handansatz, eine letzte darunter ganz in die Nähe der Schlagader. “So, und jetzt ruhen Sie zwanzig Minuten. Es kann sein, daß Sie die Nadeln dann spüren. Sollte es zu unangenehm wird, rufen Sie mich bitte. Aber nach zehn Minuten komme ich ohnedies nach Ihnen schauen.” Womit sie mich verließ.
So daß ich zu dämmern begann – nicht sehr viel anders allerdings, wie wenn ich mich nach Empfang der jeweils neuen Chemoinfusionen immer wieder auf das Lager meiner Arbeitswohnung lagen muß. Anders aber eben doch, weil, nachdem ich noch erlebt hatte, wie Frau Jansen kurz zurückkam und “alles in Ordnung?” fragte und nachdem sie wieder fort war, ich in einen offenbar so tiefes Schlummern fiel, daß ich erst wieder zu Bewußtsein — im Infusionsraum meines Onkologen kam. Zu vollem Bewußtsein, meint das, in das, ich hing bereits am Tropf des Oxaliplatins, nur langsam die Erinnerung an eine Fahrradtour von der chinesischen Seelingpraxis zurück in die Arbeitswohnung wieder aufstieg, doch heftig von Dünen überlagert, sogar von einem kleinen Sandsturm und dann, wie mich ibn Gamael aus der BVG-Baracke abholte, Lars also, der doch bereits zum Team des Onkologen gehört, aber bereits in der Nefud repräsentiert für mich ist. Wobei ich gar nicht weiß, weshalb ich nach der Akupunktur so erschöpft war; ich hatte doch fast die ganze Zeit geruht! Dennoch, Lars mußte mich zu meinem Zelt bringen. Wobei mir all das eben erst wieder klar wurde, als ich bereits die vierte Chemo bekam: Initiation des Vierten Höllenkreises, der uns schließlich, wenn ich es überlebe, nach Aqaba Dir, Lilly, zuführen wird; da meines Wissens an einer Chemo noch niemand gestorben ist, jedenfalls nicht oft, der Übergang erst in unserer, ach Li, Vereinigungstrennung die Pforten lockend öffnet, wird dies auch für die Strahlungen zutreffen, für die ich darauf vorbereitet bin, daß ich sie noch mehr als die des dritten Kreises spüren werde — was bis jetzt, am nunmehr dritten Tag, aber noch nicht geschehen ist, sofern ich von → den gestrigen, tja, Anfällen? erstarkter Schwäche einmal absehe. Da war ich wirklich etwas verzweifelt, weil ich weder mit dieser Erzählung noch mit Béart XXXIII oder sonstigem weiterkam: selbst die für den Bamberger Lehrauftrag auszufüllenden Formulare ließ ich, nachdem sie endlich ausgedruckt waren, liegen.

Faisal läßt mir deswegen heute noch etwas Ruhe; auch sah ich noch einmal kurz die Durimeh, die uns nunmehr begleiten wird, um vor der irgendwann ab Mitte dieses neuen Monats anstehenden OP noch wenigstens zweimal ihre Nadeln zu setzen. Tatsächlich hatte ich seit heute beim Erwachen das Empfinden, es sei die Neuropathie vor allem in Füßen leicht zurückgegangen. Nach Aqaba selbst wollte sie, Frau Durimeh, aber nicht mehr mit hinein. Dieser Ort, sagte sie, sei allein für mich geöffnet. Ich hatte sofort den Eindruck, sie scheue sich vor Liligeia, als wäre es auch für sie gefährlich, meiner Krebsin unter die Augen zu treten, geschweige denn, ihr vor die Spaltbeine zu kommen – unter sie, heißt das…

Jedenfalls werden wir erst gegen elf/halbzwölf aufbrechen. Doch höre ich von der provisorischen Koppel bereits das Röhren wieder, weil unsere Tiere wohl schon vorbereitet werden. Ein Dromedar zu satteln, ist halt immer ein bißchen Aufwand. Ich werd mich jetzt mal über die Karten beugen, um zu schauen, wo wir eigentlich sind.

ANH, 10.38 Uhr
[Finzi, Five Bagatelles op. 23]

 

 

 

ANH an Liligeia, neunter Brief. Aus der Nefud, Phase III (Tag 12): Sonnabend, den neunundfünfzigsten Krebstag 2020.

[صحراء النفود.عالم آخر
15.15 Uhr, 71,7 kg
Peter Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 6]

Ach Krebsin,

nun meldetest Du Dich gestern doch wieder — erwartungsgemäß, ich weiß. Es war ja immer bisher so, daß Du wieder spürbar wurdest, sowie sich die Zytostatica verliefen und meinem Leib Erholung vom chemischen Beschuß zuteil werden sollte, damit Erholung aber eben auch Dir.  Und da nun habe ich, ausgehend von Deinem (ich muß ihn nach wie vor so nennen) → “Haßbrief” des 22. Mais, vielleicht etwas fehlinterpretiert. Nahm ich nach der zweiten Chemo noch an, Du wollest Dich jetzt für die vorausgegangene Unterdrückung an mir rächen, kam mir vorgestern bei meinem Abendgang, als Du Dich unversehens mit einem heftigen Schmerzschwall meldetest, der mir sogar ein bißchen die Luft nahm (ich blieb aber nicht stehen, setzte mich nicht, lasse mich nicht nötigen, spazierte möglichst lässig weiter) … also da kam mir ein ganz anderer Gedanke. Was offenbar bedeutet, daß ich mich in Dich einzufühlen beginne. — Meine Güte, mußte ich unerwarteterweise denken, da hast Du Dich unterm nefudschen Dauerbeschuß neun oder zehn Tage lang ducken müssen, tief ducken, und Dich vielleicht auch schrumpfen lassen, einfach, um weniger Fläche zu zeigen, die sich weiter derart quälten läßt, hast Dich also mindestens ebenso zusammengenommen wie ich es nun auf diesem Spaziergang tat, beide sind wir enorm stolz und zeigen keinen Schmerz, wenn’s nichts als Mitleid brächte … — und da läßt der Beschuß langsam nach, Du bekommst wieder Luft, darfst sogar die Lungen so sehr füllen, daß Du Dich ausdehnst, aber dabei merkst, daß Du den fast schon ein bißchen den Halt verloren hast. Weshalb Du Deine Beine neu in mein Organfleisch gräbst, nicht um mir wehzutun, bewahre, einfach, um nicht wegzurutschen. Jeder Bergsteiger schlägt so im Hang die Haken ein. Und wenn wir uns Deine Beine anschauen, ja, dann ist, daß es wehtut, einfach eine unumgängliche Folge, die mit Absicht überhaupt nichts, doch mit den Spitzen Deiner Spaltbeine alles zu tun hat. Du brauchst einfach festen Halt: meine Schmerzen sind da nichts anderes als die sozusagen Schläge ins Kissen, das Du nach einem ziemlichen Albtraum erst einmal wendest, um Kühle zu bekommen und endlich auch erholsam Ruhe zu finden.
Gut, Lilly, ich meine, wissen können hättest Du’s natürlich schon und mir vielleicht eine kleine, Dich ein bißchen entschuldigende Nachricht schicken können. Andererseits gehe ich davon aus, daß Du nach wie vor, besonders wegen der bereits am Dienstag anstehenden nun schon vierten (und präoperativ letzten) Chemo, sauer auf mich bist. Du meldest Dich ja auch gar nicht mehr. Dabei kommen wir Aqaba näher und näher. Vergiß bitte nicht, daß diesmal auch ich unter den Zytostatica ein bißchen was zu leiden hatte; als wir die ersten zwei Höllenkreise durchquerten, war das noch nicht so gewesen; ach, hatte ich nach der ersten gedacht, das sitzt du doch locker auf einer Arschbacke ab. Auf einen über Jahrzehnte trainierten Körper lasse sich’s schon verlassen – was eben übersieht, daß auch Sportler sich vergiften lassen. Nun jà, und schon diese dauernde Kraftlosigkeit in den vergangenen Tagen, dieses ständige michhinlegenMüssen — bizarr für einen ADHSler wie mich! Und dennoch aber, ich gebe es zu, ausgesprochen wohl sedierend, wenn ich mich mit den Kopfhörern legte und nur noch auf die Musiken weniger am Unwohlsein vorbeikonzentrierte, als es vielmehr transzendierend, weil sich die in Schmerz- und ähnlichen Zuständen spürbar insgesamt gesteigerte Empfindsamkeit tatsächlich ausrichten und fokussieren läßt, so daß, was uns eigentlich quält, in die Lust an neuen Wahrnehmungen umschlagen kann und es auch tun wird, wenn wir uns genügend konzentrieren, d.h.: im Willen diszipliniert sind. Da es nicht um Aktivität, sondern um kontemplative Wahrnehmung geht, die keiner zusätzlichen Energien bedarf, ist das sehr gut möglich.

Und heute, Du Liebe, hast Du ohnedies mehr als ein Einsehen. Da ist unversehens gar kein Schmerz momentan, und meines lieberen-als-Du-bist-Röhrerichs stoisches gleichsam Rollen in den Dünenwellen erlebe ich völlig ohne Übelkeit. Außer dem Dronabinol nahm ich seit Aufstehen gar kein anderes Medikament, radelte zum Markt für Käse und Obst, zum Fischhändler für Sashimi (teils schon mittags verfuttert), mein Appetit ist ja zurückgekommen, ich will wieder auf die 74 und möglichst noch zwei Kilo drüber hinaus, damit ich, wenn wir uns in Aqaba umklammern werden, genügend eingelagerte Energie freisetzen und Dir dann auch geben zu können. Nein, ich werde Dich nicht allein lassen, auch nicht in solch einer Situation … — Hà!

Hà! —

Was paßte jetzt besser als, da das Streichquartett verklungen, das da (mir von einem Leser zugesandt):

Mozart, Don Giovanni, → MUSICAETERNA, Currentzis (Nov.-Dez.2015)

“Là ci darem la mano” … und auch, meine Erde, will mir dieser berühmten Oper komplette Titel auf witzigste Weise passend erscheinen: IL DISSOLUTO PUNITO, also “Der bestrafte Wüstling” – was dann mich meint, den Du, bevor ich noch “Perdono” sagen konnte, bestraft  mit Dir hast. Doch ist es ein Irrtum anzunehmen, es stünden Wüstlinge (schau an, schau an, صحراء النفود) auf sanfte Geliebte … nein, mein Mäuschen, sie lieben es heftig und wild. Da wollen Deine, wie hieß es oben nochmal? …. Spaltbeine, ja, sogar besonders gut mit ihren Krallenspitzen passen, ganz wie die Schmerzen, die sie erzeugen. Und meine Güte, gleich dieser Einsatz .. und mit welcher Dynamik! Da fliegen fast die ProAcs weg oder flögen auseinander, explodierten quasi, wäre nicht die → “build quality alone (…) unsurpassed”; tatsächlich haben die Brackleyer Klangtüftler “each cabinet (…) meticulously constructed, damped and finished in real wood veneer”. Davon habe nicht nur ich etwas, auch Dir, meiner Lilly, kommt es zugute. Und wirst Du mir also wie → in Mozarts noch größerer Oper, wenn ich ums “Perdono” gebeten haben werde, mit der Almaviva wundervollem “Più docile sono, e dico di sì” antworten? Anche Lei è docile, Contessa Cancromio? Ah, sein Sie’s mir … nein: Sein Sie’s bitte – uns.

Aber selbstverständlich, Lady, ist jeder meiner Spaziergänge eine Vergewisserung und empfunden fast mein letzter. “Werde ich auch die nächste Spargelsaison noch erleben?” frug mich gleich am Abgang zur S Schönhauser der kleine Gemüsestand, ohne daß der dahinter stehende orientalische Verkäufer etwas davon ahnte. Und unbedingt werde ich noch in den seit gestern öffentlich → erweiterten Mauerpark flanieren, morgen vielleicht, vielleicht schon nachher; wann, hängt davon ab, wie schnell wir weiter durch die Wüste kommen: die nächste Pforte, in den vierten, ich möchte gar nicht mehr schreiben: Höllenkreis der Nefud; der dritte war auch ohne infernalen Namen anstrengend genug … — diese nächste Pforte zu erreichen also, sei besonders kompliziert. Sie offenbare sich nämlich nicht gleich, erklärte erklärungslos Faisal und beließ es dabei. Wir müßten allerdings noch einen Umweg nehmen.
Nachfragen wollte ich nicht. Einem Araber lästig zu fallen, geht, wie Du wahrscheinlich weißt, mit bleibendem Ehrverlust einher. Immerhin hat mir Faisal den Umweg erklärt: Er habe einen chinesischen Kollegen um Consilio und Mittherapie gebeten, nämlich wegen meiner strahlungshalber anhebenden Neuropathie; tatsächlich sei es aber eine Kollegin, die sich, wie eine Heilerin der Vorzeit, als sozusagen Anachoretin tief in die Wüste zurückgezogen habe. Es ließe sich auch von einer Zauberin sprechen, die auf ihm, Faisal, nicht recht nachvollziehbare Weise Nadeln zu setzen verstehe, was der Erkrankung aber nachweisbar Einhalt zu gebieten verstehe, sie zumindest mildere. – Weshalb mußte ich da sofort an → Marah Durimeh zurückdenken? Ja, es schien mir völlig auf der Hand zu liegen, daß es sie, niemand anderes, sein würde. Aber das sagte ich nicht, sondern ließ mir weiterklären, daß – denn in der vierten Phase setze die Nefud dem weil chemisch sowieso schon geschwächten Körper noch einmal ganz besonders zu – er, Faisal, es für nachdrücklich geraten halte, die Hilfe dieser Durimeh in Anspruch zu nehmen, und zwar bevor wir den Vierten Höllenkreis erreichten. Sie erwarte uns übrmorgen zu … hat er wirklich “High Noon” gesagt? Nein, das wäre → ein anderer Film – mit allerdings einer anderen Anima als, Li, Dir, deutlich einer meiner nämlich Kindheit. Dieser Frau (dieser Imago – wie die Béart ist auch sie alleine innenmedial) habe ich im ersten → der beiden Septimebände mit der Sabinenliebe ein zartes, ich hoffe: voll Achtung, Denkmal gesetzt.

Das – die ich sage einmal Akupunktur – haben wir beide jetzt also auch noch vor uns. Deshalb laß uns diesen schönen Sommertag genießen, 32 Grad hat es draußen, ebennun am Sonnabend um fünf. Für zweidrei Stunden heißt ohnedies beinah jeder Abend in der Nefud — Berlin.

Deiner, Ihrer:
ANH

 

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Achter Brief an Liligeia<<<<

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