Eine Reise zum Stromboli (1. Tag, Donnerstag). Nach Catania. In Catania. (Stromboli 3). Reisejournal (12. April 2007).

5.47 Uhr:
[Hamburg Veddel, Küchentisch.]
Ich werde es s o halten: dieses Reisetagebuch wie das übliche >>>> Arbeitsjournal führen, aber von den Reiseberichten beherrscht, und aus alledem schließlich die Reportage für die Sonntagszeitung herausfiltern, umformen, teils ergänzen, so daß auch hierbei der Produktionsprozeß eines literarischen Textes deutlich wird – worum es mir in Der Dschungel ja immer auch geht: Produktionsprozeß und Produktionsverhältnisse, bzw. –umstände. Selbstverständlich werden Dichtung und Reportage die rein persönlichen Erzählungen, aber auch ästhetische Überlegungen, sowie den täglichen Kassensturz, den ich hier mitformulieren will, n i c h t mehr enthalten, sondern eine „Objektivität“ wird hergestellt sein, die in die Dichtung selbst wie in die Reportage eben nicht gehört; beide, insofern, werden unrealistisch sein – bei aller „Dokumentarität“. Sie selber ist mithin K u n s t und hat mit der Erzählung einer Wirklichkeit immer nur bedingt zu tun.
Während der Reise lasse ich die Einträge des Reisejournals aber nicht, wie sonst das Arbeitsjournal, tags drauf je in die Rubrik versinken, sondern halte sie auf der Hauptseite Der Dschungel. Untereinander verlinken werde ich sie dennoch.

Bin um halb sechs hoch, in zehn Minuten wecke ich den Jungen. Dichter Nebel liegt über dem weit vor die Fenster dieser Veddeler Wohnung ausgespannten Hamburger Hafen. Gestern nacht schimmerten und glitzerten Kräne, Schiffsaufbauten, Werften ganz wundervoll, jetzt ist schwammhaft dieser Nebel dazwischen- und darübergeworfen, -gesprüht. Klamm wirkt‘s, ein wenig unwirtlich, dämmerherbstlich.

Aber wohlgemut brechen wir dann auf, da ist es kurz nach halb sieben.8.34 Uhr:
[Flughafen Hamburg, latte macchiato und Cola.]
Wir waren früh genug, um imgrunde gar nicht warten zu müssen. Selbst die Sicherheitsüberprüfung ging trotz der vielen mitgeschleppten Technik problemlos. Neu war mir, daß ich meinen Gürtel öffnen und die Schuhe ausziehen mußte, die eigens gescannt wurden. Total Hamburger Wetter, übrigens. Es gibt einen offenen Hotspot, so daß ich dies hier einstellen kann.

…. geht leider doch nicht, sondern ist kostenpflichtig. Da käm ich mit GPRS wahrscheinlich billiger davon; aber muß auch nicht sein. Eingestellt wird dies also erst in Catania. In etwas mehr als einer halben Stunde ist boarding time

15.56 Uhr:
[Hotel Trieste, Balkon-Loggia.]Das Zimmer ist einfacher als einfach, hat aber eine Dusche. Dafür geht es auf eine Gothik-Diskothek hinein, gleich um die Ecke vom Teatro Bellini; meine über Jahre gern besuchte, ebenso einfache Pension Sudland, die aber den Vorteil hatte, daß man auf den schmalen Balkon treten und beim Kaffeesüffeln aus Plastikbechern die Via Etnea hoch zum Ätna schauen konnte… – diese Pension ist leider aufgelassen. Also gingen wir… ich mit dem schweren Rucksack… einige Straßenzüge weiter, um die Unterkunft für heute nacht zu suchen. Sie muß wirklich nur sehr simpel sein, weil unser Zug, deruns morgen früh nach Milazzo fährt und also zur Fähre bringt, bereits um 6.15 Uhr losfährt, so daß wir hier um halb sechs werden aufbrechen müssen. Hier das heutige Zimmer: Meine kurzen Notizen vom Tage, nachdem wir um 10.18 Uhr mit leichter Verspätung abgehoben hatten:

12.04 Uhr:
Großartige Sicht seit den Alpen. Wir fliegen an der Adriaküste entlang, biegen dann diagonal südwestlich ab über die Berge; der mittlere Apennin trägt immer noch Schnee; südlich Roms aufs Tyrrhenische Meer. „Papa, der Vesuvio!“ Ich glaub es erst nicht, aber der Junge hat recht: deutlich die beiden Erhebungen, im Bogen davon abgehend die sorrentinische Halbinsel, auch Capri, im Vordergrund Ischia, Procida… und wenig später ist sogar Stromboli zu sehen, sind sämtliche Äolischen Inseln zu sehen… es ist wie im Bilderbuch. Dann die nordsizilische Küste, schon wuchtig, und schneebedeckt, und rauchend, der Alte. „Der Alte?“ „Ich nenne ihn seit immer schon so.“ Und erklär ihm ein wenig; der Junge ist vor Aufregung unruhig, turnt zwischen den Sitzen umher, sucht und findet Kontakt zu anderen Reise-Kindern, daß es eine reine Freude ist. Viele Eltern sind Italiener; tobende Kinder im Flugzeug machen ihnen nicht so viel aus wie Nordeuropäern; selbst die Stewardessen lächeln nur und verteilen aufblasbare Flugzeugchen später…

Anflug und Ankunft mit Blick auf den Alten.


13.50 Uhr:
Die ganze Via Etnea, die ich verkehrsumtobt kenne, ist renoviert, und wo sie‘s noch nicht ist, wird gehämmert und gefirnißt. Das treibt allerdings die Übernachtungspreise in die Höhe. Catanias Kern wird edel (nicht so die schnell erreichten Seitenbezirke). Ich habe über Catania >>>> oft genug geschrieben, das mag ich hier nicht wiederholen. Aber eine Geschichte ist d o c h wieder schön und ist eben auch so typisch und herzfüllend:
Als wir am aeroporto Fontanarossa den Bus besteigen – ich radebreche draußen ein wenig mit dem freundlichen, älteren, untersetzten Fahrer, der seiner Abfahrt eher entgegenmeditiert als sie eigentlich angehen will – – jedenfalls, der biglietto-Entwerter im Bus funktioniert nicht… auch nicht der zweite. „Non funktiona?“ fragte mich eine zusteigende Dame. „Non funktiona“, sage ich. „Èh!“ ruft der Busfahrer und schlägt zweimal gegen das Gerät. Schlägt nochmal dagegen. fuori servizi meint die Maschine sizilianisch-stur. Da läßt sich der Fahrer unsere Tickets geben und schreibt Datum und Zeit per Hand auf sie. „Anch‘io!“ ruft ein Fahrgast und läßt sich den Kugelschreiber reichen, um seinerseits sein Ticket zu entwerten. Und so tut es ein Fahrgast nach dem anderen… Schließlich geht der Kuli von Hand zu Hand nach vorn zum Fahrer zurück; der nimmt ihn wortlos entgegen und startet dann den Motor.

Nachmittags:
Es wird laut werden in dem Zimmer, das aber eben für uns zwei nur 35 Euro kostet und eine Dusche hat, die sogar fünf Minuten lang warmes Wasser gab. Das ist weniger ein Problem, ich bin dergeichen von Sizilien gewöhnt. Außerdem ist es, sowie die Sonne scheint, fast 25 Grad C. warm; der Wind allerdings läßt die Schatten schnell auskühlen. Schwieriger wird es eventuell später mit dem Lärm werden: das Zimmer geht halt direkt auf den Eingangsbereich dieser Diskothek, einer Gothik-Diskothek, hinaus. Das aber war es gerade, was dem Jungen gefiel: es begrüßen einen, wenn man die Steigen zum Hotel Trieste hinangeht, Skelette hinter Gittern. Und schon der Eingang ist von einem phantastischen Monster geprägt.Gut, dies geb ich gleich über den nächsten Internet Point ein. Wir haben auch bereits die Fahrkarten nach Milazzo gelöst; dieser Preis lag nun wieder u n t e r meiner Kalkulation: 10,05 Euro. Und auch bei dem Zimmer haben wir 5 vorkalkulierte Euro gespart. Für Sie und heute noch unser Nachmittagsblick auf den Ätna von der Villa Bellini aus, dem catanesischen Stadtpark:

Übertrag CASSA bis 18.30 Uhr:
699,45
./. HVV + Eilbuszuschlag 4,85
./ . Cola & latte maacchiato
am Flughafen 6,–
./. Bus CAT 1,50
./. Zimmer CAT 35,–
./. Soda Limone 0,75
./. Gelati 3,60
./. Zugticket Cat-Mil 10,05
./. Snack 1,20
./. Gelati & Caffè 3,–
verbleibende CASSA 633,50.
———————————–
Von denen sind noch nachherige Einkäufe (panini, formaggio, salume, acqua), sowie das Abendessen abzurechnen. Das hol ich morgen, bzw. nachts nach und korrigiere morgen die Rechnung entsprechend. Da jetzt immer noch Reise- und Übernachtungskosten mit drinnen sind, liegt der Tagesschnitt für eine realistische Einschätzung zu hoch.

NACHTRAG 22.35 Uhr:
verbleibende Cassa 633,50
./. Alimentari 10,50
./. Internet Point 1,–
Pizza 4,60
./. Cena incl. Wein 19,–
verbleibende CASSA 598,40

22.40 Uhr:
[Balkon-Loggia des Hotels Trieste.]
Wir hatten es dann eilig, noch einen geöffneten Lebensmittelladen zu finden, um uns für morgen früh zu „verproviantieren“; jedenfalls hatte i c h es eilig, der Junge, der alle naselang an dem hier häufigen Kinder-Nippes stehenblieb, nicht so sehr. Als das dann geschafft war, ging‘s auf die Suche nach einem Internet Point, der sich auch fand – einer, den ich von vor drei Jahren noch in der Erinnerung hatte, hatte sich gehalten. Da funktionierte aber erst der USB-Stick nicht; wir mußten den uns zugewiesenen Computer wechseln. Und dann ging‘s auf die Suche nach einer Trattoria, die erschwinglich war. Nur hatte der Bub andere Vorstellungen als ich, wollte nämlich unbedingt eine Pizza essen – eher ungewöhnlich für die Cena und deshalb ein Problemchen. Nicht, daß es nicht ausgewiesene Pizzerie gäbe, aber dort kann man dann in aller Regel nichts anderes speisen – mit stand der Sinn aber auf sizilianisches Essen und vor allem den Abendwein. Schließlich ergab sich ein Kompromiß: der Junge nahm zwei große Stück Pizza per prender via, und ich überredete den Wirt einer Trattoria, den pizzamampfenden Jungen zu akzeptieren und mir die Cena solo zu servieren – ohne „Korkengeld“.
Immerhin, das gelang. Schon bei meinem zweiten Gang fielen dem Jungen aber die Augen zu, und ich verzichtete dann auf frutta e caffè. Das Hotel war gleich um die Ecke – nun schläft der Bursch schon tief, und ich skizziere die letzten Sätze. Aus der Diskothek klingt es verhalten laut heraus; damit werden wir klarkommen, beide. Es ist auch kein Techno, sondern Italo-Pop, was zu Gothik irgendwie g a r nicht paßt, hier aber eben doch. Um fünf wird der Wecker klingeln, um halb sechs schieben wir zum Bahnhof ab.
Von einer Mitarbeiterin >>>> Dielmanns kam Mail-Nachricht: Die Seiten für die Signaturen in >>>> der Vorzugsausgabe der Liebesgedichte gingen nunmehr auf den Weg. Da scheint sich also jetzt etwas zu konsolidieren.

Literarische Ideen hatte ich heute noch keine. Alles steht noch unterm Zeichen der Reise.
>>>> 2. Tag.
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