Eine Reise zum Stromboli (4. Tag, Sonntag). Auf Stromboli. (Stromboli 6). Reisejournal (15. April 2007).

5.10 Uhr:
[>>>> Villa Petrusa, Stromboli.]Übrigens Zimmer-Nummer 7 – wie bereits in Catania, und sehr sehr oft auch anderwärts; eine mir nahe und genehme Zahl.
Der Junge schläft hinter mir, ich trage >>>> für gestern nach; ist das erledigt, wird es sieben sein, und ich werde einen ersten latte macchiato trinken können; bis dahin gibt‘s nur Wasser – und die Morgenzigarette… – ah nein, es ist so milde draußen, daß ich mich mit dem Laptop in den Gang vor die Loggia setze.Ich habe nahbei das Tonaufnahme-Gerätchen aufgebaut, um Wind und die Geräusche der Brandung aufzunehmen, von denen ich nicht recht weiß, ob nicht auch sie eigentlich vom Wind herrühren. Fürs Hörstück mag auch mein Tippen einige Zeit lang mit aufgenommen werden, dann werde ich den Standort des Gerätes wechseln. Hähne, in Ferne, krähen ihre Morgenrufe mit hinein.5.56 Uhr:
Es ist hell geworden, die Vögel singen im ersterbenden Hahnenkrähen, Wolken wandern über dem Meer, wolkenl o s aber über mir ist der Himmel (um die Vulkanhöhe allerdings ballt es sich), zwischen zwei Palmästen steht noch die sehr schmale Sichel des Mondes. Immer wieder steigert sich der permanente Wind zur Bö, fegt durch die Wipfel, um Ecken und über Dächer, durch Zypressen, aber hat nicht mehr die Gewalt des ersten Abends, als er hier auf der Loggia die Stühle und Tische umwarf und unser Abendbrot herunterfegte. Zumal der Morgen im nunmehr aufgeregten Schmettern der Vögel einen sehr schönen Tag verspricht – das wird fein werden nachher auf Barbaras Balkonterrasse, wohin wir zum Mittagessen eingeladen sind, um auch mit anderen Künstlern zusammenzutreffen, mit einer Galeristin, soviel ich verstand, und auch mit Frau L., von der mir Barabara erzählte, sie dramatisiere Romane zu Hörbüchern, davon lebe sie (mir selbst hat sie das nicht erzählt).

7.04 Uhr:Bin in den Aufenthaltsraum gewechselt, um beim Tippen den latte macchato zu nehmen. Strahlendes Wetter, der Junge schläft sehr sehr tief, ich überlege, während ich den gestrigen Tag weiterskizziere, parallel an dem Poem für die Jesses herum. Der Ansatz wird wirklich der Wind sein; aber wichtig ist der „Hereinbruch“ des schönen Wetters – und eben die nächste Nähe des Vulkans, der Inseln insgesamt, die sich vulkanisch aus dem Meer hoben und denen allen man ihren Ursprung auch dort noch ansieht, wo sie erloschen sind… und daß es das bei Vulkanen, bei Schichtvulkanen, eigentlich nicht gibt: ein letztgültiges Erlöschen… es sei denn, sie entstehen durch hot spots in den schwimmenden Erdmantelplatten… dieses ständige Gewärtigsein neuer Ausbrüche, von Umwälzungen, von Wandel. Als ich gestern vor den Schildern stand, die einen weiteren Aufstieg verbieten, dachte ich momentlang: so täuschen sich Menschen; so meinen sie, durch Verbote Gefahren aufzuheben… schlimmer: uns davon abzuhalten, diese Gefahren auch anzusehen. Zivilisation hat die Tendenz, die Menschen zu täuschen, ja, sie sollen nicht sehen, sondern ihr Verhältnis zur Natur soll dem eines Menschen entsprechen, der die Garantie hat „durchzukommen“, sofern er sich nur an die menschlichen Regeln (Verbote, Gebote – Gesetze schließlich) hält. Man nimmt ihm die Eigenentscheidung – zu der eben a u c h gehörte, daß er sich einem Risiko aussetzt. Dahinter steht sicher auch, daß die Gemeinschaft im Notfall einspringt, etwa um zu retten – was Geld kostet, weshalb man das minimieren möchte. Es ist also human zugleich, wie es einen vom Eigentlichen weghält… der Umgang mit Verboten, auch Aufstiegsverboten, gleicht insofern der Setzung von Tabus. W i e stark sie wirken, merke ich an mir selber: daß sogar bei mir die Tendenz, sie einzuhalten, größer ist als die Tendenz, sie zu übertreten, um den Kräften nahezukommen. Man muß dabei eben wissen, daß jeglicher Kontakt mit wirklicher Naturgewalt einen psychisch von ziviler/zivilisatorischer Gewalt entfernt, indem er sie sehr relativiert. Am Rand eines tätigen Vulkankraters gestanden zu haben, bedeutet, daß man die Vorschrift, man dürfe nicht bei Rot über die Ampel gehen, nicht mehr richtig ernstnehmen kann. Sie hat etwas Lächerliches, auch Entwürdigendes… objektiv. Die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse spielen sich zu einer Wichtigkeit auf, der gegenüber man nur den Kopf schütteln kann, wird einem diese ganze Erbärmlichkeit erst einmal bewußt. Bewußt wird sie einem an den Vulkanen (auf hoher See, bei Wüstendurchschreitungen usw.). All das bekäme ich gern in das Poem mit hinein. (Es scheint mir ein Fakt zu sein, daß die Verbote, hoch an die Krater zu gehen, mit der Zunahme des Tourismus auf Stromboli zusammenhängen; Touristen kommen gerne, wenn etwas abenteuerlich zu sein scheint; letztlich wollen sie aber – wie ich jetzt – morgens unbehelligt ihren Kaffee trinken können; insofern sind die Verbote im Interesse des Bruttosozialprodukts gedacht, also der Ökonomie – nicht hingegen im Interesse eines menschlichen Wachstums an Haltung, Wissen, Erfahrung – schon deshalb: wäre mein kleiner Junge nicht mit mir, ich hätte das Verbot längst übertreten; nur habe ich jetzt die Verantwortung für jemanden mitzutragen, der, ob er etwas und was er will, noch gar nicht selbst entscheiden kann. So stellt sich ganz unvermutet eine Erziehungsfrage: Wie bringe ich ihm bei, daß solche Verbote etwas sind, das man relativieren muß und letztlich, kommt es einem auf Leben an, auch gar nicht ernstnehmen d a r f? Wie mache ich aus ihm einen Mann mit eigenem Kopf – also wie gebe ich ihm die Möglichkeit, sich eines Tages für den eigenen Kopf s e l b s t zu entscheiden? – Durch Verführung. Ich verführe ihn dazu, näher heranzuwollen, auch wenn ich ihn jetzt noch nicht lasse. Dieser Wille muß stark sein, stark w e r d e n – und schließlich die gesellschaftlichen Normen an Kraft übersteigen. Dann steigt der Bursche eines Tage ohne seinen Vater auf, ohne die mahnende Instanz – und e n t s c h e i d e t dann selbst. Wie ich es tat, als ich die Veratwortung für diesen tollen Burschen noch nicht hatte. Vielleicht, wenn meine Physis bereit bleibt und nicht d o c h noch durch Krankheit oder ähnliches ausgezehrt ist… vielleicht erlebe ich es ja noch, daß wir gemeinsam hochgehen, diese Schilder– es sind w i r k l i c h nur Schilder, ist wirklich nur bedrucktes Blech – sehen – – laut auflachen – spöttisch auflachen – – – und den Aufstieg dann im genauen Wissen darum wagen, was wir riskieren… – Sie merken, es wurmt mich schon s e h r, daß ich mich in diesem Fall mal an Vorschriften h a l t e.)

Winde… Winde…. sie treiben, sie sagen… rufend (verschlüsselte
Sprache vom Meer – wir vergaßen‘s? vergaßen auf die Gewalt,
die uns schuf?) Meer! Ach das Meer! La Fossa & Fotze,
schmatzend gebiert sie Feuer und s c h ü t t e t‘s ins Meer,
wie wenn es n i c h t s wär… denn i s t nichts, vergeht und
schafft Neues..

10.27 Uhr:
Permanent umkreist bei Tag, das vergaß ich zu erzählen, ein Hubschrauber den Vulkan, um wohl zu beobachten… er ist zu vor zweieinhalb Wochen vergleichsweise ruhig, aber Prognosen lassen sich verläßlich kaum stellen. Ich las ein wenig in Ungarettis letzten Versen, sitze in der offenen Loggia, vor mir spielt mein Sohn,

Dunja, mi dice il nomade, da noi significa universo.
Rinnova occhi d‘universo, Dunja.
Dunja, sagt mir der Nomade, bedeutet bei uns das All.
Neu erfüll‘ sie die Augen mit All, Dunja.
Ue von Bieberstein.
,
und es kommt mich – die ersten neuen, renovierten Eindrücke beginnen, sich zu setzen – die unbändige Lust an, selber wieder >>>> Gedichte zu schreiben.

11.24 Uhr:
Auffällig die enorme Freundlichkeit der Strombolianer, jedenfalls außerhalb des „Normal“tourismus. Ich hab mal wieder irgendwo mein Feuerzeug liegenlassen, Streichhölzer sind auch nicht da,so zieh ich das Stückchen Wegs nach einem geöffneten tabaccaio los; es ist aber alles zu. Ich trete in eine Bar, zwei Männer sind über einen hübschen Miniatur-Apple-Laptop gebeugt, niemand scheint zu bedienen, ich steh etwas rum, dann frag ich die Männer. Es sei geschlossen, sagen sie. Ah, wie schade! Ich hätte nur nach Streichhölzern fragen wollen. Streichhölzer? So? Der eine von beiden geht zur Kasse, nimmt eine Riesenschachtel, drückt sie mir in die Hand. – Èh? – Na nehmen Sie einfach, er lacht, nehm‘ Sie sie mit! – Oh danke! Bunona giornata… „buona giornata“, er winkt. Und ich kehre zu meinem Gedicht zurück.
Der Himmel ist hellblau, ein Dreirad-Piaggio röhrt den Weg lang, hält hier, hält da. „Fisch! Frischer Fisch!“ Fährt weiter. Wir brechen gleich zu Barbara auf. Dann werd ich dies hier und >>>> den Nachtrag für gestern in Die Dschungel einstellen.

16.48 Uhr:Bei Barbara nach dem auf der offenen Terrasse eingenommenen Essen. Der Junge spielt mit einem anderen Jungen, d.h. sie malen beide Postkarten, die an Touristen verkauft werden sollen. Schoene Arbeiten. Ich denke, tippe, dichte ein wenig. Und wie ich erfuhr, war bereits >>>> unsere Tour zur Sciara del fuoco (die „Nachtraege“ im Link) in diese Hoehe nicht legal… weiter braechten einen auch die Bergfuehrer nicht… – Nun werd ich an Seidl von der Sonntagszeitung mailen, ob er es morgen vielleicht schafft, fuer mich eine Sondergenehmigung zu erwirken, hoeher hinaufzusteigen. Tut man’s allein, drohen Strafen bis zu 250 Euro, hoerte ich. Das laege weit ausserhalb meines Salaers… zumal mit dem Jungen.

NACHTRÄGE:

17.57 Uhr:
[Immer noch bei Barbara.]Barbara mußte fort, nach einem Haus sehen, das sie betreut… wir warten, alle sind ausgeflogen, meine Netzarbeit ist getan, auch die Mail an Seidl ist geschrieben; ich fange soeben mit dem Poem für die Jesses an, hier auf der Terrasse, der schöne Tag wird langsam kühl. Ob wir‘s heute abermals an die Sciara del fuoco schaffen, ist zweifelhaft. Aber wir könnten ja gut den Küstenweg entlangspazieren. Am Mittwoch morgen um fünf fahre eine reguläre Fähre, erfuhr ich noch. Das ist fein, das gibt noch einmal r i c h t i g See. Die aliscafi sind praktisch, aber man jagt zu sehr dahin, kann gar nicht über die Reling sinnen, sitzt wie in einem Autobus fürs Wasser: getrennt (Getrenntheit, sowieso, als mein Thema: wie heb ich sie auf?)… Im übrigen sonntägliches Inselleben. (Auch der „klassisch“-mediterrane Bewuchs der Vulkanflanken im Schutzgebiet ist, erfahr ich, „Kulturland“: zuvor waren die Hänge terrassiert mit Kapern, Wein, Oliven, Feigen bebaut – mit allem also, das wenig Wasser braucht; man besorgte die Stecklinge, bis sie angewachsen waren, vom Boden angenommen waren – fürs übrige sorgte das Land. Hübsch auch, daß sich die beiden Örtchen, Stromboli und Ginostra, völlig verschieden orientiert hatten: Stromboli exportierte die Frucht nach Neapel; Ginostra hielt die Verbindung nach Sizilien; insofern ist die schechte Verbindung zwischen beiden Orten historisch; bis Anfang des 19. Jahrhunderts galt Stromboli als unbewohnt – was nicht ganz stimmte: für die Pflanzungen und die Ernte ruderte, bzw. segelte man herbei. Für diese Zeiten waren die Hütten errichtet.) Für die Weintrinker unter Ihnen, die herreisen möchten: Wein m i t b r i n g e n, er ist auf der Insel recht teuer. Wasser hingegen sei hoch subventioniert: bis zu 56 ct./l zahle der italienische Staat. Was namentlich bei Touristen zu keinem angemessenen Verhältnis diesem wichtigsten Rohstoff gegenüber führe – und ergo bei den Hotels nicht.

Am nächsten Morgen.
Wir warteten auf der Terrasse bis gegen 19 Uhr; Barbara kam nicht zurück. „Sie hat eine Versammlung, das kann dauern in Italien“, sagte uns B., die mit ihrem Mann von einer Wanderung zurückkam. Sie brachte meinem Jungen einen Vulkanologenhelm mit, den sie am Strand gefunden hatte und den er nun dauernd trug. Ich hatte an dem Poem herumgebastelt, mein Sohn war zweidreimal hinunter ans Meer gelaufen, dann immer wieder zurückgekommen, weil er hoffte, von Barbara, die aber ja nicht zurückkam, etwas Süßes zu erhaschen – da schrieb ich einen Zettel, legte ein wenig Geld für den Internetzugang dazu, ich schloß die Tür von der Terrasse zum Wohnraum, dann brachen wir zu unserem Hotel auf und nahmen oben auf der Piazza jeder noch eine Granita; schließlich haben uns die beiden letzten Tage erlaubt, sehr sparsam zu sein. Als wir an der >>>> Villa Petrusa anlangten, dämmerte es bereits. Plötzlich wogte eine dunkle Wolke aus dem Vulkan, „er bricht aus, er bricht aus, Papa, laß uns zur Sciara gehen!“ – Klamotten gewechselt, vor allem das Schuhwerk gewechselt und los.Es ist ein leichter Weg, der anfangs noch durch die Ortschaft führt, die in ihrem hinteren Teil etwas Arabisches bekommt, teils direkt am, teils etwas überm Lavastrand gelegen, und dann ausgesprochen organisch in den Naturpark übergeht.Der Weg steigt bald in leichten, langen Serpetinen bis auf 100 Meter Höhe an und folgt der natürlichen Höhengestaltung bis zum Observatorium; von dort aus biegt er steil nach oben. Wir gingen bis zur ersten Aussichtsplattform, es war unterdessen Nacht, vom Berg hinab schwankten uns immer mal wieder Lichter absteigender Besuchergruppen, meist Jugendlicher, entgegen; die Mädels und Jungs passierten uns, nur manchmal den Wanderergruß erwidernd; einmal rief uns eine ausgelassene junge Frau ein „Hi Guys!“ entgegen. Meist sind aber zu dieser Zeit französische Reisegruppen hier, hingegen „ab August“, hatte Barbara erzählt, „ist Stromboli fest in Schweizer Hand.“ Daran erinnerte ich mich auch noch. Beim Aufstieg zu meinen beiden Vulkanübernachtungen auf dem Pizzo sopra la fossa, etwa fünfzehn Jahre liegt die zweite zurück, war ich immer wieder Schweizern begegnet, die einen frohgemut mit „Gruezi“ begrüßten.
Nun standen wir in der Schwärze, von hoch über uns aus dem Vulkan quoll es graudunkel herab, die Sciara war kaum zu erkennen, aber der Sternhimmel wurde irrsinnig plastisch, fast grell der Polarstern, wie eine Zeichnung der kleine Bär, der Himmel sah nach der Sternenkarte für Jungastronomen aus, die lernen sollen, sich zu orientieren, der sich dann aber langsam zuzieht, um es den Novizen nach erstem Einprägen schwerer zu machen. Eine Zeit lang standen wir da, schauten, ob sich oben vielleicht etwas Rötliches erkennen lasse… so gern wollte der Junge Lava sehen… es ergab sich nicht, wir kehrten um. Einmal gab es noch Wasserrast.Dann, bald schon, wurde geschlafen.

Übertrag CASSA 485,–
./. Internet 5,–
./. Granite 5,80
verbleibende CASSA 474,20

>>>> 5. Tag.
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