Arbeitsjournal (1). Sonnabend, der 21. April 2007. N a c h der Reise. Rekapitulation eines Unfalls. (Stromboli 10). Milazzo Pronto Soccorso.

7.22 Uhr:
[Berlin, Küchentisch. Am Netz.]
Zurück.
Einiges ließe sich nun schreiben über „das“ italienische, bzw. sizilianische Krankenhaus, manches über „Göttlichkeiten in Weiß“, auch darüber, daß man auf eine gewisse Weise verletzt war, weil ich so sehr und schließlich erfolgreich abzubiegen versuchte, daß mein Junge in ein italienisches Krankenhaus fest eingewiesen wurde, und daß man die Gründe nicht zu verstehen schien… Als ein Arzt von einem Patienten-Verwandten gefragt wurde, weshalb der Junge per Ambulanza zum Flughafen nach Catania und von dort nach Hause gebracht werden sollte, sagte er ihm in meiner Gegewart, er wisse es auch nicht, aber es sei wohl „Deutschland, Deutschland über alles“… Ich unterdrückte meine spontane Wut… einiges wäre wiederum zu erzählen über eine sehr speziell sizilianische Mischung aus Unwirschheit, Verachtung, Hoffart und durchweg wildem Temperament… anderes wiederum von Pflegern, die unvermutet ihrerseits helfen, durch Kleinigkeiten, durch eine rauhe, sozusagen einem etwas – und sei es Schokolade -zusteckende Menschlichkeit… wiederum über extrem beengte Raumzustände in einem Pronto Soccorso Siziliens (der „Notaufnahme“ also), über Rollbetten aus dem vorletzten Jahrhundert, nebenan aber steht Kernspin-Tomographie des neuesten hochtechnologischen Stands, aufgebaut wie eine Computeranlage im Zimmer eines Amateurs, verwendet indes mit absoluter Professionalität… vieles, vieles wäre zu erzählen, auch, sagen wir, „anzuzeigen“… ABER: unterm Strich hat man geholfen und hat es im Vergleich zu Deutschland auf höchst unbürokratische Weise getan. Das ist festzuhalten. Und zu achten.
Daß der Doktor Z. nachts, nachdem er versuchte, uns loszuwerden in einen Albergho, und nachdem ich sagte, nein, das ist zu teuer, außerdem übergebe sich der Junge doch dauernd… daß ich mit einer geradezu ebensolch sizilischen Sturheit androhte, ich würde, wiese man uns hinaus, mich mit dem kranken Kind für die Nacht auf die Straße direkt vors Krankenhaus legen… daß der Doktor Z. daraufhin einen Platz in der Kinderklinik zu bekommen versuchte, aber es war keiner frei… daß uns dann ein Pfleger einen Platz in einer Gangnische bereitete, wo wir nächtigen könnten (in Deutschland wahrscheinlich völlig unmöglich)… daß der Junge sich dort ganz furchtbar erbricht und wir nun d o c h in der Notaufnahme schlafen und nun d o c h eine Tomograpie gemacht wird, nachts um eins…. ohne organischen Befund, was sichtlich a l l e erleichtert… daß dieser Doktor Z. und ich und der Pfleger und ein Nachtwächter dann, als der Junge endlich schläft, noch nachts beisammensitzen und er, Doktor Z., jetzt meinen Namen (Ribbentrop) ins Bewußtsein bekommt, mich fragt, dann mich vertraulich anstößt und sagt: ich meinte doch auch, daß Mussolini für Italien imgrunde nur das Beste gewollt habe… dies gehört denn eher in die Gestaltung einer sehr prallen literarischen Figur als hierher — ebenso wie der Doktor Y., der von permanenten Wutanfällen geplagt wird, die sich mit seiner Eitelkeit mischen, zugleich aber auch mit einer Art von medizinischer Fähigkeit, die sehr genau und deshalb scheinbar inhuman zwischen „wirklichen“ und mäßigen Krankheitsfällen unterscheidet und sich nur auf s c h a r f e medizinische Probleme konzentriert, da aber absolut, und der, Doktor Y., zugleich immer seinen sozialen Stand hochhält und den Patienten wie etwas behandelt, das ein zu richtender Gegenstand ist… angesehen der Notfälle, die hier eingewiesen werden, vielleicht die einzig mögliche Haltung… es spült sich auf dem Pronto Soccorso ja alles zusammen, das die permanent ein- und ausfahrenden Krankenwagen herbeischleppen… Infarkte, eine junge ausländische Drogenkranke, die kollabiert ist, alte Bauern, die einfach so umkippten, Leute, denen irgendwas das linke Bein wegriß, Alte mit Atemstillstand, die aussehen, als hätte man sie gelbgrau angemalt, überall Schreie, Weinen, Seufzen, wirklich vor allem alte Menschen, Bauernmenschen, die der ausgedörrte sizilische Boden ebenso gezeichnet hat wie, daß sie von der Scholle nie weggekommen sind und auch nie wegkommen w o l l t e n… wie greise Pflanzen sehen sie aus, die man an den Wurzeln wegschnitt, um sie irgendwie umzutopfen, sie aber verdürren… ja, das alles gehört in Geschichten, nicht in einen Reisebericht und auch nicht in eine sagen wir „Anklage“, die der Sache nach restlos unangemessen wäre. Es geht e i n f a c h zu in der Not. Und so einfach und rigoros müssen die s e i n, die sie noch irgendwie abwenden wollen. Dazu gehrt auch, daß mich der Doktor Y. harsch anblafft, man könne meine Unterschrift ja gar nicht lesen, das gehe so nicht… woraufhin ich auf die seine zeige und sage: „Ihr Unterschrift kann a u c h keiner lesen!“ Daraufhin er: „Io sono un m e d i c o!“. Woraufhin ich: „E io sono un p o e t a!“ – Da ist er momentlang ruhig und behandelt mich, als wär ich gleichgestellt, und wagt auch in der Folge keinen Ausbruch mehr mir gegenüber. Aber meidet mich fortan. Ein „einfacher“ Bauer hingegen hat gar keine Chance…

Also, was geschehen ist.
Auf der Rückfahrt mit dem Schiff, nach sechs Stunden herrlichsten Schipperns von Insel zu Insel bei traumhaftem Wetter läuft der Junge – wir haben nach enorm langer Liegezeit am Hafen von Lipari endlich wieder abgelegt – zu mir an die Reling, stolpert und knallt mit dem Kopf gegen eine vorspringende Stahlkante. Die rechte Braue platzt über die gesamte Länge und eine Breite von fast einem Zentimeter völlig auf. Im Erste-Hilfe-Raum greift ein couragierter Sanitäter zu Nadel und Faden und näht die Wunde an fünf Punkten zu – ohne Betäubung, da kein Anästhetikum, aber ja auch sowieso kein Arzt, geschweige ein Anästhesist an Bord ist. Mit welcher Haltung der Siebenjährige das erträgt, macht a l l e staunen. „Che forza!“ sagen die umstehenden Schiffsoffiziere, „welch eine Kraft, welch ein Mut“…
In Milazzo holt uns vom Hafen ein Krankenwagen ab, wir werden in den Pronto Soccorso verbracht und bleiben dann dort für zwei Tage, in denen ich neben der Betreuung des Jungen – er spricht ja kein Italienisch und versteht also nie, was man ihn fragt; ich muß (und will) bei allem dabeisein, lasse ihn kaum mal fünf Minuten allein – … also in denen ich versuche, einen Rücktransport nach Deutschland zu organisieren. Göttinseidank hat die Geliebte vor unserer Abfahrt eine >>>> Reise-Krankenversicherung abgeschlossen Doch gibt es einige Konfusion damit, einfach, weil die Versicherung von der Mama des Jungen abgeschlossen wurde, der Flug wiederum über die Galerie Jesse gebucht ist, versichert sind aber w i r. So kommt man in Deutschland erst einmal mit alleden Namen in Konfusion und findet die Police nicht. Parallel versuchen die Jesses, unseren Flug, den wir nicht mehr erreichen können, umzubuchen… also permanentes Telefonieren übers Handy nach Deuschland und zurück… Es ist auch nicht heraus, ob der Junge überhaupt transportfähig ist, ein kleines Risiko blieb bis zum Schluß, noch über die Flüge nach Nürnberg und Berlin hin… aber es ist ja schließlich gelungen. Dank erstmal allen Beteiligten, Dank der Umsicht und schnellen Hilfe, Dank auch an die Freunde, die sich, nachdem Katanga >>>> das in Die Dschungel gestellt hatte, sofort für Hilfe anerboten; H.Sch. etwa wollte – von Italien nach Italien – für den Notfall Geld nach Catania anweisen; es hätte ja sein können, daß wir in einem Hotel hätten warten oder ich hätte mir in Catania ein Zimmer nehmen müssen, während der Junge auf Station liegt usw. Dank auch an Do, die meine letzte t-mobile-Rechnung ausgeglichen hat, so daß ich überhaupt derart problemlos telefonieren konnte. Usw. usf. Als die Police-Frage geklärt war, hat die >>>> ELVIA vorbildlich und völlig unkompliziert agiert; Dank an Frau Egger, Dank an Herrn Sanchez.
Was geschehen ist.
Erst auf dem Rückflug hat der Junge – nach zwei Tagen ohne Flüssigkeit, geschweige Nahrung – wieder getrunken, sich zwar am Zwischenstop in Nürnberg noch einmal erbrochen, aber weiteren Tee, den er auf dem Flug von Nürnberg nach Berlin bekam, gehalten; und Zuhause hat er sogar gegessen und diese Nacht ohne jedes weitere Erbrechen durchgeschlafen. Sicherlich ist damit noch nicht alles ausgestanden, und er muß jetzt vorsichtig bleiben, aber wir scheinen das Gröbste geschafft zu haben – das Heilsamste bei allem ist ganz offenbar die Nähe seiner Mama. „Papa“, sagte er gestern, „mit dir stehe ich sowas alles durch, das schaff ich, aber ich brauche die Mama so zum Kuscheln“.Je nachdem, wie es ihm heute geht, werden wir entweder gleich noch zum Notarzt oder aber am Montag zu seiner Kinderärztin gehen. Ich hätte gerne aus Sizilien die Tomographie-Bilder mitgenommen, aber die seien, erzählte man mir, „zur Zentrale“ geschickt worden und nicht mehr verfügbar… Mal sehen, was die hiesigen Kollegen erreichen oder ob sie nicht der Einfachheit halber selber noch einmal eine Tomographie durchführen werden.
Was geschehen ist.

Soweit die Aufregung, soweit das „Abenteuer“. Ich notierte vorgestern, wie bezeichnend es sei, daß Gefahren nicht etwa in offensichtlichen Risikosituationen lauern, sondern in den normalen, die Gefahren gar nicht zu bergen scheinen. Nicht der Vulkan war der Gegner, da bedachten wir achtsam jeden Schritt, sondern das Schiff, das uns durch die abhängende Sommerfrische tuckerte. Hieraus läßt sich einiges folgern, das direkt mit >>>> meinen dortigen Überlegungen (6.31 Uhr, zweiter Absatz) zusammenhängt.

Jedenfalls, ich breche den Reisebericht hiermit ab, bzw. werde im Laufe des Tages meine noch nicht eingestellten Skizzen zu einem letzten Stromboli-Beitrag zusammenfassen, aber nichts Weiteres schreiben. Das entspricht der Situation. Im nachhinein zu erzählen, verließe die Dynamik eines Literarischen Weblogs dieser Art; d a s gehört tatsächlich in eine summierende Reportage, gehört in Gedichte, in eine Erzählung, die mir obendrein einfiel und vielleicht im Herbst in >>>> mare ihren Platz finden wird; gehört obendrein, vielleicht, mit in das Hörstück für den Deutschlandfunk. Das muß ich alles erst sehen. Und >>>> gehe somit zur Tages-, d.h. Arbeitsordnung über.

>>>> Stromboli 11 (14.50 Uhr)
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