Arbeitsjournal. Dienstag, der 24. April 2007.

4.55 Uhr:
[Küchentisch, Am Netz.]
Bis nach ein Uhr nachts war‘s dann gestern, bevor ich ins Bett kam. Aber ich muß der Körper wieder auf die „arbeitzeitliche“ Rhythmik konditionieren, – deshalb: die Zähne zusammengebissen und hoch, wenn der Wecker klingelt. Ich kam i m m e r mit wenig Schlaf aus, das muß eine von >>>> der Reise herrührende Unterbrechung, bzw. rhythmische Störung nun wirklich nicht ändern. Und sieh da, munter sitz ich, herübergeradelt da und süffle von starkem Kaffee. Es ist endlich mal wieder >>>> ein Dts formulierbar. Eine hübsche Miszelle über den menschenfreien Verkauf, bzw. die menschenreduzierte Beratung hab ich drin notiert.
Heute >>>> die Stromboli-Reise nach den Skizzen sortieren, zusammenfassen, aus dem Notizbücherl übertragen usw. Außerdem will ich die hier in Die Dschungel eingestellten Passagen untereinander verlinken. Und mich schon mal an die aufgenommenen O-Töne setzen. Während sie überspielen, geht‘s an die Stromboli-Dichtung für die Jesses. Dann ist, wegen des >>>> horen-ANDERSWELT-Heftes mit >>>> Ralf Schnell zu telefonieren und sehr wahrscheinlich weiterzukorrespondieren. Wegen des Unfalls und meinem Wunsch, dem couragierten Sanitäter an Bord der San Severino Dank zu schreiben, will ich den Brief formulieren; >>>> parallalie hat mir zugesagt, ihn in bestes Italienisch zu bringen. Wegen des >>>> Literaturfestivals in Hausach habe ich meiner Mutter geschrieben, die dort im Schwarzwald lebt, ob sie ihren Enkel in der Zeit sehen und bei sich haben möchte. „Wir sind zerstritten, aber das muß mein Junge ja nicht mittragen“, so beginnt dieser den nüchternen Ton auch im übrigen beibehaltende Brief. Er ist mir schwergefallen, man muß für sowas ziemlich über den eigenen Schatten springen. (Weshalb das ins Arbeitsjournal gehört? – Weil die zerstrittene Familie enthymemisch mein ganzes Werk prägt – eine Art seelisches Branding, das man aber nicht freiwillig verpaßt bekam. Nein, Sie irren, ich klage nicht, sondern stelle nur fest. Auch dazu fielen mir gestern, auf dem Rad durch die Nacht surfend, ein paar Gedichtzeilen ein: Orgasmus und Zahnschmerz, in d e m Sinn, auch: Kot und Geist; wer leben will, muß immer b e i d e s – und Hundertfaches dazwischen – wollen. Meine innere Standardfrage an jene, die das Leben beklagen, lautet stets: „Willst du weiterleben?“ Kommt dann ein Ja, hat sich jedes weitere Klagen erübrigt. Ein Ja-aber gilt nicht. Übrigens gilt das ganz besonders für Leute, die abtreiben wollen, weil – idiotische Ausrede – sie einem Kind nicht dieses und jenes „zumuten“ mögen. „Würdest d u leben wollen?“ „Ja.“ „Das Kind etwa nicht?“ – Ja, ich bin Abtreibungsgegner. Bis ich vierzig wurde, war das anders. Katholizismus, >>>> jesuitisier mich!)

8.21 Uhr<.
[Arbeitswohnung. Dallapiccola, Volo di Notte.]>>>> Stromboli, also Rosselinis Film, hat mich beschäftigt und beschäftigt mich subcortal weiter. Imgrunde finden immer nur Fragen der direkten Existenz mein poetisches Interesse; die gesamte Gesellschafterei zieht mich nicht an, denn sie ist (für mich) auf eine eigenartige Weise a-substantiell. Als legte sie sich verdeckend über ein Eigentliches, das immer erst von ihr freigeschaufelt werden muß, von einem Koordinatenwerk aus Regulationen, die eine, nannte es Benjamin, Zweite Natur und unterdessen Dritte, Vierte, Fünfte über das Leben decken, ohne doch tatsächlich wirkende Lebenskräfte eindämmen zu können; sie binden nur die, die drin leben, im Gesellschaftlichen und sind wie ein Paravent feinstgespannter Gitterdrähte, die das Hinsehen verhindern sollen – ein zweiter, sozusagen, Himmel im Dom, durch den sich Gott – weil er nicht i s t – besser sehen läßt als im wirklichen Himmel, der rundum ist und zu seinen größten Teilen leer – leerer, unendlicher Raum mit Mikrobenplaneten, auf denen es auch anderes Leben geben mag, das sich für ebenso einzigartig und schöpfungskrönend hält, wie wir es tun, und das vielleicht auch wirkend schafft. So h e i l i g sind die Lebenskräfte. Gestern, mit der Familie unter den blühenden Bäumen spazierend, fiel mir auf, wie angezogen Menschen von pflanzlicher Sexualität sind, wie sehr s c h ö n und vor allem wie öffentlich sie sie finden, indes der eigenen immer noch das Unanständige anhängt, das sich nicht zeigen soll. Weil pflanzliche Sexualität scheinbar ohne Schleim ist? Weil sie also ‚sauber‘ wirkt? – Seltsam. Sehr seltsam.
Und wie immer mehr ich diese Musik, wie immer mehr ich >>>> Dallapiccola liebe!

[Lustig: Grad gibt‘s hier mal wieder einen fremden Netzzugang, auf dem sich‘s trittbrettfahren läßt. Umgekehrt wäre auch ich bereit, andere bei mir trittbrettfahren zu lassen.]

17.01 Uhr:
[Küchentisch, Am Netz.]
Wenn man >>>> dieses und >>>> dieses lange genug und mit gutem Arumentieren durchdiskutiert, kommt schließlich i m m e r der Einwand, aber das sei doch zu viel Aufwand, das koste doch zu viel Kraft… als wäre Kraft etwas, das man nur begrenzt hat und mit dem man sparen muß. Mir ist das völlig unnachvollziehbar: Es geht doch gerade darum, sich zu verausgaben, sich völlig in die Welt zu verströmen… und die Erfahrung zeigt, daß die, die sich permanent schonen, permanent müde oder erschreckend schnell ermüdbar sind – eben nicht jene, die sich n i c h t schonen. Die kriegen dauernd Kräfte hinzu – so, wie wir in Extremsituationen Fähigkeiten entwickeln, die wir uns niemals zugetraut hätten. Genau deshalb ist das Leben so weit als möglich als eine Extremsituation zu führen, und zwar möglichst ohne Unterbrechung. Es mag Momente der Erschöpfung geben, minutenlang, vielleicht einen Tag lang, aber das imgrunde ist schon zuviel. Krankheiten werden hierbei ausgeschlossen, das wäre etwas anderes. Und mit humanster Nachsicht und höchster caritativer Bereitschaft zu behandeln. Alle nicht-Kranken aber muß man f o r d e r n. Imgrunde ist – wie die Rente – schon die Erfindung von „Urlaub“ etwas, das dem Menschen Kräfte raubt… und sie ihm rauben s o l l – damit er ja nie versucht ist zu sagen: Kein Herr ist über mich.

Habe mit der Stromboli-Dichtung begonnen. Im übrigen dient mir j e d e Auseinandersetzung zur Komplettierung meines Werkes, jeder noch so banale Kampf läßt sich bereiter in Kunst transzendieren als irgend eine Form von Harmonie. Ich habe deshalb die Tendenz, Harmonisches zu meiden. Wahrscheinlich gründet auch hierauf meine Aversion gegen den Pop (manches m a g ich übrigens spontan, aber dann kommt garantiert immer irgend ein banal-harmonischer Geigeneinsatz – meist per Syntheziser – oder sogar Gänsemädchenchor und verdirbt alles wieder).

18.19 Uhr:
Jetzt >>>> w i r d es langsam.

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