Die Balance von Malos. 23. 6. 13:31. Kontorpause. Gelb.

Eine kleine Wohnung in einem Schöneberger Hinterhaus, fünfter Stock. Ich hatte direkt vor dem Altbau einen Parkplatz gefunden. Ich klingelte. O Sie sind schon da? Wie ein kleines Erschrecken. Ich lasse mir Zeit, sagte ich in die Sprechanlage und rauchte auf dem Hof, um ihr Zeit zu geben. Sie war unsicher, ob sie sich wie verabredet einlassen sollte. Ich hatte gelbe Farbe mitgebracht, es war nicht leicht gewesen, sie aufzutreiben. Und lila. Wenn Sie den Mut haben, erwarten Sie mich in einem Ihrer Zimmer: nackt mit verbundenen Augen. Die Beine etwas auseinander, so dass Ihre Möse frei ist. Ich werde nichts anderes tun als Sie bemalen. Wenn ich fertig bin und Sie die Augenbinde lösen, können Sie entscheiden, ob Sie mehr wollen. Ich verspreche Ihnen, von mir aus nicht weiter zu gehen. Ob Sie mir glauben, müssen Sie selbst entscheiden. Ich würde lieber erst einen Kaffee mit Ihnen trinken, dann weiss man, ob man passt. Aber es wird der Augenblick kommen, dass ich sage ziehen Sie sich aus. Davor habe ich jetzt schon Angst, schrieb sie. Also können Sie doch auch gleich nackt sein, dann müssen Sie das nicht vor meinen Augen tun. Aber entscheiden Sie selbst.
Ich war sehr gespannt, wie Sie sich entschieden hatte.
Ein sehr langer Flur hinter der angelehnten Tür, rechts ging es in die Küche, geradeaus ins Wohnzimmer, davor rechts die Tür stand offen, Arbeitszimmer und Schlafzimmer kombiniert, weissliche Vorhänge, die zugezogen waren. Es sah fast wie ein Mädchenzimmer aus. Darin die Frau. Unter den Füßen eine nicht sehr grosse Plane. Die Augen mit einem schmal zusammen gelegten Kopftuch verbunden, leider die Haare nicht hochgesteckt. Haben Sie keine Angst, sagte ich. Ich halte mich an die Verabredung. Aber sprechen Sie nicht. Sprechen Sie erst, wenn ich es sage. Ich erklärte ihr jedes Geräusch. Jetzt packe ich die Farben aus, sie sind in der Aktentasche, deshalb der Reissverschluss. Jetzt lege ich meine Jacke ab, nur die Jacke, ich ziehe mich nicht aus. Haben Sie eine Schere? KeinGrund zur Beunruhigung. Ich brauche sie um die Verpackung aufzukriegen. Wahrscheinlich in der Küche. Ich gehe nachsehen. Sagen Sie nichts, bleiben Sie stumm. Sie sind ein Gegenstand, den ich anfasse, wo ich will. Sie können sich nicht wehren. Sie wollen sich nicht wehren. Sie zitterte, ich tastete sie sorgsam ab, Halsseiten, Achselhöhlen, die Ohren, die Brüste. Ich legte den Zeigefinge an ihre Spalte, schob ihn zwischen die Schamlippen. Sie war feucht. Es gefällt Ihnen, sagte ich. Sie stehen völlig nackt vor einem völlig fremden Mann, sagte ich. Ich gehe jetzt um Sie herum, ich sehe Sie mir an. Ein schmaler Oberkörper mit breitem deutlichem Becken und zu kräftigen Beinen. Die rasierte Möse wie bei einem Teenager glatt. Ungenutzt, ja unschuldig. Erst als sich die Frau vorbeugte, weil ich ihr von hinter meine rechte Hand auf den Nacken legte und sie dabei nach vorne drückte, so dass sich ihr Hintern hob, sah ich, wie geschwollen die äusseren Schamlippen waren. Sie schwollen noch weiter an, schwollen sehr an, als ich später mit dem Schwämmchen und der Farbe dazwischenstrich.
Erst einmal schnitt ich die Verpackungen der Farben auf. Ich füllte in der Küche eine Schale mit lauwarmem Wasser. Für den Schwamm, mit dem die Farbe aufgetragen wird. Ich fing bei den Schlüsselbeinen an und tupfte und strich langsam den Körper hinunter. Ist das unangenehm? fragte ich. Nein, sagte sie, im Gegenteil. Schön, sagte ich. Sie wurde ruhiger. Jetzt bin ich in der Situation, sagte sie, jetzt kann ich es sowieso nicht mehr ändern. Gefällt Ihnen die Situation? Ja. Dann sprechen Sie so wenig wie möglich. Möchten Sie rauchen? Auf ihrem Schreibtisch sag ich eine Schachtel Zigaretten liegen. Darf ich auch rauchen? Natürlich. Bitte halten Sie den Aschenbecher. Sie streckte die linke Hand flach aus. Ich stellte den Aschenbecher darauf. Ich ging ein paar Schritte zurück und sah sie mir an. Sie sind wie einer dieser stummen Diener aus der Kolonialzeit, Negerkinder aus bemaltem Holz, die als Kleiderständer fungieren. Ist das demütigend? Ja. Sie haben Recht, es ist politisch nicht korrekt, sagte ich. Wer sagt das? fragte sie. Was hat die Politik damit zu tun? Sie stehen gerne so? Ja. Ob etwas politisch korrekt ist, sagte sie, sollte man die Frauen selbst entscheiden lassen. Das hängt doch ganz von der Situation ab. Diese Situation gefällt Ihnen? Ja und nein. Aber es ist meine Entscheidung. Wenn Sie mich als Ständer für einen Aschenbecher wollen, dann bin ich ein Ständer für einen Aschenbecher. Sie mögen Demütigungen? Nein. Aber sie erregen Sie. Ja. Lassen Sie mich weitermalen.
Der Körper bekam von der Farbe etwas Marmoriertes. Er wurde immer mehr einer Statue ähnlich. Am besten trug sich die Farbe am Gesäss und den hinteren Oberschenkeln auf, wo das Gewebe nicht glatt war und nachgab. Ich kniete am Boden, um zu malen. Beugen Sie sich vor, strecken Sie Ihren Arsch hinaus. Ich nahm den kleinen Pinsel, um die Rosette zu bemalen. Bitte nicht zittern. Lassen Sie sich nichts anmerken. Das kann ich nicht. Das können Sie. Ich sehe jetzt, wie Ihre Brüste frei hängen, sagte ich. Stellen Sie sich vor, wie ich das durch Ihre Beine hindurch sehe. Lieber nicht, sagte sie. Ich sehe Ihren After, ich sehe Ihre Schamlippen auseinanderklaffen. Sie sind gierig. Ich bin unsicher, sagte sie. Aber Sie strecken mir Ihren Arsch entgegen. Ja, sagte sie. Es sieht sehr schön aus, sagte ich. Meine Beine nicht, sagte sie. Doch, auch die Beine. Sie kriegen die Schwere nicht weg, sagte ich. Wenn Sie trainieren, ersetzen Sie Fett durch Muskulatur, dünner werden die Beine davon nicht. Ich weiss, sagte sie, aber besser Muskeln. Ich kam aus der Hocke hoch, es war jetzt schon das dritte Farbpäckchen. Richten Sie sich bitte wieder auf. Sie hatte die Brustwarzen violett haben wollen. Es ist ein dunkles Violett, das die Höfe stark vergrössert. Ich zog an den Brustwarzen, zog sie lang, während ich sie mit dem Schminkstift bemalte. Die Farbe zerfloss an meinen Fingern zu Schmiere, weil es so warm war. Ich brauchte den Stift gar nicht mehr, meine Finger wurden Stifte. Ich möchte ein Foto von mir. Fotografieren Sie mich bitte? Der Apparat liegt auf dem Schreibtisch. Gleich, sagte ich, wenn ich fertig bin. Nicht vorher. Ich betupfte ihre Hände. Bitte verschränken Sie die Ame hinter dem Kopf.
Jetzt dürfen Sie mich ansehen, sagte ich. Dass ich das getan habe, sagte sie, ich fasse es nicht. Möchten Sie ein Glas Wein? fragte ich. Gerne. Sehr gerne. Sie setzte sich auf den Boden. Ich hatte ihr von nebenan eine Decke gebracht. Ich selbst sass auf dem Bett vor ihr. Jetzt müssen Sie entscheiden, sagte ich, ob ich gehen soll. Wenn ich bleiben soll, dann müssen Sie mir in die Augen sehen. Ich möchte, dass Sie bleiben, aber ich möchte Ihnen nicht in die Augen sehen. Sie möchten am liebsten gar nichts sehen, sagte ich. Ja, aber das Foto. Ich will aber, dass Sie sehen. Ich will, dass Sie sagen, ja, das will ich, ja, das tue ich. Das bin ich. Wollen Sie?

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4 Antworten zu Die Balance von Malos. 23. 6. 13:31. Kontorpause. Gelb.

  1. sumuze sagt:

    Schade, das Ende vermasseln Sie. Entweder sie will, daß er bleibt, dann will sie ihn sehen. Oder sie will ihn nicht sehen, dann soll er gehen. Aber alles andere ist gelungen, mein Kompliment. Für einen Mann nicht schlecht.

    • @Sumuze. Meinen Sie mich oder Malos? So weit ich die Erzählung (?) verstehe, h a t die Frau ihn ja angesehen. Oder lese ich das falsch? Und ob die Frau auf die letzte Frage geantwortet hat, und was, darüber schweigt sich Malos aus.
      Kann aber sein, daß ich da völlig auf der Leitung stehe. Geht es aber nicht darum, daß sie s i c h nicht sehen will, im übertragenen Sinn? Das entspräche dann auch meiner Erfahrung.

    • sumuze sagt:

      Ich meine schon den Erzähler, wer immer das bei Ihnen ist.

      Nein, daß sie ihn angesehen hat, habe ich nicht heraus gelesen. Sondern daß sie sagt, sie wolle ihn am liebsten gar nicht sehen, aber dennoch haben, daß er bleibe. Er interpretiert es dann so, als wolle sie ‚gar nichts‘ sehen. Und sie stimmt dem zu.

      Nun, ich denke, die Szene ist in dem Moment vorbei. Danach werden die Augen aufgemacht und alle sind beieinander. Sonst ginge die Szene weiter, was, wenn ich es jetzt nochmals lese, auch möglich ist. Zwar ein wenig gestelzt, aber dennoch denkbar. Dann wäre mein Einwand allerdings falsch.

    • @Sumuze. Ob gestelzt, weiß ich nicht. Vielleicht gab es ein Zwischenspiel, das die Situation (das „Setting“) vorübergehend auf eine Metaebene hob – so würde i c h so etwas handhaben; ich kenne ähnliche Situationen aus meiner, sagen wir, wilden Zeit. Ich fürchte aber, daß sich Malos nicht äußern wird, um >>>> nicht seine Tarnung zu entblößen. Andererseits hatte er selber >>>> den Vorschlag gemacht, ihn als Roman zu erfinden, und mir sein Paßwort geschickt, das ich dann einfach an andere Dschungelautoren weitergeleitet habe. Nein, Moment, das habe ich bezüglich einer anderen, nur „eigenen“ Idee getan, nicht bei Malos… Hm. Sie machen mich jetzt unsicher, ob hinter Malos nicht sowieso eine Frau steckt.

      Die Fußnoten sind die Geschichte. Fällt mir plötzlich ein.

      [Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (98).]

      >>>> 99
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