Ablehnungen. Im PP56, 28. November 2013: Donnerstag. Das Werk indes auf Kurs.

(10.04 Uhr.
Schubert, Stabat Mater.)

Bei nahezu allem, was ich schreibe und tu, erfahre ich >>>> Formen der Ablehnung, die an Haß grenzen, also in ihrem Innersten irrational sind. Deshalb läßt sich dagegen nicht argumentieren. Es begleitet mich so seit meiner Kindheit. Jede Geste wird einem als Strick um den Hals gelegt, jede Liebesbezeugung, eine jede Arbeit, jeder Auftritt, jede geäußerte Meinung und jede, ja, auch die, Hilfe, die man anderen leistet. Immer heißt es: das tut er nur für sich, ist alles, alles ein Ausdruck seines schlechten Characters. Selbst wenn – und daß! – man eine gewisse Beherrschung der Formen sich erkämpft hat und über sie nun verfügt, wird als purer Egoismus interpretiert, sogar jede Verbeugung vor der Leistung eines anderen, jeder menschliche Ausdruck, den man zeigt.

Ich gehe wieder einmal mit dem Gedanken um, Die Dschungel zu beschließen, sie allenfalls noch im Netz zu lassen, um weiterhin ein Forum für Kritiken und Rezensionen zu haben, für Auszüge aus entstehenden Büchern und für ihre Diskussion, ansonsten aber mich zurückzuziehen und nur noch auf meine „eigentliche“ Arbeit zu konzentrieren, zu der Die Dschungel allerdings lange Zeit gehört hat. Doch mit dem >>>> Abschluß der Anderswelt-Trilogie, will da nicht auch alles andere, das Anderswelt geheißen, abgeschlossen sein? Wäre darin nicht eine gute, weil organische Logik? Alles endet. Den Gedanken, daß ich mit Der Dschungel für meine Bücher werben könnte, so, wie einer um Verständnis wirbt, um offene Ohren und Herzen, habe ich ohnedies längst ebenso aufgegeben wie den Gedanken überhaupt, daß man anderen etwas, das ihr Gefühl ablehnt, nahebringen kann. Das betrifft auch mich ganz selbst, als Person. Es müssen da erst andere Menschen kommen, muß eine Nachwelt kommen, auf die sich das Vorurteil nicht mehr vererbt, die dann neu gucken kann, endlich wirklich gucken kann. Die nicht mehr im on dit befangen und gefangen ist, weil sie den Künstler-selbst nicht mehr erleben kann: das dann ist die Chance für sein Werk (für ihr Werk).
Ich muß es konstatieren: Es gibt Künstler, die geliebt werden, und es gibt solche, die gehaßt werden. Mit ihrem Werk hat das nichts zu tun. Zu den Geliebten gehöre ich nicht. Das läßt sich nicht ändern. Durch gar nichts. Es ist egal, wohin ich mich entwickeln werde, ob ich eigensinnig und querstirnig würde oder weise und gütig, ob gläubig und demütig, ob hochfahrend und ungerecht, ob verklärt oder versponnen, altersirre oder ein wach-agiler Greis. Man wird es mir übel auslegen. Es gibt Künstler, die gehaßt werden, und solche, die geliebt werden. Punkt.

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Vorgestern ist mir mein geliebter Kachelofen um die Ohren geflogen. Es machte ein tiefes WUFF – und Stücke Schamotts durchjagten das Zimmer. Der schwere Stein, auf dem eine letzte Arbeit meines Vaters, ein Tonfalke, stand, knallte zu Boden, der Falke verlor seine Flügel. Jetzt habe ich hier freigeräumt, ein riesen Chaos, jeden Moment wird der Ofenbauer kommen. Es ist kalt. Ich habe also nicht umsonst in vier aufeinanderfolgenden Wintern „geübt“, ohne Heizung auszukommen. Möglicherweise verliere ich meinen Ofen nun ganz. Noch ist nicht abzusehen, was jetzt auf mich zukommen wird.
Wandlung.
Der Zahnschmerz nervt mich. Aber ich komme mit dem Traumschiff voran. Die >>>> Astor hat sich gemeldet. Bezeichnenderweise, nachdem zwei weitere Kreuzfahrtunternehmen mir signalisierten, daß sie mich für das neue Hörstück sogar sehr gerne mitnehmen möchten. Es kann nun sein, daß ich von Anfang März bis in die erste Maiwoche hinein auf See sein werde: von Australien über die indonesischen Inseln in den indischen Ozean und weiter um Ostafrika und das Kap herum hinauf bis Teneriffa und querdurchs Mittelmeer an Gibraltar vorbei durch die Biscaya nach Harwich. Von dort mit dem Flieger zurück. Über zwei Monate von allem Hiesigen fort und nur konzentriert auf das Hörstück und auf den Roman. Keine Erzählungen von dieser Reise aber mehr, nicht in Der Dschungel, es sei denn, man bittet mich darum. Dann wäre es etwas anderes, wäre – ein Auftrag. Insofern sollte ich Die Dschungel zumindest nicht vom Netz nehmen. Vielleicht. Oder ein ganz n e u e s Netzprojekt beginnen. Kipling, der mich seit meiner Jugend begleitet, schrieb Das neue Dschungelbuch; ich, im Netz, könnte Die Neue Dschungel schreiben – ganz o h n e Anderswelt, schon um jenen ein Zeichen zu setzen, die immer noch nicht glauben (möchten), daß es mit der Anderswelt ein für alle Male vorbei ist.
Alles endet.

Und der nächste Gedichtband hat tatsächlich einen Verlag. Damit stehen die nächsten beiden Bücher fest, eines im kommenden Jahr, das andere jahrdrauf. Dazu das Kreuzfahrt-Hörstück. Und vielleicht wird nun endlich auch aus dem Stromboli-Hörspiel etwas.

Ein neuer, scharf neuer Lebensabschnitt. Eine Art neues Leben. Alles, was in den vergangenen zweiundsiebzig Tagen geschehen ist, und eigentlich schon, seit Argo erschien, zeigt das an und fordert es. Manches wird unmöglich, ist nicht mehr möglich. Anderes öffnet die Türen, und von einigem werden gerade die Fenster, die aber noch geschlossen sind, sichtbar: schimmernde Flächen, weil es hinter ihnen leuchtet, aber man noch nicht nah genug heran ist, um die Konturen zu erkennen:


[Fotografie (©): Shasharad Lowan.]


Ich kann von meiner Arbeit leben. Das ist mehr, als die meisten Künstler:innen von der ihren sagen können. Bei aller Ablehnung, das privilegiert mich. Auch das muß gesagt sein.
(Purcell, When Right her Purple Veil.)
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(16.15 Uhr.
Bach, BWV 236 in G Dur.)

Nun ist es so. „Wie soll man das wieder richten?“
Ich hatte es mir gedacht. Mein Denken war spätestens bestätigt worden, als ich alles freigeräumt, auch die Schaufensterpuppe heruntergenommen und etwas abgeputzt hatte, die schwere Box beiseitegeräumt, so daß ich auch hinter den Ofen schauen konnte.
„Das ist ja alles verzogen…“ Imgrunde habe ich ein ziemliches Glück gehabt, da, als es WUFF gemacht hat.
Jetzt heißt es erst einmal frieren; vor dem Anfang der übernächsten Woche wird der Handwerker nicht mehr kommen können. Alles hat ein Ende. Auch für die Arbeitswohnung wird ein neues Kapitel geschrieben. Knapp zwanzig gute Jahre haben wir verbracht, dieser Kachelofen und ich. Auch schlimme. Vor allem aber gute. Ich fange an, von den Andersweltjahren zu sprechen. Besser geht es gar nicht, um ein Sterbebuch zu schreiben. Das aber sieht in die Jahre Friedrichs voraus.
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5 Kommentare zu Ablehnungen. Im PP56, 28. November 2013: Donnerstag. Das Werk indes auf Kurs.

  1. maudit sagt:

    Die Dschungel nicht in den kryogenen Schlaf versetzen. So wie mir wird es den vielen anderen, zumeist stummen Lesern gehen: wir kommen beinah täglich hierher, lesen und lassen uns anregen (auch zum Kauf Ihrer Bücher). Daß wir schweigen, wohingegen die Ignoranten pöbeln, heißt nur, daß wir stiller sind, aber nicht weniger an Zahl.

    Aber „Die Neue Dschungel“ hätte auch seinen Reiz.

  2. PHG sagt:

    Ich bin ein fast … … täglicher Leser, lasse mir neue Einträge sogar immer melden, damit ich nichts versäume. Es würde mir (nicht nur) etwas fehlen, wenn das Werk ‚Die Dschungel‘ geschlossen würde.

    Freilich hat der Gedanke im Werkzusammenhang auch seine Konsequenz. Außerdem würden möglicherweise Kräfte freigesetzt, die sich auf das kommende Werk hin fruchtbringend bündeln ließen.

    Versuchen Sie doch einen Mittelweg zu finden, einen, der für diesen BLOG einen deutlichen Neuanfang signalisert.

    Das zumindest wünscht sich PHG

  3. In Ihrem tiefsten Innern ist es doch schon, Sie schreiben ja öfter davon, entschieden, scheint mir – es wird ‚Die Neue Dschungel‘ geben, mit anderen inhaltlichen Komponenten, einer anderen Ästhetik, einem anderen Ton. Auch wäre das eine Möglichkeit, technisch und quasi netzästhetisch einen Sprung zu machen in die Gegenwart bzw. in die Zukunft. ‚Die Dschungel. Anderswelt‘ wäre ja deswegen nicht verloren, ganz im Gegenteil, denn viele Leser würden sich sicher bemüßigt fühlen, hier in Ruhe und mit Lust zu stöbern, getrennt quasi vom jeweils Täglichen.

  4. cellofreund sagt:

    Ablehnung Wegen einem so pietätlosen Kommentar sollten Sie nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und die ganze Dschungel in Frage stellen. Ich habe all die Jahre sehr gerne in ihr gelesen , viel Neues gelernt und auch nicht wenige Ihrer Bücher gelesen. Mit genau diesem Effekt: etwas nahegebracht zu bekommen, das mein Gefühl zunächst vielleicht ablehnte. Wie schön Sie das ausdrücken. Nie könnte ich solche Worte finden.

    Danke für alles, und lassen Sie sich durch solche Unkenrufe nicht so schnell entmutigen. Es sind doch immer nur einzelne, die so bösartig kommentieren. Ich würde es sehr bedauern, wenn ich Sie auf dieser Seereise nicht begleiten dürfte. Und viele der wie auch ich meist stummen Leser sicher auch.

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