Der achte Tag auf See, an dem von einem kleinen Opfer erzählt wird, das dem Indischen Ozean gebracht werden mußte. In den Abend (12)/Traumschiff 19. PP144, 8. April 2014: Dienstag.

[Dienstag,
7-25 Uhr.
]

Das Schlechtwettergebiet ist durchsegelt („a ship is sailing sagt die englische Sprache nach wie vor, auch dann, wenn es sich um ein Motorschiff handelt), bereits zum Frühstück war es ausgesprochen warm. So saß ich in der Sonne und sann der gestrigen Nacht nach, die ein kleines Opfer von mir wollte.
Ich war von den beiden Konzerten hochgekommen, erst einem mit Jazz-Standards, die, freilich, selbst schon Schlager sind, aber bisweilen rief aus dem Publikum jemand „… and Stan Getz, too!“, und Nicolae Petrovici ist mit an Bord und spielte das Klavier, der seinerzeit, bei meiner ersten, dieser sehr viel kürzeren Kreuzfahrt, dem Freund und mir zur Seite gestanden, als wir Asche einer Freundin in die See versenkten… er also improvisierte so fein über ein „Summertime“, das sich alleine dafür das kurze Hineinschaun gelohnt hat:


Technik in der Astor-Lounge.



Danach wieder zu den beiden Damen, der Geigerin, der Pianistin, in den Captain‘s Club, eine halbe Stunde ebenfalls zu Schlagern gewordene Klassik (ich werd die beiden wirklich bitten, einmal etwas anderes zu spielen, vielleicht Skrjabin wirklich; es wird ihnen so oft nicht geschehen), dann mit meinem Drink in meine Kabine, um die Töne zu überspielen und ein paar Notizen zu machen, und als ich schließlich im Dunkeln auf das mit Background Evergreens moderat beschallte Achterdeck hinaustrat, wo noch einige Paare beim Cocktail beisammen, saß nun auch Johan wieder dort, ein bißchen steif vor Zurückhaltung seines diskreten und herzenswarmen Begehrens, doch in seiner, hätte meine Omi gesagt, „schmucken“ weißen Uniform, und bei ihm saß die Geigerin. Beide lachten, er blieb zurückgelehnt, auf Abstand, aber alles an ihm hätte sich vorbeigen, ihr zubeugen mögen, vielleicht nur einmal kurz eine ihrer gesegneten Hände berühren… – Ich sah mir das von „meinem“ Pult aus an, wo ich oft zu stehen pflege, gleich neben den Starboardsteps zum Sonnendeck, nicht überdacht; wiewohl außerhalb des für mein Empfinden immer zu dunklen Raucherbereichs, darf ich dort meine Cigarillos rauchen, niemand bisher hatte etwas dagegen.
Brillant glühten die Sterne aus dem Universum auf uns herab, aber ein scharfer, dennoch handwarmer Wind ging, eine durchaus steife Brise, die die breite Persenning knallen ließ, mit der zwei Drittel des Achterdecks überzogen sind, und auch bisweilen Wolken schob, weit oben über uns nach Osten zurück. Ich trage abends lange Schals, und der jetzt umflatterte mich, als ich nach Achtern weiter schritt, um hinten an der Reling auf das Meer zu sehen und dort nun einen der eCigarillos zu rauchen. Mit einem Mal schoß mir der Wind unter die Achseln, schoß mir zugleich den Nacken und vorne über die Brust herauf, erfaßte den Schal und hob ihn, entschlang ihn mir, trug ihn —- Wie eine elfenbeinfarbne und blaßrote Fahne wehte er in seiner gesamten Länge, langgezogen, ja, auch wie zum Mangeln auseinandergenommen, winkend hoch überm schäumenden Fahrwasser, dem nachtglitzernden, wehte und wehte und senkte sich und legte sich wie ein schmales Blatt, das sich vereinigen möchte, dem Wasser auf, mit dem er verschmolz. Und dann war er weg.



Ich war nicht betrübt, ich wußte, daß ich etwas hierlassen müsse, nicht aber, was. So hat das Meer nun selber gewählt. Und ich muß sagen, die See hat Geschmack. Seide, handgearbeitet, der tuchfeine Schal war meiner seit meinem ersten Aufenthalt in Indien; das ist 1997 gewesen, fünfzehn Jahre also her.
***

Das Leben auf See, auf solch einem Schiff, ist vor allem jenseits von uns Passagieren ein ganz eigenes System, Sozialsystem;: zwar sind die Verträge besonders für die Servicekräfte nahezu immer fest terminiert, vier Monate, manchmal sechs, seltener anderthalb Jahre, und danach weiß man erst mal nicht weiter, reist nach Hause, verbringt dort ein paar Monate, vielleicht auch nur Wochen – bis der nächste Anruf kommt: ob man von dann bis dann Zeit habe, ob man sofort einspringen könne für jemanden Erkranktes und so weiter. So sind viele bereits auf vielen Schiffen gewesen, bisweilen miteinander, bisweilen mit ganz anderen Menschen, und die Schiffe werden untereinander erzählt, er gibt Hierarchien des Respekts, etwa, wenn, wie hierzuschiffs der Manager des Küstenexkursionen, Glenn Wallis, jemand auf der Queen Mary gefahren ist, in seinem Fall der Queen Mary 2; es ist ausgesprochen deutlich, welch eine Autorität er davon genießt. Und auch die Musikerinnen und Musiker sind oft auf Keuzfahrtschiffe, man kann das wirklich sagen, spezialisiert, kennen die Bedürfnisse der Passagiere, wissen, sie zu erfüllen, auch wenn das zuweilen, gewiß, mit einer aufgegebenen Sehnsucht einhergeht, etwa der nach internationalen Podien und vielleicht auch einem Publikum, das, wie man selbst war, der Kunst verfallen ist, und: – wie man selbst, stell ich mir vor, es im geheimen immer noch ist. Ganz wie ich selbst weiß, der ich begonnen habe, Ian Macdonalds international bejubeltes „Cyberabad“ zu lesen, daß sich meine Anderswelt-Bücher mit großem Selbstbewußtsein könnten danebenstellen, sogar um einiges drüber, aber ins öffentliche Bewußtsein gerät das nicht mehr; verschwiegen ist verschwiegen, ignoriert ignoriert, und Musiker an Bord zu sein, bedeutet, es zu bleiben. So stellen sich, wie Weichen, unsre Leben. Zeit ist irreversibel, jeder Rückwärtsgang sinnlos.


Hansebar, oberes Achterdeck, Blick hinaus.



Aber das Vorne lockt auch und entschädigt nicht selten mit etwas, das wir nicht erwartet haben und nicht erwarten konnten. So sind wir dann doch überrascht und, gegen allen Schmerz der ergebenen Einsicht, beglückt. („Cyberabad“ ist übrigens wirklich spannend und genießt auch sonst, hab ich auf Seite 90 schon den Eindruck, ganz zu recht seinen Ruhm. Über Lars Popps furioses „Haus der Halluzinationen“, auf das ich >>>> dort schon hinwies, will ich gesondert schreiben. Und werde das auch tun. Jetzt aber dieses hier für Sie einstellen, dann ein wenig in die Sonne, mit dem Notizbuch und mit dem Roman, und nicht die Sonnecreme vergessen, und gegen halb eins zum Training. Können Sie sich – als diesen? – einen grandioseren Workout-Anblick vorstelln?:

)

***

Noch knapp zwei Tage, dann werden wir den Indischen Ozean einmal fast ganz durchmessen und in Mauritius angelegt haben. Meiner Reise erste Phase, die der, fühl ich, Zeit galt, wird dann vorüber sein, die des Niemalsneuen, des scheinbar Immergleichen, sich Wiederholenden, das eins, im Wortsinn, der Oberfläche ist, einer bewegten und bewellten. „… doch in der Tiefe wimmelndes Getier.“



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2 Kommentare zu Der achte Tag auf See, an dem von einem kleinen Opfer erzählt wird, das dem Indischen Ozean gebracht werden mußte. In den Abend (12)/Traumschiff 19. PP144, 8. April 2014: Dienstag.

  1. PHG sagt:

    Dies Anfrage kam … … am Abend von einer Freundin bei mir rein:

    lieber peter, welche bücher deines kollegen a. n. herbst würdest du empfehlen?

    Hallo Cyrill, würde den Roman „Eine Sizilische Reise“ empfehlen. Der ist nicht so wahnsinnig umfangreich wie viele der anderen Bücher. Außerdem könnte Dich das auch thematisch besonders interessieren, weil es um Natur, Mythologie und Traum und Realität geht.
    So das für Dich zu sehr nach Rücksichtnahme klingen sollte, so würde ich freilich direkt den neuen Roman „Argo Anderswelt“ empfehlen, der ist erst einige Monate alt und ein echter Höhepunkt von Albans Romanskunst. Grüße, Peter

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