„Was uns die Rose“. Das Requiem der Fortwährenden Wandlung. Von Markus Orths, Marlen Schachinger und Michael Stavarič. Im Septime Verlag Wien.


Wir versuchen nur zu retten,
was wir schon längst verloren haben.

Orth, Schachinger, Stavarič: R e q u i e m

 

Dies ist sicherlich eines der ungewöhnlichsten Bücher des vergangenen Jahres im deutschsprachigen Raum, das auch gerade bei Septime kaum zu erwarten gewesen wäre.
Nach einer, so erzählt es der Vorsatz, Idee von Marlen Schachinger und Michael Stavarič entstand der dann auch von Markus Orths mitverfaßte, von der katholischen Totenmesse ausgehende, sie fortführende, teils ihr hart widersprechende Text unter Mitwirkung des Seelsorgers Christian Wiesinger, – beim Viertelfestival Niederösterreich tatsächlich auch in kanonischem Rahmen uraufgeführt, nämlich am 12. Mai vergangenen Jahres in der Pfarrkirche Gaubitsch:

 

 

 

 

 

 

Eine ähnliche, ergänzend wie anklagend-widersprechende Weiterbearbeitung des Totenamtes hat es meines Wissens zuletzt mit Benjamin Brittens längst weltberühmtem „War Requiem“ gegeben – dort hat der Komponist Gedichte des 1918 gefallenen William Owen mit der Missa pro defunctis verknüpft. Anders als sie verwenden Orths, Schachinger und Stavarič allerding nicht den lateinischen Text, sondern Übersetzungen ins Deutsche. Aber ganz wie es oft in Klangwerken geschieht, ergänzen auch sie, also die drei, das an sich siebenteilige Requiem um das Libera me des Responsoriums; außerdem schieben sie ein „Vater unser“ ein, das tatsächlich nicht in den liturgischen Ablauf gehört – wobei mitunter das „Vater“ den göttlich gedachten zum konkret leiblichen, sagen wir, herabholt.
Denn den liturgischen Kapiteln werden prosaische, teils auch der Lyrik angehörende Erzählkapitel als quasi Lesungen eines Gottesdienstes zwischengeschoben, die bisweilen, wie hier, ergreifende Formulierungen finden:

Jedes jetzige Entnervtsein über meine Kinder
ist ein Spatenstich,
den ich aus dem Boden hebe.
Jedes künftige Entnervtsein meiner Kinder über mich
wird ein Spatenstich sein,
den sie wieder zurück ins Loch schaufeln.

Man stelle sich dies auf einer Kanzel gesprochen vor, um die Wucht zu ermessen, den solch eine Fortschreibung liturgischer Texte entwickeln kann. Man stelle sich überhaupt dieses Buch am besten d a u e r n d als gesprochen vor:

Ewige Ruhe jetzt, und hast den Raum gefunden, der dich umgeben wird für den Rest deines Todes, und liegst dort, am Ort der Ewigkeit, am Ort der Klebrigkeit, und Nähe nicht möglich mehr, Umarmung nicht möglich mehr, Aufrichten nicht möglich mehr, Tag der Aufrichtigkeit, als dein Gesicht verschwand, deine Hand schon beinah ins Gebein gesackt, Schmetterlingsflügel, sagtest du einmal, Schmetterlingsflügel, nicht berühren, Markus, du darfst keine Schmeterlingsflügel berühren, nein, sonst geht er ein, der Schmetterling, doch jetzt berühre ich den Schmetterlingsflügel deiner Hand und die nackten Knochen darunter, jetzt berühre ich deine Schmetterlingsflügel, komm, erzähl mir eine Geschichte.

Was dieses Requiem, ohne daß es jemals kitschig würde, herzreißend, das Herz berührend macht, ist, daß die Dichterin und die Dichter den liturgischen Text auf Konkretion herunterspiegeln, ihn aus dem Abstrakten „Was ist der Mensch?“ für den einzelnen Menschen, die tatsächliche Person – und was eben „Maske“ an ihr n i c h t ist – zurückfließen in das jeweilig wirklich gelebte Leben lassen: Es ist der jeweils tatsächliche Großvater, die jeweils tatsächliche Ehefrau gemeint. Dadurch schrumpft der Machtanspruch, den Liturgien eben immer a u c h erheben, und die Trauer wird zur wahren, die sich ins Ritual eben deshalb bettet, weil es so Handleiter wird (San Michele: „und ging umher und suchte Handleiter“).

Und alle mußten lachen
Und meine Großmutter
Starb
Ins Lachen hinein
Ein schöner Tod
Sagten alle
Danach
Ein schöner Tod

Bisweilen vermischen sich dann die Erinnerungen. Etwa kann es vorkommen, daß, in der „Lesung“ zum Kyrie, der Bruder zum Hund wird, den die Kinder einmal gehabt:

Ich weiß noch, als ich ihn zum letzten Mal sah, dass er hechelte, dass er seine Zunge halb über die Unterlippe rollen ließ, ein kleiner roter Teppich, auf den man sich sogleich legen wollte, seine Lefzen zuckten ständig, er pjnkelte mir ans Bein, so schnell konnte ich gar nicht schauen. Ich weiß schon, dass es sich nicht ziemt, dass man so nicht über seinen Bruder spricht, als wäre dieser ein beliebiger Fußabstreifer, irgendein Mobiliar oder Inventar eines sich langsam auflösenden Hauses.

Dazu oft Bilder, die unmittelbar das tatsächliche Gesicht erzeugen:

(…) die gelblichgrauen Zehen meines Vaters, als würden sie längst keimen (…).

Genau hier liegt die ungemeine Kraft dieser Texte, von denen im übrigen nicht zu sagen ist – oder nur bisweilen aus konkreten Angaben zu erschließen -, wer der drei Autor:inn:en zumindest Entwurfsschreiber/in war, zum Beispiel, wenn konkret ein Name genannt wird, „Markus“ wie oben, später auch mal „Maren“. Ebenso wenig wird erzählt, ob die drei ihre Requiemkapitel später gemeinsam bearbeitet haben. Bisweilen ist es an der korrekten oder eben auch weniger korrekten Handhabung des Irrealis zu bemerken; hin und wieder steht aber mitten in einer Folge stilistisch einwandfreier Konjunktive ein falscher – worauf es diesmal aber nicht sehr ankommt. Wir lesen leicht darüber hinweg. Denn immer nimmt uns die konkrete Erzählung gefangen – auch der Hof, der die Erzählungen umgibt, etwa die ob bewußte, ob nicht bewußte Anspielung an Gottfried Kellers „Lebendig begraben“:

Als ob ich noch atmen könnte, tief Luft holen und nicht daran denken, wie alles in meinem Kopf verklumpt, der Sonnenschein über mir und die Vorstellung davon hier unten; beides klafft wahrlich auseinander. Im modrigen Wurzelwerk zwischen der Erdwärme zu liegen, die allmählich aufsteigt, die meine Knochen knistern läßt (…).

Dazu Keller, in der Nummer VII:

Horch – endlich zittert es durch meine Bretter!
Was für ein zauberhaft metallner Klang,
Was ist das für ein unterirdisch Wetter,
Das mir erschütternd in die Ohren drang?

Jach unterbrach es meine bangen Klagen,
Ich lauschte zählend, still, fast hoffnungsvoll:
Eilf – zwölf – wahrhaftig es hat zwölf geschlagen,
Das war die Turmuhr, die so dröhnend scholl!

Es ist die große Glock’, das Kind der Lüfte,
Das klingt ins tiefste Fundament herab,
Bahnt sich den Weg durch Mauern und durch Grüfte
Und singt sein Lied in mein verlass’nes Grab.

Und dann gibt es, wo sonst als im Dies Irae?, sogar eine Verfluchung Gottes, wie sie heftiger kaum ausfallen kann – Beharren auf dem Zweifel, hier dem „schlimmsten“, der zum Glauben, wenn er denn menschlich ist und sein will, eben auch gehört, „blasphemischerweise“ als Gott-selbst gesprochen und gegen sein Alleine-ich-Gebot:

… ich, sagst du, ich, euer Gott, ich, sagst du, in dem du dich selber mit den drei Buchstaben der Eitelkeit umsuhlst, ich, ich, sagst du, (…) ich bin der Größte, der Einzige, ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben, ich habe das alles hier erschaffen, die ganze kranke Welt und euch wilde Kreaturen, es ist mein, mein, mein Werk, ich, ich, ich bin der Gott, an den ihr zu glauben habt auf Teufel komm raus (…), ich mache euch vor, wie das geht mit der tiefen Schuld und dem erbärmlichen Morden, das mit dem Haß und der Rache und dem Vernichten, ich, ich, ich, euer Gott und Vorbild bin ich, ihr eifert mir nach (…).

Selbstverständlich, möcht ich fast schreiben, wird dann die furchtbarste Geschichte nacherzählt, die das Alte Testament uns ü b e r h a u p t zumutet, die schaurigste Erzählung einer „treuen“ Ergebenheit – sie ließe sich mit allem Recht als die Basis jeglicher Diktatur verstehen. In Orths‘, Schachingers und Stavaričs Requiem nimmt sie eine geradezu logische und in dieser Logik zusätzlich furchtbare Wendung. Als GOtt Abraham nämlich in den Arm fahren läßt, bevor dessen Hand als die Markus‘ (Orths!) wirklich zusticht, hält dieser den Ruf des Engels für eine Einflüsterung des angeblich ewigen Widersachers – und führt die Opferung seines Sohnes David d u r c h,

den ich so oft gewickelt und gefüttert, den ich Nacht für Nacht in meinem Arm gehalten und geschaukelt habe, während er mit offenen Augen dem roten Leuchten der Digitaluhr folgte und  nicht verstand, warum der Schlaf noch fernblieb, David, dem ich Lieder gesungen (…), David, der Geliebte, so die Bedeutung des Namens,

auch hier wirft die Rückführung auf einen konkreten und dann nämlich immer besonderen Menschen ein entblößendes Licht auf die Zumutung des kanonischen Textes;

– – – führt die Opferung also durch:

„Was hast du getan!“ fragtest du, mein Gott, plötzlich erregt.
Ich, sagte ich, „folgte nur deinen Anweisungen.“
„Aber hast du mich nicht gehört, als ich sagte, du sollst ihn verschonen?“
„Es gibt keinen Unterschied“, sagte ich, „zwischen einem Menschen, der BEREIT IST, seinen eigenen Sohn zu töten, und einem Menschen, der dies WIRKLICH TUT. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Gott, der zu einem Mord aufruft, und einem Gott, der in letzter Sekunde diesen Aufruf zurücknimmt.“

Nicht grundlos steht vorher, in dieser klarerweise zum Offertorium gehörenden Lesung, die eindrucksvolle, sich auf die Bekehrungsgeschichten des Islams beziehende Wendung (Qu’ran bedeutet Rezitation):

Nicht mit den Augen sah ich dich. Mit den Ohren sah ich dich.

Die für mich eindrucksvollste Lesung allerdings ist die vergleichsweise lange, „Windhauch“ – von hebräisch „Häwäl“ – benannte Erzählung des einem Requiem eigentlich auch nicht zugehörenden „Evangeliums“, die ich „Kohelet-Variationen“ nennen wollte, hätten sich nicht schließlich noch andere christlich-kanonische Texte eingeschoben, etwa Blaise Pascals oder Lukas‘ und des Leviticus, schließlich sogar Brechts – ja selbst aus einem Lied der Sioux wird zitiert. Insgesamt handelt es sich um eine großartige Fantasie über ein altes Paar, dessen eines Gespons auf dem Sterbelager liegt und das erinnerungssatt Vergangenes nicht beschwört, sondern es steigt vor den Augen einfach auf, wie die beiden Religion und Religionsversprechen miteinander diskutieren, indessen eine/r von beiden allmählich verdämmert.

Wenn zwei sich schlafen legen, wird ihnen warm. Wie soll Einzelnen warm werden?

Und es wird mit Abraham, abermals ihm, abgerechnet, der die Mutter seines Erstgeborenen in die Wüste schickte, bzw. schicken l i e ß, und diesen also mit, Sohnesverrat auch hier – übrigens wohl eine der religiösen Grundlagen der muslimischen Judenfeindschaft. Nicht anders verdammten „die“ Christen das mosaische Volk über Jahrhunderte als jenes, „das unseren Herrn getötet hat“. Für den Islam ist Ismaël, Hagars Sohn also, der arabische Stammvater, als solcher GOttes, Allahs, Gesandter zugleich und, übrigens, Miterbauer der Kaaba. – Uns Weltgeschichte, grad auch die der Gegenwart, verstehen zu lassen, auf ganz unerwartete Weise leistet dieses Buch selbst das.

(…) zumindest ein Wasserschlauch wird ihr am Ende trotz des Fußtritts in die Hand gedrückt: Wie lange währte das Trinkwasser in dieser Hitze, wie schnell kann eine laufen, Kind an der Hand? Die Sonne brannte herab, kein Schatten war zu finden, nichts als ein alberner Busch, ein karger, und unter den legte Hagar den weinenden Sohn (…). Dazu gebiert keine Frau ein Kind, um sein Verrecken zu begleiten (…) – es mögen die Verheißungen großer Völker verführerisch tönen, einer Mutter sind sie einerlei (…).

Was die Erzählung dieses „Windhauchs“ aber tatsächlich groß macht, ist weniger die Version eines kleineren Geschichten Jaacobs, sondern eben immer wieder die Rückführung auf die konkrete Situation:

Deine Hand tastet über das Tablett an deiner Seite, findet den Henkel der Teetasse, der Daumen schiebt sich unter den Bogen, deine Finger stützen den Tassenkörper, du hebst sie hoch – ein wenig Flüssigkeit schwappt über.

Es ist, als würde das Gespräch der beiden alten Liebenden murmelnd, geflüstert, ja eigentlich nur in Gedanken geführt, die beide dennoch deutlich, jede/r die des anderen, hören können – so groß ihre Verbundenheit, die aber über den Tod hinausreichen, wie immer sie doch wollte, nicht kann.

Ein Tagpfauenauge läßt sich auf der Decke nieder, die deinen Leib einhüllt, ’schau‘, denke ich und will dir freudig davon erzählen, dass er das warme Braun des Kamelhaares offenbar für Erde hält – (…). Deine Augen sind geschlossen, dein Atem geht anders als zuvor, der Druck deiner Hand um meine hat sich verstärkt – (…). Ich halte still, um deinen Schlaf nicht zu stören.

Dieses einhunderteinundvierzigseitige Buch – ausgewiesen, nebenbei bemerkt, in römischen Zahlen – läßt sich an einem Tag, wohl auch an drei Abenden lesen. Sie sollten, die es tun werden, es auch genauso halten. Oder sich einen Sonntag nehmen, nicht weil der Nazarener an einem solchen auferstanden sei, sondern weil Sie da die Muße haben, die es, und Ihr Geneigtsein, braucht.
Danke an Markus Orths, Marlen Schachinger und Michael Stavarič, daß sie es schrieben, an den katholischen Geistlichen Christian Wiesinger, daß er sich getraut hat, es in einem geweihten Ort aufführen zu lassen, und an den Septime Verlag, der es auch als Buch in eine Welt zu stellen wagte, deren Läufte allzu profan sind, als daß sich annehmen ließe, es werde sich auch nur hinreichend verkaufen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der diesen Dank formuliert, ist kein gläubiger Mann; um so nachdrücklicher sei er erstattet
von

ANH
im Mai 2018

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