III, 381 – sieh zu

Morgens um vier donnerte es an meiner Zimmertür. Hätte es nicht gedonnert, ich hätte es nicht gehört. Wo ich in dem Moment war, weiß ich nicht mehr, was natürlich keine Aussage ist, die sich auf den Körper bezieht. Und es ging im Nochdunkel zum Bahnhof und auch in diesem Fall in der ersten Dämmerung zurück. Geradezu umgekehrt im Vergleich zu meinen Kinobesuchen in den Städten, die ich am liebsten am späten Nachmittag machte, wenn es noch hell war, um dann am Ende in den Schein der Straßenlampen zu treten (am intensivsten und angenehmsten spürte ich dies nach einem der Wendekreis-Filme (Cancer?) irgendwann in Wolfsburg). Galt natürlich nicht für die Sommerzeit mit den langen Tagen, die sich jetzt in die Federbälle verwandeln, da auf der Straße im Dorf, die zum Bahnhof führte, auf der damals kaum ein Auto fuhr, die meine Nachbarin und ich uns zuspielten bis gegen acht, gegen neun. Der nicht getroffene Federball legte die jeweils neue Position fest. Also: zurück!
Ich ging aber nicht wieder zu Bett, hatte zu tun, und “genoß” es, es zeitlupenmäßig in die Gänge kommen zu lassen. Tatsächlich ging der Tag dann bis 18 Uhr. Zwar hätte ich jetzt noch im nebenbei gelesenen Ganghofer (“Edelweißkönig”) weiterlesen können, denn es scheint, daß in der kommenden Passage ein über lange Seiten hinweg nur leis angedeutetes Geheimnis gelüftet wird. Ok, lassen wir das als Cliffhanger für morgen. Ganghofer? Jedenfalls kein Beitrag zur Heimatdebatte (Heimatdebakel, Debakelheimat). Je vieler die Maloch’, desto frugaler die Lektür’. Indes, ‘banal’ würd’ ich wiederum auch nicht sagen. Er, der Ganghofer, weiß sein oberbayrisches Dorf schon gut zu inszenieren, keine Frage.
Natürlich steht’s dort, weil ich den Einband (20. [sic!] Auflage 1908) so hübsch fand, und merkwürdigerweise entdecke ich jetzt, daß der Preis “12.000” lautet, das können ja nur Lire sein. Also wahrscheinlich die Buch- und Porno-DVD-Trödler an der Via delle Terme di Diocleziano. Und besonders der eine, bei dem ich auch mal eine Rückert-Ausgabe kaufte, der aber ‘Die Weisheit des Brahmanen’ fehlte, hatt’ ich aber schon als Reclam-Bändchen mit Geschenkwidmung von MiCh (“Dem Freund Lampe zu dienen”) von 84 und einer weiteren von 1923. Ad libitum aufgeschlagen: “Die Lust der Welt ist durch das Christentum verdorben” (Nr. 190, Vierte Stufe – Schule).. “Doch nur ein Zeitvertreib ist dieses und ein Spiel” (Nr.193, ebd.).
Zum Teil die Bücher zurückgestellt, die ich in der letzten Woche aus der Bibliothek gezogen. Ein letztes aber hatte ich heute morgen herausgezogen. Es ging so knapp nach dem verdonnerten Aufstehen irgendwie um Lieder. Genau weiß ich es nicht mehr, ich war wohl nicht wach genug. Es handelt sich um das Liederbuch, das in der Dorfschule benutzt wurde: Druckjahr 1936, und hab’s immer noch.
Heute auch die Fenster geschlossen, die der Besuch ständig offen ließ. Ohne, daß mich das stört, solange es nicht mein Arbeitszimmer betrifft oder den nächtlichen Klogang in spärlichster Kleidung, das war das eine Mal nicht so angenehm. Dennoch bescheren offene Fenster tagsüber (besonders gestern und vorgestern) eine sehr vielstimmige Außenwelt: am Sonntag die Fronleichnamszeremonie auf dem Rathausplatz um die Ecke, die alten Frauen gestern, die stundenlang gegenüber dem Küchenfenster redeten, die Zither am Nachmittag, um dann am Abend selbst einzustimmen in die Geräuschkulisse auf dem Platz, aber dann eben ohne Ohren, die man schlecht zurücklassen kann, dafür aber mit einem Glas Grappa und einer, die sich’s gern ausgeben ließ.
Zwei Tänzer sahen uns zu, wie wir neulich den Tänzern zusahen. Sie hinter einer Glasscheibe, vor der es von Schuhen und Sandalen wimmelte, die vor unseren Füßen herumlagen, in der Mitte stand ein filmender Fotoapparat, so daß man die Tanzenden im weiten Raum und gleichzeitig auf dem kleinen Bildschirm des Fotoapparates sich bewegen sah. Und gleichzeitig sich vorstellen, wie man hinter der Glasscheibe als ziemlich statischer Zuschauer erscheint: Bild im Bild im Bild.

III, 380 – spützen

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