Das Menschenrecht auf Unmoral. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 25. September 2018. Unversehens mitten im Herbst.

Sehr schön, Nachricht vom Diaphanes-Magazin: Der Verleger und Herausgeber Michael Heitz meldete sich erst per Email, dann telefonisch; er möchte für die nächste Ausgabe eine Auswahl der Béart-Langgedichte haben. Ich hatte selbst vor einem Jahr drei Stücke des Zyklusses angeboten, nachdem ich das Periodikum erstmals in die Hand bekommen hatte und geradezu becirct von ihm gewesen war, sowohl und besonders von der Gestaltung als auch von den Inhalten; so habe ich’s seinerzeit in Der Dschungel auch geschrieben.
Dann hörte ich nur noch indirekt von dem Magazin, bzw. erhielt selbstverständlich meine Abo-Exemplare, war von jedem aufs Neue entzückt bis berauscht, wollte aber auf keinen Fall nachhaken, schon und auch aus Gründen meines Stolzes (etwas, das in der Gegenwart Karrieren nicht mehr sonderlich hilft, im Gegenteil eher). Und nun las ich, daß auch wenn er, der Herausgeber, sich nicht gemeldet habe, er doch „immer einmal wieder in den von Ihnen geschickten Zeilen und auch in Ihren zuletzt erschienenen Dichtungen und Übersetzungen mit einigem Interesse und Genuß gelesen“ habe und nunmehr denke, es sei ein guter Moment; „und so wollte ich fragen, ob wir darüber ins Gespräch kommen können, ob und welche Passagen aus Ihrem fortlaufenden Zyklus abzudrucken möglich und sinnvoll wäre.“

DIAPHANES Magazine No. 5 – TAMING THE GAZE
DIAPHANES 5 richtet den Blick auf Täuschung und Zensur, Gewalt und Konsum, Genuss und Norm, auf Techniken der Zähmung und Ökonomien der Moral, vermisst den Abstand zwischen Kunst und Nicht-Kunst, folgt der Bestie der Freiheit in die Aporien der Form, sucht nach luziden Winkeln wilder Reflektion, Momenten anarchischen Sehens, neuen Mitteln zur Emanzipation.

So die bisherige Werbemitteilung der neuen Augabe. Die No 4 hat anderen Themen gegolten:

 

 

 

Dann gestern das Telefonat, wir wurden schnell über die möglichen Besonderheiten einig, die ein Abdruck in eben diesem Magazin an die Hand stellt. Bedauerlich ist nur, daß nicht Zeit genug bleibt, die Gedichte zu übersetzen, sei’s ins Französische, sei’s ins Italienische. Normalerweise wird es für diese zwei- bis dreisprachige Zweitschrift genauso gemacht. Aber die Entscheidung fiel wohl spontan; es bleibe jetzt schon recht wenig Zeit, wiewohl die neue Ausgabe zur Frankfurter Buchmesse gewiß noch nicht fertiggestellt werden kann; es sind ja nur noch drei Wochen bis dann. Mir ist auch kurz der Gedanken gekommen, die Entscheidung für die Béart könne durchaus auch mit der Werkschau während des ilbs zu tun gehabt haben; sie hat ihr vielleicht den letzten nötigen Effet gegeben.
Also warte ich jetzt auf die ersten PDFs, um mir die setzerisch geprobten Lösungen anzuschauen.

Bemerkenswert aber auch, daß mich diese Nachricht just an dem Tag erreichte, als ich den Béartzyklus endlich wieder vorgenommen hatte, also die Arbeitsdatei, um die in Neapel entstandenen Zeilen aus dem handschriftlichen Skript in sie zu übertragen – so düster sie allerdings, zu düster, sind; ich fürchte ein Kippen der Balance, sollte vielleicht aus den neuen Versen ein unabhängiges, von den Béartversen losgelöstes Gedicht werden lassen. Denn in den hymnischen Ton möchte ich ja unbedingt wieder zurückfinden; diese Lyrik soll Hommage an die Frauen bleiben, nicht an alle, klar, aber an die, die mich prägten, und sei es es „nur“ vermittels eines einzigen Augenaufschlags oder Lächeln, und ich muß und will hierzu auf den „klassischen“ Geschlechteridentitäten beharren, mit aber, selbstverständlich, all ihren ungefähren Rändern. Also schwebt mir eine ungefähre und dennoch spezifische Geschlechteridentität vor, die, was Frau sei und was Mann, zwar nicht festnagelt, aber daß da ein Unterschied sei, nicht per, sagen wir, „sozialer Konstruktion“ ins Beliebige aufhebt. Männer bluten nicht, punktum. Und sie gebären deshalb nicht, auch wenn sich das vermittels neuer medizinischer Technologien verändern könnte, sich aber wahrscheinlich in Richtung Retortenerzeugung verschieben wird. Eine Welt völliger Gleichheit, auch der Geschlechter, wird notwendigerweise eine aus nichts als Replikanten sein. Ich dagegen halt daran fest:

vielleicht gibt es Geheimnisse
die älter sind als die Risse
im Fels

Wondratschek, Träumerei in Ornos

Dann. Die Überarbeitung des Ghostromans geht weiter, ebenso muß ich wieder an das Familienbuch der Contessa. Zum 3. Oktober werde ich nach Düsseldorf fahren, weil wir Tonfiles durchgehen wollen. Dort wartet außerdem ein möglicher weiterer Auftrag auf mich, der meine Finanzierung in den Wintermonaten sichert, sichern jedenfalls könnte. Wobei zeitgleich einige Anträge auf Stipendien laufen. Allerdings ist es mir zunehmend peinlich, nach über dreißig Büchern immer noch auf solche Förderungen angewiesen zu sein; es gehört sich nicht mehr, meinem Empfinden nach, siehe oben: mein Stolz, für jemanden meines Alters. Doch die „Dinge“ stehn, wie sie stehn. Und was die Replikanten anbelangt, so sind sie die Notwehr der Massengesellschaft, die überschaubar und lenkbar sein muß, um gerecht sein zu können. Je mehr Menschen sich in einen Quadratmeter teilen, desto heikler wird Individualität: Sie stört den Anders-Individuellen, weshalb alleine zur sozialen Konfliktvermeidung das Individuelle selbst („das individuelle Selbst“) zur Disposition steht.
Dagegen radikal Deidameia:

Wir hingegen wollen so viele Welten wie möglich. Wir sind für Willkür, Hans Deters. Wir wollen Ekstase, nicht Ordnung.
Buenos Aires.Anderswelt, S.223

Es gibt, ganz wie sie dort ebenfalls sagt, ein Menschenrecht auf Unmoral. Und so haben wir ganz plötzlich Herbst, von vorvorgestern auf vorgestern. Das regensatte Stürmen riß Äste von den Bäumen, die gefallenen Blätter waren binnen Minuten tiefstbunter Matsch. Ich wußte, Freundin, gar nicht mehr recht, wie mich kleiden. Doch heute, immerhin, ist wieder ein h e l l e r Anzug angesagt – und so will ich auch schreiben.

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