Wer auf Surtsey steht. Das Arbeitsjournal des Dienstags, den 2. Oktober 2018. Mit Jan Kjærstad, Heinz Helle, García Marquez, Christopher Eckers Fahlmann.


So sollte Literatur sein, in den Alltag, das Leben hineinsickern,
herannahen wie ein Flüstern im Ohr, wenn man an einem Ladentisch sei-
ne Einkäufe bezahlt.

Jan Kjærstad, Das Norman-Areal

[Arbeitswohnung, 6.17 Uhr
Erster Latte macchiato, auf seit 5.50 Uhr
David Ramirer, Bach-Toccaten}
Der Fersenschmerz hat sich in der Tat beruhigt, also werde ich morgen wieder laufen, voraussichtlich an der Außenalster. Ein möglicher neuer Auftraggeber hat mich nach Hamburg gerufen, Besprechung abends: Ein ähnliches Projekt wie der Contessa Familienbuch, allerdings deutlich weniger kompliziert, denn es wird nur eine Person des Erinnerns, eine alte Dame, erzählen.
Mein Zug geht mittags kurz nach zwei; Arbeit während der Fahrt, Béart und Contessa, vorher zum Sport, abermals, siehe oben die Ferse, Kraft.

Auf Empfehlung Björn Jagers lese ich Heinz Helle, Die Überwindung der Schwerkraft, virtuos gebaut, aber etwas daran kommt mir vor, wie Kjærstads Norman es beschrieben hat:

Alles tadellos erzählt, aber auf genau die gleiche Weise, wie es von anderen schon hunderte Male davor erzählt worden war. Und vielleicht gerade deshalb: ein garantierter Erfolg.

Es ist dies genau das Gegenteil seiner, Norman(-Kjærstad)s, poetischer, ja: Proklamation, daß gute Literatur die Wirklichkeit nicht bestätige, sondern sie selbst erzeuge, also m i t. Helles Roman, jedenfalls für mich, scheint kein „Surtsey-Buch“ zu sein. (Wie diese Insel quasi über Nacht entstand, sei, Norman folgend, zu lesen nicht etwa Flucht in etwas, das es nicht gebe, sondern das Hineinwandern in eines, das nicht da ist, dann indessen w i r d. So sind alle Surtsey-Bücher weiße Wale von Melville. Eckers Fahlmann, ganz sicher, gehört dazu – den ebenso sicher Kjærstad leider wohl nicht kennt.) Dennoch, ich gebe Helles Roman noch ein wenig Zeit; vielleicht, daß sich unversehens etwas dreht, sei’s in ihm, sei es in mir. Bislang ist er mir zu, ich will es so sagen: „monologisch konventionell“ – wogegen Kjærstad übrigens, wie ich selbst tat – und immer auch Eigner getan hat -, García Marquez‘ Herbst des Patriarchen hält, ein imaginationsglühendes Meisterwerk des Monologs,

eunfasslich in seinem Reichtum an Nuancen, seiner sprachlichen Kraft und der Fähigkeit, ein Segel zu füllen.

Bislang sei ihm, Norman, „noch kein norwegischer Schriftsteller untergekommen, der auch nur in die Nähe dieser hypnotisch-suggestiven Erzählkunst gekommen“ sei; und mir halt kaum ein deutscher. Wobei es wie ein Zucken durch mich ging, als ich ab der Romanseite 262 erfuhr, daß auch Norman, ganz wie ich, Kazantzakis‘ Odysseia liest,

eine groß gedachte Erzählung über einen Menschen, eine Menschheit, die noch nicht fertig ist, die beständig nach größerer Freiheit und weniger Angst strebt; ich wusste, als ich dort saß, vor mir das weite Meer, dass Kazantzakis‘ Epos meinen Blick schulen würde für alles, was anders war (…).

 

 

 

Jetzt weiter mit Béart (weshalb ich ausgerechnet ihren Namen gewählt habe, für quasi „alle“, erzähle ich ein andermal; zwei Filme sind dran „schuld“; Sie dürfen raten, Freundin, welche – aber vielleicht habe ich es in Der Dschungel eh schon mal gesagt), dann zum Training. (Ein Telefonat mal wieder mit der Löwin, gestern abend nach einer langen Zeit, geht mir nach: welch eine D i s t a n z da jetzt war! Ich war selbst ein bißchen schockiert, wie nüchtern ich sprach, wie nüchtern und, nach Kazantzakis, odysseeisch entfernt. Doch hielt ich so möglicherweise den Schmerz nieder, dem ich aufzusteigen nicht gestatte noch gestatten darf.)

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