Vertonungen. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 9. April 2019. Mit einer Leserinnenstimme.

[Arbeitswohnung, 8.20 Uhr
Marius Felix Lange, Lieder]
Da bahnt sich, habe ich das Gefühl, die nächste Künstlerfreundschaft an. Höre momentan immer wieder Langes Klavierlieder auf Keller und Storm; eines hat sogar ein Nietzschegedicht zur Grundlage – wobei ich denke, daß der „Vorstoß“ in neuere Lyrik sinnvoll wäre. Jedenfalls ist mir seine Musik ausgesprochen nah, auch, weil sie der Sprache Raum läßt, die sich bei Robert HP Platz oft in der elektronischen Überlagerung verliert. Sowohl ist in dessen Streichquartett IV als war auch in seinen früheren Vertonungen, etwa in Leere Mitte: Lilith, das Wort kaum mehr sinnvoll zu hören. Allerdings läßt sich ja mitlesen.
Zu vernehmen, bei Lange, sind tatsächlich Schoeck-Anklänge, sehr deutlich etwa in den „Liedern des Tages“ die melodische Führung allein des Wortes „Mittagssonnenstrahle“ (0’25“ – 0’33“ der folgenden Aufnahme):

Inwieweit dies an den romantischen/spätromantischen Gedichtvorlagen liegt, kann ich noch nicht sagen. Es ist in jedem Fall interessant und kommt meiner Neigung sehr entgegen, Kompositionsformen der Neuen Musik mit, ich sage einmal, nicht-Abstraktem zu vermitteln, das den Akzent sehr wohl auf Gefühlsvermittlung, >>>> Ergriffenheit, legt – aber eben nicht regressiv, wie es zum Jubel der kulturpolitischen Reaktion die sogenannten >>>> Neuen Meister uns hinsüßen. So bin ich gespannt, ob und wie unser, Langes und mein, Gespräch einmal auf Allan Pettersson kommen wird, dem wiederum Freund Faure vorgestern in einer Email David Ramirer an die Seite rückte, dessen Portrait nun hoffentlich bald bei Faustkultur erscheinen wird. Angenommen i s t mein in den letzten beide Wochen verfaßter Artikel, sogar ohne Kürzung. Ramirer wird noch nervöser auf ihn warten als ich.
Die Rede kam, fast „natürlich“, auch auf Libretti, die Lange für seine Opern unterdessen durchweg selbst schreibt. Ich hatte einen Moment lang den Impuls, ihm von den meinen zu erzählen, ließ es dann aber bleiben. Er macht es, denke ich, richtig, vor allem, wenn man das theatrale Geschehen im Blick hat. Es ist ja doch eine Frage, inwieweit sich überhaupt eine lyrische Intention szenisch verwirklichen läßt. Die großen Beispiele des hofmannsthalschen Rosenkavaliers, aber auch des Falstaffs sind doch fast Ausnahmen, und Schoecks Penthesilea selbstverständlich. – Und heute früh nach dem mal wieder zu späten Aufstehen (das derzeitige Schlafbedürfnis meine Körpers ist frappierend) kam mir aber doch unversehens der Gedanke, welch grandiose Opernvorlage mein >>>> Traumschiff wäre – fast in der „Tradition“ von Aribert Reimanns Kafkatranskription – an ihn außerdem bin ich bei Lange manchmal erinnert – oder lange zuvor Bohuslav Martinůs „Julietta“ nach Nerveux. Es würde mich durchaus reizen, hier eine Libettoversion zu finden. Mit Lange ginge es, mit Platz eher nicht, da letztrer die Vertonungen seinen festen kompositorischen Prinzipien unterwirft, die überdies ein zusammenhängendes Lebensganzes ergeben sollen, jener aber direkt aus der Sprache heraus komponiert.
Jedenfalls wird derzeit einiges „an“gedacht; auch mit Ramirer steht ja eine Zusammenarbeit im Raum.

So ging ich denn, liebe Freundin, gestern auch wieder an die Béart. Vor ein paar Tagen schon war mir die Idee „gekommen“, nach dem >>>> Fuß-Hymnos einen auf das Ohr folgen zu lassen. Also erst mal wieder die Anatomie angeguckt, Wörter gesucht, die lyrischen Klang haben, dann die ersten beiden Verse notiert, aber schließlich wieder abgebrochen, weil der Druck zu groß ist, den zur Zeit die Auftragsarbeiten auf mich ausüben, mit denen ich ohnedies im Verzug bin. Der Fluß, den ich fürs Schreiben brauche, wird eh unterbrochen werden, sowie für den zweiten Erzählband Elvira M. Gross´ nächsten Lektorate hier eintreffen; aber auch das Lektorat des einen Contessa-Buches steht an, das am Mittwoch in einer Woche beim Verlag abgegeben werden muß. Sinnvollerweise hat sie, meine Contessa, eine Außenlektorin gefunden, mit der es sich, wie ich schnell merkte, gut und praktikabel arbeiten läßt. Es geht ja bei diesem Projekt in keiner Weise um poetischen Ausdruck, sondern um behende Lesbarkeit für ein großes Publikum – um, mithin, funktionales Schreiben (für das ich eben auf die von mir geliebten Einschubsrhythmisierungen – etwa das hier von Kommata abgetrennte „mithin“ – verzichten muß).

Sehr gefreut, übrigens, hat mich, sogar stolz gemacht, die nun schon nächste amazon-Rezension einer Leserin ausgerechnet für meinen vor nunmehr sechsunddreißig Jahren ersterschienen Roman „Die Verwirrung des Gemüts“, den ich lange für untergegangen gehalten habe, bis ihn vor einiger Zeit Christoph Jürgensen wieder ins Licht stellte, erst auf einem Germanistenkongreß, dann erneut während der Werkschau im September. Aber er repräsentiert die literaturwissenschaftliche, an poetischen Strukturen interessierte Seite. Dies hier ist anders. Es zeigt, daß – gegen die „allgemein“ vorherrschende Meinung – auch meine komplexeren Bücher sehr wohl von „normalen“ Leser|innen gelesen werden können. Es bestätigt sich mein Verdacht, daß hierfür die einzige Voraussetzung Offenheit und Bereitschaft sind; wirkt von vornherein eine Sperre, ein Vorurteil, was auch immer, kann die Lektüre nicht befriedigend sein. Treibt hingegen zugeneigte Neugier an, sind auch komplexe Zusammenhänge so gut wie kein Problem. Im Gegenteil. Dann öffnet sich, was sein kann. – Wirklich großartig ist ihre folgende Bemerkung: „Bei mir hat sich (…) die Idee entwickelt, ich könnte mir (…) aus solchen Sätzen ein eigenes Buch, ein persönliches Buch aus dem Buch, herstellen.“ Was beim „wirklichen“ Lesen ja eben geschehen sollte – daß wir unser Buch lesen.  Der Pfad dahin ist die durchgeführte Form; allein über sie können wir uns verständigen. Jenseits von ihr bleibt alles privatistisch: persönliche Gefälligkeit wird zum einzigen Kriterium.

Haben Sie einen feinen Tag.
ANH

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2 Responses to Vertonungen. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 9. April 2019. Mit einer Leserinnenstimme.

  1. „an petterssons seite gerückt“ – lässt mich erröten in großer demut,
    wogleich ich mir tatsächlich kaum eine schönere seite vorstellen könnte.

    herzlichst
    d.ramirer

  2. Pingback: Zu Opernverrissen. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 14. April 2019. Darinnen abermals – diesmal als „erscheinende Sinngebung“ –die Form. | Die Dschungel. Anderswelt.

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