III, 433 – Von der kategorischen Negierung der Imperative

Gestern, der alarmierte Zeigefinger der ex-Schwägerin, die gelegentlich vorbeikommt, um sich etwas ausdrucken zu lassen (IT-Hilfestellungen): “Das Licht!” Ob sie das Licht in der Küche meine? Das sei immer an. Als wäre es gestern das erste Mal gewesen, daß sie das Licht eingeschaltet sah. Aber ich weiß schon, was da tickt: Stromkosten! Kosten überhaupt. Das Denken der mittlerweile Rentnerin. Und was der Arzt sagt, sollte man tun. Es ging um die von mir dauernd aufgeschobene Untersuchung der Beine auf eigene Kosten. Ich telefoniere nicht gern. Und müßte es tun, um einen Termin zu bekommen.
Nun gebe ich nicht viel auf Ärzte und weniger als Nichts auf Wartezimmer. Dazwischen schieben sich Gedanken an Zahnärzte mal wieder (Zahlärzte schrieb ich zunächst). Und überhaupt Dinge, zu denen man sich begeben und die man anfordern muß, ohne daß eine andere Not bestünde als ein Quentchen Fürsorglichkeit, derer man sich entledigt durch den bloßen Vorsatz. Denn im normalen Alltag stört’s nur marginal.
Dito läßt sich fürsorglich etwas ablehnen. Wie beispielsweise der Brunch vorm Bioladen, am frühen Nachmittag des Samstags, wohin dann strömen wird der “Amelia Pride”-Umzug (jaja, angesagt ist ein “Amelia Pride”-Wochenende). Entspricht nun wirklich nicht meinem Temperament. Sicher, es geht auch gegen Salvini (eine heute gelesene Äußerung von ihm: “Ich habe 60 Millionen Kinder, und wenn die Hunger haben, muß ich ihnen zu essen geben.” (mein ehemaliger Nachbar einst: “Meine Teller sind wie meine Kinder!”)) und den Senator Pillon (politische Tendenz: „Teoconservatorismo“), der von der Wiederherstellung der heil’jen Familie träumt: Mamma und Pappa. Der erklärte Gay Busi (als Schriftsteller mitnichten zu verachten, besonders auch in seinen scheuklappenfreien Schilderungen homosexueller Situationen) einst im Fernseh’: “Eltern sind Verbrecher!”
Krippen-Denken, Heile-Welt-Denken. Wahlkampf mit Rosenkranz und Kreuzküssen. B.Lusconi stand die Heuchelei auf der Stirn geschrieben, dem Schlawiner indes ist nicht recht über den Weg zu trauen. Wo die Affen Deutschlands Anzeige erstatten, schafft der Schlawiner (eigentlich eine unangemessene Verballhornung) vollendete Tatsachen, von wegen bürokratische Anzeigenerstattung. Hochbrisant, doch im Alltag merkt man’s nicht. Immer noch existieren die Familien-Clans. Gehört man einmal zu einem solchen, wie ich auch mal, ist alles in Ordnung.
Hinzu kommen – à propos Aufschubsrechtfertigungen – die Parkplatzprobleme, zumal auch die Tanzleute einige davon beanspruchen, u.a. eine Familie aus HH, er allerdings aus Vermont, sie sagte fast gar nichts, dafür umso gesprächiger das Töchterchen, mit der sich eines abends ein amüsantes Geplauder ergab.
Was bleibt: der gestrige Bio-Aperitif mit Bio-Bier (u.a. eines mit wildwachsendem Hopfen aus der Valnerina nicht weit vom Marmore-Wasserfall gebraut), anschließend öffentliches Tanzvergnügen mit DJ im Kreuzgang der Kirche S. Agostino. Gespräch mit einer Münchnerin, Bewunderung einer Russin in einem herrlich gescheckten Kleid (weiß und ein Blau, das in ein Türkisblau hinüberspielte, es aber nicht war: sehr floreal), der Rest eher westliche Leisure-Kluft. Und gelegentliches Selberhüpfen.

Er schaut mit Vergnügen einer jungen Frau nach, die gerade vorbeigeht. Sehen Sie, sagte er, so haben sie ausgesehen, unsere Mädchen, nur schöner, viel schöner, sehr viel schöner. (Wondratschek, Selbstbild mit russischem Klavier)

(Projektion in die Erinnerungen eines alternden russisches Klavierspielers, in die Gegenwart heraufgeholt als erinnertes Bild von gestern (aber ich bin keine Russe (Я не говорю по-русски), und könnte eine solche Behauptung niemals aufstellen)).
Und um auf die Lampe (Lampe!) in der Küche zurückzukommen: heute Morgen schaltete sie sich nicht ein. Neues Problem: wacklige Trittleiter aufstellen, ein paar Stufen hinauf, dann der Moment, wo die Hände sich um die Glühbirne kümmern müssen, ohne sich irgendwo festhalten zu können. Morgen… morgen… heute auf keinen Fall. Vielleicht erwisch’ ich ja meinen Gast der letzten Woche: “Halt mal die Leiter fest!”
Grad der Weg von der Tabaccaia zum Bioladen mit der neuen Glühbirne in der Hand: die Russin kam mir wieder entgegen, wieder in einem Kleid. Ich war zu verwirrt, um es mir genauer anzuschauen, geschweige denn zu sagen: “стой!” („Halt!“ ohne „mal die Leiter fest“ – großmütterlich überliefertes Wort aus der Zeit, als die Russen kamen… D-Day heute (ja)!).

III, 432 – Open the Doors

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3 Kommentare zu III, 433 – Von der kategorischen Negierung der Imperative

  1. Phyllis sagt:

    Schöner Text! Mal wieder. Morgen, beschloss ich gerade, zie‘ ich ein Kleid an. In Gedanken an die Russin.
    Pfingstgruß!

  2. Pingback: III, 434 – Ja! | Die Dschungel. Anderswelt.

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