„Wir haben, haben Corona juchheee!“ Das zehnte Coronajournal. Freitag, den 28. März 2020.

[Arbeitswohnung, 9.54 Uhr
Zweiter Latte macchiato]
Seit halb sieben auf, mich gleich an einen Essay gesetzt, den ich 1986 schrieb und in den Dschungelblättern veröffentlichte; ich will ihn überarbeitet hier in Der Dschungel einstellen, woraus sich, weil ich nun auch die anderen → Essays und Vorträge zeitlich korrekt abspeichere, höchst Eigenwilliges ergibt: Die Dschungel wächst nun nicht nur, wie bei Weblogs üblich, mit dem Zeitstrahl, sondern auch gegen seinen Durchlaufsinn; setze ich das nun begonnene Verfahren fort, wird der erste Funke die folgende Netzexplosion im Ventôse, also Februar/März, 1985 gezündet haben, nämlich mit dem ersten Editorial, das ich jemals schrieb. Es sei denn, ich nehme auch noch frühere Rezensionen und Notate hinzu, die ich nur noch in Papierform, als Durchschläge, habe. — Reizvoll.
Doch erst einmal die längeren Aufsätze. Was ich vorhabe, ist, das — soweit es Die Dschungel nicht ohnedies schon ist — umfangreichste Autoren-Netzkompendium zu schaffen, das es, jedenfalls im deutschen Sprachraum, gibt, inklusive aller ästhetischen Irrtümer und Revisionen, die aber den Weg einer Poetik beschreiben — stilistisch freilich weitgehend auf den heutigen Stand gebracht.
Sich derart in die Vergangenheit zu begeben, aber gleichzeitig voranzuschreiben, hat etwas Berauschendes. Ob Sie, Geliebte, es mir nach- oder mitempfinden können, weiß ich selbstverständlich nicht. Außerdem habe ich damals noch Sie nicht, sondern imaginäre Leserinnen und Leser angesprochen, die nichts als abstrakte Vorstellung waren, indessen Sie die wirkliche Haut sind all „meiner“ Frauen. (Meine waren sie nie, sondern immer, mir wichtig, sie selbst, indes in der Schau meines Lebens leibhafte Allegorie).

[Lit. Blogtheorie]

Corona führt zu täglichen Absurditäten, ja Bizarrerien. Die meisten von uns sind ja gar nicht bedroht, werden ohnedies den Virus bekommen und mit ein bißchen Ruckeln durch ihn hindurchsurfen; es scheint einigen nicht klar zu sein, daß es darum geht, die Zerbechlichen zu schützen. Das geht beim Klopapier los. Grad eben bei PENNY immer noch keins, „erst nächste Woche wieder“, erzählt mir die Verkäuferin und schüttelt ihren Kopf. Wie jetzt auf der einen Seite große Solidarität spürbar wird, so auf der anderen Seite der Mob — zu dem auch einigermaßen gebildete Leute gehören, insoweit ihnen näher nichts als sie selbst sind. Eine Freundin erzählt von ihrer Mutter, die gleich zehn Großpackungen gekauft habe. Ich bin wütend geworden: „Die pure Egozentrik!“ Andere horten Nudeln, man faßt es nicht, Reis, Konserven. Es wird so getan, als stünde der Weltuntergang bevor. Aber selbst wenn er es täte, wären doch immer noch die anderen da, die auch nicht untergehen wollen. Kein Gedanke daran. Homo homini lupus. Arme Wölfe. Als wären sie so, als wär’s nicht die Canaille Mensch. Dazu, wie ich in THETIS schrieb, die Auferstehung aggressiver Verwirrter: Im Friedrichshain finden sich jubelnde Plakate links“autonomer“ Irrer, jetzt sei die Zeit, den Kapitalismus zu zerstören. Man rufe zu Angriffen auf Polizei- und Krankenwagen auf. Als hätte das irgendetwas mit Anarchismus zu tun. Erich Mühsam würde kotzen. Der Menschen Dummheit ist so grenzenlos wie gemein. Hier auf den Prenzlauer Bergen rotten sich vor den Spätis halbstarke Gröler zusammen, um sich zu besaufen; dann brüllen sie, gemeinschaftlich Volk — in Deutschland ein ohnedies identitäres Wort für den Plebs: „Wir haben, haben Corona juchheee!“ Doch auch in den Göttinseidank noch zugänglichen Parks finden sich Gruppen, die schunkeln und grillen. Man wird sie, jene, schließen müssen, die wir alle, ob Sportler oder nur Spaziergänger, in diesen Zeiten besonders brauchen.

Meine Güte, selbstverständlich werden die Einschränkungen noch währen, und wenn wir vernünftig sind, dann weit über das jetzt genannte Datum (20. April) hinaus. Vielleicht werden sie umdefiniert werden, auf bestimmte Gruppen bezogen sein müssen, die tatsächlich Gefährdeten nämlich, weil der Schaden des derzeitigen „Shutdown“s größer sein könnte als die Gefahr durch den Virus und nicht einzusehen ist, weshalb nicht längst Immune zu ihren Tätigkeiten wieder normal zurückkehren sollen. Dazu müßte aber anders und vor allem weitflächig getestet werden; nur möglicherweise Infizierte zu testen, ist ein komplett widersinniges Verfahren. — Nein, die Menschen sind nicht gleich. Wir werden das einzusehen lernen müssen. Gut möglich, daß ich, meines Alters wegen, zu denen gehören werde, die zuhause bleiben müssen, während andere längst wieder ihren gewohnten Abläufen nachgehen. Dann wär es eben so. Einige haben das Zeug, auf den Mount Everest zu steigen, andere haben es nicht, und jene, anders als diese, müssen hinaufdürfen können. Manche sind intelligenter als andre, andre einfühlsamer als manche. Wo setzen wir wen ein?, das ist die drängende, manche Leute bizarrerweise bedrängende Frage, auf die sie deshalb auch vor sich selbst die klare Antwort scheuen. Daß wir sogar vorm Gesetz nur bedingt gleich sind, habe ich → dort schon geschrieben und es begründet; ich mag mich ungern wiederholen. Redundanz ist schlechter Stil.

Dabei haben wir Glück. Die Tage sind hell, egal daß es kalt ist. Wir sind von Licht umgeben, ja umflutet! Stellen Sie sich, Freundin, vor, wie schlimm es wäre, hockten wir im grauen Dämmern. Auch wer nicht hinausgehen mag aus Furcht, kann doch weit die Fenster öffnen. Wir hören das Lachen von Kindern und manches mehr, das uns, wenn allzu viel Verkehr ist, entgeht. Es sind dies unablässig Geschenke.
Und es gibt Komik. Seit gestern dürfen Selbständige, darunter eben auch Künstler, den Hilfsantrag stellen, der ihnen für sechs Monate auf einen Schlag 5000 Euro beschert. Die Anträge sind → online zu stellen und würden, heißt es, „unbürokratisch“ bearbeitet werden. — Ab mittags um zwölf ging es los, ich versuchte es, ohne durchzukommen, eine Stunde lang. Dann fand sich offenbar ein Schlupfloch, wutsch war ich im Programm und meldete mich an. Daraufhin der Bescheid, ich hätte die Nummer 124.611, vor mir stünden noch 117.361 in der virtuellen Schlange — nicht etwa zur Bearbeitung, sondern nur, um den Antrag zu stellen. Ich fand das ausgesprochen heiter, zumal hinzuerklärt wurde, daß, käme ich dann dran, ich per Email eine Benachrichtigung erhielte, der ich sofort folgen müsse. Andernfalls schickte man mich ans Ende der Schlange zurück.
Nun können wir uns aber schon ausrechnen, wie flugs bei genannter unbürokratischer Verfahrensweise die zur Verfügung gestellten Mittel ausgeschöpft sind. Es handelt sich, laut → dieser Quelle, um insgesamt 300 Mio Euro. Rechnen wir’s schnell, meine schöne Geliebte, einmal durch:

124.611 x 5000 Euro = 623.055.000 Euro,

was bedeutet, daß ich schon gar nichts mehr kriege, kriegen nicht kann, und etwa die Hälfte derer vor mir ebensowenig. Sie mögen sagen, was Sie wollen, ich finde es komisch. Soll ich jetzt wirklich auf einem meiner drei Bildschirme ständig das Postfach offen halten, um dann, sollte die Benachrichtigung eingehn (die auch, wie mir warnend mitgeteilt wurde, im Spamordner landen könne), aber auch sofort auf die genannte Site zu surfen, um etwas zu beantragen, das es längst nicht mehr gibt – wohlgemerkt, nach drei Stunden, von denen zwei ohnedies durch den zusammengebrochenen Server der IBB ausgefallen sind?
In Hessen übrigens, facetimte mir Phyllis Kiehl, würden pro Künstler nicht 5000 Euro, sondern das Doppelte zur Verfügung gestellt. „Wir sind hier halt auch weniger.“ Na fein, denke ich mir da, weshalb bin ich nicht in, sagen wir, Bramstedt leben geblieben? Dort hätte ich als Künstler dann vielleicht 20.000 zu kriegen, die es natürlich längst geauso nicht mehr gibt.
Eben das meine ich mit Komik. Sie ist voller Zuckmayerei.

À propos. Bramstedt.
Gestern nahm ich mir, erstmal nur aus Daffke, was aber schnell zu einer Art innerer Manie wurde, eine uralte lange Erzählung vor, weil ich dachte und wohl noch immer meine, sie umerzählen zu können, ihr das Fleisch zu geben, das ihr fehlte. Sie zu konkretisieren. Den esoterischen Müll rauszuwaschen, der 1974 zweifelsfrei noch in mir war. Und da, als ich die ersten Zeilen abtippte (das Typoskript existiert nur noch auf Durchschlagpapier), was bedeutet, daß ich sie ganz neu schrieb, kam mir der Einfall, das Ding tatsächlich Bramstedt zu nennen — und damit meine eigene Vergangenheit, ein einziges ihrer Jahre, zu reaktivieren, doch in die Jetztzeit zu verlegen oder in eine erst noch kommende, bzw. völlig ungewisse Zeit.
Damals habe ich in dem abgelegenen Ort in einem noch abgelegeneren Gesindehaus eines Bauerngehöftes bei meinem Vater gelebt, tatsächlich nur ein Jahr. (Bevor wir uns auf einem Bahnübergang prügelten, was dann meinen Auszug ziemlich notwendig machte und die Bremer Jahre beginnen ließ.) In dieses Haus nun kehrt mein Held, den ich auch gleich umbenannt habe, zurück. Er heißt nun Erwin Carl Olswerth und wird von seinen napoletanischen Freunden Ecco!, ja, mit Ausrufezeichen, genannt, damit ihn das Mezzogiorno bloß nicht mit Eco verwechselt, der bekanntlich aus dem Piemont, mithin Norditalien, stammt, das die Süditaliener nicht so sehr schätzen.
Klar, das ist alles „Neuherbst“, steht in dem alten Typoskript nicht mal als eine Andeutung drin, dessen Verlauf allerdings ich eigentlich folgen möchte. Mal sehen, wie weit ich komme. Es wäre aber das Buch, das sich Elfenbein von mir wünscht. Für Septime hingegen muß ich an die Triestbriefe, um sie endlich abzuschließen. Was indes ein wieder längerer Band werden wird. Und dann | sind da noch die Béarts, wobei Corona es trotz der guten, ja besten Nachrichten, die ich erhalten habe, nicht mehr ganz sicher sein läßt, ob sie dieses Jahre noch erscheinen können. Ich habe freilich nachgefragt, doch keine Antwort erhalten. Schweigen einfach, Stille. — Interessanterweise macht sie mich nicht nervös. So stark wirken Idee und Ausführung der Dschungelfülle derzeit. Sie ist um so vordringlicher, als sich meinem Instinkt zufolge immer, immer mehr auf das Netz verlegen wird und es künstlerisch wichtig ist, dafür entsprechende FormenHochformen, nicht pop/uläre — zu finden, solche, die nur in ihm denkbar sind und seine Ästhetik voranführen. Daß ich damit so früh begonnen habe, wird zum — welch ein grandioser Widerspruch! — materialen Fundament meiner Kunst.

Noch eines zu den vielen → Links auf Podcasts und dergleichen, die mir zur Zeit  ständig zugeschickt werden. Ich sehe nicht gerne Dokumentationen, was damit zusammenhängt, daß mir die Erklärungen zu langsam sind. Bei Texten ist dies anders, da erkenne ich auf Anhieb, was wichtig ist, was nicht; informierende Prosa lese ich binnen Sekunden, auch wenn’s sich um mehrere Seiten handelt, und erfasse die Zentren direkt. In Podcasts und Filmclips muß ich immer warten; man merkt ihnen an, für wen sie gemacht sind, daß es um allgemeines Publikum geht, so wie in Schulen gefordert wird, die Klassen bei den Aufnahmeschwächsten „abzuholen“. Das ist in Ordnung, doch nichts für mich. Mein Geist wird von Langsamkeit geschwächt und gibt dann schnell aus einem mir eigentlich fremden Grund auf: vor Langeweile nämlich.
Ein Weiteres kommt hinzu: Bilder manipulieren, ohne daß wir es merken. Jedenfalls ich weiß nie gleich, wo. Bei Texten ist dies anders. Da stechen mir Lügen, schon wegen ihres notwendig schlechten Stiles, aber auch sofort ins Auge.

Ihr ANH

P.S.:
Etwas Schönes noch zum Abschluß: Gestern kam eine Sendung der Braunschweiger Fotografin Irene Heimsch bei mir an (der ich immer noch einen Band schuldig bin, weil ich so gerne hätte, daß ihn auch meine Lektorin signiert), die bei Elvira M. Gross‚ und meiner Komplettlesung der Aeolia dabeigewesen ist. Aus einigen Aufnahmen hat sie eine schöne Collage zusammengestellt, die ich Ihnen, Freundin, auf keinen Fall vorenthalten möchte. Und also … voilà:

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