„Es war einmal ein Mann, den habe ich geküßt.“ Nabokov lesen, 32: Das wahre Leben des Sebastian Knight.

 

Zwei seiner Lebensmotti befragen sich gegenseitig,
und die Antwort ist das Leben selbst — näher vermag man einer menschlichen Wahrheit überhaupt nicht zu kommen.

Das wahre Leben des Sebastian Knight, 175/176
(Dtach. v. Dieter E. Zimmer)

 

So leichtfüßig dieses Buch auf sein erstes Lesen daherkommt, so verzwackt sind indes die Perspektiven, unter denen wir es aufnehmen können, sogar müssen — nämlich als Frage nach der eigentlichen Erzählerinstanz: Wer repräsentiert sie, ist der Autor dieser Suche nach einer Biografie – tatsächlich der genannte „V.„? Das hier mitschwingende (auto)biografische Thema – „das“, so Dieter E. Zimmer in seinem Nachwort, „schwindelerregende Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit“ –  ist in diesem Roman auch immanent wirksam, indessen gerade seine Qualität, daß wir es lange nicht merken, und manche von uns trotz der häufigen Fingerzeige wahrscheinlich überhaupt nicht. Genau deshalb will ich Ihnen, Freundin, dazu auch nichts weiter schreiben. Verzeihen Sie mir, aber es wäre hübscher, Sie würden dieser bestimmten und den Roman sogar bestimmenden Qualität von ganz alleine gewahr.

Der Sebastian Knight ist Nabokovs erster auf Englisch geschriebener Roman. Da muß es niemanden wunder nehmen, daß der Verlust der eigentlich-eigenen Sprache das Buch unterschwellig, aber deutlich durchzieht:

Mitte Januar 1936 erhielt ich einen Brief von Sebastian. Seltsam genug war es ein russischer Brief.
Sebastian Knight, 237

Entsprechend erzählt „V.“, Knights bemühter Biograf (von dem wir letztlich, siehe oben, nicht wissen, wer er tatsächlich ist; immerhin könnte V. auch für „Vladimir“ stehen) … also erzählt er,

wie seltsam es für mich gewesen sei, mit seiner Schwester [i. e. der eines entfernten Bekannten, ANH], jetzt einer rundlichen Mutter zweier Knaben, über einen fernen Sommer im Land der Träume, in Rußland, zu sprechen [Hervorh. v. m., ANH].
Sebastian Knight, 179

Und Nabokov selbst schildert die Notwendigkeit, fortan auf Englisch zu schreiben, folgendermaßen:

Als ich mich 1940 entschloß,

das Jahr, in dem er Frankreich verließ und in St. Nazaire mit seiner Familie zur Passage in die USA die Gangway der Champlain betrat,

 

in die englische Sprache überzuwechseln, bestand mein Unglück darin, daß ich vorher schon mehr als fünfzehn Jahre lang auf Russisch geschrieben und mein Werkzeug, mein Medium bereits geprägt hatte. Beim Wechsel in die andere Sprache sagte ich mich somit nicht von der Sprache (…) los, (…) mit einem Wort, nicht von der allgemeinen Sprache, sondern deren individuellem, ganz persönlichem Dialekt (…) — und die ungeheuren Schwierigkeiten der bevorstehenden Veränderung, das Entsetzung bei der Trennung von einem lebendigen, zahmen Wesen versetzten mich zunächst in einen Zustand, über den sich auszubreiten hier nicht nötig ist; ich will nur sagen, daß vor mir kein Schriftsteller eines bestimmten Niveaus derartiges durchgemacht hat.
Zit. n. Dieter E. Zimmer, Sebastian Knight, Nachwort, 270

Doch als Schriftsteller hätte er in den USA keine Chance gehabt, wo es eine russische Emigrantenszene wie in Berlin und Paris nicht gab, zudem er noch für Jahrzehnte in Rußland-selbst ein verbotener Autor blieb, das er zudem unentwegt attackierte — ein Umstand, der ihn, wie bisweilen zu lesen ist, den Nobelpreis ebenso gekostet haben könnte wie sein lebenslanges Ätzen gegen „die“ Psychoanalyse (von der er allerdings, ich schrieb es schon, nicht so arg viel Ahnung hatte).

Wie kaum mehr anders zu erwarten, geht er das Problem höchst artifiziell an, indem er nämlich einen Helden wählt, der Russe ganz wie er selbst ist und mit der Biographie des ausgesprochen britisch geprägten Halbbruders ebenfalls ein erstes englischsprachiges Buch beginnt, wobei die „britische Prägung“ eine ist, um die sich Sebastian Knight bisweilen ziemlich komisch bemüht hat, und zwar so lange, bis er

sich selber zum Trotz mit einer Art hilfloser Verwunderung [begriff] (…). daß er selber, oder vielmehr der kostbarste Teil seiner selbst – gleichgültig, wie verständig und gefällig seine neue Umgebung den alten Träumen entgegenkam – genauso hoffnungslos einsam blieb wie immer (…,) und je gütiger das Schicksal zu erreichen suchte, daß er sich zu Haus fühlte, indem es mit Geschick nachbildete, was er zu begehren meinte, um so deutlicher wurde er seiner Unfähigkeit gewahr, sich dem Bild, irgendeinem Bild, einzufügen. Als er dies endlich von Grund auf begriff und grimmig daranging, seine Zurückhaltung zu kultivieren, als wäre sie eine seltene Begabung oder Leidenschaft — erst dann verschaffte ihm ihr kräftiges und wucherndes Wachstum Befriedigung, und er hörte auf, sich um seine peinliche Unverträglichkeit Sorgen zu machen (…).
Sebastian Knight, 57

Schon an dieser Stelle ist abermals zu bemerken, mit welch einer Perfektion Nabokov seiner Figuren zu gestalten versteht, hier zumal über die Spiegelung in der Sicht eines anderen, nämlich des Autors V. — ein nicht unbedingt neues Verfahren, das mit Serenus Zeitblom auch Thomas Mann kultiviert hat, sowie sehr viel später der von beiden geprägte Eigner, wobei allerdings Nabokov seinen beiden Figuren, sowohl dem Biografen V. als auch dem Schriftsteller Knight, auf eine Weise eigene Charakterzüge und Erinnerungen verleiht, wie wir es bereits aus seinen russischen Romanen kennen. Daß Knight ein Schriftsteller ist, wie nicht wenige der nabokovschen Helden, unterstreicht die Natur des literarischen Kosmos, durch den sich Nabokov bewegt, und erlaubt ihm völlig organisch, seine auch poetologischen Vorstellungen darüber zu vermitteln, was Literatur zu sein habe, sofern sie denn gut ist:

Er hatte die seltsame Angewohnheit, auch seine grotesken Figuren mit dem einen oder andern Einfall, Eindruck oder Wunsch auszustatten, mit dem er selber spielte.
Sebastian Knight, 145

Auch der von V. auf eines der Bücherregale Knights geworfene Blick – nämlich auf das am sorgfältigsten geordnete – ist hier sinnvoll (und eben nicht „beliebig“ von Nabokov erzählt — sowieso nie bei einem Autor wie ihm …):

Hamlet, Le mort d’Arthur, The Bridge of San Luis Rey, Doctor Jekyll and Mr. Hyde, South Wind, The Lady with the Dog, Madame Bovary, The Invisible Man, Le Temps Retrouvé, Anglo Persian Dictionary, The Author of Trixie, Alice in Wonderland, Ulysses, About Being a Horse, King Lear …
Sebastian Knight, 54

Ein jedes Buch ist ein poetologisches Ausrufezeichen: Shakespeare, Flaubert, Stevenson, Proust, Joyce, nochmals Shakespeare. Dazu Thornton Wilder, Norman Douglas, Anton Tschechov (hier interessanterweise auf Englisch), der seit je geschätzte H. G. Wells und ein mir bis dato unbekannter William Caine (aufschlußreich indes, dazu → diesen Netzeintrag zu lesen). Schießlich Lewis Carroll noch sowie die Autorin (:unwahrscheinlich) oder der Autor von „About Being a Horse“, die, bzw. den ich nicht finden konnte. Zusammengenommen ergeben sie alle ein gutes Bild der von Nabokov akzeptierten Kollegen, mithin auch seiner eigenen Poetik, zu der eine, von Joyce abgesehen, deutlich konservative Skepsis gegenüber sogenannt avantgardistischen Stilexperimenten gehört:

Aber da er [der futuristische Dichter Alexis Pan, eine Travestie auf Chlebnikov, ANH] sein Bestes tat, die Leute mit einem enormen Schwall nichtssagender Worte zu schockieren (…), scheinen seine meisten Produkte heute so läppisch, so altmodisch [zu sein] (hypermoderne Sachen haben die seltsame Angewohnheit, schneller als andere zu veralten), daß nur noch wenige Gelehrte[n] um seine Verdienste wissen (…)
Sebastian Knight, 38

Das schließt übrigens Nabokovs kindheitserinnerten Ausflüge, siehe Jules Verne oder auch Conan Doyle, durchaus mit ein. So wird von Sebastian Knight erzählt, daß er

nicht gegen Groschenschmöker [hatte], denn die Alltagsmoral scherte ihn wenig; was ihn aufregte, war nicht das Dritt- oder n-t-klassige; es war das Zweitklassige – denn hier, auf lesbarer Ebene, begann die Gaukelei, und das war im künstlerischen Sinn unmoralisch.
Sebastian Knight, 117

Wobei ich, Freundin, Ihnen von → Nabokovs Klassizismus, literarhistorisch Neoklassizismus, mehrfach schon geschrieben geschrieben habe. Es scheint mir aber wichtig zu sein, abermals darauf hinzuweisen, weil er einer der die unmittelbare Wirkung dieser Romane – ihre Sinnlichkeit eben – bestimmenden Faktoren ist, und zwar trotz ihrer hohen Komplexion. Dieses, kein Zweifel, hat Nabokov dem verehrten James Joyce deutlich voraus. Dazu gehören unbedingt Formulierungen wie:

Der kleine Mann trug seine Verse mit so lauter, dröhnender Stimme vor, daß er an eine kreißende Maus erinnerte, die einen Berg gebiert. (39) | (…) und ich wollte ihm etwas Richtiges sagen, etwas mit Flügeln und einem Herzen, aber die Vögel, die ich mir wünschte, ließen sich auf meinem Kopf und meinen Schultern erst nieder, als ich allein war und sie nicht mehr brauchte. (42)

Gerade dieses „nicht mehr brauchte“ erzählt eine Tragik, die unendlich sanft in Prozessualität dieses Satzes gewirkt ist. Es waltet in ihm ist eine noble, distinguierte Dramaturgie. Ebenso

die herzzerreißende Schönheit eines Kiesels unter Abermillionen von Kieseln, die alle ihren Sinn haben, aber welchen?
Sebastian Knight, 65

Dies freilich verbunden mit einer geradezu poetologischen Selbstoffenbarung Nabokovs, die als V.s Blick auf Sebastian Knights Romane kaschiert und obendrein jemandem anderes in den Mund gelegt ist, den V. mithin nur „zitiert“:

Ich fragte ob sie [die Bücher, ANH] ihm gefallen hätten. In gewisser Weise schon, sagte er, nur [scheine] ihm der Autor ein fürchterlicher Snob [zu sein], in intellektueller Hinsicht zumindest. Als ich um einer Erklärung bat, fügte er hinzu, daß Knight ständig ein selbsterfundenes Spiel zu spielen scheine, ohne seinen Partner die Spielregeln wissen zu lassen.
Sebastian Knight, 65

Das entspricht vielem, was über Nabokovs eigene Bücher – inkl. diesem – oft zu lesen ist, wenngleich von Aficionados in bewunderndem Ton. Denn in der Tat sind es die Spielregeln literarischer Kunstwelten und eben nicht banale Abbildungen der Alltagsrealität, womit sich aus ihnen auch keine irgend gearteten Direktiven für sie ablesen lassen, jedenfalls nicht unmittelbar, wie es unterdessen schon nahezu verlangt wird. Dennoch gibt es Brücken wie etwa eine Seite des Romans V.s quasi Zusammenschau seiner Bemühungen um Sebastian Knights, des Menschen, Geschichte zeigt:

Der seltsame Traum, den ich gehabt hatte, der Glaube an eine gewichtige Wahrheit, die er mir vor dem Tod mitteilen würde — das alles schien jetzt vage und abstrakt [zu sein], als wäre es in dem Strom einer einfacheren, menschlicheren Empfindung ertrunken, in der Aufwallung von Liebe, die ich für den Mann verspürte, der auf der anderen Seite dieser halbgeöffneten Tür schlief.
Sebastian Knight, 259

Wie wohltuend, nebenbei, ist hier die „alte“ deutsche Rechtschreibung, die „halbgeöffnet“ als ganzes Wort in rhythmischem Fließe noch zuließ, ebenso wie „selbsterfunden“ drüber! Besonders schon glänzt es im „mildfarbenem Wein“ der Seite 231. Denn

Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.
Sebastian Knight, 225

Für den Roman als Geschöpf gilt das ganz genauso. Es ist eben dieses, was uns das Gefühl ermöglicht,

irgendeine wichtige Arterie des Buches entlangzugleiten.
Sebastian Knight, 224

„Entlangzugleiten“ — ein Wort, eben! Es wird so sehr Zeit, mit dem schädlichen Wirrzeug ein Ende zu machen, daß die neue deutsche Falschschreibung uns eingebrockt hat. Denn zwar, wir deutschen Dichterinnen und Dichter können uns ihrer mit künstlerischer Freiheit noch erwehren, nicht aber Übersetzerinnen und Übersetzer aus anderen Sprachen, und zwar auch dann nicht, wenn sie selbst imgrunde Dichterinnen und Dichter sind.
Weil aber Nabokov (bzw. V.) an der eben zitierten Stelle schon so körperlich ist, jetzt über den Pfad einer selbstironischen Bemerkung zu einem auch biografisch wichtigen Thema hinüberbalanziert, zu nämlich NABOKOV UND DIE FRAUEN:

Sie sah weg. Ihr kleiner, harter Busen wogte (Sebastian schrieb einmal, daß er es nur in Büchern tue, aber hier war der Beweis, daß er sich geirrt hatte).
Sebastian Knight, 214

Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, aber entweder Dieter E. Zimmer oder jemand anderes ließ durchblicken, daß Nabokov von weiblichen Autoren kaum viel gehalten habe; ich kann’s noch nicht überprüfen (Erinnerung sprich liegt ja noch vor mir), sehr deutlich aber, immer wieder, wird sein Frauenbild, das sich von seiner Nymphophilie nicht gänzlich ablösen läßt: zu denen, die ganz Frau noch nicht sind; wirklich noch Mädchen, also Kind, sind sie aber auch nicht. Deshalb ist der Begriff „Pädophilie“ — ich wiederhole auch diese Anmerkung mit Nachdruck — völlig fehl am Platz. Schon für → Lolita geht er in die Irre. Statt dessen richtet sich die Neigung viel mehr auf Frauen in der Gestalt von Knaben. Dem entspricht Nabokovs verschleierte Homophobie. Daß er einen 1945 im Konzentrationslager Neuengamme umgekommenen homosexuellen Bruder hatte, Sergej, hat sie, möglicherweise schuldgefühlshalber, verstärkt und genau darum nach einem poetischen Ausdruck gesucht, der eine abgewehrte Homosexualität mit der genital-reifen Sexualität eines heterosexuellen Mannes zu einen versuchte. Versteckt tritt dieses psychodynamische Phänomen auch im Sebastian Knight auf, und zwar insofern Knight eine vielleicht nicht ganz so „ansehnliche“, aber verläßlich-heilsame Gefährtin, Clare Bishop, gefunden hat, die er für eine andere, höchst schillernde Frau verläßt. Indirekt erzählt Nabokov hier eine eigene Affäre mit, die seine Ehe ausgesprochen belastet hat. Anders aber als Knight entschied er sich nach langem inneren Chaos für den, ich sage mal, klugen Bestand.
Dieser Befund ist poetologisch wesentlich. Er erinnert an meine eigene Entscheidung, nachdem sich meine tief Geliebte von mir trennte, eben nicht, wie ich verzweifelt erwog, das Land zu verlassen, sondern meines kleinen Sohnes wegen hierzubleiben, so schmerzlich es immer auch war. Genau das ermöglichte aber Meere, worin Fichte tut, was ich nur erwog, dann verwarf. Genau diese Grundkondition bestimmt den Roman — weshalb nicht zuletzt es so falsch war, ihn „realistisch“ zu lesen.
Interessant ist nun aber, wie Clare Bishop beschrieben wird, das, was sie so gut eben macht, also eigentlich, für ihn:

Sie war hübsch, von einer ruhigen Schönheit,

indessen er höchst unruhig ist,

– bleiche, schwach sommersprossige Haut, leicht hohle Wangen, blaugraue kurzsichtige Augen, ein schmaler Mund. Sie trug ein graues Schneiderkostüm mit einem blauen Schal und einen kleinen dreieckigen Hut.
Sebastian Knight, 92

Dagegen Knight selber wird folgendermaßen beschrieben:

Er sah elegant und frisch aus. Sein feingestaltetes weißes Gesicht mit den schwachen Schatten auf den Wangen (…) wies nicht die Spur jener stumpfen, ungesunden Farbe auf, die es sonst hatte
Sebastian Knight, 92

So gut also hat ihm Clare getan. Und nun wieder sie:

Sie benutzte ein angenehmes, kühles Parfum
Sebastian Knight, ebda.

Also Clare „insgesamt“ ist hübsch, ruhigleicht hohlwangig, kurzsichtig, schmallippig, grau — mithin in keiner Weise auffällig, sondern entspricht dem „klassischen“ Bild jener Frauen, die, wie es lange hieß – selbst meine Mutter hat es noch gepredigt –, „hinter jedem großen Mann stehen“ und ihn (und nur ihn) befördern. Um es mit dem Roman selbst zu sagen, dort allerdings über eine noch andere Frau, in der V. anfangs die, ich sage mal, böse Verführerin irrtümlich wähnte:

Frauen wie sie zerstören das Leben eines Mannes nicht — sie bauen es auf.
Sebastian Knight, 175

Wozu auch folgende Bemerkung paßt:

Ich erinnere mich, daß er [Sebastian Knight, ANH] zu sagen pflegte, leichte Mädchen seien schwer von Begriff,

schon  das, wie sich herausstellen wird, ist ein Irrtum,

und es gebe nicht Langweiligeres als eine hübsche Frau, die sie gern amüsiert; mehr noch: wenn man sich das hübscheste Mädchen genau ansehe, während es eine Blütenlese von Gemeinplätzen von sich gebe, entdecke man mit Sicherheit irgendeinen winzigen, seinen Denkgewohnheiten entsprechenden Makel in seiner Schönheit.
Sebastian Knight, 190/191

Da tanzt dann in der Tat das Patriarchat, und ich mag meine Schadenfreude nicht verhehlen, wenn daran jemand strauchelt.
Dagegen also jetzt die wider Nabokovs und seines V.s Willen Helene von Graun, die sich allerdings erst einmal, um V. zu täuschen (was ihr mit hinreißender Bravour gelingt), als Madame Lecerf ausgibt — also diese – die Männer eben in Schweine verwandelt (wozu aber gesagt werden muß, daß ihre Insel die Wildschweininsel genannt ist – Circe, um derentwillen Knight seine Clare verläßt und derenthalben er letztlich ins Unglück stürzt ..:

Es war (…) eine kleine, zierliche, blasse junge Frau mit glattem schwarzen Haar. Ich meinte, niemals eine so gleichmäßige blasse Haut gesehen zu haben; ihr schwarzes Kleid reichte hoch bis zum Hals, und sie benutzte eine lang, schwarze Zigarettenspitze.
Sebastian Knight, 191/192

Deutlich also ein Vamp, der sofort durch seine konversierende Schlagfertigkeit und dem entsprechenden Spott auffällt:

„Ganz recht“, sagte sie vergnügt. “ (…) Liebesbriefe sollten unbedingt verbrannt werden. Die Vergangenheit macht vorzügliches Brennmaterial. Möchten Sie eine Tasse Tee?“
Sebastian Knight, 193

Nicht aber wirklich ihretwegen wird Sebastian Knight irre an der Frau, sondern letztlich – ecco! – aufgrund der ihm eigenen männlichen Überhebung. In keinem der bisher besprochenen Bücher war mir diese derart deutlich. Und wenn V. davon schreibt, er habe eine Sherlock Holmessche Kriegslist angewandt, als er einen vorherigen Informanten gefragt, ob Knights Geliebte eine hübsche, dunkle Frau sei, er hingegen annimmt, Knights Verhängnis habe blondes Haar, erwidert dieser

„Genau“, (…) und nahm mir damit den Wind aus den Segeln.
Sebastian Knight, 195

Den an anderer Stelle eben diese Frau dann hineinbläst. Er übersieht einfach, daß er in diesem Stück nicht den Holmes, sondern Doktor Watson gibt. Es ist aber auch genau das, seine zwar farblose, doch solide Rechtschaffenheit, was ihn davor bewahrt, Frau von Graun ganz ebenso zu verfallen, wie’s dem verehrten Bruder geschah. Die das selbst auf den Punkt bringt:

(…) Ich sagte einmal einem Arzt, daß bis auf Nelken und Narzissen alle Blumen dahinwelken, wenn ich sie berühre — merkwürdig, nicht?“
Sebastian Knight, 212

Rote Nelken symbolisieren Leidenschaft (weiße hingegen die Ehe), und Narzisse ist V. nun erst recht nicht, sondern eben nur des Schriftstellers Halbbruder, grad auch in Leidenschaft und Geist. Genau daran, es ist seine Nase, die ja fürs Gemächt steht, führt Frau von Graun als noch immer Lecerf ihn ständig durch die Räume ihrer drei Gespräche.
Es lohnt sich, genauer hinzuhorchen:

(…) Ich glaube nicht, daß er ein Verwandter von Ihnen war,

betonen Sie das bitte auf „glaube“,

er war Ihnen so unähnlich — soweit ich das nach dem, was sie [die vorgebliche Freundin, Knights Geliebte, ANH] mir erzählt hat und was ich von Ihnen bisher zu sehen bekommen habe, beurteilen kann, natürlich. Sie sind ein netter, rühriger Junge –
Sebastian Knight, 195

Junge!

und er, nun, er war alles andere als nett — er wurde geradezu bösartig, als er entdeckte, daß er sich in Helene verliebte. O nein, er wurde nicht zu einem sentimentalen Hundchen, wie sie erwartet hatte.
Sebastian Knight, 203

Und jetzt achten Sie bitte auf die emanzipierte Kritik, die diese Frau und wie sie sie einfließen läßt:

Er sagte ihr bitter, daß sie billig und eitel sei, und dann küßte er sie, um sich zu vergewissern, daß sie keine Porzellanfigur war. Nein, das war sie nicht. Und schon hatte er auch entdeckt, daß er ohne sie nicht leben konnte, und sie, daß sie genug davon hatte, ihn von seinen Träumen und den Träumen in den Träumen und den Träumen in den Träumen seiner Träume reden zu hören. Bitte, ich verurteile keinen von beiden. Vielleicht hatten sie beide recht oder vielleicht keiner – aber sehen Sie, meine Freundin war nicht ganz die gewöhnliche Frau, für die er sie hielt — ach, sie war etwa ganz anderes, und sie wußte ein bißchen mehr vom Leben und vom Tod und von den Menschen, als er selber zu wissen meinte.
Sebastian Knight, ebda.

Es ist ein poetisches Wunder für sich, mit welcher Grandezza es Nabokov wider eigenem Willen gelingt, das Portrait einer tatsächlich ungewöhnlichen Frau zu gestalten. Schauen Sie sich allein die Lebendigkeit an, mit der Frau von Graun, alias Lecerf, am zweiten Tag vor V. in ihren Salon tritt:

Endlich öffnete sich die Tür, und die Dame, mit der ich am Tag zuvor gesprochen hatte, seitelte herein — seitelte, sage ich, weil sie den Kopf nach hinten gewandt und gesenkt hielt; sie redete nämlich auf ein Wesen ein, das sich als eine froschgesichtige, knurrende, schwarze Bulldogge erwies, die offenbar keine Lust hatte, in das Zimmer zu watscheln.
Sebastian Knight, 196

Merken Sie, Freundin, wie geschickt es von Nabokov ist, diese tatsächlich hinreißende Frau zwar nicht mit der standardisierten Begleiterin der Hexen, einer Katze, auszustatten; dennoch ist diese allein in dem „schwarze“ zugegen, wobei die Farbe zudem (die in Wahrheit ein Kontrast ist) mit dem von der Frau tags vorher getragenen Kleid korrespondiert.
Aus der ersten Begegnung mit V. stammt auch das zweite wiederaufgenommene Motiv: Der Vamp trägt nämlich einen scharfen, mit großem Stein besetzten Ring, an dem sich V. beim Abschied fast schnitt. Jetzt, als allererstes, warnt sie ihn, durchaus höchst symbolisch:

„Denken Sie an meinen Saphir“, sagte sie, als sie mir die kleine, klamme Hand reichte.
Sebastian Knight, ebda.

Wenn Sie mich berühren, heißt das, werden Sie sich verletzen. Und wirklich, er ist nahe daran:

(…) ich glaube, es könnte den Leser erheitern (und, wer weiß, auch Sebastians Geist), wenn ich sage, daß ich einen Augenblick lang daran dachte, mit dieser Frau anzubändeln. Es war wirklich sehr merkwürdig – gleichzeitig ging sie mir ziemlich auf die Nerven – ich meine das, was sie sagte. Irgendwie verlor ich den Halt.
Sebastian Knight, 215

Den er eigentlich erst wieder gewinnt, als ihr mokantes Gaukelspiel … nein, nicht auffliegt, sondern sie selbst hebt den Vorhang — typischer-, stilvollerweise vermittels einer Anspielung, die weit vorher im Buch ein Motiv war. Und verfolgen Sie seine, V.s, Reaktion, tun Sie’s, Freundin, präzise; sie wird meisterhaft in dem beschrieben, was und wie er sieht:

„Es war einmal ein Mann“, sagte sie sanft, „den habe ich geküßt, nur weil er seinen Namen verkehrt herum schreiben konnte.
Der Stock fiel mir aus der Hand. Ich starrte Madame Lecerf an. Ich starrte auf ihre glatte weiße Stirn, ich sah ihre veilchenfarbenen Augenlider, die sie gesenkt hatte, vielleicht, weil sie meinen Blick falsch verstand – sah ein winziges blasses Muttermal auf der blassen Wange, ihre zarten Nasenflügel, die gekräuselte Oberlippe, als sie ihren dunklen Kopf neigte, das matte Weiß ihrer Kehle, die lackierten rosenroten Nägel ihrer schmalen Finger.
Sie hob den Kopf, ihre merkwürdigen Samtaugen, deren Iris ein wenig höher lag als üblich, blicken auf meine Lippen.
Sebastian Knight, 219

Was er ihr nun entgegnen will — Nabokov erzählt es erst, als ob V. es täte —, entgegnet er allerdings nicht, sondern behält es für sich, als sollte er es Circes weiteren Schlagfertigkeiten besser nicht aussetzen, damit es ihm Gewißheit bleibt, eine deshalb so hohle, weil sie nur für ihn selber besteht. Der Abschluß dieser Szene stellt – versehentlich vielleicht … nein, sondern weil große Literatur Wahrheit auch gegen ihre Autoren vertritt – die gesamte Schwäche der patriarchalen Männerwelt bloß. Genau damit ist Nabokov die Schilderung einer der größten Frauenfiguren gelungen, wenn nicht die größte insgesamt, die ich in seinen Büchern bislang gefunden.

Dennoch, auch auf Clara Bishop soll die poetische Gerechtigkeit ihr Licht noch werfen, auch die meine: Indem an Sebastian Knight nämlich vorgeführt wird, was geschieht, als er seine treue Gefährtin wegen Frau von Graun verläßt, erzählt Nabokov quasi im Krebsgang, was ihm selbst nicht geschah und was ihm mehr schließlich wert war als eine ihm ohnedies nicht liegende rauschhafte Selbstauflösung in Leidenschaft. Er ist aristokratisch gesonnener Klassizist, wir sollten das niemals vergessen.
In ungefährer Mitte des Buchs wird Knight Abschiedsbrief an Clara wiedergegeben. Weil eine der wissendsten Liebeserklärungen, die ich kenne, ist er extrem berührend, weshalb ich diese Besprechung mit ihm auszugsweise beenden und weiteres nicht mehr hinzufügen möchte:

Dies wird Dir wehtun, meine arme Liebe. Unser Picknick ist zu Ende; die dunkle Straße ist holprig, und dem jüngsten Kind im Wagen wird gerade schlecht. Ein billiger Tor würde zu Dir sagen: Du mußt jetzt tapfer sein. (…) Das Leben mit Dir war wunderschön — und wenn ich wunderschön sage, so meine ich Wunderblumen und Tausendschön und samtene Weichheit, das lange, sanfte rosa ’n‘ in der Mitte, und wie sich Deine Lippen zu dem ’sch‘ rundeten. Unser Leben zusammen war alliterativ, und wenn ich an all die Kleinigkeiten denke, die sterben werden, nun, da wir sie nicht mehr teilen können, ist mir fast, als wären auch wir tot. Und vielleicht sind wir es wirklich? Je größer unser Glück war, desto verschwommener wurden seine Ränder, als schmölzen seine Umrisse dahin, und nun ist es ganz und gar zerronnen. Ich habe nicht aufgehört, Dich zu lieben; aber etwas in mir ist abgestorben, und in dem Nebel vermag ich Dich nicht zu erkennen … All das ist Poesie. Ich belüge Dich. Hasenherzig. Es gibt nichts Feigeres als einen Dichter, der Ausflüchte sucht. Ich glaube, Du hast erraten, wie die Sache steht: die dumme Formel ‚Eine andere Frau‘. Ich bin verzweifelt unglücklich mit ihr — das wenigstens ist wahr. Und ich glaube, über diese Seite der Sache gibt es nicht viel mehr zu sagen.
Das Gefühl, etwas stimme grundsätzlich nicht mit der Liebe, will mich nicht loslassen.
(…)
Lebe wohl, meine arme Geliebte. Ich werde Dich nie vergessen und nie ersetzen. Es wäre absurd von mir, wollte ich Dir einreden, daß Du die reine Liebe warst und diese andere Leidenschaft nur eine Komödie der Sinne ist. Alles ist Sinnlichkeit und alles Reinheit. Aber eines ist gewiß: Ich war glücklich mit Dir, und nun bin ich elend mit einer anderen. Und so wird das Leben weitergehen.
(…) Aber das wird nicht heißen, daß ich glücklich sein werde ohne Dich … Jedes noch so winzige Ding, das mich an Dich erinnert – der mißbilligende Blick der Möbel in den Zimmern, wo Du die Kissen zurechtgeklopft und mit dem Feuerhaken gesprochen hast, jedes noch so winzige Ding, das wir zusammen entdeckt haben – wird für mich immer nur die eine Hälfte einer Muschel, die eine Hälfte einer Münze sein, von der Du die andere behalten hast. Lebe wohl. (…) Vergiß mich jetzt, aber erinnere Dich später an mich, wenn die Bitterkeit vergessen ist. Dieser Klecks rührt von keiner Träne her. Mein Füller ist kaputt, und ich schreibe  mit einem dreckigen Federhalter in diesem dreckigen Hotelzimmer. (…) Ich glaube, Du hast noch ein oder zwei Bücher von mir – aber das ist nicht wirklich von Bedeutung. Bitte schreibe nicht. L.“
Sebastian Knight, 144/145

 

 

Darüber, Geliebte, hinaus ist wirklich nichts mehr zu sagen.

Ihr ANH

 

 

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One Response to „Es war einmal ein Mann, den habe ich geküßt.“ Nabokov lesen, 32: Das wahre Leben des Sebastian Knight.

  1. Avatar Phyllis says:

    Wie all Ihre Nabokov-Texte hab‘ ich auch diesen genüsslich verschlungen. Ihre stilistische Verwandschaft mit Nabokov ist s o spürbar! Als ob Sie beide künstlerisch – wenn auch nicht inhaltlich – die gleiche Körpertemperatur hätten.

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