Wüstenklänge, Wüstendonner: Aus dem hohen Felsen ein Fensterkonzert (aus der Nefud, Phase II,8: Tag 14). Der Ritt sodann auf محطة التميمي بالرديفه. Am Montag, den 15. Juni 2020.

 

[صحراء النفود.عالم آخر
Mittagslager, 13.05 Uhr]

 

Ich war genervt gestern abend, ich geb es zu; die Tumorin hatte mich ziemlich am Wickel. Dann aber standen wir da und schauten hoch — „wie gebannt“, so würde in Kitschromanen formuliert und da wohl weiterhin so stehen .. schauten vor der Duncker 67 direkt auf den fensterdurchbrochenen Granitberg; zum Ersten Hinterhof der 68  geht’s aber unten gleich links; wiederum daneben waren auf die Straße Tische und Stühle vor die Kleine Kneipe gestellt, auf denen eine Gruppe Handwerker Platz genommen hatte, die sich gänzlich unmuslimisch vollauffen ließ (unsizilianisch übrigens auch), und einer von denen grölte dermaßen und von sich selber dauerbegeistert, daß ich in Gedanken bereits meinen Krummsäbel wetze. Es ist ein großer Vorteil an dieser Nefud, daß ich töten kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und diesen Handwerker, primitiv, dumm und möchthaltgerne „Alpha“macho, wollte ich in der Tat lange nicht mehr leben lassen. Schon, weil er die anwesenden, aber auch vorüberflanierende Frauen mit „Muschi“ ansprach: bei besoffenen Arschlöchern wie diesem bin ich für die Todesstrafe und darf es, als nunmehr selbst vom Jenseits Bedrohter, auch sein. Außerdem muß ich eh nichts andres tun, als mein Bezugssystem zu wechseln.
Noch freilich stand ich vorm Haus meiner Arbeitswohnung, von wo aus momentan weder Röhrerich zu sehen war, noch waren’s seine Haremsdamen; noch aber auch war Faisal in der Nähe, um von ibn Gamael zu schweigen. Und ich, ich trug schwarzen Anzug, tiefdunkelblaue Weste zu dunkelblauem Hemd nebst gelber Krawatte, war für die Wüstenhitze eigentlich viel zu warm angezogen. Doch wär ich in der Thobe noch mehr aufgefallen. Und es macht mir ja auch Freude, mich zu kleiden: Ich ehre Lilli so. Woher hätte ich allerdings wissen können, daß der besoffene Krakeeler nicht etwa wirklich ein Handwerker – ein Dachdecker, der Tracht nach –, sondern in der Anderswelt niemand andres als ausgerechnet Bassam war, der Lächler, dem ich → vor zwei Wochen das Leben gerettet habe? Nein, er lächelte auch jetzt noch nicht, aber, eben, grölte, und da ich, wie gleich zu Anfang erzählt, schmerzhalber genervt war …

Doch erst einmal das Konzert, in dem, wenn Sie genau hinlauschen, auch die Stimmen der Wüstengeister zu vernehmen sind, in dieser Aufnahme hier von Sek. 26 bis 35. Sie müssen aber wirklich ganz genau hinhören, während Sie sich, am besten mit geschlossenen Augen, die Landschaft beschauen, weil sie auch Ihnen, Freundin, sonst den Atem nimmt:

So also saßen und standen wir draußen vor der Bergfront, gestört nur von bisweilen passierenden Kraftwagen sowie von Bassam, dem Gröler … — was mir endlich zuviel wurde, so daß ich die Thobe beiseiteschlug und das kurze Mondschwert griff, das drunter in der Lederscheide baumelt. — „Sie sind dermaßen dumm!“ sagte ich, als ich an Bassam herangetreten war, der es noch für einen Scherz hielt, für einen schlechten immerhin, und aber dennoch aufstand, wie wenn er sich prügeln mit mir wollte. Er schwankte aber nur und sabberte mich an.
„Wer Leben schenkt, darf es auch nehmen“, wiederholte ich und holte aus.
Man glaubt nicht, wie leicht sich vom Rumpf ein Kopf trennen läßt. Ich tat es mit allem Geschick und aller Energie, die Liligeia mir gegeben. Oh Liligäa, meine Muse! Wer täglich mit jemandem von solcher Grausamkeit umgehen muß, bekommt bald selbst ein dickes Fell.
Der Kopf des Idioten knallte nicht, sondern klatschte auf das Dunkerpflaster, wobei der Typ selber, als ob er sich auch noch für Störtebeker hielt, an seinen Leuten vorbei wie ein rot aus dem Hals fontänendes  Piratenhendl zur Stargarder lief, vielleicht um, wenn auch zu spät, die Polizei zu rufen, weil er sich sicher sein konnte, da auf ähnliche Intelligenzen zu treffen, jedenfalls im nicht gehobenen Dienst. Dennoch war mir klar, mich aus dem Straßenstaub machen zu müssen, und zwar schnell. Weshalb ich das Ende des Konzertes nicht mehr abwarten durfte, statt dessen die nächste Lappenschleuse nahm.
Schon saß ich neben Faisal vor dem Zelt; wir hatten unser letztes Lager vor der nächsten Relaisstation genau unter dem Konzertberg aufgeschlagen. „Haben Sie die Stimmen der Geister gehört?“ fragte er, sah aber in den funkelnden Sternhimmel hoch.
„Geister?“
„Manchmal rufen die Dschinns nach dem Krebs. Dann haben sie Partei genommen.“
„Und wessen?“
„Wenn sie nach der Krebsin rufen, dann die Ihre. Lassen Sie’s uns hoffen. — Aber ich denke, wir sollten weiterreiten, sonst kommen wir heute abend nicht rechtzeitig an. Sie müssen morgen früh ausgeruht sein.“

So sind wir denn wieder auf dem Weg, nunmehr zum dritten Höllentor der Wüste.

Ihr ANH

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  1. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

    Schön, diese Begeisterung für Ton- und Bildcollagen..- Bei aller „Tragik“ (mir fällt leider keine Formulierung ein, die besser passen würde) – die dieser unterhaltsamen „Wüstengeschichte“ innewohnt – komme ich heute an einem herzhaften Lachen wegen des spürbar „schwarzen Humors“ nicht vorbei – alles Gute …RIvS…

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