Das Arbeits&Journal-vor-der-(Nach)OP — nämlich des Donnerstags, den 12. November 2020. Darin bereits einige Worte vorweg zu Marius Felix Langes Carmen von Bizet sowie zu Kjærstads Femina erecta.

Das habe ich mir gestern nicht nehmen lassen, nach den OP-Vorgesprächen im Sana, nun doch → noch einmal zu laufen, bevor ich nach der OP erneut in eine Warteschleife geschickt sein werde, die der junge Anästhesist ungefähr sechs Wochen dauern lassen würde, wobei die Klinik selbst zwei Monate empfehle, „doch was Sie privat tun, kann Ihnen ja niemand vorschreiben“. Und habe mir nicht nehmen lassen, zum ersten Mal wieder volle zehn Kilometer durchzulaufen, ohne vor den beiden letzten eine Gehrunde einzulegen; ich lief sogar ein wenig mehr, begab mich dann in die Gehrunde und, schon um nicht in der Streckenlänge zurückzufallen, lief noch einmal eine aber nur kleine Runde — was letztres 1,3 Kilometer und auf der runden Laufstrecke dieses Volksparks eigentlich „genau eine Runde“ bedeutet . Meine „großen“ Runden betragen deshalb ziemlich genau 2 Kilometer, weil ich eine ganze Menge Umwege, Umschlupfungen usw. mitlaufe, manchmal mitten auf eine Wiese um einen bestimmten Baum, dann ein Stück ganz anderen Weges und dieses wieder bis zu meinem eigentlichen Parcours zurück. Auf der Karte, die meine Laufapp stets mitzeichnet, können Sie’s, o Freundin, recht gut erkennen:

Wie auch immer, es war fast gar keine Anstrengung mehr, die Beine liefen wie von selbst, auch wenn meine Barfußlaufschuhe nun schon sehr heruntergerubbt sind, an den Seiten bereits aufreißen und spätestens zum Frühjahr hin ersetzt werden müssen. Leider. Ich hänge an solch treuen Gefährten.

Und nun aber — heute noch ein- und ebenfalls zum vorerst letzten Mal Sling- nämlich Muskeltraining — wieder pausieren mit dem Sport; das ist als OP-Begleitung wohl das eigentliche, sogar einzige Elend; alles andere wird sich auf einer Achtel Arschbacke aussitzen, bzw., im Sana, -liegen. Trotzdem ist’s selbstverständlich blöd. Heiter indes, daß es gestern, als des Krankenhauses Computer abstürzten, offenbar alle zugleich desjenigen Hauses, in dem ich wartend saß … – daß es da also hieß, nun könnten auch erstmal die Arztgespräche nicht geführt werden, denn man müsse sie ja dokumentieren. Woraufhin ich: „Na, dann dokumentieren sie halt erstmal auf Papier und übertragen das dann später in den Computer.“ Die verständnislosen Blicke, Freundin, hätten Sie da sehen sollen! Papier? Welch eine Zumutung! So daß ich mir rein instinktiv ersparte, die Bemerkung nachzulegen, es hätte ja sonst vor vierzig Jahren Arztgespräche überhaupt nicht geben können. Doch so heiter blieb ich eben auch und blieben dann beim Laufen meine Beine. Nachdem ich schließlich geduscht hatte, war ich nicht einmal sonderlich erschöpft. Sondern setzte mich an den Entwurf meiner Kritik zu  Marius Felix Langes → famoser Carmen-Bearbeitung, auf die ich Sie → eingehend ja schon hingewiesen habe. Ob ich diese Rezension allerdings vor der OP noch fertig bekommen werde, steht in den Sternen, die wir halt nicht sehen am Tag.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Bizet, Carmen]
Ich habe diese Oper nie gemocht, sie immer für einen Schmock gehalten; in mir zünden auch die angebliche zündenden Melodien nicht, ich empfinde sie als schweren, geradezu folkloristischen Kitsch — und die Aufführung der Pariser Bastille-Oper, in die ich schon gestern abend hineinhörte und die jetzt parallelläuft, bestätigt es mir. Dabei wird immer wieder gesagt, „Carmen“ sei die Oper schlechthin. Find‘ ich nicht. Doch bei Lange dreht sich alles, das Stück gewinnt an gewaltigem Ausdruck und wird im allerbesten Sinn – modern. Zum ersten Mal begreife ich, was Nietzsche meinte, als er in bewußtem polemischen Irrtum Bizets Stück über Wagner stellte, ja, nun, → einhundertzweiunddreißig Jahre später verhilft Lange dem Philosophen zu endgültigem Recht. Es ist wirklich frappierend. Wenn ich von den zwei großen Schlagern des Stücks absehe, der Habanera und dem Torerogegröhle, die beide „natürlich“ dennoch nicht fehlen dürfen, ist jetzt die gesamte Faktur dieser Oper sowohl feinsinniger als auch raffinierter und vor allem – radikal.
Ah, nun schreibe ich doch schon zu dem Stück, muß mich beherrschen, nicht weiterzumachen, denn will ja die Kritik bei Faustkultur sehen, wo sie eine deutlich größere Reichweite haben wird als ihr Die Dschungel geben können.

Also laß ich’s hierbei erstmal bewenden und schließe auch das Arbeitsjournal. Für heute.

Nein, noch nicht ganz. Noch ein Wort zu Kjærstads FEMINA ERECTA, die ich im Krankenhaus sicherlich werde zuendelesen können. Es wird mich auch niemand besuchen, wie ich gestern hörte, und also kann mich keiner dabei stören, und keine.
Ich tu mich immer wieder schwer mit diesem Buch, zum ersten Mal bei diesem von mir doch so bewunderten Romancier. Nur einmal war es ähnlich, aber da lag es an der Übersetzung. Die ist es hier mit Sicherheit nicht. Sondern über weite Strecken wirkt das Buch referiert, nicht erzählt. Liegt es daran, daß Kjærstad ganz offenbar dem Zeitläuften folgen und eben, nach den großen Portraits seiner Männerfiguren, auch eines einer großen Frau schreiben wollte, die ihrerseits dafür kämpft, daß Frauen sich aufrichten (daher „erecta“) im und gegen das Patriarchat? Und nu‘ merk ich die Absicht und bin verstimmt, weil der Bewunderte derart arg mit der Bananenseite nach den Affen wirft? Doch des Referierens ist einfach kein Ende, auch schon der Grundkonstruktion wegen, die ich schon anderweitig, da aber noch verheißungsvoll, angedeutet habe. Doch dann ward es richtiggehend elend, „altfränkisch“, wie Delf Schmidt immer sagte — Einschübe wie „haben wir uns dafür entschieden, an dieser Stelle einen Teil ihrer fiktionalisierten Geschichte einzufügen“ (186) und „Zu dieser Zeit, möchten wir der Ordnung halber hinzufügen, war das Radio ein sehr beliebtes Medium“ (261) sind leider leider Legion. Es geht schon ganz am Anfang, etwa auf der Seite 9, mit der für eine Erzählung extrem ungelenken Wendung „oder anders ausgedrückt“ los und setzt sich in so dauernden Nachstellungen fort, daß es irgendwann nur noch nervt: „die sich mit Architektur auskannte zu einer Zeit“. Wieso wird das Prädikat vorgestellt? Auf diese Weise macht man aus möglichen poetischen Sätzen Module, das Satzteil wird zum Baustein, bzw. Container und also, ja, marktwirtschaftlich. Oder geht diesem Romandichter, weil er müde wird, die Gestaltungskraft verloren?
Und doch muß ich weiterlesen, denn immer wieder leuchtet unversehens der mir bekannte Kjærstad durch, gewinnt seine Größe zurück, erzählt dann wirklich — und erwischte mich nun ausgerechnet mit einer Liebeserklärung an den Pop. Mich! Nicht zu fassen. Das ist dann wirklich Kunst. (Daß er die auch von mir sehr geliebte Joni Mitchell zum Pop zählt, lasse ich mal dahingestellt.) – Ein bißchen aus dieser Erzählung habe ich Ihnen, Freundin, bereits gestern abend → zitiert.

Doch nun. Tatsächlich. In den Tag!

ANH

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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3 Antworten zu Das Arbeits&Journal-vor-der-(Nach)OP — nämlich des Donnerstags, den 12. November 2020. Darin bereits einige Worte vorweg zu Marius Felix Langes Carmen von Bizet sowie zu Kjærstads Femina erecta.

  1. Avatar top sagt:

    Ich bin jetzt gerade mal beim Maud-Kapitel angelangt, also noch vorne im Buch, aber so manche Flüchtigkeitsfehler und andere Dinge nerven schon ein bißchen (ob es z.B. an einer Stelle im norwegischen Original wirklich „Forschenden“ oder doch einfach Forscher heißt, wäre interessant zu wissen, aber naja, nicht überall, wo ein Partizip steht, muss es einen Gender-Zeitgeist-Hintergrund haben) -König von Europa war aber nochmal eine ganz andere Fehler-Liga-, dennoch möchte ich jeweils weiterlesen, auch insbesondere nach den Einschüben, die auf mich ein bißchen konstruiert wirken, mal schauen, ob diese Konstruktion glaubhaft ist und aufgeht. Bisweilen hat das Buch auf jeden Fall Pageturnerqualitäten, eben ein echter Kjaerstad.

  2. Avatar Franz-Josef Knelangen sagt:

    Kenne bisher nur den Homo falsus. Was ist sonst von Kjaerstad zu empfehlen?

    • Ich würde mit der Wergelund-Trilogie beginnen, die den Norweger zu recht berühmt gemacht hat und deren deutsche Übersetzungen bei Kiepenheuer & Wirsch erschienen sind, nämlich Der Verführer, Der Eroberer Der Entdecker, die ersten beiden von Angelika Gundlach, der dritte Roman von Heinrich Schmidt-Henkel übersetzt. Wiewohl Kiepenheuer aus Gründen, über die sich nur – mit ungutem Ergebnis – spekulieren lassen, den großen Romancier fallengelassen hat, sitzt der Verlag auf den Rechten, ohne tatsächlich weiter zu verlegen – und blockiert so die wagemutige Gesamtausgabe des kleinen Wiener Septime Verlages; vielmehr werden auf Bestellungen hin print-on-demand-Bücher rausgeschickt. Deshalb empfehle ich, sich die Trilogie über das Moderne Antiquariat zu besorgen.
      Von den bei Septime erschienenen Romanen plädiere ich unbedingt für „Ich bin die Walker Brüder“ – >>>> dort meine seinerzeit bei Volltext erschienene Rezension. Übrigens war Kjaerstad der Grund, daß ich mich darauf einließ, ebenfalls bei Septime zu publizieren.

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