Das Arbeitsjournal des Freitags, den 21. Januar 2022, darinnen mein alter Führerschein.

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
Erster Latte macchiato[1]Seit ich mir angewöhnt habe, mir morgens einen Orangensaft zu pressen, bleibt es meistens bei einem; allerdings kommt gegen acht ein caffè freddo hinzu.]

Seit 5.30 Uhr auf, weil bereits kurz nach halb elf erschöpft ins Bett – eine Folge auch zu vielen Weines, was wiederum, insgesamt, Folge, denk ich, Coronas. Tatsächlich aber bleibt die Überarbeitung der Verwirrung des Gemüths – ja, der eigentlich vorgesehene Titel, „Gemüt“ mit „th“, der damals nicht durchzubringen war, findet in der Neuausgabe sein Recht; bei der vorgesehenen Neuausgabe des Dolfinger-Romans wird es hoffentlich genauso sein; der heißt dann endlich, wie ich’s damals (1980) wollte: Die Erschießung des Ministers – … also diese Überarbeitung bleibt mühsam. Zähe verstreichen die Sätze, wie wenn sie stehende Zeit wären, die ich verflüssigen muß. Dann schaffe ich täglich vielleicht, wenn es gutgeht, zehn Seiten. Immerhin die Ergebnisse, am nächsten Morgen überprüft, machen mich teils sogar glücklich. Es lohnt sich also. Wobei meine Arbeit gestern angenehm vom Besuch → Sabine Schos unterbrochen wurde, die mir, nachdem ich am Montag bei ihrem → Abend zu Brahms Magelone dabeigewesen war und mitgeschnitten hatte, als sozusagen Dank → das Boxerbuch vorbeibrachte, das ihre Arbeit in der und für die Villa Massimo war. So plauderten wir und gingen endlich, es schien himmlisch die Sonne, spazieren (heute früh liegt auf den Dächern meines zweiten Hinterhausgebäudekomplexes Schnee). Ich zeigte ihr den von den Anwohnern des Thälmannparks unterhaltenen → Kiezteich, den nicht nur Enten und Fische bevölkern, sondern auch Wasserschildkröten, von denen indes bei der Kälte keine sich sehen ließ.
Ich spaziere gerne hierhin und schaue da erfüllend analog dem Wechsel der Jahreszeiten zu, der sich am Teich berührend noch beobachten läßt. Soweit der Klimawechsel mitspielt.
Danach an die Verwirrung erneut.

An dem Boxerbuch, nicht-nebenbei bemerkt, hat Freund Parallalie mitgearbeitet, Schos Dichtungen nämlich ins Italienische gebracht:

Unter seinem Klarnamen aber, Helmut Schulze, der sich auch so nur → besuchen ließ und läßt.

Gehört und gesehen habe ich freilich auch, dies am Dienstagabend, → Currentzis´ neuen (neues?) → Lab, das das Andante aus Brahms‘ Klavierkonzert Nr. 2 in interpretierende Szene gesetzt hat. Über diesen Dirigenten stehe ich seit langem mit einem höchst klugen und kenntnisreichen Mann, fjk, in Korrespondenz, der mich überhaupt erst auf ihn, also jenen, hat aufmerksam gemacht und mich über die Dropbox ständig mit wichtigen, mir noch unbekannten Aufnahmen versorgt. Hier allerdings schrieb ich ihm heute früh:

Guten Morgen, haben Sie Dank.
Allerdings habe ich mir die ganze Probe direkt schon live angeschaut – was ein Erlebnis war, wie zu erwarten, wobei es Momente gab, in denen Currentzis denn doch ein bißchen den Kitsch gestreift hat („we’ll dream together“), auf dem er auch beharrte – freilich mit berückendem Ergebnis. (Es wäre k e i n Kitsch gewesen, wäre die Probe nicht öffentlich gewesen; so lehre ich’s meine Studentinnen und Studenten, hier scharf unterscheiden zu müssen: Gemeinsam einen Sonnenuntergang zu sehen, einander zu versichern, wie schön er sei und vielleicht dabei noch zu seufzen, ist nicht Kitsch, wohl aber, dies vor Publikum zu tun – „klassisches“ Beispiel: im Film.)
Ihr ANH
Für das Arbeitsjournal und also, Freundin, Sie, ist, daß ich die paar Zeilen hier einkopiere, insofern keine Privatübertretung, als es um eine poetologische Einlassung geht, die mir Definition ist. In solchem, poetologischem, Zusammenhang hat es mich denn auch gefreut, → d a r u n t e r heute bei FB den nun dort hinkopierten sehr zustimmenden Kommentar gelesen – jetzt kommt eine irre Formulierung: gedurft zu haben. (Lacht).
Dergleichen tut mir ebenso wohl, wie nach und nach die fast nun schon Flut literarwissenschaftlicher Schriften über meine Arbeit im Netz zu entdecken, siehe meinen kleinen (unbeantworteten) Brief → an Frau Fassio. Geantwortet aber hat André Steiner, den Buenos Aires.Anderswelt sogar zu einer ganzen Literaturtheorie inspiriert hat, die letztes Jahr bei transcript erschien:

Bestellen

Er hat mich eingeladen, am kommenden Dienstag mittags an einer online-Seminarsitzung der Uni Bremen, an der er lehrt, teilzunehmen, weil deren Inhalt Buenos Aires.Anderswelt eben sein wird.

Es entspricht meinen poetischen Anliegen, daß die „alten“ Bücher mit den neuen sowie Der Dschungel in einem stehenden Zeitkontinuum leben, und genauso (ich werde danach immer wieder gefragt) meiner Neigung, diese Arbeiten, auch wenn längst veröffentlicht, so lange weiter-, teils auch sie umzuschreiben, zumindest ihre Stilistiken zu korrigieren oder überhaupt einem Text den Stil zu geben, wo zuvor eben „Text“ nur war und vielleicht sein nur konnte. Auch deshalb an alles letzte Schliffe legen (denen vielleicht aller- und allerallerletzte folgen, und so fort bis zum Versinken), weil die meisten Bücher zusammenhängen. Meere und Traumschiff sind Ausnahmen, ebenso manche, doch beileibe nicht alle, Erzählungen. Daß meine Arbeiten ein Prosa-Netzwerk sind, ist es wohl auch, was mich mit → Robert HP Platz verbindet, der immer wieder Texte von mir für seine Kompositionen verwendet, die fastquasi ‚ganz‘ dasgleiche tun. Dem WDR übrigens war sein siebzigster Geburtstag (du meine Güte, auch für mich sind’s bis dahin nur noch drei Jahre!) ein Anlaß, ihm ein, sagen wir, Ehrenkonzert zu geben. Dort können Sie es noch für etwa drei Wochen hören {das Bild anklicken}:

***
So, ich sitze noch im Morgenmantel, noch liegt der Schnee auf den Dächern; fast wird er jetzt schon von der Sonne beschienen, was mir sehr guttut, dieses Erwachen der Erde in meinem Rücken aus dem Dunklen|beim|Auf-
gestandensein sich erhebend. Es wird Zeit, das Bett zu machen, dessen Decke und Kissen in meinen ersten beiden Tagesstunden bei egal welchen Temperaturen weit geöffnetem Fenster lüften. Ist es gerichtet, wird der Ofen versorgt, dann Toilette gemacht und sich gekleidet. Die Wahl der Krawatte (im Sommer, ob überhaupt eine oder ob TShirt zum, selbstverständlich, Anzug) braucht immer etwas Zeit, dazu noch des Einstecktuches. Sorgfalt ist insgesamt ein ästhetisches Kernwort, und da ich zwischen mir und der Arbeit nicht trenne, noch jemals trennte, ist, wie ich mich kleide, bedeutsam – abgesehen davon, daß „ich“, wie ich’s auf der vergangenen Buchmesse formuliert habe, „meine Eitelkeit in meine Anzüge stecke; dann bleibt sie in denen und stört nicht das Werk“. Aber das, liebe Freundin, habe ich Ihnen bereits, glaube ich, erzählt.

Ihr (darf ich Sie heute Liebste nennen?)
ANH

P.S.: Ach, ich wollte ja was zum Führerschein schreiben, sonst hätt ich ihn nicht in den Titel gesetzt.
Also.
Erst zwischen den Jahren bekam ich überhaupt mit, daß die alten Führerscheins gegen moderne Cards eingetauscht werden müssen. Was ich in Ordnung fände, würde der alte nicht eingezogen und bleibend einbehalten, wahrscheinlich sogar vernichtet werden. Das ärgert mich,weil mein grauer Lappen bezeugt, ich führ seit einundvierzig Jahren ohne Unfall. Das Problem selbst ist nun aber ein anderes, nicht nur, daß ich mir überdies eine Bescheinigung von der Ausgabestelle besorgen muß, in meinem Fall nämlich Bremens, was schriftlichen Aufwand und wasweißichnoch bedeutet, sondern erstens soll für meinen Jahrgang dieser, na gut, „Tausch“ bis nicht nur sprichwörtlich vorgestern stattgefunden haben, dem 19.1, sondern ich muß dafür ins Bürgeramt, das aber gar keine Termine frei hat – auf Monate hinaus. So könnt ich mich nur in die Warteschlange des Callcenters drücken – und verlöre abermals Zeit für Verwirrung & Gemüth. Nein, weder Lust noch Nerven dazu. Werd ich mit altem Lappen erwischt, kostet es zehn Euro. Die ist die Verwirrung mir wert.

References

References
1 Seit ich mir angewöhnt habe, mir morgens einen Orangensaft zu pressen, bleibt es meistens bei einem; allerdings kommt gegen acht ein caffè freddo hinzu.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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6 Antworten zu Das Arbeitsjournal des Freitags, den 21. Januar 2022, darinnen mein alter Führerschein.

  1. engl sagt:

    die alten führerscheine werden eingezogen? wirklich? ein glück, dass ich, aus einer laune heraus, meinen schon vor jahren getauscht habe. jetzt liegt der lappen bei mir in einer kiste. drauf steht: fräulein!

    und dieses andere wort: führerschein. sowas fällt ja selten nur auf. (ich stimme für lenkberechtigung.)

    • Sie haben recht, ist mir auch nie aufgefallen – wohl, weil es „ein Auto führen können“ heißt; es nur „fahren“ zu können, bedeutet etwas anderes. – „Lenkberechtigung“ greift zu kurz, es muß ja auch geschaltet werden und einiges andere mehr. Insofern ist hier „führen“ schon richtig; macht den Beiklang freilich nicht besser. (Vom „Führer“ mir einen Schein ausstellen lassen, hätt ich auch nicht wollen.

      P.S.:
      „Lenkschein“ allerdings hätte einigen Witz.
      P.P.S.:
      Fräulein, echt? Noch toller freilich wäre Frollein.

  2. André Steiner sagt:

    Lieber Alban,

    gerade habe ich, nachdem wir uns im Bremer Unikurs Deinen Weblog angesehen haben, den Eintrag mit meinem Buch zum Komplexen Erzählen entdeckt. Eine schöne … wie soll ich sagen … Entdeckung … Danke!
    (A.S.)

    • Das ist doch selbstverständlich, obendrein in meinem eigenen Interesse. Und vergessen Sie nicht, daß in (ein prinzipiell unabschließbar) komplexes Erzählen immer, was gerade geschieht, mit eingeht. Eine Untersuchung meines Werkes wird, wenn ich sie wahrnehmen konne, Werkbestandteil selber werden – wie es auch vielen Kritiken schon „ergangen“ ist, besonders in Der Dschungel, die das, was Sie komplexes Erzählen nennen, noch in besonderem Maß repräsentiert. Schauen Sie sich nur die hier bewußt „Kapitel“ genannen Inhaltsrubriken an, Seitenleiste rechts, etwas runterscrollen.

      Zu Jarrett/Garbareks niemals alterndem furiosen „Oasis“ aus >>>> Nude Ants (Village Vanguard/NYC 1979, live; bei mir noch auf Vinyl) leidenschaflich mitzuckend:
      Ihr ANH

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