Das Arbeitsjournal des Pfingstsonntags, den 5. Juni 2022. „Briefe nach Triest“ wieder aufgenommen. Sowie eine Sonderedition ODER Wie sich der Heilige Geist auch anders ausgießen läßt.

Heiliger nirgends
als in der Blüte.
Chérone, Prédictions (1591)
[Arbeitswohnung, 7.29 Uhr
Erster Latte macchiato]

Bin ein wenig spät dran heute, erst um Viertel vor sieben aufgestanden, was mit einer nun gewissen Ruhe zusammenhängen mag, die nach den echt aufregenden vergangenen Tagen ab gestern nachmittag eintrat, eigentlich ab mittags bereits, als ich mich mit meiner Frankfurtmainer ehemaligen Lebensgefährtin traf, die mit ihrem Mann über Pfingsten in Berlin weilt. Wir sind nach wie vor befreundet, was ich mit eigentlich allen meinen „Ehemaligen“ bin, aber dies ist ein ganz besonderes Verhältnis, ist es geblieben. Ihr war, als „Die Verwirrung des Gemüts“ als mein erster Roman, der er es schreibchronologisch aber nicht war, 1983 erschien, das Buch gewidmet, was nun, in der für den Herbst annoncierten Ausgabe Zweiter Hand, selbstverständlich so bleiben wird.

Wir trafen uns auf der Oranienburger, ich hätte mit ihr eigentlich im Strandbad Mitte sitzen und plaudern mögen; allein, es sieht so aus, als hätte er in diesem Juni überhaupt noch nicht auf — sogar das angeschlossene Freilufttheater steht nicht mehr da.


So mochte ich einmal wieder vom Silberstein sitzen. Und das aber gibt es g a r nicht mehr – womit der zentrale Spielort des Thetis-Romans, Anderswelt 1, historisch geworden ist. Seltsames, auf der Kippe zwischen sentimentalem Traurigsein und pragmatisch-faktischem Konstatieren oszillierendes Gefühl, als wäre die mit dem Ukrainekrieg markierte Zeitenwende bereits, leise, zuvor angeschlichen, ohne daß wir es merkten. Es zeigt aufgrund des Umstands aber auch persönlich, wie entfernt ich mich habe, so lange nicht mehr in der Oranienburger gewesen zu sein, daß ich nicht einmal weiß, wie lange, und also, daß sich meine … Mist, Wortfindungsstörung, nicht „Kriterien“, sondern die Reihenfolge der Interessen, Überbegriff „Kategorie“, im passiven Wirtschatz ist das Wort, spür ich, noch da, drückt sogar ganz vorn gegen die Verschlußmembran … egal … verschoben haben. Denn Ende der Neunziger bis weit in die ersten Zehnerjahre hinein habe ich mich auf der Oranienburger oft herumgetrieben, teils dort auch ganze Szenen geschrieben. Bemerkenswert, bemerkenswert, und zwar umso mehr, als diese Gegend – namentlich der Monbijoupark – unterdessen zum Lieblingsaufenthaltsareal meines Sohnes gehört.
Wie auch immer, wir fanden Oranienburger/Ecke Tucholski einen feinen Marokkaner. — Nachdem sie dann wieder zurück ins Hotel, spazierte ich, eben wie früher sehr oft, den Weg bis zur Arbeitswohnung heim, wo mich, aufregungshalber der vergangenen Tage, genauer: der drei Wochen, bereits die nächsten Emails erwarteten. Worum es geht, liebste Freundin, werden sie spätestens am Mittwoch in der Presse lesen; noch bin ich angehalten, darüber öffentlich stille zu sein.

Daß ich dabei bin, frühe Texte auf Vorderfrau wie -mann zu bringen, werden Sie mitbekommen haben, etwa die frühen Gedichte und die Verwirrung sowieso, die nun bei meiner Lektorin liegt. Aber nicht alleine dies. Vielmehr habe ich seit vier Tagen die Briefe nach Triest“ wieder vorgenommen, um sie endlich zuendezuschreiben. Dafür muß ich freilich erst einmal alles wiederlesen; was bisher entstanden ist und vor vierfünf Jahren dann liegen gelassen wurde, ist ja längst in eine Typoskriptdatei kopiert und dient jetzt nicht der Wiedervergegenwärtigung, sondern muß auch durchkorrigiert werden. Allerdings bin ich erstaunt, wie vieles jetzt schon hält. Einiges aber sollte auch weg oder gänzlich anders gefaßt werden, nämlich das, was nur als Weblog, nicht hingehend in einem gedruckten Roman funktioniert. Deshalb werde ich, wenn soweit vorgedrungen, das Buch auch nicht mehr als Blogerzählung fortsetzen, also 1:1 in Der Dschungel, sondern im Typoskript weiterschreiben und dann immer mal wieder Auszüge des grad Entstandenen einstellen, wie Sie es ja von vielen meiner Arbeiten gewöhnt sind, bevor sie dann als Buch erscheinen.
Plan jedenfalls jetzt: Jeden Tag vierfünf Stunden für die Triestbriefe, die übrige Tageszeit für alles andere verwenden, besonders auch für die Fortsetzung der → Video-Gedichtreihe. Ende des Jahres soll der neue Roman dann fertig sein, vor Lektorat selbstverständlich. Als Erscheinungsdatum sehe ich den Herbst 23; in welchem Haus, sollen meine Verlage unter sich ausmachen. – Wegen der Geschehen der letzten drei Wochen und dem Ereignis, das in diesen Tagen jetzt ansteht, wie geschrieben: Mittwoch und „eigentlich“ aber am kommenden Freitag, wird sich mein Arbeitsvorhaben, noch, nicht ganz umsetzen lassen, aber doch teilweise und danach dann ganz.  Insofern ist, daß ich eine angestrebte Funktion nicht erreicht habe – s’ist ohnehin ein „win/win„-Unternehmen gewesen -, poetisch von Vorteil. Wobei ich auf dieses schon hinweisen möchte, es wird Sie, Freundin, freuen:


Soll im September da sein, ich mach es schon mal bekannt. Wobei ich ihn, den September, keineswegs herbeisehne. Erst einmal soll Sommer sein, er wird uns noch früh genug vergehn. → Vorbestellen aber dürfen Sie schon … — À propos! Von der neuen Béart-Edition wird es eine auf dreiunddreißig Explare limitierte handnumerierte und selbstverständlich signierte Sonderausgabe geben, die mit einem vornehmen französischen Klappmesser geliefert werden wird, das der diaphanes-Verleger just dieser Tage in Paris zu erwerben dabei ist. Sie wird 150 Euro kosten, die ersten Nummern sind bereits weg. Insofern bin ich zwar dagegen, jetzt schon an den September zu denken, der Dezember mit seinem Weihnachtsfest ist indessen so weit noch weg, um an ihn zu denken durchaus schon akzeptabel zu machen. (Die Idee zu dieser Sonderausgabe kam → bei der Béartpremiere einer Hörerin, weil der Verlag ein Exemplar ausgelegt hatte, auf dem solch ein edles Messerchen lag. So daß die No 1 da schon war vergeben.)

Mit einem Lächeln,
Ihr ANH

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Brüste-der-Béart abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Das Arbeitsjournal des Pfingstsonntags, den 5. Juni 2022. „Briefe nach Triest“ wieder aufgenommen. Sowie eine Sonderedition ODER Wie sich der Heilige Geist auch anders ausgießen läßt.

  1. franzsummer sagt:

    Das denke ich auch. Ich hatte fast eine Woche lang Besuch aus England und mein Schwiegersohn brachte eine alte FAZ mit, darin wurde auch in einem Artikel Sie erwähnt, obwohl mich ja das Thema noch nicht einmal tangiert, meinte er wohl, es würde mich interessieren. Ich las das ganz brav, (einen Schwiedgersohn muss man immer gut behandeln, smile) und da dachte ich plötzlich, „wäre eigentlich genau der Richtige dafür“. Also Schweigen ist immer wichtig, aber wenn, drücke ich Ihnen die Daumen, dass die Presse geneigt ist am Mittwoch oder Freitag, und diese blöden Vorurteile verschwinden. Toi, toi…ich kann mich auch irren.

    • Lieber franzsummer,
      es geht dabei gar nicht um mich; ich selbst habe da lediglich eine, sagen wir, Mitgeburtshelferrolle gespielt. Und was die „Vorurteile“ anbelangt, bin ich sch0n deshalb skeptisch, weil ihre Vertreterinnen und Vertreter sie als Urteile vertreten, das heißt, im „guten Glauben“ handeln oder handeln eben nicht. Doch die Blätter sind dabei, sich zu wenden. Ich bin da zuversichtlich.
      Ihr ANH

  2. franzsummer sagt:

    Danke für den Hinweis, wir Laien werden es sicherlich in den Medien der nächsten Tage diskutiert finden. In „Zeit online“ steht wohl noch nix, da gucke ich ab und an rein.
    In Ihrem Blog war oder ist ja oft von dem „Literaturbetrieb“ die Rede. Wie wird dieser wohl reagieren?
    Ein PEN ohne Präsident, das hat schon mal meine Sympathie 🙂 Von mir aus könnte das für alle Staaten der Erde gelten. Ja, den Ball flach halten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .