Dies – am vergangenen Freitagabend – war bislang das wohl aufregendste Konzert dieses Festivals, zum einen, weil gerade hier das Risiko gewagt wurde, eine sozusagen traditionelle, ja als quasi endemisch verstandene Gefühlslage – die Saudade – in Musiken ganz anderer Völker aufzufinden und so auch wiederzugeben, und zum zweiten, weil die jungen Musikerinnen und Musiker ganz so jung alle nicht mehr sind, also bereits professionelle Aufführungserfahrung vorausgesetzt werden darf: Mit zwischen vierzehn und achtundzwanzig gehören zumindest die älteren von ihnen zur achtzehn- bis achtundzwanzigjährigen Generation der Jungen Deutschen Philharmonie – einem der Rekrutierungspools der Berliner Philharmoniker, mit denen sie sich auch das Verständnis autonomen Orchesterhandelns teilen. – Nur zum Vergleich: Im Bundesjugendorchester, das → das diesjährige Eröffnungskonzert gab, sind die jungen Menschen zwischen vierzehn und achtzehn Jahren alt. Mit gleichem Maßstab kann hier also nicht gemessen, nicht mit selber Erwartung zugehört werden.
Überraschend war es dennoch, allemal. Schon weil zum ersten Mal aus Iván Fischers 2011 für das Festival komponierter „Fanfare‟, die jedes Orchester am Anfang seines Auftritts interpretiert, wirklich Musik geworden ist – und zwar gerade in der Aufforderung, bitte das Stück → nicht zu ernst zu nehmen und nicht perfekt zu spielen. Genau das gelang ihnen mit außerordentlichem Witz.Ach was, hören Sie sich diese wirklich virtuose Schiefheit gleich mal selber an:
| Großartig interpretiert, keine Frage, wenn auch Carl Johannes Verbeen „gut gesetzt‟ gespottet haben würde, Denn bei Pessoa liegt Europa auf der Seite, ihr Kopf die iberische Halbinsel, deren Antlitz, Portugal, nach Westen in die Ferne schaut. Und mit Amália Rodrigues singt. |
Lassen Sie mich deshalb etwas versuchen:
Ahnen Sie, was mir gefehlt hat?
Die Abwesenheit
Das Fehlen einer Frau
Eines Worts
Mir ist das vertraut
Und nach dem Satz
Ich liebe dich
Ist die Stille die gleiche
(André Heller, 1989)
Doch wie nun auch immer, auf- und anregend war dieses Stück in jedem Fall – und eine ziemlich gute Einstimmung der jungen Leute auf Tschaikowskys massive Sechste, der sich die Saudade nun tatsächlich nachsagen läßt, sowohl gleich zu Beginn, meine Güte, dieses Fagott!:

— als besonders dann den ganzen vierten Satz hindurch, der leider durch eine nach dem im dreifachen Forte hinausgebrüllten Marschfinale des dritten Satzes genauso loskrawallende Applausorgie böse gestört wurde. Dabei hatte dieser Konzertabend insgesamt nicht nur eine „Neigung‟ zu attacca-Einsätzen gehabt – die fast immer prächtig funktionierten. Sogar bei einem an die – durchaus begründeten – Usancen klassischer Konzerte nicht oder nicht mehr gewöhnten Publikum. Bis eben auf hier, wo doch Pedro Caneiro, der Gründer und Dirigent dieses mitreißenden Jugend- und Jungerwachsenenorchesters, alle bisherigen Sätze hatte genauso unmittelbar aufeinanderfolgen lassen. Nur daß jetzt, im Stechschritt halt schon sowieso, auch die Zuhörerschaft ihre „Hurras!‟ grölen mußte. So daß es Caneiro erst beim zweiten Anlauf gelang – wie hilflos lächelnd hatte er links unter seinem Arm weg nach hinten geschaut -, in Tschaikowskys Schluchzen überzuleiten,
das nicht einmal mehr den → Einsiedlertrost der Nacht kennt, so kurz vor seinem Tod — … erst also jetzt setzten Caneiro und sein Orchester sich durch. Der mögliche Klangfall aber hatte verloren.
Ich ballte meine Fäuste.
Doch lösten sie sich mehr und mehr und mehr in dieser tiefen Streicherflut, die dann einfach,
„einfach schrecklich‟
verebbt:
Kohelet 3, 19

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Saudade in Trauer und Dank:
ANH
August 2026

