Bildersunruh im Nachnachtsarbeitsjournal des Mittwochs, den 21. Oktober 2026. Sowie erneut mit Kazantzakis. Andres hält nach Ebner grad nicht.

 

[Arbeitswohnung, 7.44 Uhr
Latte macchiato vulcanico]

Meine Nachtmail an de Gruyter hab ich s o beschlossen, da war es 5.17 Uhr:

Spätnachmittags zuvor, da war es 16.52, doch sah ich die Sendung erst später am Abend … insofern: abends zuvor hatte ich die, ich schreibe einmal, „präfinale“ Fassung des Buchumschlages von de Gruyter im Postfach gefunden, an der mich so sehr erfreute, daß sich der Verlag auf der U4 statt eines gezähmten „ungeahnten Möglichkeiten“ nun doch für die „unerahnten“ entschieden hatte, daß ich das Umschlagsbild selbst gar keiner näheren Betrachtung mehr unterzog; mir fiel nur auf, daß rechts oben der Vulkan ganz abgesoffen war.
Das alarmierte mich erst nachts. Nämlich träumte ich davon. Träumte und erwachte. Wurde unruhig, als ich wieder einschlafen wollte, es aber nicht gelang. Wurde noch unruhiger. Irgend etwas stimmt mit dem Bild nicht! Immer wieder kegelte mir das durch den Kopf —

bis ich’s nicht mehr aushielt, da war es etwas über ein Viertel nach drei. Ich mußte es mir ansehen, am besten im Vergleich mit den Vorlagen, die mein Sohn gestaltet hatte – und nicht am Denktop mehr, nein, an einem der beiden großen Bildschirme des Musikcomputers.
Als ich in den Morgenmantel schlüpfte, war mir schon klar, daß es nun Zeit kosten würde, denn auch inhaltstextlich und am Textdesign hatte vor allem Odo einiges moniert. Deshalb, erst einmal einen Caffè, „Espresso“ nordeuropäisch, bloß daß der keine Crema kennt, anders als aus der Pavoni bei mir. Und wirklich an den Schreibtisch gesetzt. Unerwarteterweise war der Musikcomputer heruntergefahren; nachts ist mir normalerweise solche Umsicht fremd. Gut, und dann herausgesucht montiert: Links der präfinale Umschlag des Verlags, in der Mitte der Bildentwurf mit Text meines Sohns, rechts das Originalbild als tiff, nur dieses wirklich groß, 28.444 KB bei 300 dpi; die beiden anderen je grad mal 266 und 298 bei 100 dpi.
Daß zwischen der tiff und den jpgs Unterschiede zu erkennen wären, war sowieso klar. Nur aber ließ mich der Unterschied zwischen beiden jpgs baff erstaunen. Doch was soll ich sagen? Schauen Sie selbst:

Tatsächlich! Grad der Vulkan – ein zentrales Thema mit im Buch und von Adrian hinreißend einfühlsam dazumontiert, einfühlsam und dezent –… grad der Vulkan ist auf der präfinalen Fassung komplett verschwunden, auch oben die aus dem Raum geradezu herausragenden Regale fehlen völlig — um von der Farbigkeit des gesamten Bildes und vor allem dieser Tiefenschärfe zu schweigen, die auf der tiff beinah wie 3D wirkt. Mir ist noch jetzt ganz schleierhaft, wie mein Sohn das hinbekommen konnte. Welch handwerkliche Meisterschaft! Und die soll nun vergebens sein? Nein!

             Freilich ging es nun um’s es dem Kind zu sagen: „Wie sag ich’s meinem“ undsoweiter? Denn böswillig war da sicher nichts, alle glauben dort ans Buch. Hier auf Zehenspitzen zu formulieren, kostete dann noch einige Zeit – bevor ich mich, auf send geklickt, beruhigt wieder hinlegen konnte. Ich hab dann auch wirklich weitergeschlafen: wieder geschlafen. Was mir davor nicht gelungen war. Es lebe denn also mein Unbewußtes: hoch, hoch, hoch.

 

             Ihr, ach Freundin,

                   ANH

 

[14.56 Uhr]

Und wieder → Kazantzakis, weiter Kazantzakis lesen, seine Odyssee-Fortschrift – die einzige poetische Tat, die mir jetzt als → Ebners ebenbürtig vorkommt, ihren Penelópai (Πηνελόπαι, Πηνελόπειαι ?), auch wenn die männliche Dichtung in toxischem Sinne „männlich“ ist – nämlich darin nicht nur fürchterlich, sondern furchterregend unserer ins Barbarische zurückgefallenen geopolitischen Weltlage gleich, auf die sie quasi ein Loblied der Gewalt singt, dies, ja, singt, nicht etwa grölt. Diese Verbindung von Gesang mit Brutalität findet sich bei Ebner zwar auch, aber die Frau streicht Hoffnung mit hinein, stellte eiens zum anderen – und zueinander – auf. Dafür gelingen Kazantzakis enorme Deutungsverse zur künstlerischen Schöpfung:

„In allen Steinen im Gebirg, in allen Klötzen in dem Wald
ersticken Seelen, ungeformt, und schreien nach des Künstlers Hand.
Der Schreiende ist nicht ein Gott, ein Ungetüm, noch ist’s der Wind;
als Sklavin stöhnt, gefesselt und um Freiheit kämpfend, deine Seele!
Als ich einmal allein, des Nachts, in meiner Werkstatt schlummerte,
vernahm ich plötzlich in dem Dunkel eines rohen Steines Stimme;
erstickt im Stein, versklavt in ihm, hört ich die eigne Seele schreien —
sogleich erheb ich mich vom Lager, nehm mein Werkzeug in die Hand,
und in der Lampe schwachem Licht beginne ich, ihn zu behauen,
die Kerkermauern zu zerschmettern und die Seele zu befreien;
und als es endlich dämmerte, trat froh ihr heilges Haupt ins Licht
und atmete die frische, kühle, reine Luft des Morgens ein.
Dann macht ich langsam ihre Schultern, ihre Brust, die Lenden frei,
und wie sie mählich so hervorstieg in das Licht des Tags, da fühlten
auch mein versklavter Kopf, die Schultern, Lenden und die Brust sich frei;
und als sie unter meinen Händen gänzlich sich herausgelöst,
hob ich das Aug empor zum Himmel, und ein Vogel schwang sich fort!“
Odyssee, 7,820-836

 

 

 

 

Aber, und das schmerzt … aber es läßt sich anders nicht sagen, als daß Kazantzakis Christopher Nolans hoffnungsvolle Lesart des verirrten Listenreichen lange vor Nolans sogar Geburt einfach durchgestrichen hat, obwohl er, und unvergleichlich berückend, zum schlagenden Zentrum seines Films und seines posttraumatisch belastungsgestörten Herzens die Kalypso-Episoden gemacht hat. Von Homer kann er das nicht haben, da ist diese Göttin nur Nebenerzählung — sehr wohl von Kazantzakis aber[1]Was mich dran erinnert, daß ich Nolans Film noch immer nicht besprochen habe; dabei wollt ich’s dringendst tun. Doch täte ich es jetzt, ich klapperte nur nach.:

Drei Formen sinds – die tödlichsten –, in die der Tod sich goß, um mich,
die hellen Geisteskräfte lockernd, meiner Waffen zu berauben:
In der Kalypso kühlem Höhlenreich kam er als üppge Frau,
die lachend meine Knie umschlang, schmiegsam und sanft wie eine Schlange;
und ich, der Sterbliche, hielt zitternd die Unsterbliche im Arm;
wie einen süßen Traum preßt ich sie an mich auf dem sandgen Ufer.
Die blondhaarige Göttin wusch in einem goldnen Becken mir,
in kühlkristallner Flut, des Abends meine lehmbedeckten Füße,
daß sie die goldgewebten Linnen ihres Lager nicht befleckten;
und freudig lachte ich, bedenkend, daß die lehmgen Menschenfüße
sich mit der Göttin ewigblühnden, rosgen Wangen eng verflochten.
Zum ersten Male schmeckte ich die Lust des Leibs, als wär sie Geist;
eins wurden Erd und Himmel dort, und tiefe Freude war in mir,
daß meinen schmutzigen schlammgewohnten Eingeweiden Flügel wuchsen.
Odyssee, 2,76-89

Um so größer meine Sehnsucht nach → Jeannie Ebners weiblicher Prosa. Um das Niveau der Dichtkunst zu halten, bleibt mir momentan Kazantzakis allein:

Da kam der Südwind leis heran und blies und blies, und der Palast
der stolze, hocherhabne, schmolz, und alles, was noch übrigblieb,
das warn des Herren Nordwinds Tränen, die die Felder überschwemmten.
7, 847-849

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References

References
↑1 Was mich dran erinnert, daß ich Nolans Film noch immer nicht besprochen habe; dabei wollt ich’s dringendst tun. Doch täte ich es jetzt, ich klapperte nur nach.

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