SONDERAUSGABEN | Jetzt erhältlich | DIE BRÜSTE DER BÉART | Handnumiert & signiert und mit dem edlen Stiletto von Cudeman


Bestellbar über den QR-Code oder → dort.

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 10. Juli 2022. “Verwirrung des Gemüths”, ein neues Musiktheater vielleicht (Musiktheaterinstallations-Performance), die Triestbriefe, text+kritik sowie АНХс “Корабль-греза”, darinnen die furchtbare Ambivalenz. Sowie ein bißchen Einsamkeit.

 

Heute ab 17.05, swr2 lesenswert:
Carsten Otte über ANH, Die Brüste
der Béart. Dort anhören.

[Arbeitswohnung, 7.19 Uhr
Wind, Kühle]

Gestern die von meiner Lektorin bearbeitete, mit vielen, bisweilen hinreißenden Anmerkungen und Vorschlägen versehene und hergemailte zweite Tranche der Neuausgabe des in nunmehr erster Fassung 1983 ersterschienenen Romans Die Verwirrung des Gemüths bis in den späten Abend in quasi einem Rutsch durchgesehen und korrigiert, 215 von insgesamt 396 Typoskriptseiten, es war wie eine Art Rausch. Die 181 Seiten davor hatte ich ja bereits vor drei Wochen fertigbekommen. Heute vormittag nun noch einmal ein “Kontroll-Scoll”, um zu sehen, ob ich etwas übersehen habe; danach geht die Datei an Elvira zurück, und am 19. werde ich für fünfsechs Tage nach Wien fahren, um mit ihr das Schlußlektorat persönlich durchzuführen. Am 27. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, um rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse als Buch dazusein.

Verwirrung, Lektoratsbeispiel
Elvira M. Gross

Parallel lief in den vergangenen Tagen ein anderes umfangreiches Projekt an, um dessen Zuschlag sich – es handelt sich um die Ausschreibung dreier deutscher Bühnenhäuser – mein Komponistenfreund Robert HP Platz, die Bildende Künstlerin Sandra Schlipkoeter, der Videokünstler Christoph Brech, der Regisseur Oliver Kloeter und ich unter, grad jetzt in der Antragsphase, als quasi Controllerin enorm stützender Mitwirkung Sabine Krasemanns als Team bewerben. Im weitesten Sinn handelt es sich um Musiktheater, wobei es eine Mischform aus Performance und Installation werden dürfte, die allerdings steng gebaut sind, doch auch weiten Raum für Improvisation bieten. Nachdem sich unsere, vor allem Platz’ und meine, Anfangspläne mit den Konditionen der Ausschreibung nicht  decken ließen, was Krasemann schnell herausfand, mußten wir quasi alles umwerfen, und in einer Spontanaktion schrieb ich ein völlig neues Konzept, war dann nervös, wie es ankäme, aber es lief – für mich eine erstaunliche neue Erfahrung – bestens. Jetzt mußte festgeklopft werden, mußten einzelne Szenenentwürfe her usw. Und gestern abend hat Krasemann das gesamte Ding hinausgeschickt. All das lief über Zoom und eine von ihr eingerichtete Whatsappgruppe, in der wir auch jetzt immer noch mal plaudern. Jedenfalls müssen wir nun warten; im September soll entschieden werden. Bekommen wir den Zuschlag, geht es gleich in die Vollen; ich selbst muß ans Libretto – präzise die Libretti -, Platz quasi parallel komponieren (wir werden für Komposition und Dichtung enger zusammenarbeiten als je); dann werden die Treffen des Teams stattfinden, noch in diesem Jahr, wir müssen vor allem die Häuser sehen, die Bühnen, die sonstigen Räume. Uraufführung haben wir für den Sommerbeginn 2024 avisiert. Insgesamt, wenn es klappt, wird das, schöne Frau, ein “riesen Ding”.
Also jedenfalls das kostete ebenfalls Zeit, einige. Jetzt steht für mich ein kleiner Radiotext an, der nicht nur angegeben, sondern auch eingesprochen sein muß, bevor ich in den Zug nach Wien steige. So richtig einen Einfall habe ich noch nicht, zwar schon anderthalb Seiten halt auch eher hingeworfen als geschrieben, aber sie sind mir zu trocken, zu theoretisch, um Leben im Klang entfalten zu können und dann noch eine “Botschaft” zu enthalten und zu vermitteln, die wiederum selbst mir allerdings klar. Wieder einmal wird es um Ambivalenzen gehen, allerdings diesmal der Verschlingung von Leben und Tod.

Und der Triest-Briefroman ist nun zum zweiten Mal soweit durchgesehen und korrigiert, umgeschrieben, ergänzt, wie er bereits als Text vorliegt; wie ich Ihnen, Freundin, schon erzählte, sind noch sieben Briefe zu schreiben. Wobei ich leider gegen Ende des zweiten Durchgang eine – n i c h t “leider” – ziemlich wichtige Idee hatte, die nun noch einen dritten Durchgang erforderlich macht, um nämlich die “Hauptperson”, von der erzählt wird, noch deutlicher konturiert von dem Ich-Erzähler abzusetzen, der mir mit dem anderen manchmal noch z u sehr verschmilzt. So daß mir klar wurde, beide müßten verschiedene Berufe haben; der des Erzählers ist klar, indes es sich zwar bei der Hauptperson angeboten hätte, auch sie wieder zu einem Bildenden Künstler zu machen, doch in der Tat, das wäre nun entschieden zu nahe an → Meere. Was also nun? Die Lösung war die naheliegendste aller. Aber gerade sie braucht Fleisch und Klang. Das ist ihr im dritten Durchgang zu geben, mit dem ich vielleicht heute schon anfangen kann, wenn die Verwirrungs-Fahnen fertig und hinaussein werden und ich vielleicht auch schon einen annehmbaren Entwurf für den Rundfunkbeitrag habe.

Ach ja, außerdem waren die Fahnen meiner eigenen – allerdings nicht langen – Textbeiträge durchzusehen, für die ich von der Redaktion des im September zu meinem bisherigen Gesamtwerk erscheinenden text+kritik-Bands gebeten worden bin; ist ja schon einiges her, weil Corona das Erscheinen um ein ganzes Jahr verschoben hat.  Nun wird es aber definitiv herauskommen, und zwar bereits im September. Ich mußte und wollte deshalb auch unbedingt noch etwas hinzusetzen, bzw. einmontieren und hoffe nun, daß meine “Lösung” funktioniert. Was es ist, dazu schreib ich hier nicht. — U n d: Es sind böse Zeiten dafür, leider, aber meine großartige russische Übersetzerin, Tatiana Baskakova, hat mir die Umschlagentwürfe der russischen Ausgabe des Traumschiffs geschickt, die noch im August da sein soll, gebundenes Hardcover, sehr schön gesetzt (ich habe eine PDF der Druckfahnen, die ich allerdings nicht lesen kann, klar), mit einem ausgesprochen langen Nachwort Baskakovas, tatsächlich einem Anmerkungsapparat und sogar Auszügen aus den Seereiseberichten Der Dschungel, die teils Grundlage des Romantextes wurden. Von den Umschlagentwürfen gefallen mir zwei, diese:

K e i n schönes Gefühl, sich einerseits rasend darüber zu freuen, und zum anderen, sich freuen gar nicht mehr zu können, weil dieser entsetzliche Krieg währt und, wie es aussieht, in absehbarer Zeit auch nicht zuende sein, sondern sogar zu befürchten ist, daß er sich ausweiten wird, auch zu uns und über ganz Europa. Da erscheint solch Übersetzung als derart marginal – was sie aber bei der Hingabe nicht ist, mit der Baskakova übertragen hat, und ihrer Genauigkeit. Und aber das Thema selbst des Romans bleibt ja, wird Menschheitsthema immer sein, völlig gleichgültig, welcher Nation jemand angehört. Ich hatte Tania auch geschrieben, wie ambivalent dies alles nun für mich sei und daß die Menschen sowohl in der Ukraine als auch in Rußland doch ganz andere Sorgen hätten, und schwere Nöte, um an einem übersetzten deutschen Buch Interesse haben zu können. Sie indes schrieb mir zurück, gerade jetzt, in diesen Zeiten, sei Literatur für manche Menschen wesentlich, sie halte sie am Leben. Es wäre für mich, oder sollte es prinzpiell sein, einfach, diese Sicht zu übernehmen, die ich auch für begründet halte. Nur b i n ich kein einfacher Mensch.

Ihr
ANH

P.S.:
Immer mal wieder leichte Anfälle von, nein, liebste Freundin, nicht Einsamkeit, aber einem Gefühl von Alleinsein, innerer, quasi, Emigration. Ich hab es im Griff, doch ein bißchen tut es schon weh.

***

[20.49 Uhr]
Ich fasse es selbst nicht: den Rundfunktext für Gutenbergs Welt in einem Rutsch geschrieben, dann durchgearbeitet und bereits die Erste Fassung erstellt, die soeben an Manuela Reichart hinaus ist. Morgens hatte ich noch Zweifel, ob mir die zündende Idee käme, die zwar, als Idee, aber nur schmauchend, gestern schon da war, aber halt ohne jeden Zug. Unversehens wurde es anders — was eine über Jahre erlebte Erfahrung bestätigt, die aber nicht mehr in meinem Körpergedächtnis war, — daß nämlich, wenn man einfach stur weiterarbeitet, irgendwann der Punkt kommt, an dem das Gehirn geradezu automatisch loslegt und mir die Finger führt. Dann braucht es später nur noch den dramaturgisch strukturierende Konstruktionsblick, schon ist das Ding fertig, und zwar mit Ideen und Thesen, die s i c h  e r s c h r i e b e n. Das Selbst als autonomes Subjekt ist gar nicht gefragt.
Die sonderbare Ambivalenz heißt nun mein Text, von dem ich selbstverständlich nicht verrate, wer mein literarischer “Held” ist. Das sollten Sie, Freundin, dann hören.

Der hierunter angekündigte Livestream konnte aus technischen, in der Kürze der Zeit nicht mehr behebbaren Gründen nicht ausgestrahlt werden.

Ich bitte alle, die möglicherweise vergeblich gewartet haben, um Entschuldigung.
ANH, 9. Mai, 7.06 Uhr
(Es gibt aber möglicherweise Filmrestschnipsel sowie eine komplette Tonaufnahme, die ich später hier einstellen werden.)

Ab ca. 16.20 Uhr

Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr
Anton Arensky, Zweites Streichquatett a-moll op. 35 (1894)]

So sieht es hier jetzt also aus, nachdem ich → die Videoarbeiten wieder aufgenommen habe; mit alleine einem Raum verliert sich die Überschaubarkeit notwendigerweise; die Arbeitswohnung wird immer mehr Studio — was bei einem “rein” digitalen Tonstudio nicht ins Gewicht fällt, weil etwa die Lautsprechertürme ohnedies als Wohnungsausstattungsstücke wahrgenommen werden, noch dazu solch schlanke wie meine ProAcs. Muß ein Greenscreen verwendet und er also, hier zu sehen, aufgestellt werden, ändert sich alles, vor allem, will ich ihn nicht dauernd wieder ab- und wenig später erneut aufstellen, mag. Es ist ja immer auch Ausleuchtungsfriemelei, und wenn ich nur das grüne Tuch verwende, habe ich es dauernd, war es zuvor zusammengelegt, mit Falten zu tun, die dann die Aufnahme vor fiktivem Hintergrund stören. Das Ding im runden Rahmen freilich ist gespannt, aber die Rundung hat Nachteile für Bildausschnitte. Usw. Mit sowas gebe ich mich momentan ziemlich viel ab.
Was mich immerhin ablenkt, gut ablenkt, weil es in der Tat schwierig ist, sich parallel zu dem entsetztlichen Krieg irgendwie rückzunormalisieren; ich empfinde es sogar als moralisches Problem. Aber es tat mir gar nicht gut, fast ausschließlich noch auf die Ukraine und die russischen Massaker konzentriert zu sein; ich schrieb ja schon, daß die leise Befürchung wuchs, die dauernde – unumgehbar subdepressive – Beschäftigung mit dem Dauermeucheln werde → Liligeia aus dem Nichts wieder herrufen, in dem sie untot umherstreife, ganz abgesehen davon, daß fast jeglich sonstige Arbeit einfach liegenblieb.
Insofern war es gut, daß es ganz “plangemäß” mit nächsten Intermezzi weitergehen sollte, für die auf eine fast schon ferne Vergangenheit zurückgegriffen wird. Distanz war hier wichtig und — sie zu überschreiten, wieder möglichst nahe an das frühe Ich heranzukommen (das stets ein Wir war). Und an die frühen Gedichte. Denn abgesehen von den auf Tonbandcassetten bewahrten Tondokumenten, ist mir → nach Renate Wuchers Tod u.a. ein ganzes Manuskript dieser Texte wieder zugänglich, die ich alle verloren glaubte, ohne freilich dem nachgetrauert zu haben. Ich hatte sie ja nach Paulus Böhmers deftigem Spott sämtlichst der Müllabfuhr geschenkt, um mich fortan nur noch auf Prosa zu konzentrieren. Doch das geschah in den frühen Achtzigern; daß ich Renate viele Typoskripte geschenkt hatte, wußte ich zwar, aber schon längst nicht mehr, welche. Und jetzt sind die alten Gedichte wieder hier.
Ich durchblättere sie und bin erstaunt, wie viele tatsächlich halten, wenn auch nicht unbedingt formal. Jedenfalls sollte ich nochmal Hand an sie legen; ich spielte gestern sogar mit dem Gedanken eines neuen Buches, das ich “Frühe Gedichte” nennen würde, vielleicht sogar mit dem damals vorgesehenen Übertitel Straßennarben. Es sind immer wieder Fundstückchen drin, sowas zum Beispiel:

Ich habe Nägel
in die Nächte geschlagen
und meine Tage daran
aufgehängt

Entstanden ist das Ding um die Mitte der Siebziger. Heute bedürfte es hier eines Einfalls, auch in die dritte Zeile den ä-Laut zu bekommen. Ich fände Eingriffe dieser Art ästhetisch legitim. Aber das sind alles so Feinheiten, für die es im Moment gar keinen geschichtlichen Raum gibt, jedenfalls absolut keine Relevanz. Eben, dies zu wissen, macht alles schwierig. Und zu spüren, auch zu lesen, wie stark mit dem Gedanken gespielt wird, selber Kriegspartei zu werden, etwa → bei Bersarin, den ich ansonsten so sehr schätze, dessen Vergleich aber mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt, abgesehen von dem Konjunktivfehler — eine, denke ich, → Fehlleistung — gleich zu Anfang:

Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Bersarin hat sich offenbar in ein – von ihm ohne Zweifel als Müssen gefühltes –  in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen wie unumkehrbar hineingeschrieben. Wobei ich seine Position grundlegend teile. Nur hinkt sein Vergleich, weil ein miliärisches Eingreifen damals nicht unter der Drohung nuklearer Waffen erfolgt wäre, die einzusetzen wiederum Putin, ich bin mir völlig sicher, nicht eine Sekunde zögern würde. Denn sein Ende stünde dann so oder so bevor, und wenn er selbst die eigenen Soldaten als Kriegsmaterial betrachtet, das um des “Erfolges” willen egal wie verschleißt werden könne, werden ihn andere Menschen, zumal anderer Völker, erst recht nicht interessieren. Vor allem wird er Den Haag abwenden wollen, die Schande nicht ertragen können, erst recht nicht als → Muschik, irgendwem Rede zu stehen und dann sehr wahrscheinlicherweise lebenslang hinter Gittern zu sitzen, noch werden seine Mitmafiosi es wollen. Dann besser “ehrenvoll” → als Märtyrer gehn.
Imgrunde unterscheiden sich Besarins und meine Positionen gar nicht sehr, doch in dem einen, nämlich entscheidenden Punkt. Er glaubt, daß Putin den Einsatz atomar bestückter Marschflugköper nicht befehlen würde, ich glaube, doch, er täte es. Und hat es längst im Kalkül.

Klug dafür das Schweizer Netzmagazin REPUBLIK, das mir heute früh per Facebook über eine mir von Markus Becker zugesandte private Nachricht bekannt wurde, die den Link auf → diesen bemerkenswerten Artikel Constantin Seibts enthielt.
Da mir auch weitere Berichte und Essays gefallen, die ich darin las[1]Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen., habe ich das Magazin erst einmal kostenfrei probeabonniert, wobei ich momentlang die aber schnell wieder verworfene Idee hatte, es hänge der Magazinname mit Uwe Nettelbecks berühmtem Periodikum zusammen; aber dessen an Karl Kraus angelehntes, vor allem auch dingliches Publikationsorgan war eine Herausgeber-Zeitschrift; REPUBLIK hingegen wird von einen Team genährt.

Erfreulich auch der mir heute früh von Schelmenzunft zugemailte → Artikel von Christine Lemke-Matwey in DIE ZEIT zu, im letzten Abschnitt, wieder mal → Currentzis, dem nach wie vor, ich schreibe es gerne, Genie:

Im Gegensatz zu Gergiev hat Currentzis nie auch nur im Ansatz für Putin Partei ergriffen. Seine letzte regimekritische Wortmeldung datiert von 2019, als er gegen den Hausarrest des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow protestierte. Das ist schon länger her. Die Zeichen aber, die er seit dem 24. Februar (seinem 50. Geburtstag!) sendet, sind mindestens so unüberhörbar und unübersehbar. Er, der in Röhrenjeans und Springerstiefeln aufzutreten pflegte, trägt neuerdings Anzug. Im Orchester sitzen neben russischen auch ukrainische, georgische, belarussische, türkische, spanische, italienische und deutsche Instrumentalisten. Und statt Beethovens ursprünglich vorgesehener Neunter Symphonie, die mit “Alle Menschen werden Brüder” ein Hohn wäre, erklingen in Wien, Hamburg und Paris Strauss’ Metamorphosen von 1945 und Tschaikowskys Pathétique.
Vielleicht muss man Currentzis’ schwarzglühende Tschaikowsky-Interpretation live erlebt haben, den fulminanten Hexensabbat des dritten Satzes, das fahl ins Nichts sich aushauchende Finale und wie alles Melodische darin versteinert, um zu begreifen, was Musik gerade jetzt vermag: im Augenblick die Wahrheit sagen. Härter und konkreter als alle Worte. Und viel glaubwürdiger.

Soweit für heute, liebste Freundin, mit einem Arbeitsjournal, das, wie Sie sicher merkten, gänzlich ohne Aufregung auskam. Die wieder aufgenommene Videoarbeit tut mir also gut, ebenso, daß ich jeden Tag ein nächstes → Béartgedicht erst aufschneide, dann mindestens einzweimal lese, mindestens einmal auch laut. Gerade in der Differenz zu den frühen Gedichten ist das ausgesprochen reizvoll. (Die – fertigen – Einladungen zur Berliner Buchpräsentation am 8. Mai werde ich anfang der kommenden Woche verschicken. Und morgen beginnen hier die Videointerpretationen der Gedichte aus “Das Ungeheuer Muse“.)

Ihr
ANH

References

References
1 Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen.

Soeben erschienen | DIE BRÜSTE DER BÉART | diaphanes, Zürich 2022. Das erste Exemplar.

 

“Messer, ein Messer! Gebt mir ein Messer!
Ich kann es doch sonst gar nicht lesen!”[1]Mit der mit diesem Band neu gegründeten Reihe —non coupé eröffnet DIAPHANES einen Raum für Sprachkunstwerke unterschiedlichster Form. Die individuell gestalteten Cahiers präsentieren sich in … Continue reading

 


Alban Nikolai Herbst
Die Brüste der Béart

Cahier in unaufgeschnittener Broschur
Fadengeheftetes Naturpapier
128 Seiten 30 Euro
Druck & Bindung von
J. – P. Louis, Tusson
ISBN 978-3-0358-0466-9
Bestellen

***

Die erste Präsentation des Buches wird
am Sonnabend, den 8. Mai 2022, um 16 Uhr

unter Mitwirkung von
Elvira M. Gross, Michael Heitz und ANH
im Berliner ESPACE DIAPHANES, Dresdener Straße 118 (Kreuzberg),
stattfinden.

Im Anschluß Wein und Gespräch.

***

References

References
1 Mit der mit diesem Band neu gegründeten Reihe —non coupé eröffnet DIAPHANES einen Raum für Sprachkunstwerke unterschiedlichster Form. Die individuell gestalteten Cahiers präsentieren sich in unaufgeschnittenen Druckbögen in Fadenheftung auf hochwertigem Naturpapier in limitierter Auflage. DIAPHANES non coupé.

An Ulrich Faure

 

Hadelich, ja – wie gut, daß Du wenigstens d i e s e kleine Heilkraft hast. Meine Güte, wie furchtbar, du Armer!
Bei mir keinerlei Nebenwirkungen[1]Bezieht sich auf seine Boosterimpfung mit Biontech; bei mir war es Moderna, wenn ich vom deutlich zuvielen Wein mal absehe; Alkoholismus, keine Frage, doch welche Alternativen gäbe es? Die (chemoverursachte) Neuopathie in den Füßen ist lästig, in den Händen aber wirklich blöd, weil, wenn ich mich nicht konzentriere, Fehlbewegungen an der Tagesordnung sind, weshalb immer mal wieder ein Glas oder eine Tasse umkippt, was Schweinereien verursacht. Ich kann mich auf körpergespeicherte Automatismen nicht mehr verlassen. Und daß die Chemo überdies meine Fruchtbarkeit zerstört haben wird, damit muß ich, der doch so gerne nochmal ein Kind gehabt hätte, ganz im leisen fertigwerden, auch weil bei mir Sexualität und Fruchtbarkeit – ebenso wie Sexualität und Gefahr/Tod – so innig verkoppelt waren, daß ich überhaupt nicht mehr auch nur versuche, ein Abenteuer zu finden; Liebe ist eh ausgeschlossen, weil jede neue Frau es mit Σινώπη zu tun hätte, und mit लक्ष्मी, die zwar beide mit mir “nur” eng befreundet, aber nicht liiert sein wollen. Für mich ist das anders.
Damit Du aber Hadelich auch mal ohne verzichten zu müssen pausieren kannst, nur pausieren, klar, lade ich Dir gleich → den neuen Ilg in meine Cloud und schicke Dir den Freigabelink. Du wirst auch da riesige Ohren machen! Ich will unbedingt über diese hinreißende Einspielung schreiben, komme nur grad nicht dazu, weil ich nun schon seit Wochen über der → Verwirrung Zweiter Hand sitze, muß quasi jeden Satz umschreiben; guck mal in Die Dschungel, da stehen schon sechs → Beispiele drin. Welch ein Glück also, daß Leipzig ausfällt. So darf es Mai (wahrscheinlicher noch Juni) werden, bis das komplett neue, doch auch alte Buch (wieder) vorliegt.
Und Elvira und ich haben gestern die letzten Fahnenkorrekturen der → Béarts abgegeben; der Band wird nun Ende März dasein[2]Wie ich soeben → lese, soll es sogar bereits am 16. März erscheinen.; für dolce stil futuro, übrigens, einen Riesendank an den Verlag )). 2010 habe ich den Zyklus begonnen … nun brauchte er fast so lange wie → Argo.
Wie gut, daß wir nicht sterblich sind.
Sei umarmt, A.

[3]

References

References
1 Bezieht sich auf seine Boosterimpfung mit Biontech; bei mir war es Moderna
2 Wie ich soeben → lese, soll es sogar bereits am 16. März erscheinen.

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

%d Bloggern gefällt das: