Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr
Anton Arensky, Zweites Streichquatett a-moll op. 35 (1894)]

So sieht es hier jetzt also aus, nachdem ich → die Videoarbeiten wieder aufgenommen habe; mit alleine einem Raum verliert sich die Überschaubarkeit notwendigerweise; die Arbeitswohnung wird immer mehr Studio — was bei einem „rein“ digitalen Tonstudio nicht ins Gewicht fällt, weil etwa die Lautsprechertürme ohnedies als Wohnungsausstattungsstücke wahrgenommen werden, noch dazu solch schlanke wie meine ProAcs. Muß ein Greenscreen verwendet und er also, hier zu sehen, aufgestellt werden, ändert sich alles, vor allem, will ich ihn nicht dauernd wieder ab- und wenig später erneut aufstellen, mag. Es ist ja immer auch Ausleuchtungsfriemelei, und wenn ich nur das grüne Tuch verwende, habe ich es dauernd, war es zuvor zusammengelegt, mit Falten zu tun, die dann die Aufnahme vor fiktivem Hintergrund stören. Das Ding im runden Rahmen freilich ist gespannt, aber die Rundung hat Nachteile für Bildausschnitte. Usw. Mit sowas gebe ich mich momentan ziemlich viel ab.
Was mich immerhin ablenkt, gut ablenkt, weil es in der Tat schwierig ist, sich parallel zu dem entsetztlichen Krieg irgendwie rückzunormalisieren; ich empfinde es sogar als moralisches Problem. Aber es tat mir gar nicht gut, fast ausschließlich noch auf die Ukraine und die russischen Massaker konzentriert zu sein; ich schrieb ja schon, daß die leise Befürchung wuchs, die dauernde – unumgehbar subdepressive – Beschäftigung mit dem Dauermeucheln werde → Liligeia aus dem Nichts wieder herrufen, in dem sie untot umherstreife, ganz abgesehen davon, daß fast jeglich sonstige Arbeit einfach liegenblieb.
Insofern war es gut, daß es ganz „plangemäß“ mit nächsten Intermezzi weitergehen sollte, für die auf eine fast schon ferne Vergangenheit zurückgegriffen wird. Distanz war hier wichtig und — sie zu überschreiten, wieder möglichst nahe an das frühe Ich heranzukommen (das stets ein Wir war). Und an die frühen Gedichte. Denn abgesehen von den auf Tonbandcassetten bewahrten Tondokumenten, ist mir → nach Renate Wuchers Tod u.a. ein ganzes Manuskript dieser Texte wieder zugänglich, die ich alle verloren glaubte, ohne freilich dem nachgetrauert zu haben. Ich hatte sie ja nach Paulus Böhmers deftigem Spott sämtlichst der Müllabfuhr geschenkt, um mich fortan nur noch auf Prosa zu konzentrieren. Doch das geschah in den frühen Achtzigern; daß ich Renate viele Typoskripte geschenkt hatte, wußte ich zwar, aber schon längst nicht mehr, welche. Und jetzt sind die alten Gedichte wieder hier.
Ich durchblättere sie und bin erstaunt, wie viele tatsächlich halten, wenn auch nicht unbedingt formal. Jedenfalls sollte ich nochmal Hand an sie legen; ich spielte gestern sogar mit dem Gedanken eines neuen Buches, das ich „Frühe Gedichte“ nennen würde, vielleicht sogar mit dem damals vorgesehenen Übertitel Straßennarben. Es sind immer wieder Fundstückchen drin, sowas zum Beispiel:

Ich habe Nägel
in die Nächte geschlagen
und meine Tage daran
aufgehängt

Entstanden ist das Ding um die Mitte der Siebziger. Heute bedürfte es hier eines Einfalls, auch in die dritte Zeile den ä-Laut zu bekommen. Ich fände Eingriffe dieser Art ästhetisch legitim. Aber das sind alles so Feinheiten, für die es im Moment gar keinen geschichtlichen Raum gibt, jedenfalls absolut keine Relevanz. Eben, dies zu wissen, macht alles schwierig. Und zu spüren, auch zu lesen, wie stark mit dem Gedanken gespielt wird, selber Kriegspartei zu werden, etwa → bei Bersarin, den ich ansonsten so sehr schätze, dessen Vergleich aber mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt, abgesehen von dem Konjunktivfehler — eine, denke ich, → Fehlleistung — gleich zu Anfang:

Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Bersarin hat sich offenbar in ein – von ihm ohne Zweifel als Müssen gefühltes –  in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen wie unumkehrbar hineingeschrieben. Wobei ich seine Position grundlegend teile. Nur hinkt sein Vergleich, weil ein miliärisches Eingreifen damals nicht unter der Drohung nuklearer Waffen erfolgt wäre, die einzusetzen wiederum Putin, ich bin mir völlig sicher, nicht eine Sekunde zögern würde. Denn sein Ende stünde dann so oder so bevor, und wenn er selbst die eigenen Soldaten als Kriegsmaterial betrachtet, das um des „Erfolges“ willen egal wie verschleißt werden könne, werden ihn andere Menschen, zumal anderer Völker, erst recht nicht interessieren. Vor allem wird er Den Haag abwenden wollen, die Schande nicht ertragen können, erst recht nicht als → Muschik, irgendwem Rede zu stehen und dann sehr wahrscheinlicherweise lebenslang hinter Gittern zu sitzen, noch werden seine Mitmafiosi es wollen. Dann besser „ehrenvoll“ → als Märtyrer gehn.
Imgrunde unterscheiden sich Besarins und meine Positionen gar nicht sehr, doch in dem einen, nämlich entscheidenden Punkt. Er glaubt, daß Putin den Einsatz atomar bestückter Marschflugköper nicht befehlen würde, ich glaube, doch, er täte es. Und hat es längst im Kalkül.

Klug dafür das Schweizer Netzmagazin REPUBLIK, das mir heute früh per Facebook über eine mir von Markus Becker zugesandte private Nachricht bekannt wurde, die den Link auf → diesen bemerkenswerten Artikel Constantin Seibts enthielt.
Da mir auch weitere Berichte und Essays gefallen, die ich darin las[1]Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur „Wokeness“ in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen., habe ich das Magazin erst einmal kostenfrei probeabonniert, wobei ich momentlang die aber schnell wieder verworfene Idee hatte, es hänge der Magazinname mit Uwe Nettelbecks berühmtem Periodikum zusammen; aber dessen an Karl Kraus angelehntes, vor allem auch dingliches Publikationsorgan war eine Herausgeber-Zeitschrift; REPUBLIK hingegen wird von einen Team genährt.

Erfreulich auch der mir heute früh von Schelmenzunft zugemailte → Artikel von Christine Lemke-Matwey in DIE ZEIT zu, im letzten Abschnitt, wieder mal → Currentzis, dem nach wie vor, ich schreibe es gerne, Genie:

Im Gegensatz zu Gergiev hat Currentzis nie auch nur im Ansatz für Putin Partei ergriffen. Seine letzte regimekritische Wortmeldung datiert von 2019, als er gegen den Hausarrest des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow protestierte. Das ist schon länger her. Die Zeichen aber, die er seit dem 24. Februar (seinem 50. Geburtstag!) sendet, sind mindestens so unüberhörbar und unübersehbar. Er, der in Röhrenjeans und Springerstiefeln aufzutreten pflegte, trägt neuerdings Anzug. Im Orchester sitzen neben russischen auch ukrainische, georgische, belarussische, türkische, spanische, italienische und deutsche Instrumentalisten. Und statt Beethovens ursprünglich vorgesehener Neunter Symphonie, die mit „Alle Menschen werden Brüder“ ein Hohn wäre, erklingen in Wien, Hamburg und Paris Strauss’ Metamorphosen von 1945 und Tschaikowskys Pathétique.
Vielleicht muss man Currentzis’ schwarzglühende Tschaikowsky-Interpretation live erlebt haben, den fulminanten Hexensabbat des dritten Satzes, das fahl ins Nichts sich aushauchende Finale und wie alles Melodische darin versteinert, um zu begreifen, was Musik gerade jetzt vermag: im Augenblick die Wahrheit sagen. Härter und konkreter als alle Worte. Und viel glaubwürdiger.

Soweit für heute, liebste Freundin, mit einem Arbeitsjournal, das, wie Sie sicher merkten, gänzlich ohne Aufregung auskam. Die wieder aufgenommene Videoarbeit tut mir also gut, ebenso, daß ich jeden Tag ein nächstes → Béartgedicht erst aufschneide, dann mindestens einzweimal lese, mindestens einmal auch laut. Gerade in der Differenz zu den frühen Gedichten ist das ausgesprochen reizvoll. (Die – fertigen – Einladungen zur Berliner Buchpräsentation am 8. Mai werde ich anfang der kommenden Woche verschicken. Und morgen beginnen hier die Videointerpretationen der Gedichte aus „Das Ungeheuer Muse„.)

Ihr
ANH

References

References
1 Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur „Wokeness“ in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen.

6 thoughts on “Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

  1. „mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt“

    Bei einem Vergleich kommt es auf die Hinsichten an: Hier ist das Tertium Comparationis einerseits der Angriffsgriff und damit gekoppelt das Appeasement – wobei man Neville Chamberlain differenziert beurteilen sollte. Er war kein Narr und er hat im September 1939 das Bündnis mit Polen gehalten und sich nicht feige weggeduckt. Hitler und Putin gemeinsam ist der völkerrechtswidrige Überfall auf ein souveränes Land: in dem einen Fall Polen, im anderen Fall die Ukraine – und interessanterweise liegen beiden Länder in einem ähnlichen geographischen Kreis. Hier wäre also auch noch das Buch „Bloodlands“ des Historikers Timothy Snyder hinzuzuziehen. Und andererseits ist hier die Vergleichshinsicht – und das auch im Sinne völkerrechtlicher Überlegungen – die Rolle und die Bedeutung der UN bei einem solchen Angriffskrieg. Der Vergleich mit diesen genannten Staaten zeigte, daß, wenn diese damals in einer solchen Institution säßen und es die UN damals schon gegeben hätte (es gab die UN nicht, deshalb der korrekte Konjunktiv II!), sie mit Sicherheit gegen jede Maßnahme der Weltgemeinschaft gestimmt hätten.

    Ebensowenig sehe ich die Fehlleistung. Das müssen Sie schon genauer erklären und nicht einfach behaupten. Ansonsten fällt das auf Sie zurück. Das eine ist es, eine Einschätzung nicht zu teilen, das andere sind Psychologisierungen – die ich im übrigen bei Ihnen auch nicht vornehme. Und warum der Vergleich 1938/1939 und Hitler-Putin geboten ist, habe ich mehrfach genannt. Nicht weil die Personen identisch oder ähnlich wären und auch nicht wegen der Shoah (ich beziehe mich ja explizit auf den Hitler von 1938/39), sondern weil die Situation eine ähnliche ist und in beiden Fällen von einem Autokraten mit einem abgezirkelten Umfeld ein Angriffskrieg auf ein souveränes Land befohlen wurde. Und in beiden Fällen geschehen grausame Kriegsverbrechen. Wie es den Polen dann nach der Kapitulation am 28. September 39 erging, wissen wir. Und nach Butscha und Mariupol weiß jeder Ukrainer, was ihm blühen wird. Egal ob die Situation Polens und der Ukraine nun vergleichbar sind oder nicht – was den Angriffskrieg betrifft, sind sie es. Was Putins Idee des neuen Dritten Imperiums betrifft, gibt es vermutlich Differenzen. Putins Russentum ist zumindest nicht ethnisch und mit den Genen begründet, sondern kulturell.

    „in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen“ Wir sind bereits in diesem Krieg – das beginnt bereits mit den Wirtschaftssanktionen, sowas nennt sich Wirtschaftskrieg. Zudem: es gibt nach solchem Angriffskrieg kein neutrales Zusehen. Oder wie wollen Sie der Ukraine unser Zögern erklären? Sie haben gesehen, was den Menschen in Butscha passiert ist, Sie haben gesehen, wie die Russen gegen Städte und Menschen vorgehen und sie haben gesehen, daß die Ukraine keineswegs gewillt ist, unters russische Joch zu beraten. Ich nenne in dieser Situation verschiedene Möglichkeiten bei verschiedenen Eskalationsstufen. Ich habe nirgends geschrieben, daß die NATO, die USA oder die EU Rußland angreifen sollen. Wenn eine Koalition der Willigen Waffen liefert, so ist dies eine auch vom Völkerrecht gedeckte Form von Unterstützung, wenn es sich um ein Land handelt, daß völkerrechtswidrig überfallen wurde. Und wenn der Westen bei jedem Schritt Putin fragt, ob ihn das wohl verletzen könnte, dann sollten wir das in der Tat auch zugeben und am besten die Unterstützung sein lassen.

    Anselm Bühling hat das auf im Kommentar auf den naiven Artikel einer Salome Balthus wunderbar formuliert:

    „Natürlich kann die Ukraine jetzt die Waffen niederlegen und sich Putin bedingungslos ausliefern. Um der Verständigung willen. Und wir heben die Sanktionen auf. Als Kompromiss, damit Putin sieht, dass wir ihn nicht vernichten wollen. Wir gehen hier auch nicht mehr auf die Straße, das wäre ja einseitige Parteinahme. Wir sitzen in unseren Wohnungen, drehen die Heizung schön mollig warm auf und drücken den Menschen in Russland und der Ukraine ganz doll die Daumen, aber nur unter der Tischplatte, sonst könnte es ja jemand sehen. Sie werden mit Putin bestimmt allein viel besser fertig, unsere Einmischung stört da nur. Und wenn sie schön brav friedlich bleiben, kommt dort sicher auch niemand um und niemand wandert für Jahre ins Gefängnis. Die NATO lösen wir auf, die Bundeswehr auch. Wir brauchen sie ja nicht. Und falls dann ganz wider Erwarten doch jemand mit Panzern und Raketen unser Land besetzt, dann seufzen wir kurz und leise und gießen Geranien.“

    Sacha Lobo spricht bei solchen wie Balthus zu recht vom Lumpenpazifismus.

    Die Drohung mit Atomwaffen kann nicht die Entschuldigung sein, jeden völkerrechtwidrigen Angriffskrieg damit zu rechtfertigen, weil dann ja ein Atomkrieg ausbrechen könnte – zumal die NATO und die USA und die EU mehrfach geäußert haben, daß sie keineswegs Rußland angreifen werden. Es gibt also keinen Grund für Putin, diesen Verteidigungsfall auszurufen. Ich sehe darin vielmehr eine rhetorisch-politisch motivierten Trick Putins. Eine sehr guten Text zu diesem Zögern und Zaudern hat Marion Maron in der NZZ geschrieben:

    „Oder geht es den Verfechtern der Kapitulation gar nicht um den Frieden für die Ukraine? Geht es eigentlich vor allem um den Frieden für uns selbst? Die Angst vor dem dritten Weltkrieg geht um, vielleicht zu Recht, vielleicht nicht. Aber warum richten diese Verteidiger des Friedens ihre Forderungen an die Ukraine, warum nicht an Putin? Und warum glauben sie, dass Putin, wenn er die Ukraine niedermetzeln durfte, sich nicht ermutigt fühlt, sich den nächsten Traum zu erfüllen, die Moldau oder vielleicht sogar das Baltikum? Und dann? Empfiehlt Precht denen dann auch, sich zu ergeben, um einen Weltkrieg zu verhindern? So leicht liesse sich also die Welt erobern, man muss nur mit dem Atomkrieg drohen und hat ihn sich schon erspart.
    Und Alice Schwarzer macht sich Sorgen um Putin. Man solle ihn nicht dämonisieren, schreibt sie und fragt, was ihn wohl so verhärtet hat. Den Mut der Ukrainer und ihres Präsidenten macht sie verächtlich als gefährliches, männliches Heldentum: «Wo Helden sind, sind die Vergewaltigten und Toten nicht weit.» Und ihre Ahnungslosigkeit oder Herablassung belegt sie, indem sie von der «kleinen Ukraine» spricht, dem zweitgrössten Flächenland Europas mit vierzig Millionen Einwohnern. Man hätte Putin von Anfang an geben müssen, was er wollte, dann gäbe es den Krieg und den drohenden Weltkrieg nicht. Darum fordert sie kühn: «Verhandeln. Jetzt!», als hätte es nicht längst Verhandlungen gegeben, die an Putins ehernen Ultimaten gescheitert sind.
    […]
    Umso mehr verwundern die Vorwürfe des Bellizismus und der Kriegslüsternheit gegen alle, die der Ukraine den Sieg ermöglichen wollen. Weil Waffen nur das Sterben und die Zerstörung verlängern, heisst es. Die Ukrainer haben sich entschlossen, für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Das ist ihre Entscheidung, nicht unsere. Sie dabei nicht zu unterstützen, hiesse tatenlos bei einem Völkermord zusehen.“

    https://www.nzz.ch/feuilleton/monika-maron-der-preis-fuer-den-frieden-ld.1680388?mktcid=smch&mktcval=fbpost_2022-04-22

    1. Lieber Bersarin,
      ich gehe auf einige Ihrer Einwände wie folgt ein:

      mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt:

      Ihre sehr nachvollziehbaren Argumente blenden mein einziges – aber entscheidendes Gegenargument nach wie vor aus, daß Putin über Atomwaffen verfügt und ich nicht einen Moment lang daran zweifle, daß er sie auch einsetzen würde – ganz, wie er es angedroht hat.

      daß, wenn diese damals in einer solchen Institution säßen und es die UN damals schon gegeben hätte (es gab die UN nicht, deshalb der korrekte Konjunktiv II!) sowie Ebensowenig sehe ich die Fehlleistung

      Es heißt in Ihrem Text: „Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man (…) abstimmen lassen“. Grammatisch richtig heißen müßte es: „Hätte es 1939 bereits die UN gegeben, und man hätte abstimmen lassen, …“ „Gäbe“ es ist präsentisch. Da Ihnen so etwas normalerweise nicht passiert, tippte ich auf, ähnlich einem Versprecher, Fehlleistung. Damit will ich nicht psychiologisieren, sondern drücke die Idee aus, daß hinter Ihrer Formulierung etwas ganz anderes steckt, etwas zum Beispiel, das sich von mir sofort nachvollziehen ließe, nämlich daß eine UN, dessen Entscheidungen aufs leichtete von nur einem Mitglied blockiert werden können, eine handlungsunfähig UN und damit eben k e i n e ist. Dieses drückt das „Gäbe“ extrem gut aus, aber, wie man sagt, zwischen den Zeilen. Nur eben, dies mein Eindruck, nicht bewußt. Andernfalls hätten Sie den Satz anders konstruiert.

      Wir sind bereits in diesem Krieg – das beginnt bereits mit den Wirtschaftssanktionen, sowas nennt sich Wirtschaftskrieg:

      Ein Wirtschaftskrieg ist kein Krieg, sondern eben Wirtschaft, nämlich über Sanktionen. Es fallen hier keine Bomben, es werden weder Soldaten noch gar Zivilisten hier getötet. Ich beharre auf diesem Unterschied nachdrücklich. „Wirtschaftskrieg“ ist ein metaphorischer Begriff.

      Ich habe nirgends geschrieben, daß die NATO, die USA oder die EU Rußland angreifen sollen

      Oh, dann habe ich Sie mißverstanden und bitte um Verzeihung. Und bin sogar beruhigt.

      Und wenn der Westen bei jedem Schritt Putin fragt, ob ihn das wohl verletzen könnte:

      Wann h a t er Putin gefragt? Aber es sich selbst fragen, das sollte der Westen sehr wohl, schon, weil sein Handeln oder Nichthandeln aufgrund überlegten Kalkulierens erfolgen sollte und muß.

      Was nun die „Ratschläge“ westlicher Stimmen anbelangt, die sie der ukrainischen Führung geben, so stimme ich mit Ihnen überein, daß „wir“ Ratschläge nicht zu geben haben. Allerdings dürfen wir – auch öffentlich – überlegen, was wir für uns in einer solchen Situation für das richtige hielten. Im übrigen hat die Ukraine ihre eigenen politischen Entscheidungen auch selber zu tragen; sie selbst steht in der Verantwortung gegenüber ihrer Bevölkerung, eine Verantwortung, die sich keinesfalls auf andere Länder übertragen läßt.

      Sacha Lobo spricht bei solchen wie Balthus zu recht vom Lumpenpazifismus

      Finde ich ein diffamierendes, somit auf prpblematische Weise rhetorisches Wort, das ich ablehne, auch weil „Lumpen“ hier in gleich doppeltem Sinn fungiert, nämlich als „der Lumpen“ (etwa in „Lumenproletariat“) sowie als „der Lump“ (nämlich „Schurke“). Aber auch gleich der erste von Ihnen zitierte Satz unterstellt etwas:

      Die Drohung mit Atomwaffen kann nicht die Entschuldigung sein, jeden völkerrechtwidrigen Angriffskrieg damit zu rechtfertigen, weil dann ja ein Atomkrieg ausbrechen könnte:

      Abgesehen von der formulierten Nachlässigkeit gleich zu Anfang („damit zu rechtfertigen, weil dann ja ein Atomkrieg ausbrechen könnte): Wer, bitte, der diese Drohung sieht, hat zugleich den Angriffskrieg gerechtfertigt? Lobos Text ist die pure, eine nahezu propagandistische Rhetorik. Und daß er dann ausgerechnet Monika Maron zitiert, läßt eine neue „Achse des Guten“ befürchten, vor der mir ernsthaft schaudert.

      Und wie s c h l i e ß t Ihr Lobo-Zitat? E c c o:

      Umso mehr verwundern die Vorwürfe des Bellizismus und der Kriegslüsternheit gegen alle, die der Ukraine den Sieg ermöglichen wollen:

      Bitte? Ich zum Beispiel wolle n i c h t, daß die Ukraine siege? Auch Scholz, der erst recht nich kriegslüstern ist, will die Ukraine siegen sehen. In meinem gesamten Umfeld kenne ich sowieso keinen, des es nicht wollte; ich kenne auch keine „Putinversteher“. (Wobei, dieses Wort einmal nicht-rhetorisch gebraucht, wäre es schon ganz gut, einer zu sein – um nämlich zu erfassen, wie eine solche Psyche zustandekommt. Nur, wenn wir das könnten, hätten wir eine Chance, Wiederholungen zu vermeiden.

      1. In der Frage der Atomwaffen sind wir uns vermutlich einig. Natürlich muß die Politik dies mitdenken und das wird ja teils auch hinreichend getan. Zu dieser Dialektik schreibe ich weiter unten mehr. Denn man muß diese Frage sehr wohl dialektisch und klug sehen, um sich nicht irre machen zu lassen.

        Das „Gäbe“ im Falle der UN sollte genau dieses Präsentistische ausdrücken, um damit aufs Problem zu weisen. [Insofern verstehe ich jetzt auch, was Sie mit Fehlleistung meinen, ich hatte es auf mein Argument bezogen gelesen.] Was nicht heißt, daß die UN generell ein Problem wäre: Die UN ist eine gute Institution, mit der man u.a. Konflikte auch diplomatisch klären kann. Insofern darf aus der UN auch kein Land ausgeschlossen werden. Es muß immer noch eine letzte Hintertür geben. Und so ist es am Ende auch mit Putin. Nur eben: Der Mann will im Augenblick nicht verhandeln.

        „Ein Wirtschaftskrieg ist kein Krieg, …“

        Das würde ich sehr bezweifeln und darüber kann man nun lange streiten. Ich halte diese Form durchaus für einen Krieg, weil sich diese Maßnahmen explizit darauf richten, einem Gegner zu schaden. Und Rußland ist im Augenblick auch kein Gegner mehr, sondern ein Feind, der wirtschaftlich in die Knie gezwungen werden soll, damit der Staat kollabiert. Es ist kein Krieg mit militärischen Waffen, das ist richtig, aber es ist auch keine Metapher. Kriege können vielfältig sein. So wie es von Moskau aus schon lange einen Hybrid- und Informationskrieg gegen die EU gibt. Und dieser war eben auch nicht einfach nur eine Metapher.

        Lobos Lumpenpazifismus ist ein polemischer Begriff, er ist auf einen bestimmten Teil der Friedensbewegung bezogen – eben solche, denen es nicht um Frieden geht, sondern darum, ihren Haß auf die USA und den Westen abzusondern, egal wie die politische Lage ist. Das alte Schema F, das alte Schema Muff. Lumpen im Sinne von Schurken und Haderlump: das ist eine schöne Metapher, zumal Lobos Text eine Glosse, eine Kolumne und eine Polemik ist und kein politischer Leitartikel, der ruhig die Aspekte abwägt. Ich sehe also bei solchen Begriffen auch immer auf die Textform. Hier der sehr treffende Artikel Lobos, dessen Argumente bedenkenswert sind

        „Putins Krieg gegen die Ukraine Der deutsche Lumpen-Pazifismus
        Eine Kolumne von Sascha Lobo 20.4.2022
        Ein substanzieller Teil der Friedensbewegung ist in seiner Selbstgerechtigkeit das Beste, was Putin passieren kann. Leider hat er in der Politik und besonders in der SPD mächtige Partner.“
        https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ukraine-krieg-der-deutsche-lumpen-pazifismus-kolumne-a-77ea2788-e80f-4a51-838f-591843da8356?

        „Und wenn der Westen bei jedem Schritt Putin fragt, ob ihn das wohl verletzen könnte“

        Auch dies ist eine eher sarkastische Bemerkung. Beim Einsatz und bei der Lieferung von Waffen, bei der Frage nach weitreichenden Sanktionen und auch was bestimmtes Prozedere anbelangt, ist die Sicht Putins unerheblich. Und um solche Sanktionen und solches Vorgehen des Westens zu umgehen, gibt es für Putin ein probates Mittel. Sofort die Kampfhandlungen einstellen und an den Verhandlungstisch sich begeben.

        Was die Ukraine macht, ist in der Tat ihre Entscheidung und da hat der Westen nicht hineinzureden: will sie kapitulieren, so müssen wir das akzeptieren und will sie kämpfen, was wahrscheinlich ist, so sollten wir das unterstützen. Der freie Westen sollte unterstützen, wo es sinnvoll erscheint. Und es hat ja auch schon genug Kritik der EU an der Ukraine gegeben: siehe der immer wieder hinausgeschobene EU-Beitritt oder zumindest ein Assoziationsabkommen. Anders als Rußland ist die EU eben doch skrupulös und achtet auf bestimmte Standards. Insofern verfängt auch das Machtargument, das einige gegen die EU vorbringen, nicht wirklich. Ginge es um Macht, wäre die EU 2004 in der NATO und in der EU gewesen.

        „Wer, bitte, der diese Drohung sieht, hat zugleich den Angriffskrieg gerechtfertigt?“

        Es ist eine implizite Rechtfertigung (gleichsam durch die Anerkennung der Macht eines vermeintlich Faktischen): nennen Sie es meinetwegen, wenn Sie den Ausdruck für falsch halten: implizit billigen, sich dem Druck und der Erpressung zu beugen, nachzugeben, sich gleichgültig zu machen: eben das, was Anselm Bühling formulierte: Wir seufzen still vor uns hin und sagen lasch: „Das darf man aber nicht!“. Als Haltung des Bürgers mag es verständlich sein. Politik jedoch hat andere Maßstäbe. Sie hat den realen Gehalt einer solchen Drohung abzuschätzen und dazu sind auch Geheimdienste da und dazu sind auch subtile Aktionen gegen ein Land wie Rußland erforderlich: Eine Politik der zehntausend Nadelstiche. Eine Drohung kann man im übrigen durchaus sehen. Aber die Politik sollte sich von ihr nicht einschüchtern lassen. Angst ist in politischen Fragen ein schlechter Ratgeber. Mit der Atomdrohung lebt die Welt zudem schon sehr lange und die, die Atomwaffen abfeuern, werden wissen, daß das auch ihr eigenes letztes Stündlein ist. Es ist das Ende der Menschheit. Und daß das auch all die wissen, die da mitmachen, sollte uns vielleicht ein wenig beruhigen.

        „Und wie s c h l i e ß t Ihr Lobo-Zitat? E c c o:“

        Das ist ein Zitat von Marion Maron, nicht von Lobo, wie ich unten, zum Ende meines ersten Kommentares schrieb. Und es bezieht sich auch nicht explizit auf Sie, sondern auf eine bestimmte Haltung, die ich etwa bei dem Ostermarsch in Berlin festgestellt habe und die man auch bei anderen „Friedensfreunden“ ausmachen kann und wofür Lobo eben den Ausdruck Lumpenpazifismus brachte. Und er bezieht sich vor allem auf die, die andere kriegslüstern nennen, wenn es darum geht, das Recht auf Selbstverteidigung bei einem Angriffskrieg aktiv und mit Waffen zu unterstützen. Insofern zielt dieser Text Marons eher auf eine bestimmte Situation. Daß Scholz und Sie den Sieg Rußlands wünschen, wäre wohl absurd anzunehmen. Aber bei einigen der „Friedensfreude“ aus dem Stall DKP sehe ich das sehr wohl. Auch darauf bezieht sich Marons Satz.

        „ich kenne auch keine „Putinversteher“.“

        Ich leider eine ganze Menge. Siehe auch meinen Artikel zum Ostermarsch. Aber ich kenne leider auch einige im privaten Kreis; und lesen Sie ansonsten mal auf Facebook – da verschlägt es Ihnen die Sprache und da können Sie fast schon ein Bullshitbingo machen.

        „wenn wir das könnten, hätten wir eine Chance, Wiederholungen zu vermeiden.“

        Dies sehe ich problematisch. Wir dachten, wir hätten aus den 1930er Jahren gelernt und aus dem Kalten Krieg. Aber die Welt ist dennoch eine andere geworden. Es gibt in der Geschichte Parallelen und doch geschieht Geschichte immer wieder neu. Und alles Wissen nützt nichts, weil man nicht in die Gestalt des anderen steigen kann. Ich denke zudem, daß Putin von den US-Geheimdiensten hinreichend aufgedröselt ist.

    1. Im übrigen noch ein Hinweis: Auf meinem Rechner dauert es teils sehr lange, bis Ihre Seite geladen ist. Kann das an der Auflösung der bei Ihnen eingestellten Bilder liegen, dauert dies bei anderen ebensfalls so lange oder liegt dies an meinem Rechner?

      1. Das Problem besteht schon seit einiger Zeit. In Der Dschungel ist irgendein Bot, den weder der Webmaster finden konnte und ich schon gar nicht. Wir vermuten, daß ich – weil ich ja auch die Überschriften mit html formatiere – irgendwann irgendwo einen Befehl nicht geschlossen habe. Diese eine Überschrift zu finden, ist bei über 35000 Beiträgen eine furchtbare Angelegenheit. Der Bot selbst führt dazu, daß, wenn Sie Die Dschungel über die Hauptsite aurufen, sie immer komplett a l l e Beiträge lädt, die je geschrieben wurden. Das überfordert jedes Smartphone komplett, und Computer brauchen meist sehr lange, um zu laden. Manchmal allerdings geht es weniger lang. Gut funktionieren tut es, wenn nur einzelne Beiträge aufgerufen werden.
        (Aber ich schreibe mal meine Antwort auf Ihren eigentlichen Kommentar weiter.)

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