Vor Aqaba, 3: Catania.Zwischenwelt. Das Krebstagebuch des 24. Julis 2020, nämlich sechsundachtzigsten Krebstages. Darinnen Die Brüste der Béart, 56.

[صحراء النفود, Anderswelt.
Via vittorio emanuele, 460. 6.40 Uhr]

Es ist doch mehr Nefud unter dem Vulkan, als der erste, ja noch zweite Tag ahnen ließen, die beide, wie ich spürte, auch für Lilly glückselig waren. Sie ließ mich da völlig in Ruhe, und wie flanierten, genossen, atmeten die Luft des Meeres, die süß war und voll eines Salzes, das sich beim Zubettgehen von der eigenen Haut lecken ließ. Es war auch nicht sie, Liligeia, die nächstmorgens protestierte, sondern eine Folge der Chemos, Strahlenfolge der Nefud, was nicht einiges, aber doch manches kippen ließ. Denn nach der ziemlich anstrengenden Tour die Hänge La Timpas hinauf und hinab und abermals hinauf, als ich da am Mittwoch erwachte (war es der Mittwoch?), konnte ich kaum auftreten, schon gar nicht zügig gehen. Beide Füße voller Blasen, deren eine so aussah:

Von der deutlichen Schwellung will ich gar nicht erst schreiben, die bis jetzt nicht zurückgegangen ist, Also setzte die Neuropathie meinen gerade hier enormen Bewegungsdrang radikal auf Null. Ich geb ihm dennoch nach, aber es geht nur in gepolsterten Flipflops. Die ich mir erst besorgen mußte. Mein seit Jahren, Unfug: Jahrzehnten bewährtes Schuhwerk nützt mir nichts mehr. Und nun, meiner Lust zu flanieren derart beraubt, sie jedenfalls deutlich, ich schreibe einmal, unter Beschuß genommen, fing auch Liligeia wieder an, sich deutlich, sehr deutlich zu melden. Zudem verging mir komplett die Lust zu schreiben, weil in meiner ansonsten nahezu idealen Unterkunft (nur daß man von hier aus das Meer nicht sieht) auch der Internetzugang schwierig wurde, teils gar nicht ging, so daß ich schon gar nicht Fotos hätte hochladen können, bzw. das alleine schon, mit einiger Geduld, aber nicht sie im Netz collagieren, was eh immer viel Zeit braucht.
Gegen Unlust und Schmerz anzugehen, ist mir selbst auf Sizilien nicht leicht, das mir ansonsten aber sehr, sehr gut tut, jedenfalls tat, die Hitze, das Zerlaufen im Schweiß, die Düfte, der Fischmarkt. Nein, ich bin froh, hier zu sein, teils durchaus glücklich, dann aber schlägt die genervte Krebsin wieder zu, die doch eigentlich auch nur genießen, sich entspannen, Kräfte sammeln für Aqaba wollte.
Wenn es anstrengend ist, Schritt vor Schritt zu setzen, wird plötzlich auch Luft zu holen schwer, einfach weil … nun jà, “einfach” … weil der Tumorschmerz aufs Atemzentrum drückt. Als ich noch gehen, ja ausschreiten konnte, war davon nichts zu merken. Da war die Zwischenwelt das pure, pure Glück:

Ich wollte nächsten Tages wieder hin, allein, wie erzählt, es ging nicht mehr, ich wäre wie auf Messern gelaufen (laufe wie auf Messern). Doch Lilly eben nicht selbst trägt die Schuld, sondern die Neuropathie, die mich nicht hat merken lassen, daß ich die Füße überanstrengte; tatsächlich, bis zum späten Abend, spürte ich keinerlei Beeinträchtigung, war nach der Tour lediglich auf, ich schreib mal, “rechtschaffne” Weise erledigt, lag dann auch schon um halb zehn Uhr abends im Bett – und erwachte nächstmorgens mit diesen Läsionen. Was bedeutet, daß ich wohl auch heute wieder vorwiegend sitzen, mir einen Ort am Wasser suchen und zu schreiben versuchen werde … allerdings am letzten der → Béartgedichtes, da wirklich fertig werden muß, bevor ich am 3. ins Krankenhaus wechsle.
Doch seit der Beeinträchtigung ist nicht nur die Lust dahin, Catania in die Nefud zu betten, um beide miteinander so zu verwirken wie Lilly und mich, ja überhaupt zu erzählen, sondern auch die Leidenschaft, die die Béarts trägt. Ich finde nicht den Ton, bin zu dunkel, möchte sagen: zu grämlich, die Klage hat die Überhand (Gendercorrectness, neue, konsense “Moral” usw.), wo gejubelt werden, begeistert angerufen werden müßte. Das klingt dann so, womit ich gar nicht zufrieden bin:

(…)
fließt Du mir mit dem Leben aus,

das ich am Meer noch habe und unter dem Vulkan,
wohin, zum Feuerend’, ich kam, vielleicht,
dem Wellengang zu lauschen und Blicke auszutauschen,
die nicht mehr ganz erlaubt sind – nichts,
was sich noch niederreißen ließe, außer, Béart, mit selbst
und meiner unpompejisch, allein pragmatisch
ohne der Sturm, ohn’ Erregungslust verschütteten Welt,
die ohne Schutt doch sei, ohn’ Frage und Zweifel,
ein Nein ist ein Nein, unverbindlich das fiat der Ih-aas:
ein jeder Mensch Esel, der zustimmt und faßt
nichts mehr an, das zurückschlagen könnte und wartet –
voraussetzt, daß wir es nehmen, und höhnt uns im stillen,
wenn wir’s nicht wagen,
da es auf Kraft nimmer ankommt,
seit wir die Gene auf Nachfrage mischen.

___________
>>>> Béart 57
Béart 55 <<<<

Gut (das heißt nicht gut): Ausflüge entfallen. Ich werde mir einen Ort zu suchen, nur zu sitzen, zu denken und, wenn es geht, zu schreiben — was aber, Freundin, nicht bedeutet, daß ich nicht doch noch eine feine Erzählung aus dem Zeitlabyrinth hinbekommen werde; wahrscheinlich nur nicht mehr hier in Catania direkt. Es würde auch zuviel Zeitaufwand kosten, denn übermorgen bereits flieg ich schon wieder zurück. Da mag ich meine letzten zwei hiesigen Tage nicht im Zimmer verbringen unter Ausschluß sozusagen der Welt. Ich bin ja doch, trotz allem, sehr sehr gerne hier, gehöre hier, spüre ich wieder, quasi hin — und die Tumorschmerzen – abgesehen von den komplett zerblasten Fußsohlen, die wohl eher nicht –hätte ich in Berlin genauso.

Ihr ANH,
der jetzt die Tage bis zur OP zu zählen anfangen kann: Tag 12 vor der Enteinigung.

P.S.:
Sehr froh aber, selbstverständlich, bin ich darüber.

“Vom Existieren”: Kritik. Wanderer bei AISTHESIS:

Sehr schöne und höchst angenehm persönliche Besprechung der “Wanderer” bei Aisthesis:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

>>>> lesen.

 

 

 

ANHs DIE UNHEIL in Zeiten des Corona-PENs
Literarische Texte zur Pandemie from PEN-Zentrum Deutschland on Vimeo

 

Alban Nikolai Herbst from >PEN-Zentrum Deutschland on Vimeo.

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[Siehe auch >>>> dort, da der Beitrag fast allzu dazu paßt.]

Von Essenmann und Tod. Das achte Coronajournal, geschrieben am Mittwoch, den 25 März 2020.

 

“Phantasie”, erwiderte Cincinnatus. “Und Sie
— möchten Sie nicht fliehen?”

“Was meinen Sie damit, fliehen?” fragte M’sieur
Pierre erstaunt.

Vladimir Nabokov, Einladung zur Enthauptung
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

[Arbeitswohnung, 8.20 Uhr]

Abends seh ich von dem meinen in die anderen, meist hell erleuchteten Fenster wie in künstlich vergrößerte, von Halos gleich erschimmernden Heiligenscheinen, die Erlösung versprechen, umgebene Galaxien hinaus und werde mir dennoch oder gerade deshalb unsrer Entfernung bewußt, einer, die aber erst noch folgt, die wir gerade erst spüren, und sie rückt näher und näher heran. Wir sind es ja nicht gewohnt, von Balkon zu Balkon wie Neapolitaner zu schwätzen, zu rufen, gar zu singen; und viele haben gar keinen Balkon und wenn, dann nicht nah genug dem gegenüber. Sondern es läßt uns Corona zu zwar nicht, nach Leibniz, fensterlosen → Monaden werden, zu solchen aber doch, jedenfalls die unter uns, die alleine leben. Selbst unsere Lieben zu besuchen, unsere Kinder und ihre Mama, der wir verbunden blieben, Freunde zu sehen, Freundinnen, Kollegen — wir überlegen täglich hin und her. Der Zweifel ist aktiver Teil unsres Alltags geworden — weniger oder gar nicht um unsrer Selbste willen, sondern um nicht ungewollt und fahrlässig zu Überträgern auf Schwächere zu werden. Wir erleben den seltenen Fall einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung, die auf sozialer Rücksichtnahme beruht und deshalb von Anfang an internalisiert ist. Hier wirkt nicht oder nur bei arg Uneinsichtigen eine Bedrohung durch Macht. Wobei, wie bei nahezu sämtlichen Ordnungsstrafen, die “Gleichheit vor dem Gesetz” Illusion ist: 500 Euro Bußgeld sind für Jahreseinkommen ab 70.000 aufwärts etwas komplett anderes als für Hartz-IV-Empfänger; für diese bedeutet es künftige Not, für die anderen ein allenfalls Taschengeld, das weniger hereinkommt. Anders ist es mit Freiheitsstrafen, aber nur dann, wenn sie nicht durch ersatzweise Geldzahlung ausgesetzt werden.
So sinnvoll die Ausgangssperren aber sind, so problematisch sind sie politisch. Ich schrieb es bereits, wie sehr mir die plötzlich neuen Nationalismen auch auf den “linken Flügeln” der Demokratie sind, und ich finde es unheimlich, wie widerspruchslos dies alles vonstatten geht. Die Erklärung dafür habe ich eben gegeben: Das Gewissen ruft den Notstand mit, in uns selber, aus. Eine mir tief vertraute Freundin überlegt sich, ob sie ihren innigen Freund noch sehen kann, der getrennt von ihr wohnt und dessen Umgang sie nicht überschaut; sie will aber ihre betagte, physisch ein wenig wacklige Mama sehen und also besuchen und muß achthaben, ihr nicht den Virus mitzubringen, die ansonsten für sich selbst inmitten eines Zaubergartens lebt, von dem sonstig Gefahr ihr nicht droht. Und genau dieser Mechanismus, als wie vorübergehend auch immer deklariert, ist sinnvoll zugleich und gefährlich. Wenn sich also → in der NZZ Hans Ulrich Gumbrecht über das Schweigen der Intellektuellen wundert, so kennt er wohl zum einen nicht Die Dschungel oder (was nichts Neues wäre für den Betrieb) will sie nicht kennen; ihr Einspruch kommt vielleicht von der falschen Seite, nämlich dem unappetitlichen Mir, oder ist → mit Überlegungen verbunden, die ihm noch weniger als das Schweigen schmecken — wozu wahrscheinlich diejenigen gehören, die sich um die — ein in unsren Zeitläuften mit dem Pop geradezu perfekt gefettetes Getriebe — programmierhafte Führung in repräsentativ-demokratischen Massengesellschaften und den Umbau der Widerspruchs- in einer Konsensgesellschaft drehen; Biogemüse, zum Beispiel, als quasireligiöses Schmieröl der Gemeinschaft, l’opium du people.  — Nun gut, der meisten Sorgen sind die Gemüse jetzt nicht, sondern ‘s ist das Toilettenpapier, ganz egal ob aus Recycling oder nicht. Und sie schleppen’s in ihre Monaden.

Ich schaue aus dem Fenster in der anderen Fenster. Es ist kalt; anders als im Süden lockt mit Einbruch der Dunkelheit nichts mehr, sie zu öffnen. Zwischen den andren und mir Glasscheiben. “Natürlich”, wir könnten telefonieren … Ein junger Mann fragte bei der Feuerwehr an, ob er Tinderdates wahrnehmen dürfe. Wir können das für naiv halten, aber vielleicht auch erkennen, daß er was Richtiges sieht und daß er voraussieht, wie quasi rührend es uns auch anmuten mag.
Haut.
Ich dachte, weiterhin in die erleuchteten Fenster schauend, hinter deren zweien ein dünnes Lamellenrollo heruntergelassen wurde, als wäre um die Schädigung des Privaten nun noch zu fürchten; jetzt schimmerte das Wohnungslicht wie durch eine Spanische Wand — so, wie wenn wir uns im Wald verirrt, opak ein Knusperhäuschen durch das dichte Tannenholz   lockt — … dachte also Entfernung und mußte an eine Erzählung denken, ich wußte nicht mehr, ob Ballards, ob Dicks, in der die Personen auf einem andren Planeten jede für sich allein in kleinen Stationen wohnen, die nur Kuppel sind, und allein über die technischen Apparaturen kommunizieren sowie täglich mit einem Mann, der die Lebensmittel und dazu die Neuigkeiten aus den andern Kuppeln bringt — solche, die er persönlich gesehen, nicht per Facetime, Skype und Whatsapp (was es zu der Zeit, da die Erzählung entstand, noch gar nicht gegeben hat).
Wegen der erinnerten Intensität der kleinen Prosa — schon daß ich hier “Prosa” schreibe, nicht etwa “Story”, sagt einiges — tippte ich auf Ballard und sah heute früh zuerst in seinen Büchern nach, wollte es jedenfalls tun. Doch meine Ausgabe seiner sämtlichen Erzählungen ist nicht mehr da, wenngleich ich sogar noch genau den Umschlag vor Augen habe und weiß, daß das Buch, ein Taschenbuch, bei Heyne erschien. Nein, weg. Irgendwann wahrscheinlich verliehen und vergessen, den, wie ich es für gewöhnlich halte, Merkzettel in den nun leeren Zwischenraum zu schieben, oder er ist irgendwann, weil es ein dickes Buch war, herausgeweht worden, ohne daß ich’s bemerkte. Jetzt werde ich es mir neu besorgen müssen. Doch egal, gucken wir bei Dick nach! Auch ein ziemlicher Schmöker. Der immerhin noch da war.
Dann wolln wir ihn mal durchschaun. Und — voilà: Ätherfesseln, Luftgespinste (“Chains Of Air, Web of Aether”, 1979).

Und er war erwartungsvoll, weil heute der Essenmann vorbeikommen sollte, er würde also jemanden zum Reden haben. Es war ein guter Tag.
Der unmögliche Planet, 772
(Dtsch. v. Clara Drechsler)

McVane heißt der Held, der anfangs, die Zeitung lesend, Kunstkaffee trinkt. In seiner Nachbarschaft, eine nahen oder nächsten Kuppel, lebt eine krebskranke Frau. Sie kommunizieren über, wie es damals noch hieß, Bildtelefon. Er erlebt ihr Sterben mit. Der Essenmann legt ihm nahe:

“Sie sollten sie anrufen und mit ihr reden. Als ich meine Lieferung bei ihr abgab, weinte sie.”
Der unmögliche Planet, 774

McVane aber denkt:

Du wirst sterben. Er wußte es, und sie wußte es. Darüber mußten sie nicht sprechen. Es bestand eine Komplizenschaft des Schweigens, eine Übereinkunft. Ein sterbendes Mädchen will mir ein Abendessen kochen, dachte er. Ein Abendessen, auf das ich keinen Appetit habe. Ich muß sie abweisen. Ich muß sie aus meiner Kuppel raushalten [,]
Der unmögliche Planet, 774,

wie heute unsre Nächsten aus unseren Wohnungen wir. — Er geht dann aber doch hinüber, da

saß sie im Bett, hatte ihre dunkle Brille auf und sah sich in ihrem Fernseher eine Soap-Opera an. Nichts hatte sich geändert (….), außer daß die verwesenden Lebensmittelreste auf dem Geschirr und die Flüssigkeiten in den Tassen und Gläsern noch abstoßender geworden waren.
Der unmögliche Planet, 791

Und vier Seite später:

In den folgenden Wochen unternahm er immer seltener Abstecher von seiner Kuppel zu ihrer. Er hörte nicht zu, was sie sagte; er sah sich nicht an, was sie tat; er verschloß seinen Blick vor dem Chaos, das sie umgab, dem heruntergekommenen Zustand ihrer Kuppel. Ich sehe eine Projektion ihres Hirns, dachte er einmal, als er für einen kurzen Moment den Müll betrachtete, der sich überall türmte; sie stellte sogar Säcke draußen vor die Kuppel, damit sie fort für alle Ewigkeit einfroren.
Der unmögliche Planet, 795

Genau dieses Gefühl von einfrierender Ewigkeit, eine, in der Zeit nicht mehr fließt, hatte ich gestern abend, als ich zu den anderen Fenstern hinübersah, eine fast körperliche und darum Empfindung von stehendem Kontinuum, dessen vielleicht doch noch leichte Bewegung ein nur noch Ausrinnen ist, weit hinab in eine endlos-hohle Welt ohne Boden. Sie hat auch keine Wände, denn die — jede, die es gibt  — wird von unseren Wohnungen, unsrer Behausung gebraucht, um uns darüber zu täuschen, daß sie Monadenkuppeln sind.

Geliebte Frau, Sie werden es gemerkt haben: Philip K. Dick ist kein Stilist, seine Sprache sogar ärmlich. Doch die Visionen, die ihn trieben, leuchten ständig durch. Deshalb läßt er mich nicht los. Man müßte ihn umschreiben, dieses Glühen in die Sätze bringen, in jedes einzelne Wort. Und in die Rhythmik. Die Erzählungen sind, was sie sein könnten, aber nie wurden, nie anders als in unsrer eigenen Vorstellung selbst. Daher ihre Einsamkeit. Die ich gestern abend spürte, als ich hinübersah zu den Fenstern. Hinter denen Menschen leben.
Und heute früh? Wie seltsam! Als ich erwachte, sang kein Vogel. Der Amselhahn schweigt noch bis jetzt. Nur ein paar Tauben gurren. Obwohl die Sonne scheint, obwohl das Hinterhaus ganz aufs neue glüht in Gelb. — Doch! jetzt ein kleines Tschilpen. Stille sonst. Und blaue, leuchtende Kälte.

Wie lange wird sie währen? “Wir müssen uns auf Einschränkungen auch nach Ostern vorbereiten,” sagt der Berliner Oberbürgermeister und verteilt die Pillen in homöopathischen Dosen, sozusagen D4: ein Tropfen Wirkstoff auf den ganzen Bodensee. Zu Pfingsten wird es heißen: nur noch den Sommer über, danach: nur noch diesen Herbst.
Wir haben Kuppelwochen, wenn nicht -monate vor uns. In den Hospitälern werden Menschen sterben unbegleitet von den Liebsten. Das ist vielleicht das schlimmste. Ob man hernach auf die Beerdigungen gehen darf, Trauergäste nicht mehr als zehn — geschenkt.
In den Kuppeln dahingehn. — Bei Dick allerdings, die junge kranke Frau, wird zwar noch jahrelang, zur Nachsorge, Medikamente nehmen müssen, aber geheilt. Und sagt, als McVane dann doch noch mal zu Besuch ist:

“Wir haben uns eine kleine Belohnung gottverdammt verdient. Wir beide.”
“Unsere Belohnung ist”, sagte er, “daß Sie wieder gesund sind.”
Sie schien ihm nicht zuzuhören; ihr Blick war auf den Fernseher geheftet. Dann sah er, daß sie noch ihre dunkle Brille aufhatte. Deshalb mußte er an den Song denken, den die Füchsin am Weihnachtstag gesungen hatte, für alle Planeten, den sanftesten, den sehnsuchtsvollsten Song, den sie nach John Dowlands Lautenbüchern bearbeitet hatte:

When the poor cripple by the pool did lie
Full many years in misery and pain,
No sooner he on Christ had set his eye,
But he was well, and comfort came again.

Der unmögliche Planet, 801

Und da |singen draußen die Vögel jetzt auch wieder. Oder um es mit Spielbergs Ian Malcolm zu sagen: Das Leben findet einen Weg.

 

Ihr ANH
12.29 Uhr

 

Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 26. Februar 2020. Mit Thorsten Casmir, Peter H. Gogolin, André Heller und David Ramirer.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
David Ramirer: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier Buch II]

Die Musik schickte mir → Ramirer selbst, ich höre sie momentan laufend wie zuvor seine eigenen Variationen auf Bachs Präludium C-Dur, die ebenfalls, doch leider bislang nur als mp3, ankamen und über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde. Noch hat andres, Freundin, Vorrang. Hier nur schon einmal die Erklärung, die Ramirer selbst für die Rückseite der CD (auf die ich nun warte) vorgesehen hat:

*

Gut gearbeitet, sehr gut. Béart XXXI fertigbekommen, Nabokovlesen 24 begonnen, dazu die fastjuristische Auseinandersetzung wegen des üblen Artikels in 54books, der mir allerdings keine, wie eine enge Freundin befürchtete, schlimme Nacht bereitete, denn als ich zu Bett ging, wußte ich bereits, am nächsten Tag in die Tjost zu wollen — nicht zuletzt übrigens, weil das Impressum die Adresse einer Rechtsanwaltskanzlei angibt, ob “rein” praktischerweise oder um indirekt zu drohen, sei dahingestellt. Oder auch nicht dahingestellt. Nach wie vor bin ich psychisch so veranlagt, auf Drohungen nie mit Rückzug zu reagieren, im Gegenteil. Sie fordern mich heraus. Deshalb der gewählte Begriff “Tjost”. Und ich wußte, mir gleich nach dem Erwachen — das ich derzeit völlig meiner inneren Uhr überlasse; sie weckt mich tatsächlich fast generell zwischen 6.30 und 7 Uhr — im Netz die nötigen Gesetzestexte zusammenzusuchen und nicht nur zu, sagen wir, “studieren”, nein, sie auch auswendig zu lernen.
So geschah’s. Schon konnte ich meinen Brief formulieren — “Schriftsatz” in der Sprache des formalen Rechts.
Nun war vorhergegangen, daß ich wegen des Artikels Samuel Hamen angeschrieben hatte, der bei 54 books als Teammitglied genannt wird. Ich hatte → seine klasse Rezension schlichtweg nicht mit dem nicht nur, journalistisch, schlampigen Artikel zusammenkriegen können. Er seinerseits antwortete mir am Morgen, intervenieren zu wollen. So daß sich meine Mail an Redaktion und Anwaltskanzlei mit einer Mail des Anwalts an mich sprichwörtlich überkreuzte — ein Wunder, daß die zwei auf ihrer Fahrt a) von hier nach dort, b) von dort nach hier nicht karambolierten. Bei der Geschwindigkeit wäre es ein Totalschaden geworden, an beiden Autos, und keines hätte jemals ihr Ziel erreicht. Doch offenbar blieb jede von ihnen auf ihrer Seite der Hochtempostraße.
Und also: Der Anwalt fragte, ob es genüge, wenn er den Text → aus dem Artikel herausnehmen lasse; das nämlich wolle er tun. Da konnte er meine Forderung nach Gegendarstellung, bzw. Richtigstellung noch gar nicht gelesen haben. Die hatte ich unterdessen aber schon in Der Dschungel öffentlich gemacht, und weil ich aus diesem Weblog nichts lösche, schon um die Produktionstherorie nicht zu verfälschen, die sich in Der Dschungel → eben auch abbilden soll, bestand ich darauf, daß der Beitrag erhalten bleibe, mit allerdings einem vorgeschobenen Notat über die erzielte Vereinbarung. Das wiederum fand der Anwalt in Ordnung, und so ist’s nun protokolliert.
Es ist mir enorm wichtig. Zu oft mußte ich mir anhören, ein Dichter habe stille zu sein auch bei ihm geschehenem Unrecht, selbst bei übler Nachrede und objektiven Beleidigungen. Er schade sich nur selbst (und seinem Verlag), wenn er aufbegehre. Er solle sich deshalb ducken — ducksen nenne ich das und habe es niemals getan, dafür dann fast durchweg Ärger mit meinen Verlagen bekommen. Klar, die haben Angst, in Sippenhaft zu kommen. Für kleine Verlage wäre das tödlich, möglicherweise. Und größere Häuser stehen in der Zwickmühle, weil eine Kritikerin oder ein Kritiker die eine ihrer Autorinnen mit Elogen begießen, zugleich indes einen anderen Autor mit Eimern voller Kotze überschütten könnte. Dennoch will man auf die Elogen nicht verzichten, ja braucht sie, um zu verkaufen, braucht den Kritiker also, die Kritikerin. Mir ist das schon klar. So und so ein auch ökonomisches Corpsgeistproblem.
Nun hatte ich es aber mit einem Juristen zu tun. Diese Leute sind nicht verschwurbelt wie viele im Literaturbetrieb. Sie sind klar und faktisch. Also läßt sich mit ihnen auf das einfachste sprechen und verhandeln. Ähnlich Ärzte, ähnlich Physiker und Mathematiker. Heute wären das meine Fächer, die ich studierte: Jura, Medizin, Physik.
Später fragte mich, auf Facebook, → Gogolin, ob mir diese Lösung-jetzt denn genüge? Ja, tat es, insofern es mir nicht im mindesten darum ging, mir irgendeine finanzielle Entschädigung zu erpressen. Ich wollte den Müll aus dem Netz haben, Punkt, und das war erreicht. Vielleicht auch ein Zeichen für andre gesetzt. Ich hatte und habe von dem gesamten Mobbing und fiesem Gequassel die Schnauze absolut voll. Vor allem geht es mir auch darum, wie ich dem Anwalt schrieb, daß mir

die ständig unterschobene Nähe zur politischen Rechten widerlich (ist). Es entbindet solche Attacken rhetorisch von jeglicher Argumentation.

Wenn ich in Bezug auf Gendercorrectness von einer Meinungsdiktatur spreche, handelt es sich mitnichten um eine auch nur ungefähre Nähe zur, z. B., AfD, egal, ob auch dort dieser Begriff verwendet wird. Genauso wenig bedeutet, wenn ich von Ehre, Würde, Heimat schreibe, daß ich ein Nazi sei oder mit der Rechten auch nur “sympathisierte”. Ich überlasse ihr einfach nicht diese Begriffe, lasse mich von ihr nicht meiner Werte enteignen.

Übrigens ist, so erfuhr ich in dem Messengergespräch mit Gogolin, sein hinreißender, wahrhaft europäischer Roman → Calvinos Hotel neu aufgelegt worden, und zwar — in festem Umschlag gebunden. Sie wissen, Geliebte, daß ich über dieses Buch einmal schrieb. Jetzt sähe ich meine Rezension gerne, etwas umformuliert und erweitert, bei Faustkultur und werde dort also nachfragen. Andernfalls wird sie hier in Der Dschungel eingestellt werden. — Nicht uninteressant, übrigens, daß der ehemalige, in die Insolvenz gegangene Verlag Kulturmaschinen, mit dem ich selbst soviel Mieses erlebt, als eine Art Autorenverlag → neu gegründet worden ist.  Mir behagt das nicht, weil ich sehr an Namen glaube, an etwas ihnen außerhalb des Funktionalen mythisch Eigenes; praktisch verstehen kann ich es dennoch.
Da ich nun einmal bei Büchern bin — vorhin erreichte mich ein Päckchen des Hanser Verlages, darinnen → André Hellers “Zum Weinen schön, zum Lachen bitter”, eine Sammlung von Erzählungen, deren Über-, also der Buchtitel mir allerdings schon ein bißchen zu klebrig ist . Aber ich wußte nicht einmal, daß es ein neues Buch von ihm gibt. Wie also kam der Verlag nun auf mich? Wahrscheinlich hat man meine Rezension → zu seiner Rosenkavalier-Inszenierung gelesen oder liest hier, wie so viele aus dem Betrieb, sowieso mit, und also war bekannt, welche Rolle Heller für mich einmal gespielt hat. Freilich, da war ich noch ein junger Mann, beinah noch ein Jüngling. Dennoch, Spuren werden Prägungen. Es sind gute Narben. Und da ich alle seine bisherigen Bücher gelesen habe, weiß ich, welch vorzüglicher Erzähler er ist. Also werde ich ganz sicher auch über diese Neuerscheinung schreiben.

 

Meine Gute, wie viel hab ich noch vor!

 

Zwischendurchgelesen, ja, zusammengeschrieben, habe ich Ernst Kretschmers “Der Falke und Die Nachtigall”, einen Roman, den mir Dielmann zusammen mit Thorsten Casmirs grandiosem “Ohnsgrond”, erschienen ein Jahr nach dem → Wolpertinger, schickte, weil er wohl weiß, daß mich Federico II nach wie vor beschäftigt. Ohnsgrond ging komplett unter, auch weil Casmir, kurz nachdem sein Buch heraus war, an einer Krankheit verstorben ist, die damals noch etwas Ungefähres und Anrüchiges hatte, so daß der tatsächliche Grund für Casmirs Ende nicht genannt werden durfte. In seinem Roman aber ist er, dieser Grund, allgegenwärtig. Und immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten fiel das Buch mir ein, so daß ich nun den Entschluß faßte, nach bald mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine poetische Rezension darüber zu verfassen. 
Ich stand auf, ging an die große Bücherwand, schaute unter C (bei mir ist die Belletristik nach den Namen ihrer Autorinnen und Autoren geordnet), aber fand nichts. Der typische “Fall” wohl: Verleihe nie ein Buch, denn du weißt, wie deine eigene Bibliothek entstanden ist. Also schrieb ich dem Verlag, und das grün in wunderschönes Leinen gebundene Buch kam her, nur die hellrote Längsbinde fehlt:

 

 

Die Lektüre steht nun aus. Auch hier geht Nabokov vor (habe soeben “Gelächter im Dunkel” begonnen). Aber erwartungsvoll, zitternd fast freu ich mich drauf. 

Weniger Freude bereitete der Kretschmer; ich → verlinke nur der Fairness halber drauf, hatte anfangs erwogen, auch hier eine Kritik zu schreiben, weil es hin und wieder ein Aufflackern von Schönheiten gibt, etwa die “Leichtigkeit (…), in der ich dankbar erstaunte” (Hervorhebung von mir) oder die “Mischung aus Mißtrauen und Frechheit” sizilianischer Straßenkinder. Doch zunehmend, abgesehen von den sowieso gängigen Konjunktivfehlern, verschwurbelt die Geschichte sich zu am Ende sogar pubertärstemKitsch. Ein einziges Beispiel möge genügen:

“Ich kenne Euch von überall her”, sagte er, “bin Euch gefolgt, seit Ihr geboren wart, und weiß, was ihr jemals gelesen und jemals geschrieben habt.

Bitter allein schon das, aua, “wart”.

Ich war dabei, als Ihr die Macht der Schöpferkraft entdeckt und das Wunder ihrer Welt erfahren habt, die nicht wirklich und doch wahr wie die Wirklichkeit ist.”
Falke, 243

Ach, Freundin, Sie mögen Buttercreme genauso wenig wie ich … Hier, ein Mundwasser zum Spülen, und seien wir dankbar, daß Kretschmer nicht auch komponiert. Axel Dielmann hat einmal zu den besten Lektoren gehört, die mir begegnet sind; es ist mir schleierhaft, wieso er bei diesem Buch nicht durchgegriffen hat. Nun fliegt es in den nächsten Buchspender.

*

Der Abend regnete heran, und ich chattete mit einer Frau, die ich am Sonnabendabend treffen werde: ein eleganter Flirt bisher. Gesehen haben wir uns schon einmal, nur einmal, auf der → vorletztjährigen Leipziger Buchmesse, also im März 2018. Damals hieß sie Mariclaire. Sie sah mich, und ich sah sie. Sie kam heran (ich les jetzt nicht nach) und hakte sich unter. Nein, wir kannten uns wirklich nicht. Und nun flanierten wir durch die Gänge, ein wenig mondän sie, herrlich schön, Juristin, ich sag’s ja. Dann war lange Schweigen. Und jetzt die Nachricht bei Facebook. Von jemand anderem, die mir den Brief einer Zoey ankündigte, wie ihr Name heute ist. Der lag auch schon im Postfach. Bei Facebook siezen wir uns; Zoë indessen wählte das Du der, wie sie schrieb, “letzten irren Gentlemen”. Und dann:

Meere hat mich, wie soll ich es nennen? – verstört. So daß ich meine Gedanken teilen muß. Das aber bitte nur unter uns, und zwar gerade, weil ich Dich nicht kenne und es doch so, glaube ich, tu. 
Z.

Da’s sich nun traf, daß ich am nächsten Sonnabend ohnedies in ihrer Nähe sein würde, werde, was auch immer …  lag denn auch das Treffen nah, und liegt. Wobei ich selbstverständlich Schweigen über ihre beigelegte Sendung bewahre. Das werden Sie, Freundin, verstehen.

Worauf ich aber hinauswill: Wir waren noch am Plaudern, als Freund Sascha mich anrief. Möge ich nicht gegen halb neun zu ihm herüberkommen? Er habe einen ausgezeichneten portugiesischen Rotwein da — und eine Flasche Talisker. Da ich selbst finanziell grade so mau, konnte meine Schreibtischhockerei nicht siegen, und der Abend → ward zur langen Nacht. Sie protuberanzte — es stimmt der Begriff, den ich begriff — aus sämtlichen Drüsen des Geistes. Es gab auch vieles zu erzählen. Und ich las die letzten vier Béartentwürfe vor. Eine Wonne zu erleben, wie sie “funktionierten”, ich meine: wie ihr Klang übersprang. Und dann geschah, was hinterm Link erzählt ist. Obwohl ich gehen so recht nicht mehr konnte; ich eiertanzte also heim, die Betonung indes liegt auf “tanzte”.

Ihr, Sie Schöne,
ANH

In Aleppo einst auch ich: Nabokov lesen, 23. Die Erzählungen, II,4.

Then must you speak
Of one that loved not wisely but too well,
Of one not easily jealous but, being wrought,
Perplexed in the extreme; of one whose hand,
Like the base Indian, threw a pearl away
Richer than all his tribe; of one whose subdued eyes,
Albeit unused to the melting mood,
Drop tears as fast as the Arabian trees
Their medicinable gum. Set you down this,
And say besides that in Aleppo once,
Where a malignant and a turbaned Turk
Beat a Venetian and traduced the state,
I took by th’ throat the circumcised dog
And smote him thus.
Shakespeare, Othello V.2, 341-354

 

In die letzte der Erzählungen dieses zweiten Bandes, die ich mir — bevor ich mich wieder Nabokovs Romanen zuwende — gesondert anschauen möchte, habe ich mich – ich schrieb es schon → im Arbeitsjournal – derart verliebt, daß ich, obwohl →  dort schon drauf eingegangen, ihr doch einen eigenen Beitrag schaffen muß. Also verzeihen Sie mir, Freundin, wenn ich ein oder zwei Zitate deshalb wiederhole. Sie sind es wert, so oder so, und zwar umso mehr, als mir selbst Eifersucht beinahe prinzipiell fremd ist. (Nun gut, ganz wohl nicht, denn ich erinnere mich, wie ich einmal, um 1980, als meine damalige Gefährtin mit einem Liebhaber, was sie mir gesagt hatte, anderswo die Nacht verbrachte, es nicht anders aushielt, als mir eine halbe Flasche Cognac reinzuschütten und dazu Strauss’ Salome zu hören, wobei ich schließlich laut mitgrölte und irgendwann erschöpft zusammenbrach. Dieses aber war das einzige Mal, woran ich mich erinnere, das letzte Mal — auch davor schon, bei anderen Frauen, damals eher noch Mädchen, hatte ich solche Anfälle gehabt und darüber die mir damals wichtigste verloren. Danach kam dergleichen nicht mehr vor, sondern ich ging dazu über, auch meinerseits “mehrgleisig zu fahren”. So schienen mir die Verhältnisse ausbalanziert zu sein. Und über die Eifersucht anderer machte ich mich fortan nur lustig.)

Es hat lange gebraucht, bis ich Theaterstücke, Opern, ja selbst Bücher wieder anschauen, anhören und lesen konnte, in denen Eifersucht zentral ist. Eigentlich hat es den Otello gebraucht, → Verdis, um zu verstehen und dann auch mitzuempfinden. Vielleicht hat mich bei Nabokov auch gerade dieser Bezug, in seinem Fall auf Shakespeare direkt, sofort für die Geschichte eingenommen; ausschließen kann und mag ich’s auch nicht. Doch ist sie auch in ihrer gleichzeitig nahen wie distanzierten Erzählart superb. — Um mich zu wiederholen:

Obschon ich urkundliche Zeugnisse meiner Eheschließung vorweisen kann, bin ich heute sicher, daß meine Frau nie existiert hat.
Aleppo, 426
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Und, das Zitat hier fortsetzend:

Möglich, daß Du ihren Namen aus anderer Quelle weißt, aber das ist gleichgültig. Es ist der Name einer Sinnestäuschung. Darum kann ich von ihr mit ebenso viel Abstand sprechen wie von der Figur einer Erzählung (einer Deiner Erzählungen, genau gesagt).
Aleppo, ebda.

Die Erzählung ist ein Brief, und wenn wir uns vergegenwärtigen, daß er an einen gewissen V. geschrieben ist (der erste Buchstabe des Vornamens Nabokovs mithin), wird sofort klar, wessen Erzählungen gemeint sind. Nun ist aber auch der Briefeschreiber im Exil und auf der Flucht, nämlich dabei, sich um die Passage in die USA zu kümmern. Schon werden wir ahnen, es habe dieser Mann sich aufgespalten in einen, der dann tatsächlich abreist, und einen, der — weshalb wohl? — bleibt. Und am Ende bekommen wir genau dafür die Bestätigung:

Zum Teufel mit Deiner Kunst, ich leide furchtbar. Immer noch geht sie dort auf und ab, wo die braunen Netze zum Trocknen auf den heißen Steinplatten ausgebreitet sind und das scheckige Licht des Wassers an der Seite eines festgemachten Fischerbootes spielt. In den braunen Maschen glänzen hier und winzige blasse Stückchen kaputter Fischschuppen. Wenn ich nicht achtgebe, könnte alles noch in Aleppo enden. Schone mich, V.: Du beschwertest Deine Würfel mit einer unerträglichen Bedeutung, wenn Du das als Titel nähmest.
Aleppo, 442

Was er selbstverständlich tut.

Aber was war geschehen?
Im ständigen Hinundher an der südfranzösischen Küste, stets auf der Suche nach Visa und Fahrten

zu unbekannten Zielbahnhöfen, gingen wir durch die ausgedienten Kulissen abstrakter Städte, lebten wir in dem ständigen Zwielicht körperlicher Erschöpfung — solches war unsere Flucht: und je weiter sie uns führte, desto klarer wurde es, daß uns mehr als ein Schwachkopf mit Stiefeln und Koppelschloß und seiner Kollektion verschieden angetriebenen militärischen Trödelkrams vor sich her jagte — etwas, wofür er nur das Symbol war, etwas Ungeheuerliches und Unfaßbares, eine zeit- und gesichtslose Masse unvordenklichen Grauens, da selbst hier, im grünen Vakuum des Central Park[s], immer noch von hinten auf mich zukommt.
Aleppo, 429

Auf einer Bahnstationen verliert der Erzähler seine Geliebte nun, und erst nach vielen Irrstationen findet er sie wieder, diese seine

Liebe nicht so sehr auf den ersten Blick wie auf die erste Berührung, denn ich war ihr vorher schon mehrere Male begegnet, ohne daß ich dabei irgendwelche besonderen Gefühle empfunden hätte; aber als ich sie eines Abends nach Hause begleitete, veranlaßte mich eine eigentümliche Bemerkung ihrerseits, mich hinabzubeugen und leicht ihr Haar zu küssen (…)
Aleppo, 426

Nabokov hätte meine Bemerkung gehaßt, weil → Aragon solch ein furchtbarer Stalinist gewesen ist, aber erinnert die Stelle nicht ein bißchen an dessen fast nicht glaubhaft schönen Liebesroman Aurelien, einen der, versichere ich Ihnen, wundervollsten des gesamten Genres, erschienen 1944, also nur ein Jahr nach der hier besprochenen Erzählung? — Er beginnt so, ja, erster Satz:

Als Aurélien Bérénice zum ersten Mal sah, fand er sie ausgesprochen häßlich.
Aurélien, 5
(Dtsch.v. Karl Heinrich)

Aber schon legt sich die Schlinge um ihn:

Irgend etwas stimmte nicht. War es ihre kleine Statur, ihre Blässe … Hätte sie Jeanne oder Marie geheißen, er wäre ganz sicher nicht mehr darauf zurückgekommen. Aber ausgerechnet Bérénice! Welch seltsame Verstiegenheit!
Aurélien, ebda.

Nur dies ist nun schon völlig Aragon, daß es ein Vers ist, auf dem die über nahezu 750 Seiten hin erzählte, hinreißend intensive Liebesgeschichte sich gründet, einer,

den er nicht einmal besonders schon fand, oder, besser gesagt, dessen Schönheit ihm zweifelhaft und unerklärlich erschien, der ihn aber dennoch gepackt und nicht wieder losgelassen hatte:

Ratlos irrte ich lange / in Cäsarea umher …

Aleppo, ebda.

Von Aragon selbst stammt übrigens ein Vers, den ich meinerseits niemals losgeworden bin:                                       

 Aimer a perdre la raison

Herumirren tut, seiner Geliebten verlustig gegangen, freilich auch der Briefeschreiber, doch als Exilant sehr konkret. Nachdem er sie dann endlich wiedergefunden hat

auf Zehenspitzen gereckt, um erkennen zu können, was es eigentlich zu kaufen gab. Ich glaube, als Allererstes sagte sie mir, daß es hoffentlich Apfelsinen seien[,]
Aleppo, 433,

da tischt sie ihm eine einigermaßen bizarre Geschichte auf, der weitere solche Geschichten folgen, die in ihm schließlich diese irrationale Eifersucht bewirken. Welche es sind, lesen Sie selbst – es spielt darin ein Hund eine Rolle, den es, versichert der Erzähler, aber niemals gab.
Wie auch immer, der Mann — abermals ist seine Geliebte verschwunden — erhält endlich sein Visum. Doch bevor er abreist, besucht er noch einmal eine alte, in Südfrankreich lebende Russin, die

und Du weißt, wie Anna Weretennikow in kritischen Augenblicken istihren Krückstock mit der Gummispitze [verlangt,]
Aleppo, 438

sich dann schwer aus ihrem Lieblingssessel hebt und dem Erzähler vorwirft, daß er ein Tyrann und Grobian sei. Wobei ihre

hängend[n], faltige[n] Wangen zuckten, als sie mir eine mütterliche, aber unverdiente Beleidigung an den Kopf warf.
Aleppo, 439

Nämlich macht sie ihm Vorwürfe und läßt ihn schwören, keinen Versuch zu unternehmen, die beiden Liebenden — denn sie kennt ihren Puschkin — mit gespanntem Pistolenabzug zu verfolgen. Und dann kommt’s:

Als ich gehen wollte, flammte Anna Wladimirowna, die sich schon ein wenig beruhigt und mir sogar ihre fünf Finger zu einem Kuß gereicht hatte, von neuem auf, stampfte mit ihrem Stock auf den Kies und sagte mit ihrer tiefen, kräftigen Stimme: “Aber eins verzeihe ich Ihnen nie — Ihren Hund, das arme Tier, das Sie eigenhändig erhängt haben, bevor Sie Paris verließen.”.
Aleppo, 439/440

So daß der Erzähler ein paar Tage später “begreift”, daß ganz wie dieser, also der Hund, auch seine Geliebte nie existiert hat. Doch bleibt sie ihm für alle Zeit:

Es gab sie, gab sie,
Gibt sie nie.
Saul Czechy, Mürwald (1954)
(Dtsch.v. Joachim Armbruster)

 

 

 

 

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KOGNITION UND WÜRDE. Oliver Jungen in der FAZ über Wanderer und Wölfinnen, Erzählungen I & II.

  1. Februar 2020, FAZ S. 10. Und mit meinem geliebten Max Ernst als “Aufmacher”-Bild — das vielleicht schönste Geschenk dieser Rezension:

 

 

Von heideggerhafter Seinsschwere ist hier nämlich nichts, kein Ding und keine Erinnerung. Obwohl die atmosphärischen und dystopischen Szenerien es oft vergessen lassen, befinden wir uns durchweg im Dschungel des Virtuellen. So nah waren sich Literatur und die Autopoeisis des Internets selten. Herbsts Poetologie läßt sich wohl am ehesten als bildgebendes Verfahren beschreiben, als Versuch, Innerlichkeit in faßliche Formen zu übersetzen, wobei er an den Realsubstraten, “dem sogenannten Plot”, darüber hinaus nicht weiter interessiert ist: “Alle Kunst ist Form; die ‘Botschaft’ untersteht ihr.” (…)
Auftragsbuch, idisches Visionserlebnis, erotischer Fiebertraum? (…) Viele der Erzählungen machen sich überhaupt für das Zwitterhafte stark, auch in moralischer Hinsicht. (…) Die Tiraden gegen die politische Korrektheit hätte ein Freigeist wie Alban Nikolai Herbst kaum nötig gehabt. Ansonsten aber sind seine kompromißlosen, sich immer wieder radikal selbst den Boden entziehenden Erzählungen, die nicht zuletzt Klangkompositionen darstellen (…), eine wertvolle, kämpferische Bereicherung der Gegenwartsliteratur (…), die sich (…) gegen jenen rührend naiven Neorealismus, der nur noch Fakten und “Fakes” zu kennen scheint, mit Phantasie zur Wehr zu setzen hat.
Oliver Jungen

 

 

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(Daß Jungen das “Kämpferische” herausstellt, empfinde ich als einen ganz besonderen, ja, Ritterschlag für diese meine Poetik.)

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