Argo ist da. Das Arbeitsjournal des Montags, dem 2. September 2013. Sowie Von der Förde (3): Nachträge.

8.32 Uhr:
[Arbeitswohnung. Jarrett/Redman/Haden/Motian/Franco, Death and the Flower (1975).]
Leider ein mehr als nur blöder Fehler, ich schrieb >>>> bereits gestern nacht dazu: In der Vorbemerkung überm Impressum wird das Erscheinungsdatum des zweiten Anderswelt-Buches, „Buenos Aires“, fälschlicherweise mit 2002 statt mit 2001 angegeben; dadurch erschließt sich der Name der zweiten Abteilung nicht sofort, Zwölfjahreshalber nämlich, auch wenn im Zwölfjahreshalber selbst das Datum richtig angegeben ist. Wir haben’s alle übersehen, zwei Lektoren, insgesamt drei Korrektoren, unter denen ich selbst. Dummdas. Man könnte drüber lächeln, die Sache einfach beiseitelegen, aber sie ging mir bis ins heutige Frühschwimmen nach. Und in der Zweiten Abteilung fehlt die Kapitelnummer 7. Auch das ist übersehen worden. Ich schaue mir daraufhin gleich noch mal die Fahnen an. Aber was fehlt, fehlt. Immerhin geht die Zählung mit der 8 korrekt weiter. Da ist es so wahnsinnig schlimm also nicht.
Latte macchiato, >>>> Motzeks Meistermischung.
Die Abrechnung für das Seminar ist zu tippen und hinauszuschicken. Um elf Uhr habe ich den ersten Termin, wegen Goethes Europa-Projekts, da sollte ich rasiert erscheinen; um 14 Uhr folgt die Studioaunahme der kleinen Dichterfreundschafts-Glosse und um 19 Uhr ein Elternabend in der Waldorfschule. Vielleicht danach dann endlich, mit den Freunden, ein Umtrünklein mit ein wenig, auf >>>> Argos Wohl, Gläserklirren. Und schwimmen, also, war ich schon: anderthalb Stunden. ’s war eine kleine Überwindung heute früh um halb sechs, aufzustehen und loszuziehen; Unterbrechungen sind immer etwas problematisch. Gelaufen wird erst übermorgen wieder, morgen ist Krafttraining dran. Aber obwohl ich in den beiden vergangenen Tagen allen möglichen Kantinenmüll in mich hineingestopft habe, hab ich nicht ein Gramm zugenommen; dabei hätt ich Wetten angenommen, mindestens zwei Kilo mehr auf den Rippen zu haben. Ich sag Ihnen! allein die Mayonnaisen der Herings- und Krabbendips!! Na gut.
Vor der Aufnahme im ARD Hauptstadtstudio muß ich noch Manuela Reicharts Lektoratsvorschläge in den Text einbauen, bzw. ein bißchen was streichen. Und wahrscheinlich kommt heute der Vertrag zu Traumschiff an, den ich sofort unterschreiben und wieder zurückschicken will. „Aber Schlaf, und auch Traum, ist als Begriff ganz falsch“ les ich grade in Argo:


Argo, S. 414/415.
Immer wieder mal blättere ich auf und lese ein paar Zeilen. Als wollte ich mich vergewissern. Auch der Versuch gehört dazu, eine fremde Perspektive einzunehmen, als wäre ich ein unvertrauer Leser, der seine ersten Schritte in der Anderswelt tut. Was natürlich nicht funktioniert oder nur drittels funktioniert. Aber die Frage bedrängt mich: Wie wirkt das? Kommt man hinein? Bleibt man drin, ja zieht es einen? Unbeantwortbar für mich. Aber vielleicht „beahnbar“ doch. Erster Morgencigarillo. Zu meinem >>>> eCigarillo schreib ich später eingehend, aber wohl noch nicht heute. Statt dessen Jarretts Jazz-Rhapsodien, bald hab ich alle dreißig Vinyls durch.
***

Von der Förde, die Nachträge:

Immer ist es die Frage, worauf es bei diesen Seminaren ankommt, in denen junge Leute mit, wie man das nennt, Migrationshintergrund damit vertraut gemacht werden sollen, sich schriftlich f r e i auszudrücken in einem ihnen eines Tages vielleicht eigenen Stil, einem, der ihre jeweilige Persönlichkeit trägt und zugleich mit der deutschen Sprache elegant umgeht, wobei eine Sprache nicht nur persönlicher, sondern eben auch ein kulturell-kollektives Ausdruckssystem ist, das seine eigene Geschichte mit- und weiterträgt. Da liegen die Probleme, wenn auch, übrigens, nicht nur für Migranten, sondern längst auch für solche Deutsche, die es in der ‚zigsten Generation sind. Eine Chance, denke ich mir, liegt besonders darin, daß sich in den persönlichen Stilen nun auch die Geschichten anderer Kulturen mit einlagern können; das eben wäre zu erreichen. Und überhaupt erst einmal, darauf legt >>>> Phyllis Kiehl den Akzent, persönlich werden zu können, persönlich auch und gerade im Unvertrauten, das dadurch zum Vertrauten wird.

[Jarrett an der Orgel, Hymns, Spheres (1976).]
Zweiter Latte macchiato.
Abgesehen von den vielen sprachlichen Lockerungs- und Ideenübungen hängen wir Hunderte Bilder aus Filmen, Zeitungen, Privatsammlungen, Kunst, Wissenschaft im Raum auf; ich sage immer: wir holen die Welt in den Raum. Es sind harte, perverse, liebevolle, zärtliche, bizarre, sentimentale, hoffnungsvolle, esoterische, sachliche, organische und unorganische Bilder; die jungen Leute sollen quasi in ihnen umhergehen und zu spüren versuchen, ob eines davon zu ihnen „spricht“, ob sie ein besonderes Verhältnis zu einem dieser Bilder empfinden, Nähe, Abstoßung, Freude, Ärger usw. Und dieses Bild nehmen sie sich jeweils dann und beginnen, etwas dazu zu schreiben. Es geht aber nicht um Bildbeschreibung, sondern die, sagen wir, Vorlage soll ein Katalysator sein. Erstaunliche Texte sind dabei schon herausgekommen, mutige Texte, anrührende Texte, bisweilen wirkliche Geschichten, erlebte, erfundene oder Mischungen davon.
Die Seminare sind anstrengend, anstrengend auch, sehr, für die Seminarleiter:innen; wir merken das abends, wir merken das besonders, wenn die Spannung abfällt am Sonntag mittag, weil wir wieder einmal „fertig“ wurden, was wir natürlich niemals werden. Es ist dies alles nur ein Anstoß, mehr können wir nicht geben. Und wir müssen dazu Vertrauen aufgebaut haben, weshalb wir so viel Wert darauf legen, unsere Seminare zu „entschulen“. Es wird viel gelacht, aber es spiegeln sich auch, notwendigerweise, Aggressionen. Übertragungen und Gegenübertragungen lassen sich erleben. Höchst intensiv. So waren wir denn am Sonnabend abend, als wir uns >>>> mit dem Herrn Ögyr trafen, so ausgelaugt, daß das Beisammensitzen kürzer war, als es unter anderen Umständen gewesen wäre. Und aber jetzt ist Argo da. Noch fange ich mit dem Traumschiff nicht an. Schon aber wieder drängt die Zeit. Und draußen hat der Herbst die Herrschaft übernommen: Bedeckten Himmels nieselt es. Die kurze Bluejeans, die ich so gerne morgens trug, die kommt nun in die Wäsche. Telefonate stehen an und das, wovon ich oben schrieb.
Abschied nehmen. Von Argo. Eine Email >>>> Herrn Ögyrs, soeben eingegangen:Ein bisschen melancholisch, rückschauend, aber mit Recht stolz. „Fingerkuppenseligkeit“ nannte Arno Schmidt mal dieses Gefühl des Blättens in einem Buch, zumal im eigenen.So ist es wohl. Und eigentlich sind Jarretts Improvisationen auf der Orgel >>>> Inventionen. Gibt es so etwas auch in der Dichtung? Ich weiß es nicht. Doch es ließe sich versuchen: poetisch invenieren.

Ich habe Kohlen bestellt. Am Mittwoch werden sie geliefert werden. Winterschutz. Sich vor der Kälte schützen.

15.21 Uhr:
[Naßgeregnet zurück.]
Auch dies ist also nun „heim“geholt: das Europaprojekt für das Goethe-Institut, wenn auch erst einmal „nur“ für den littauischen Goethe: Konzeptentwicklung, sehr reizvoll, zugleich eine präzise Arbeit, wie das Gespräch mit der Pressedame klar insistierte. Es ist nicht unbedingt angenehm, aber enorm hilfreich, wenn schwierige Fragen, problematisierende Fragen schon ganz zu Anfang gestellt werden, und zwar bohrend: Das verpflichtet auf Genauigkeit. Wie groß das Projekt schließlich werden, also wie umfassend es ausgestattet sein wird, wird sich erst zeigen, wenn das Konzept – eine Art detailliertes Exposé – vorliegt und die Gremien durchwandert, der es annehmen oder verwerfen können. Klar ist allerdings, d a ß es umgesetzt werden wird. Meine Arbeit wird so oder so nicht sinnlos sein.
Fein. Wir gingen noch ins Café. Und wieder diese Erleichterung, als ich meinen eCigarillo hervorholte, nicht länger für einen Underdog zu gelten. Ich merke erst jetzt, in welchem Ausmaß ich mich immer gemaßregelt fühlte und wie viel mir das, wider Augenschein, tatsächlich ausgemacht hat. Lauter kleine Verletzungen, die mit einem Mal wegfallen.
Wir verplauderten uns. Blick auf die Uhr: meine Güte, in zehn Minuten muß ich im Studio sein! Der großer Vorteil eines Fahrrads – auch wenn ich das kleine Stück teils einhändig fahren mußte, weil mir sonst die Böen den Hut vom Kopf gerissen hätten. Hier regnet’s und regnet’s und stürmt’s. „Ach je“, sagt die Tontechnikerin, als ich ins Studio drei geeilt komm, „sechs Minuten… da haben wir noch so viel Zeit!“ Sie kennt mich. Vierfünf Schnitte, und alles ist im Kasten, sprich: in der Datei. Ab damit zum rbb. Und noch Zeit, für >>>> Ögyr ein kleines Stück aus Argo einzusprechen: >>>> Kieler Literaturtelefon mit einer, sozusagen, Dependance bei Youtube.
Jetzt aber erst mal Administration.

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