Unterm Pflaster glimmt das Feuer (16): Der erste und der zweite Produktionstag. Montag, der 14., und Dienstag, der 15. Oktober 2013.


Zenke, gestern, kam gegen halb zehn, da hatte ich bereits seit halb neun an der ersten Rohmontage gesessen, die fertiggestellt sein wird, wenn die grobe Anlage steht – nicht g a n z grob, aber in die zweite Rohmantage werden dann noch „Klangfarben“, so nenn ich sie, eingefügt werden: hier mal ein Moped, da ein Kinderlachen, dort ein Böller, Mövenschreie, Hundebellen, schimpfende Mamas usw. So etwas ist für den akustischen Raum ungemein wichtig. Erst danach – ich denke, ab dem Donnerstag morgen – wird es an die Feinschnitte gehen, vor allem an die Blenden und vor „allerem“ noch an die Balance der Sprecher:innen-Dynamiken. Manchmal sind jetzt die Einsätze noch zu hart, manchmal ist die Lautstärke so leise, daß man nicht genau versteht, was gesagt wird, besonders bei den Wortenden. Das ist viel Kniffelei, sie dann so anzuheben, daß es nicht künstlich wirkt, zugleich aber der unterliegende Ton, der unterliegende Klangraum nicht zur Folie degradiert wird, auf die man halt draufspricht. Sondern der Gesamteindruck muß von vollendeter Organik sein: ein Gewebe, ein Körper. Das ist das allerwichtigste, vor allem bei den Städteportraits, daß da nicht irgend etwas aus der Immanenz des Klanges herausfällt oder gar pädagogisch wird, lehrhaft, anstelle, daß man seinen Gegenstand wie einen geliebten Leib mit dem seinen vereinigt. Es im Ohr durch Nähe ehrt. „Immer Erde in der Hand haben – Poetologie des Reisenden“ ist einer der Kernsätze in dem Neapelstück
Ich ließ ihn, Zenke, hören, was bislang schon stand. Er warf meinen Anfang um, mit einer blendenden Idee, auf die ich dann heute, am folgenden Tag, sehr früh morgens noch eine weitere draufsetzte, die jetzt zum strukturierenden Moment des ganzen Stückes geworden ist: ein Gestus, quasi, mit dem ich mir bei – zum jetzigen Stand – 35′ 36“ ein wundervolles Spiel erlaube, das allerdings nur Musiker verstehen werden: sofort verstehen, heißt das – nämlich die Zerlegung des >>>> Neapolitaners, welches ein erstmals in Neapel komponierter Sextakkord ist. Er stand lange für den Ausdruck von Trauer und Schmerz. Das wiederum bindet sich in dem Hörstück vor allem an die Erzählungen >>>> Roberto Savianos, die ich zwar nur kurz, aber in ziemlicher Schärfe zitiere. Dazu paßt Carissimi fast unheimlich, dessen >>>> Jephte-Auszüge im Stück immer wieder in den Neapolitaner münden. Auf diese Weise ergibt sich über das gesamte Lärmen, das Neapel eben auch ist, immer wieder eine Geschlossenheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Offenheit bei dennoch formal strenger Bindung.

Von Anfang an haben wir so zusammengearbeitet; Zenke schaut überhaupt nicht auf meine Technik, sitzt auch nicht mit am Schreibtisch, sondern am großen Mitteltisch, das Typoskript auf dem Schoß, bisweilen eine Pfeife stopfend und rauchend, etwas Tee trinkend, zuhörend, vor allem auf den Klang reagierend. Immer wieder, ist eine Sentenz abgeschlossen, hören wir das Stück dann durch, korrigieren Übergänge, kürzen Einsätze, auch mal ein bißchen Text. Und ich spüre, wie er meine Nähe zu meinen – ja, onoch hnoch nnoch e Anführungszeichen – Sprecher:inne:n spürt, namentlich zu Kavita Chohans selten schöner Sprechkultur, auch zu ihrem Timbre, und die Nähe meiner Sprecher:inne:n zu meiner Auffassung von Sprache als Klangmedium. Mich interessiert ja der funktionale Anteil von Sprache, der der Begriffe, sehr viel weniger als das, was Benjamin den Namen nannte. Interessanterweise fragte mich Zenke gestern nach dem Mittagessen, ob ich katholisch sei. Heute antwortete ich mit meinem Leistungsbegriff: „So viel zum Protestantismus“, sagte ich. Wovon – kapitalistische Arbeits„moral“ – ja einiges in mir ist, witzigerweise als Muttererbe. Mein Vater wäre ganz gut als – aber leider nicht dabei fröhlich – sündigender Mönch durchgegangen.

Wir arbeiteten gemeinsam bis etwa 19 Uhr, dann brach Zenke auf, und ich machte bis gegen 21.30 Uhr weiter, war aber zu erschöpft, um da noch in Die Dschungel zu schreiben. Und, weil verschlafen, fing ich heute morgen erst wieder um halb neun an; eine Stunde später kam Zenke, wir hörten noch einmal das bisherige Ergebnis ab, verbesserten hier, verbesserten da. Und sind jetzt bereits bei Minute 36 angekommen, so daß nun schon mehr als zwei Drittel des 49’40“ währenden Stückes stehen. „Gut im Zeitplan“, sagte Zenke, als er ging; er sei erstaunt. Ich selber bin es nicht, aber verkniff mir, mit meinem alten Verkaufsleiter, aus Börsenzeiten, M***** zu antworten: „Na normal!“ Doch zufrieden bin ich und bei einigen Stellen sogar – glücklich:


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