Krater wollen heilen. PP57, 30. November 2013: Sonnabend. Interime Rückzüge. Darinnen Traumschiff Nr. 6.

(Vivaldi, Cellokonzert RV 399.)
Es ist auch ein Rückzug, Vivaldi zu hören. Selbstverständlich. Wenigstens Ausruhen auf einem Zwischenplateau, weil da grad mal der Wind nicht um die Felsecken pfeift. Professionelle Bergsteiger, wenn sie im Seil hängen, können sogar darin schlafen, und wenn sie kacken müssen, was bleibt Ihnen da? Richtig. Auch das ist Leben. Wir bestehen zu zwei Dritteln aus Gerüchen: daß wir aus Wasser bestünden, ist imgrunde ein Euphemismus, der sich um die Wahrheit drückt. Vivaldi drückt sich um die Wahrheit. Aber er ist schön anzuhören. Er ist, sagen wir’s doch ungeschminkt, Entertainment. Vielleicht nehme ich seine geistlichen Musiken aus. Aber das liegt an der Geistlichkeit selbst, am Religiösen, dessen Klagen negativ von Wahrheit sprechen und positiv von Utopie, wenn auch oft genug einer, die nicht annehmen will, das heißt, nicht nur tröstet, sondern vertröstet. Deshalb sieht sie am Sexuellen nicht nur meistens vorbei oder erachtet es für gering, sondern leugnet es.
Wieso komme ich darauf? – Der Zahn ist nun raus. Gestern. Vom Zahnarzt, mit dem ich gerne scherze, zur Kieferchirurgin, bei der das Scherzen nicht mehr ganz so leicht fiel; natürlich habe ich trotzdem gescherzt. Ich bin nicht aus Zucker. Aber einmal schrie ich doch. War schon ein bißchen peinlich. Ich entschuldigte mich. Es hatte in der Tiefe halt nachgespritzt werden müssen. Immerhin kriegte sie, die Ärztin, das Ding in zwei Teilen heraus. Das Unangenehmste war, daß ich abgedeckt wurde, breites OP-Tuch über den gesamten Kopf und einen Teil der Brust; rund lag nur der OP-Bereich frei, nasenabwärts bis zum Kinn. Ich mag das g a r nicht. Will immer sehen: So antireligiös bin ich in Wahrheit.
„Wo ist er?“ fragte ich, als ich mich erhob, aber erst meinen Kreislauf wieder in Balance bringen mußte, der sich ein bißchen drehte; man könnte von einer Unwucht sprechen, die ich hatte. Diskret hatte die Helferin die Zahnhälften bereits in ein Tuch gewickelt. „Ich will ihn sehen.“
Wie zwei blutige Fetzchen lag er zwischen den Bestecken. Er eignete sich nicht einmal mehr für eine Trophäe. War aber doch in mir gewachsen. War einmal n i c h t tot gewesen. Ich habe das Bild deutlich vor Augen.
„Bitte wenigstens drei Tage lang nicht rauchen, keinen Alkohol, keinen Sport.“
„Das meinen Sie nicht ernst. Das werd ich ignorieren.“ War dann aber doch einsichtig gestern und befüllte meinen eCigarillo nur mit nikotinfreier Lösung. Man dampft dann trotzdem vor sich hin, ohne die Heilung gleich zu beeinträchtigen. Sah ich ein. Ich nehme sogar die Antibiotika, die mir verschrieben; auch das eine Einsicht: Sie d u r c hnehmen, um spätere Resistenzen zu vermeiden. Ich bin unzuverlässig, was Medikationen anbelangt; die Schmerzmittel hab ich bis jetzt verweigert. Ist auch alles halb so schlimm. Man kann Schmerzen akzeptieren, ja sie sogar zur Intensivierung der Wahrnehmung nutzen. Das hab ich in Neapel gelernt und diese Lehre nicht vergessen. Ausgerechnet Zahnschmerz! sagen die Freunde. Ausgerechnet Zahnschmerz, ja. Weil er einen ansonsten nicht beeinträchtigt. Man kann seine vierzehn Kilometer laufen, kann schwimmen, kann Krafttraining machen. Bei Rückenschmerzen oder einem gebrochenen Bein ginge das nicht. Jetzt lasse ich diese Erfahrung in das Traumschiff einfließen. Gregor Lanmeisters Schmerzen werden ihn sensibilisieren; es dauert ein bißchen, bis er das begreift, aber er begreift es.
Außerdem habe ich mal wieder Glück: keine, wie angekündigt, Schwellung. Kein Unwohlsein, keine Abgeschlagenheit oder Müdigkeit. Abgeschüttelt. Nur drinnen, im Mund, klafft jetzt ein Krater. Zu kauen ist momentan ein bißchen kompliziert, was eine gewisse Komik hat, die ich auch auskoste. Hin und wieder muß ich kichern. Und mit Eisenhauer, gestern abend beim Billiard, trank ich dann doch einen vorzüglichen Rum. Immerhin hatte ich den Abgabetermin, der dräute, wirklich eingehalten, war bereits spätnachmittags auf der Post gewesen, hatte den Umschlag frankierte und für den Poststempel am Schalter abgegeben. Nun ist auch dieses also auf dem Weg und kann vergessen werden – sollte vergessen werden. Wenn’s dann später klappt, um so besser. Wenn nicht, nun ja, man hat ja doch nicht dran geglaubt. Hatte es, ecco!, vergessen. Wenn die Entscheidung vorliegt, werde ich auf See sein.
Für Neapel, für den geplanten Bildband, bekomme ich eine gute Kamera. Sogar ein Tablet steht in Aussicht. Und nachdem jetzt abgegeben ist, zur Fristwahrung, kann ich mich um den nächsten Gedichtband kümmern. Der Anfang jedes neuen Unternehmens ist mit dem Ende des vorherigen verzahnt. So war es immer, so scheint es zu bleiben. „Schreibblockaden“ – was soll das sein? – habe ich nie gekannt, war und bin immer voller Einfälle und Visionen; das probateste Mittel gegen Burnouts ist und bleibt die Anstrengung. Man kommt erst gar nicht auf die Idee, ausgebrannt zu sein. „Schone dich bitte“, sagt Eisenhauer. Genau das darf man n i c h t: sich schonen. Auch wenn die Krater heilen wollen. Ein bißchen Vivaldi aber, den darf man ihnen geben.
Nichts ist mir fremder als Urlaub.
Wir müssen zu verstehen lernen, zu fühlen lernen, daß unsre Seele Körper ist, unser Körper, unser konkreter Leib. Über ihn hinaus gibt es sie nicht. Das empfand ich, als ich die beiden blutigen Zahnspreißel sah, die Spreißelchen aus Seele. Früher hätte ich sie mitgenommen; jetzt dachte ich: nimmst du sie mit, schreibst du ihre Verdinglichung fest (entziehst sie dem Kreislauf, erlaubst ihnen nicht, zu zerfallen und wieder in das einzugehen, woraus sie stammen: Seele muß zurückkehren können: so religiös bin ich in Wahrheit – auch das ist alles Traumschiff).
Habe lange nach einem anderen Namen für das Schiff gesucht, nachdem die Löwin monierte, wenn ich es offen „Astor“ nennte, dächte jeder erste Leser gleich an die Fernsehserie, was aus dem Text die Freiheit nähme. Das sah ich ein. Und ging in der Arbeitswohnung auf und ab, ab und auf, probierte Namen durch, suchte im Netz, nichts gefiel mir. Dann bildete ich einen Kunstnamen, auf deutsch, und übersetzte ihn in verschiedene Sprachen. Im Norwegischen stimmte es schließlich: Sjøenglød, Meeresglühen. Kann dennoch sein, daß ich ihn später noch ändern werde. Ich verlasse mich auf die wirkliche Fahrt; alles, was ich jetzt, auf dem im Wortsinn Trockenen, formuliere, ist und bleibt provisorisch.

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Umbrüche. Auch der Kachelofen muß gezogen werden. Der Arbeitswohnung wird der Kachelofen gezogen. Irreparabel. „Da haben Sie aber Glück gehabt, daß nichts Schlimmeres passiert ist.“ Die Mörtelteile sausten durch das Zimmer, sogar den kleinen steinernen Findling, der auf dem Ofen lag, hat es hinuntergeschleudert. Das Ding kann Leute töten. Aber, außer dem Tonfalken, alles blieb unversehrt, sogar die edle Box, die direkt neben dem Ofen stand (noch steht).
Also in etwa anderthalb Wochen: Ofenabriß. Ein neuer wird gesetzt werden. Kein Kachelofen aber mehr. >>>> Trennungen, dachte Deidameia.
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In der Waldorschule meines Sohnes heute Weihnachtsbazar mit großem Musikprogramm in der Aula. Ob ich bitte für den erkrankten Moderator einspringen würde. Ich habe zugesagt. So daß dieser Sonnabend heute für meine Arbeit ausfällt. Um elf hol ich den Junior ab, dann radeln wir hinunter, um zu helfen. Ab eins das Programm. Erst abends werden wir zurückkommen. Aber ich freu mich drauf.

(7.19 Uhr.
Vivaldi, Cellokonzert RV 401.)

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(Ich habe ein paar Mails erhalten, worin ich gebeten werde, Die Dschungel nicht einzustellen. In gleichem Sinn >>>> haben auch Kommentator:inn:en geschrieben. Ich verstehe die Argumente, und ich achte sie. Da ich nun schon begonnen habe, >>>> Auszüge aus den Traumschiff-Skizzen einzustellen, spricht einiges dafür, Die Dschungel weiterzuführen. Dennoch habe ich das Gefühl, daß sie sich ändern muß. Ein Danke an meine Leser:innen ist aber dennoch fällig, an die auch, die gemeinhin schweigen. Es braucht ein Temperament, das nicht wir selbst bestimmen, um sich ins Feuer zu begeben. Das vergeß ich immer wieder. Verzeihen Sie.)
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2 Kommentare zu Krater wollen heilen. PP57, 30. November 2013: Sonnabend. Interime Rückzüge. Darinnen Traumschiff Nr. 6.

  1. mara sagt:

    Ja, auch ich bin stiller Mitleser.
    Ja, bitte weitermachen.
    Selten so viel Niveau im Netz, so viel pralles Leben, unterfüttert mit Reflexion, die manchmal meine Zustimmung findet, manchmal Ablehnung. Aber nie als Person, nur die Gedankengänge sind manchmal anders als meine.
    Danke für jahrelanges Teilhabenlassen. Und Hoffnung auf weitere tägliche Fütterung mit Wesentlichem zum Leben.
    Alles Gute für den heutigen Sonntag und überhaupt.

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