Zu Schwarzweiß abermals. Abermals zu Ulrich Becher. Das Arbeitsjournal des Freitags, den 20. April 2018. Darinnen er, der Dichter, erzählt, was er gar nimmer möchte.

[Arbeitswohnung, 10.22 Uhr
Jarrett, Bremen 1973]

Höre mich gerade durch meine sämtlichen Jarrettaufnahmen am Stück durch, allerdings nicht chronologisch, sondern so durcheinander durch die Zeiten springend, wie sich die CDs halt greifen – ja, diese, nicht die auf der Musik-FP gespeicherten Files.
Schon gestern fing ich damit an; es wird noch einige Zeit währen.

Um etwas nach fünf hoch, mich gleich an der Contessa Familienroman gesetzt – SCHOCK. Alles weg, was ich gestern geschrieben hatte. Es war einiges. Alles, alles weg. War auch nicht mehr zu rekonstruieren.
Dennoch reagierte ich gleichmütig. Th. Mann, Ein Eisenbahnunglück. Halt noch mal – wozu ich dann aber nicht kam, weil das Umschlagmotiv für Das Ungeheuer Muse endlich, endlich gefunden werden muß. Zweieinhalb Stunden lang herumgesucht. Imgrunde bin ich ratlos. – Ein paar Motive fand ich zwar, die mir gefallen, aber wirklich nahe ist mir keines, aus immer anderen Gründen. Mal ist das Bild malerisch gut, aber das Modell geht nicht an mich, berührt mich nicht; mal ist das Modell mir nahe, dann gefällt mir wieder die Komposition, bzw. die Anmutung nicht. Einiges zeigt, was ich meine, imaginiere, fühle, aber die Ausführung ist Kitsch. Und so weiter. Nervig.

Kurz zum Arzt, immer noch die alte leidige Geschichte. Ebenfalls nervig.
Er geguckt, jaja gesagt, etwas mit mir geschimpft, weil ich, wenn mir etwas nicht schnell genug vorangeht, zur Eigentherapie neige und dabei unnötige Kollateralschäden bewirke, dann Termin zur Mini-OP für den kommenden Mittwochmittag angesetzt. Danach sollte ich Ruhe haben. Außerdem sollte der nunmehr schon routinierte Sport das Immunsystem genügend anheizen.
Der Triumph ist mir immerhin: Von den acht Kilos, die ich loswerden wollte, sechs schon geschafft. Wenn zuhause, dann bleibe ich auch in Sachen Alkohol strikt, desgleichen mit dem wenigen und quasi kohlehydratlosen Essen. Schon erstaunlich: Abends ein Teller Haferflocken mit Nüssen, und ich bin satt, und zwar auf Dauer. Allenfalls noch etwas guten Käse zum Gemüsesaft danach. Meine „Schokoladeanfälle“ rundum verschwunden, bin nicht mal mehr entfernt versucht.

Und der Becher trägt mich:

Wir sind nicht für die Wahrheit geschaffen. Sie darf uns nichts angehen. Was uns angeht, ist die optische Täuschung.
Gaudenz de Colana, 221/222

Dann Nachricht vom Internationalen Literaturfestival Berlin. Schon auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse hatte mich der Gründer und Leiter, Ulrich Schreiber, angesprochen. Er wolle gerne mein Werk mit in den Mittelpunkt stellen; jetzt sieht es so aus, als würde es einen ganzen ANH-Sonntag geben, in bisher drei „Abteilungen“: die Meeresbücher bei mare, den Andersweltkomplex bei Elfenbein, die Gedichte bei Arco. Ich habe heute früh noch einen vierten Stadtteil angesprochen – Die Dschungel, in der Sie, Freundin, momentan lesen.
Jeweils mit ausgesuchten Gesprächspartner:inne:n.
Von der Idee-selbst wußte ich also schon länger, wollte nur nichts sagen, um zu vermeiden, daß wieder mal wer intrigiert, um sie aus der Welt zu bringen. Deswegen hier auch noch nicht mehr, wenngleich Weitweitres, Überraschenderes, „angedacht“ ist. – Kurz schrieb mir Schreiber vorhin aus New York.
Sowie die Termine festgeklopft sein werden, nenne ich sie Ihnen.

Aber nochmal zu Becher – weil es auch etwas gab, das ich n i c h t von ihm mochte, was ich dann wiederum in den Zusammenhang mit der nun wirklich zähen Suche nach einem Umschlagmotiv für Das Ungeheuer Muse stellte – schrieb ich gestern Lektorin und Verleger:

Habe vorgestern und gestern bereits ein Drittel von Bechers „Mumeljagd“ gelesen – die Zugfahrten nach Frankfurt und Berlin zurück ließen es zu. Jetzt bin ich restlos überzeugt, auch benommen, daß ich über Becher einen Essay schreiben sollte (…). (Er) scheint mir einer der g a n z großen Stimmen der deutschsprachigen Literatur gewesen zu sein … was heißt „scheint“? ich habe keinen Zweifel – und zwar, obwohl das Buch – etwa de Colana betreffend – von irrer Kraft ist, insbesondere aber die Charaterisierungen der Figu… nein, Menschen. Wie konnte so etwas jahrzehntelang an mir vorübergehen?
Abgebrochen allerdings habe ich den Franz Patenkindt, und zwar aus ganz ähnlichem, vielleicht sogar selbem Grund, der mir bei Schwarzweißumschlägen solch eine Galle macht. Der Patenkindt ist wie ein geschriebener George Grosz, den ich eben auch nicht mag. Ich bin nicht mehr jung genug, um die Darstellung alleine der K a n a i l l e Mensch goutieren zu können, noch zu wollen. Groszens Bilder haben ihre politische Berechtigung gehabt, keine Frage, aber sie sind nichts, was mich irgendwie erheben, mir irgendwie glückvolle Momente schenken könnte oder auch nur die melancholische Süße liebevoller Nachsicht. Wenn das Ende eines Lebens absehbar wird, möchte man keine Zeit mehr mit etwas vertun, das sich doch nicht ändern läßt; die jugendliche Hoffnung, es ließe sich ändern, findet im Unmöglichen nicht mehr die Kraft. Auch Benns „Rechtsanwalt mit rotem Nierenschwund“ goutiere ich nicht mehr – so wenig, wie irgendetwas anderes, das n u r-anklagt und gar kein Licht kennt. Ich möchte kein Buch mehr lesen, keinen Film mehr sehen, kein Bild mehr betrachten, in dem nicht Licht ist. Adornos „Hoffnung in der Negation“ ist mir schal geworden. Lieber dann a bisserl Kitsch – „a bisserl“, wohlgemerkt, weil er ein zwar, aber doch heller, wie der große Bloch schrieb, Schattenwurf der Utopie ist, industriell zugerichtet, das stimmt — aber was alle hauchten, die erstmals verliebt, ihr Herzklopfen nämlich, ist in dem Schatten dennoch bewahrt.
Bechers anderen Bücher, ich kenne ja nun einige, enthalten dieses Herzklopfen alle – und sei es nur, wie in vielen seiner Szenen, bei einer wie flüchtigen auch immer Umarmung zweier, die sich wollen in diesem Moment, oder sei es in den – ecco! – Lichtreflexen auf einem Frauenhaar, sei es selbst im Stolz des greis gewordenen Lipizzanerpferdes, das seinen Reiter nicht mehr erkennt, aber sein Altersbrot auf freier Koppel grast, oder sei es in des versoffenen Advokaten La Colana großartiger Sturköpfigkeit, in der er noch einmal, bevor er verunglückt, zum tollkühnen Kampfflieger wird, wenn auch nur im Auto. Welch ein Mann! Und Xena, welche Frau! Überhaupt die Frauen bei Becher! Um an meine erste Begegnung mit „dem“ Lulubé zu denken, dieser Schweizer Fee … um an die Schöne, die Slocum auch so nennt, aus „Die Frau und der Tod“ zu denken:

„… denn im Augenblick da sein Mund ihren gefangen hatte, begann ihre Zunge(,) seine hastig zu umkosen, und er spürte, wie glatt und lieblich und heiß und lebendig sie war, wie sehr lebendig.“ – Alleine diese Nachstellung! – „Ein ferner Rumgeschmack saugte sich dabei in seinem Gaumen fest und ließ seinen Tiefenrausch an die Oberfläche quirlen. Heiliger Moses, heiliger gehörnter Mann, mit dem Gott sprach verkleidet als brennender Busch, Brennender-Busch-Moses, Waldbrand-Moses! Dann blinzelte er im Kuß auf, um zu kontrollieren, ob sie noch immer so tadellos schön sei“ – dieses „sei!“ -, „und es stimmte, auch aus Millimeternähe stimmte es, und er fürchtete ihre Schönheit nicht mehr“

— das, d a s ist es wert, erzählt zu werden, uns und ihm und ihr, ja, ihr auch selbst. Und das, fast alleine das, ist es, was mich selbst zum Erzählen bringt, was mich jetzt auch überzeugt hat, endlich den Béart-Zyklus fortzuschreiben, den ich unterdessen fast schon als etwas ansehe, das mein Vermächtnis werden könnte, der ich ja doch, rückblickend, irgendwie dauernd Abschied nehme und das k l a g los tun will, und für die Erfüllungen dankbar, die mir geworden sind. Also bitte, bitte kein Schwarzweiß. Licht bitte!, Farbe!! (am besten ein helles, sehr sehr helles Gelb: Sonne, vielleicht auch türkises Meergrün).

 

In diesem Sinn verbleibe ich für heute

Ihr wie immer ANH
[Jarrett, Tokio 2002]

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