Epifania. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 6. Januar 2019.

[Arbeitswohnung, 10.12 Uhr
Pergolesi, 1. Concertino G-Dur]
Die Schallplatte stand mit andrem Vinyl im Hofeingang zum Mitnehmen, Händel dabei, Guldas Einspielung der Diabelli-Variationen, Konzerte Vivaldis, durchweg Aufnahmen aus der DDR in, wie ich mittlerweile gehört habe, vorzüglichen Pressungen. Die Hörerlebnisse waren, derweil ich Korrekturen übertrug, eine Freude und sind es nun, derweil ich dieses Arbeitsjournal schreibe, noch immer.
Drei Tage hart durchgearbeitet, 600 Seiten provisorischer Fahnen korrekturgelesen und tatsächlich noch einiges geändert; auch Elvira M. Gross ließ aus Wien wissen, daß sie ihrerseits noch Korrekturen besprechen möchte, was wir per Facetime tun wollen; sie las in der doc. Dazu ist es freilich gut, daß ihr die meinen schon vorliegen, die ich von vorgestern bis gestern abend aus den Papierkorrekturen der Fahnen in die doc übertrug, die ich ihr dann abends um 20 Uhr schicken konnte.

In der Tat war’s eine Tour de force; wenn ich hiermit fertig bin, werd ich mich erstmal ausgebiger Körperpflege widmen, mich bewußt kleiden (raus aus den Arbeitsklamotten, sie können insgesam in die Wäsche), im übrigen auch mal an die frische Luft gehen und nachdenken. Provisorisch habe ich noch „zwischendurch“ das neue iPhone eingerichtet, auf Empfehlung meines Sohnes das 8er. Ich bekam’s wegen der anstehenden Vertragsverlängerung. Nur war keine passende SIMcard dabei. Also herumtelefoniert, den T-mobile-Chat genutzt, an einen recht unhöflichen „Berater“ geraten, der wahrscheinlich keinen Bock auf Sonnabendabendarbeit hatte und mir auch nicht weiterhelfen konnte, aber der Grund nicht nannte, den ich erst vorhin über die Serviceleitung 2202 erfuhr: Das System wird „drüben“ gewartet, so daß Bestellungen usw. nicht aufgenommen werden können. Also habe ich die SIM aus dem iPad gezogen und es damit probiert. Hat erstmal geklappt. Bloß sind nun ein paar mir wichtige Whatsapp-Nachrichen verloren gegangen, von gestern nacht, etwas, über das ich mich sehr gefreut hatte. Erhalten blieben nur die Bilder.
Na gut, jetzt hat der nächtliche Chat ein bißchen was von einem guten Traum, dessen Realität mir immerhin die Fotografien eines Kaminfeuers bezeugen. Ich weiß zumal um die Wahrheit des „Don’t ever touch a running system“; dafür ging der iPhone-Wechsel insgesamt problemlos vor sich,

Habe große Lust, ans nächste Béartgedicht zu gehen; es wäre über die Verwandlung von Drüsen in Ideen, imaginative Erhöhungen zu schreiben, so, wie ich glühende Erhöhungen immer neben die „objektive“, in diesem Fall biologische Realität stelle, immer versuche, Erkennisse auszubalanzieren. Diese Bewegung wird auch in den Erzählungen, schaut man insgesamt auf sie, sehr deutlich. Es geht nicht um Eskapismus, sondern darum, die nüchterne Existenz inklusive ihrer Verzweiflungen zu sehen und ihr dennoch die Erhöhung in ein Anderes zu verleihen. Genau so schreitet am Faubourg St. Denis die hohe, in ihrem Tschador vollkommen verhüllte Frau dahin und entzündet die begehrende Fantasie des Dichters, ohne daß er aber die schlimmen Umstände verschweigt, in denen sie möglicherweise lebt:

Küche, zwei Zimmer, ein sehr kleines Bad,
dessen Tpilette dauernd verstopft,
bei Schwager und Schwestern, sechs Kindern und
gläubigem Mann im Hinterhaus Rue Perdonnet

Und eben dennoch

eine zypressene Fata Morgana,
dem Wind gleich, den wir erahnen,
da der Faubourg sich duckt in der Hitze
und senkt das Gesicht, weil uns dein Blicken,
falls es uns träfe, versengte

Die Gleichzeitigkeit und das menschliche Recht der sehsuchtsvollen Imaginationen zu wahren, die ihrerseits uns ausmachen und eben auch formen, ist seit langem mein poetisches Credo. Es wird stärker, je älter ich werde. Eben nicht pragmatisch und letztlich bitter zu werden. Unpessimistisch bleiben, sich den Lebenswillen, die Bejahung der Jugend zu erhalten, weder abgeklärt noch gar resigniert sein.

Sie merken, Freundin, dieser Jahreswechsel hat mich enorm aufgebaut; ich kann den Prozeß sogar genau datieren. Hier war ein Advent tatsächlich einmal einer. Nicht zu Unrecht können Sie sagen, ich hätte Lanmeister endlich hinter mir gelassen. Ich schrieb Ihnen ja bereits, diesen Roman verfaßt, und gelungen verfaßt zu haben, komme mir bisweilen wie eine Blasphemie vor, wie etwas, das ich noch nicht hätte anrühren dürfen. So gesehen, ist es ein Wunder, daß mir das Buch gelang, aber eines, das teuer bezahlt ward. Mit den Béartgedichten kehre ich zu mir zurück, und sogar der Friedrichroman wird wieder denkbar.
Zuvor ist freilich anderes zu tun, zum einen für die Contessa, zum anderen für die Lebensgeschiche der alten Dame, die mir vorgestern übrigens den Vornamen anbot. Außerdem warten die Briefe nach Triest, die eine poetische Aufgabe ganz besonderer Natur sind, auch eine Unmöglichkeit imgrunde. Vielleicht plane ich wirklich zwei Wochen Triest ein, für den Früh-, spätestens Spätsommer, suche mir dort ein Airbnb und sehe das Bisherige von neuem Raum aus durch.
Und der Sport muß schon deshalb dringend wieder aufgenommen werden, weil nur dann auch mein Geist geschmeidig bleiben kann. – Jetzt aber zu Rasur und Dusche. Und einem hellen Anzug: Aus jubelndem Protest dem novemberwittrigen Januar die Nase und den Stinkefinger zeigen!

Ihr ANH

1) Epifania: Dreifaltigkeitsidee, an sich eine grandiose Spekulation, die wie die Kunst den Satz vom Ausgeschlossenen Dritten unerläuft.
2) Es geht die Idee um, daß sich Parallalie, mein italienischdeutscher Übersetzerfreund, Raymond Prunier, mein Französischübersetzer, dessen eigene Gedichte seinerseits Parallalie grad übersetzt, und ich zu Ostern in Wien treffen, zusammenkommend dort mit Elvira, Cristoforo Arco und wohl auch dem Verleger von Septime. Welch ein Fest das wäre, wenn es klappt! Gewiß werden wir dann in 777 zusammensitzen, vielleicht dort lesen, aus den verschiedenen Übersetzungen, auch dem Joyce, klar. Schulze kam sogar auf die Idee, vielleicht doch den Wagen von Amelia aus zu nehmen, um nämlich eine Damigiana des maurischen Weines mitzubringen, den ich so liebe:

 

Wir werden sehen.

*******

[14.46 Uhr
Beethoven/Gould, Bagatelle op. 126 Nr.6]

Es löst die Nacht ihr schwarzes Haar, das dunkelglänzende, und nimmmt
den Halbmond langsam sich vom Haupt wie einen Kamm aus Elfenbein.
Wie weiße Lämmer rollen nun ins salzge Wogenland die Sterne,
der schwarze Hahn regt seine Schwingen, träumend schon vom Sonnenlicht,
denn bald wird er in nächtiger Stille seinen Morgenschrei entsenden;
auf dichtem Kiefernbaume hockend, in dem Hof der Königsburg,
hebt leis er seine beiden Flügel, löst sich sacht aus dem Gezweig.

Nikos Kazamtzakis, Odyssee, Vierter Gesang (Beginn),
deutsch von Gustav A. Conradi, >>>> dort im Elfenbein Verlag

 

Den werde ich jetzt – zum Wüterich Beethoven – am Stück lesen.

Und Robert HP Platz rief eben an; Uraufführung seines Orchesterstücks Anderswo: Wand in Köln, mit dem WDR Sinfonieorchester; ob ich kommen möge. Bereits der Titel sage ja, daß es etwas mit meiner Trilogie zu tun habe. – Ich konnte nicht zusagen, habe am Sonnabend zwei Termine in Hamburg, die bis in den Abend gehen werden. „Dann kannst du es zumindest online hören, der WDR sendet einen Livestream.“ Immerhin. Wird akustisch meine Rückfahrt erfüllen. Und aber zu den diesjährigen Badenweiler Musiktagen wird Platzens Streichquartett wieder aufgeführt, in dem zwei meiner Scelsi-Variationen vertont sind. Da mag ich dann schon wieder mit dabei sein.

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